Titel: Bell-Stephens, über die Mittel, die Gärbe-Kraft in zusammenziehenden Stoffen zu bestimmen.
Autor: Bell-Stephens, Edward
Fundstelle: 1826, Band 20, Nr. XLVI. (S. 168–181)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj020/ar020046

XLVI. Ueber die Mittel, die Gärbe-Kraft in zusammenziehenden Stoffen zu bestimmen. Von Hrn. Edward Bell-Stephens, chemischen Assistenten bei der königl. Dublin Society.

Aus den Annales of Philosophy. Decbr. 1825. S. 401.

Unter allen von Chemie abhängigen Gewerben, sey es nun, daß man das Verfahren bei denselben erklären, oder verbessern will, bedarf, ungeachtet der Aufmerksamkeit, die wissenschaftlich gebildete Männer demselben schenkten, keines so sehr ihres Beistandes, als die Gärberei.

Ungeachtet der glüklichen Entdekung Seguin's in Hinsicht |169| auf die Verwandtschaft zwischen Gärbestoff und Gallerte, von welcher man sich eine Art analytischer Gewißheit in dieser Kunst versprechen konnte, ist der praktische Gärber doch noch immer nicht im Stande, die Güte irgend einer Lohe vor dem Gebrauche derselben anders, als durch ihre äußeren Kennzeichen, zu schäzen. Sein Urtheil hängt lediglich von der Farbe, von dem Geschmake, und von der gesunden Brüchigkeit ab, welche leztere in vielen Fällen ein wohlgeübtes Auge fordert, um gehörig von jener Brüchigkeit unterschieden werden zu können, die vom anfangenden Moder herrührt. Er, kann wohl, bloß nach dem Auge, gesunde und ungesunde Lohe derselben Art unterscheiden; wenn aber beide frisch und gesund, oder von verschiedener Art sind (z.B. Valonia und Kork-Eichen-Rinde), hilft ihm weder Auge noch Zunge, den Werth der einen oder der anderen zu bestimmen.

Jede Methode, die den Gärber in den Stand sezt, mit Leichtigkeit und Sicherheit den verhältnißmäßigen Werth verschiedener Gärbe-Mittel, deren es immer verschiedene Sorten auf dem Markte gibt, durch Prüfung der Muster vor dem Kaufe zu bestimmen, ist ein Schritt mehr, um sein Gewerb sicher, und seinen Gewinn stätig und regelmäßig zu machen,40) und muß, ohne Zweifel, allgemeine Verbesserung in jedem Zweige seines Gewerbes herbeiführen.

Dieß ist der Zwek des gegenwärtigen Versuches. Da indessen mehrere Chemiker von entschiedenen Talenten und ausgebreiteten Kenntnissen mir auf dieser Bahn vorausgegangen sind, und da bereits ein Mann von hohem Ansehen ein Verfahren zu diesem Zweke vorzeichnete, so ist es vielleicht nicht unschiklich die Umstände anzugeben, welche die Beseitigung dieses so sehr empfohlenen Verfahrens eben so leicht als nothwendig machen.

Im Jahre 1803 hat Sir H. Davy in den Phil. Trans. einen Versuch über vegetabilische zusammenziehende Mittel (On vegetable Astringents), und einen anderen in den Journals of the royal Institution über das Verfahren |170| bei dem Gärben (on the Process of Tanning), bekannt gemacht, welche beide für den praktischen Gärber äußerst wichtig sind, indem sie ihm eine klare und meisterhafte Erklärung der verschiedenen Arten chemischer Wirkung darbiethen, welche bei diesem interessanten Gewerbe Statt haben. Diese schäzbaren Versuche beweisen den glüklichen Tact des talentvollen Verfassers in Anwendung wissenschaftlicher Untersuchungen auf praktische Gegenstände.

In diesem trefflichen Geiste nüzlicher Beleuchtung schlägt Sir H. Davy folgendes Verfahren (S. Journ. Roy. Instit. 1803) vor, die erwünschte mercantile Vergleichung zu erhalten:

„Die zu Versuchen überhaupt am besten geeignete Gallerte-Auflösung wird aus Einer Unze Leim oder Hausenblase in drei Pinten siedenden Wassers verfertigt.“

„Der in Hinsicht auf seine Gärbungs-Kraft zu untersuchende Körper kann in einer Quantität von zwei Unzen angewendet werden, und muß grob gepülvert oder in kleinen Stüken seyn. Ein Quart siedendes Wasser wird hinreichen, die adstringirenden Stoffe desselben aufzulösen.“

„Die Leim- oder Gallerte-Auflösung muß in die Auflösung des Gärbe-Mittels so lang gegossen werden, bis kein Niederschlag mehr entsteht.“

„Die getrübte Flüßigkeit muß man durch ein vorläufig abgewogenes Stük Löschpapier durchlaufen lassen.“

„Nachdem der Niederschlag gesammelt, und das Papier getroknet wurde, wird die Zunahme an Gewicht an dem lezteren bemerkt, und ungefähr zwei Fünftel dieser Gewichts-Zunahme können als die Menge Gärbestoffes, welche in einer Unze des zu untersuchenden Gärbe-Materials enthalten ist, betrachtet werden.“

Wenn sich keine gegründeten Einwürfe gegen dieses dem Anscheine nach einfache Verfahren gefunden hätten, so würde dasselbe der Leder-Manufactur größere Vortheile gewährt haben, als keine frühere wissenschaftliche Untersuchung derselben bisher noch jemahls geleistet hat; allein Sir H. Davy hat mit seiner gewohnten Aufrichtigkeit bemerkt, daß mehrere Schwierigkeiten bei dieser Operation vorkommen (Phil. Trans. 1803), welche, wenn man der Genauigkeit sicher seyn will, besondere Aufmerksamkeit erfordern, und daher in irgend einer anderen Hand, als in jener eines geschikten praktischen Chemikers, dieses Verfahren höchst unsicher machen.

|171|

Nach meiner Erfahrung kann ich versichern, daß die bloße Idee solcher Schwierigkeiten und solcher Genauigkeit bei diesem Verfahren, welche nach dem Ausspruche ihres Empfehlers selbst unerläßlich ist, vollkommen hinreichend war, jedem, der sich zu Dublin mit Gärberei abgibt, von einer solchen Analyse abzuschreken; da aber dieser Gegenstand in der That höchst wichtig ist, und da die gelehrte Welt noch immer zu glauben scheint, daß dieses Verfahren, bei gehöriger Aufmerksamkeit, zu genauen Resultaten führen kann, so ist es vielleicht der Mühe werth, die Quellen des Irrthumes aufzusuchen, welcher, nach meiner Ansicht, dasselbe gänzlich unzuläßig macht.

1) Der Grad der Concentration der Gallerte-Auflösung sowohl, als jener des Gärbestoffes, hat einen entschiedenen Einfluß auf die Menge des gebildeten Niederschlages; die stärksten Auflösungen geben den meisten; so daß ein Muster schlechter Lohe, das nur zum Theile das angewendete Quart Wasser sättigte, nach dieser Ansicht, bei seinem geringen Niederschlage schwächer scheinen muß, als es wirklich ist. Dieß ist eine sehr ernsthafte Ursache von Unzuverläßigkeit; denn es gibt kein Mittel dagegen. Abdampfung, um die Stärke der Aufgüsse auszugleichen, ist hier unzuverläßig, indem durch Sieden, oder selbst nur durch mäßige anhaltende Hize bei Zutritt der Luft, sowohl der Gärbestoff, als der Extractivstoff, sich in Gestalt eines unauflösbaren Körpers niederschlägt.

Neue Zusäze des zu untersuchenden Gärbemittels, um die specifische Schwere der schwächeren Auflösung zu erhöhen, sind auch kein Mittel, den Gärbestoff in beiden mit größerer Sicherheit auszugleichen; denn der in den vegetabilischen zusammenziehenden Körpern enthaltene Pflanzenschleim hat so mächtigen Einfluß auf die specifischen Schweren ihrer Auflösungen, daß die Gleichheit derselben in dieser Hinsicht gar nichts beweiset.

2) Wenn man Muster schlechter Lohe prüft, die schwache Auflösungen geben, wird der Niederschlag nicht gänzlich auf dem Filtrum zurükgehalten, sondern wird, alles wiederholten Filtrirens ungeachtet, zum Theile mit der rückständigen Flüßigkeit durchgeführt, in welcher er lange Zeit über schwebend erhalten wird, und dieselbe trübe und undurchsichtig macht.

3) Die Auflösung der Gallerte muß für jeden Prüfungs-Versuch vorläufig frisch bereitet werden; denn, wenn sie stehen |172| bleibt, bis sie anfängt zu verderben, wird ihre Eigenschaft, den Gärbestoff niederzuschlagen, wesentlich geschwächt.

4) Die Auflösung der Gallerte muß, soviel nur immer vollkommene Flüßigkeit erlaubt, gesättigt seyn; um diese Flüßigkeit zu unterhalten, muß Wärme angewendet und die Auflösung während des Versuches beständig in der Normal-Temperatur erhalten werden.

5) Man muß sehr dafür sorgen, daß nicht zu viel Gallerte in die gemengten Flüßigkeiten kommt; denn, wenn Ueberschuß an Gallerte Statt hätte, wird ein Theil des festen niedergeschlagenen Körpers wieder aufgelöst.

Man könnte alles dieß nur Schwierigkeiten bei der Anwendung nennen, insofern man dadurch genaue Resultate zu erhalten hofft; allein, Sir H. Davy erwähnt einer auffallenden Thatsache, die wirklich als Einwurf gegen die Theorie, gegen das Grundprincip, betrachtet werden kann, insoferne man, auf diese Weise, zwei zusammenziehende Körper, die nicht von derselben Art sind, vergleichen will. Er sagt (Phil. Trans. 1803.): „der Gärbestoff verschiedener Pflanzen verlangt verschiedene Mengen Gallerte zu seiner Sättigung;“ es können also dem Gewichte nach gleiche Niederschläge von Valonia und Sumach ungleiche Mengen Gärbestoff enthalten.“

Seit Erscheinung der obigen beiden Abhandlungen wurde dieser bisher sehr verwikelte Gegenstand durch die originellen Untersuchungen des Dr. Bostok, der, im J. 1809, eine Reihe von Versuchen ganz in entgegengesezter Richtung von jener des Sir H. Davy anstellte, in ein weit klareres Licht gesezt; Dr. Bostok suchte nämlich ein vegetabilisches zusammenziehendes Mittel, welches als verläßiges Bestimmungs-Mittel der Menge Gallerte, die in irgend einer thierischen Flüßigkeit enthalten ist, dienen könnte. Während dieser Versuche fand er so viele neue Quellen von Irrthümern, die sowohl in theoretischer als praktischer Hinsicht bei Anwendung des Gärbestoffes als Prüfungs-Mittels auf die Menge der Gallerte Statt haben, daß er sich gezwungen sah, diese Prüfungs-Methode gänzlich aufzugeben. Da es mir scheint, daß diese Einwürfe sich eben so gut auf Anwendung der Gallerte, als Bestimmungs-Mittels der Menge Gärbestoffes, anwenden lassen, so will ich hier die selben aufzählen, und so die ganze Masse von Beweisen mit einem Mahle vor Augen legen, durch welche wir uns, wider |173| unseren Willen, genöthiget sehen, die ganze Prüfungs-Art des Sir H. Davy aufzugeben.

Dr. Bostok fand, daß Hausenblase und Leim, in dem Zustande, in welchem wir sie gewöhnlich erhalten, Unreinigkeiten enthalten; in der Hausenblase beträgt der unauflösliche Stoff zuweilen 1/20 des Ganzen; ein Umstand, durch welchen es nothwendig wird, die reine Auflösung besonders abzuscheiden, und sie neuerdings durch Verdünstung in einen festen Körper zu verwandeln. Leim ist wegen der Menge Wassers, die er enthält, ein noch weit unzuverläßigerer Artikel; einige Stüke, die 24 Stunden lang bei 150° Fahrenheit getroknet wurden, zeigten 10 1/2 per Cent. Wasser. Ueberdieß ist auch noch geronnener Eiweißstoff und kochsalzsaure Soda in demselben. Und dann ist auch noch Hausenblase und Leim in Hinsicht auf die Kraft in festen Zustand überzugehen, gar sehr von einander verschieden; eine Auflösung der ersteren ist, wenn sie nur 1/25 fester Materie enthält, bei dem Erkalten vollkommen fest; eine Auflösung des lezteren hingegen ist, wenn sie gleichviel Leim enthält, obschon sie sehr klebrig wird, im kalten Zustande doch immer noch flüßig.

Bei seinen Versuchen reinen Gärbestoff zu bekommen, fand Dr. Bostock, daß das Extract der Ratanha denselben reiner, als irgend ein anderer ihm bekannter vegetabilischer zusammenziehender Körper, enthält; er stellte daher mit Ratanha Aufguß und gereinigter Hausenblase seine weiteren Versuche an.

Eine neue Schwierigkeit, die man noch zu den oben angeführten hinzufügen kann, fand er darin, daß alle nach obiger Angabe erhaltenen und filtrirten Gärbestoff-Gallerten so fest auf dem Filtrum ankleben, daß sie nimmermehr von demselben vollkommen abgelöset werden können. Auch das Abwägen des Papieres vor und nach dem Filtriren dient zu nichts; denn die starken Auflösungen durchdringen das Papier so sehr, daß alle Versuche, Genauigkeit zu erreichen, hier vergebens sind.

Das auffallendste Resultat, welches Dr. Bostock erhielt, ist dieses, daß die durch allmählige Vermischung von Gärbestoff und Gallerte erhaltenen Niederschläge in ihrer Zusammensezung beinahe bei jedem Tropfen verschieden sind. Der erste Theil der Gallerte schlägt eine feste geronnene Masse nieder, welche 50 p.C. Gärbestoff enthält; die folgenden Zusäze von Gallerte bilden undurchsichtige Zusammensezungen, die immer |174| weniger und weniger Gärbestoff enthalten, bis endlich die Gallerte so wenig mehr findet, womit sie sich verbinden kann, daß sie nicht mehr im Stande ist, einen wirklich festen Körper zu bilden, und so bleibt die lezte unvollkommen geronnene Masse, die beinahe lauter Gallerte ist, in der Flüßigkeit schwebend.

Diese einzige Thatsache ist hinreichend, das Unstatthafte dieses ganzen Verfahrens zu beweisen; alle darauf gegründeten Berechnungen der Menge Gärbestoffes, die in irgend einer Auflösung enthalten seyn soll, sind unrichtig; denn sie beruhen lediglich auf der Annahme, daß Gärbestoff und Gallerte sich immer nur in Einem Verhältnisse verbinden, während aus Dr. Bostock's Untersuchungen erhellt, daß sie sich in mehreren verschiedenen Verhältnissen unter einander verbinden können. Gallerte verbindet sich chemisch mit gleichem Gewichte Gärbestoff, wenn er in dem Bereiche derselben liegt, und eine kleinere Menge wirkt so stark auf dieselbe, obschon die Vereinigung hier etwas mechanisch seyn mag, daß die wässerige Auflösung verlassen wird, um sich damit verbinden zu können. (Vergl. Nicholson's Journal, 24. Bd. On the Union of Tan and Jelly,“ und On vegetable Adstringents.)“

Ich wünsche von Herzen, für Dr. Bostock's meisterhafte Untersuchungen jene Aufmerksamkeit erregen zu können, die sie so sehr verdienen, und die ihnen auch noch werden wird. Bis jezt scheinen sie noch ganz unbekannt geblieben oder übersehen worden zu seyn, als ob sie nicht Thatsachen enthielten, die mit dem vorliegenden Gegenstande innigst verbunden sind.

In Sir H. Davy's Agricultural Chemistry v. J. 1813 wird das im J. 1803 empfohlene Verfahren mit einer geringen Abänderung wiederholt, und eine Tabelle der in verschiedenen Rinden enthaltenen Menge Gärbestoffes nach dessen Fällung mittelst Gallerte geliefert. Diese Tabelle findet sich in der lezten Ausgabe von Brande's Manual of Chemistry wieder abgedrukt, ohne daß auch nur der mindeste Zweifel über die Gültigkeit des Grundsazes, worauf sie beruht, beigefügt wäre. Auch die lezte Ausgabe von Henry's Elements of Chemistry hat diese Tabelle aufgenommen; es heißt jedoch (Bd. II. S. 358.) Dr. Bostok wurde veranlaßt zu schließen, daß der Niederschlag, welcher durch Verbindung der Gallerte mit dem Gärbestoffe gebildet wird, im Durchschnitte aus etwas weniger als zwei Theilen Gärbestoff und drei Theilen Gallerte |175| besteht.“ Dr. Bostock hat aber in seinem lezten, oben angeführten, Aufsaze uns keine Hoffnung zu irgend einer Angabe gelassen, worauf wir eine Berechnung gründen könnten.

Bei der herculischen Arbeit, mit welcher der Herausgeber eines systematischen Werkes über Chemie sich belastet, ist es eine moralische Unmöglichkeit für ihn, Muße zu finden, um das Gewicht zu prüfen, welches alle die durch Versuche erwiesenen Thatsachen, die sich in Journalen zerstreut finden, auf angenommene Meinungen und Theorien haben müssen. Aehnliche Unterlassungen kommen täglich in solchen Elementar-Werken auch in andern Wissenschaften vor, selbst wenn sie von den fleißigsten und verläßigsten Compilatoren zusammengetragen wurden.

Bei meinem Versuche ein zuverläßiges Verfahren aufzufinden, nach welchem die Gärber ihre Lohe prüfen können, und dieses Prüfungs-Mittel in jenem Geiste der Brauchbarkeit zu vollenden, in welchem Sir H. Davy es zuerst sich dachte, fand ich es für nöthig, einen anderen Weg einzuschlagen, als Proust und Tromsdorff verfolgten, welche sich bemühten, dem Gärbestoffe die verschiedenen anderen Stoffe, mit welchen er natürlich verbunden ist, und die die Wirkung desselben in jedem Falle nothwendig verändern müssen, durch Reagentien zu entziehen. Das Prüfungs-Mittel, welches man anwendet, muß in seiner Wirkung nothwendig demjenigen gleichen, welches in der Lohgrube Statt hat; denn, wenn das Prüfungs-Mittel materiell in seinem Grundprincipe von dem Fabrik-Verfahren, dem es dienen soll, abweicht, so ist alle darauf gegründete Schäzung des Werthes der Gärbemittel sicher fehlerhaft. Der Gewinn eines Gärbers hängt z.B. vorzüglich von der Gewichts-Zunahme ab, welche eine Haut während der Zeit, als sie in Leder umgewandelt wird, gewinnt. Diese Gewichts-Zunahme beträgt bei schweren oder Sohlen-Leder Ein Drittel des trokenen Gewichtes, oder, wie die Gärber in Ireland zu rechnen pflegen, gares Leder ist halb so schwer, als die grüne Haut, wie sie vom Schlachthause herkommt. Der Extractiv-Stoff bildet einen wesentlichen Theil an diesem Gewichte, und folglich wird jedes Prüfungs-Mittel, welches der Fabrikant bloß in der Absicht anwendet, die gärbende Kraft eines Gärbe-Mittels zu bestimmen, und welches bloß auf reinen Gärbestoff wirkt, ihn gänzlich irre führen. Ich bin sehr geneigt, zu glauben, |176| daß alle vorhandene Galläpfelsäure gleichfalls von der Haut verschlungen wird. In der ausgearbeiteten Lohebrühe vermögen Eisen-Auflösungen keine schwarzen Niederschläge mehr hervorzubringen; aber das darin gelegene Leder vermag dieß, vorzüglich in Eichen-Lohe gegärbtes Leder. Der Gärber braucht, mit Einem Worte, als Prüfungs-Mittel etwas, welches, wenn es einem Aufgusse eines Gärbe-Mittels dargeboten wird, denselben auffaßt, und dadurch Alles berechnen läßt, was während des Gärbungs-Processes im Großen, zur Vermehrung des Gewichtes des Leders beiträgt.

Ich kenne nichts, was hierzu besser dienen könnte, als eine Haut selbst, und ich finde, daß, bei einiger Behandlung, diese uns schnellere Auskunft hierüber verschaffen kann, als man bisher für möglich hielt.

Es läßt sich wohl nicht zweifeln, daß eine starke Ochsenhaut Gärbestoff zwei Jahre lang einsaugen wird, wenn das Verfahren darnach eingerichtet ist; wenn wir aber das gewöhnliche Verhältniß der Materialien ändern, wird das Resultat, hinsichtlich auf Zeit, außerordentlich verschieden seyn. Wenn eine frische Haut auf dem Streichbaume zu einem recht dünnen Blatte zugeschaben, oder mittelst einer Maschine in mehrere Blätter gespalten wird, so daß sie eine große Oberfläche darbiethet, und etwas davon in einer verhältnißmäßig kleinen Menge Lohbrühe geweicht wird, so wird dieses eingeweichte Stük in wenigen Stunden allen brauchbaren Gärbestoff eingesogen haben, und der Gärber wird, nach dem Gewichte dieses Stükes vor und nach dem Einweichen, im Stande seyn, die Menge des in der Auflösung enthaltenen und zum Gärben brauchbaren Stoffes genau zu bestimmen.41)

Dieses Prüfungs-Mittel hat jeder Gärber bei Hause; er kann sich darauf verlassen, denn er versteht es vollkommen; und obschon es auch bei diesem Verfahren einige Feinheiten gibt, so liegen sie doch nicht außer dem Bereiche eines Gärbers |177| so daß ich hoffen darf, dasselbe könnte allgemein brauchbar werden.

Ueber die Richtigkeit des Grundsazes, worauf dieses Verfahren beruht, kann wohl kein Zweifel entstehen, indem dasselbe täglich in jeder Gärberei Statt hat; allein, auch dieses bildet noch ein weites Feld für Verbesserung, und es läßt sich in der Anwendung auf eine zwekmäßigere Weise leiten. Da ich es nun einmahl dem Fabrikanten in die Hände gelegt habe, so gestehe ich offen, daß dieser vor jedem Gelehrten das Vorrecht der Bestimmung des Details der Anwendung besizt, und erwarte daher von ihm die Anweisung in Allem, was die Handwerksgriffe bei demselben betrifft.

Da ich indessen bereits mehrere Versuche anstellte, um die geeignete Verfahrungs-Weise aufzufinden, und dadurch selbst einige Erfahrung mir erworben habe, so theile ich dieselbe hier mit Vergnügen mit, und fülle den Rest dieses Aufsazes mit einigen Winken, welche, wie ich hoffe, dem Gärber von einigem Nuzen seyn können, wenn er sich dieses Prüfungs-Mittels mit eigenen Händen bedienen will.

Da der Zwek dieses Verfahrens Vergleichung zweier oder mehrerer Gärbe-Mittel ist, und schnell über den Werth eines jeden derselben entschieden werden soll (während sie nämlich noch zu Markte sind), so müssen von jedem derselben einige Stüke, gleichsam als Repräsentanten der ganzen Partie, ausgelesen werden. Jedes der ausgelesenen Muster wird einzeln in einer kleinen Kaffee- oder Pfeffermühle zu Pulver gemahlen, und durch dasselbe Sieb durchgesiebt, damit alle Verhältnisse dieselben bleiben. Von diesen Mustern nimmt man nun gleiche Gewichte, und bereitet sich aus jedem derselben Aufgüsse, indem man sie nach und nach mit warmen Wasser so lang schüttelt, bis alles Auflösbare ausgezogen worden ist.

Obschon siedendes Wasser diese Operation beschleunigen würde, so hat dasselbe doch immer eine Neigung, die Gäbe-Flüßigkeit späterhin zu zersezen, und veranlaßt dieselbe, einen Theil unauflösbaren Stoffes zu Boden zu sezen, der der Genauigkeit der Resultate nachtheilig werden könnte. Wasser in einer Temperatur von 98° Fahrenh., oder in Blut-Wärme, kann mit aller Sicherheit angewendet werden. Man hat nur Flaschen nöthig, um das Pulver in denselben aufzugießen und zu schütteln, und ein Stük Muslin, um den Aufguß durchzuseihen.

|178|

Man muß sorgfältig alles Pulver, das auf dem Muslin bei dem Durchseihen liegen bleibt, in die Flasche mit der nächsten Portion Wasser, die man wieder aufgießt, zurükthun. Nach und nach aufgegossene Mengen warmen Wassers lösen die auflösbaren Theile in diesen Pulvern weit kräftiger auf, als wenn man alles Wasser auf ein Mahl aufschüttet; ihre Wirksamkeit nimmt in geometrischer Progression zu.

Nachdem man alle von einem Muster erhaltenen Aufgüsse zusammengeschüttet hat, wird die dadurch gewonnene Flüßigkeit meistens schwach genug seyn, um die möglich größte Wirkung von Seite der Haut auf dieselbe zu gestatten, d.h., allen darin enthaltenen Färbestoff zugleich mit dem Gärbestoffe an die Haut abzusezen; ein Vortheil, welchen der Gärber bei starken Rinden-Abkochungen nicht erhalten kann. Wenn er, seinen Erfahrungen zu Folge, glauben sollte, daß irgend einer dieser Aufgüsse zu stark wäre (was z.B. bei Untersuchungen zusammenziehender Extracte, wie Kino, Ratanha, Katechu der Fall seyn könnte), so kann er so viel Wasser zusezen, daß dadurch eine sogenannte „sichere Gärbungs-Stärke“ hervorgeht. Nun müssen bestimmte Mengen dieser Aufgüsse (z.B. ein Sechstel eines jeden derselben) einzeln der Einwirkung der Häute (wie wir unten angeben werden), zur Prüfung ausgesezt werden. Die Häute werden sieben bis acht Stunden lang in diesen Aufgüssen belassen, und sorgfältig in denselben von Zeit zu Zeit umgekehrt, damit sie der Einwirkung dieser Lohbrühe immer neue Oberflächen darbiethen, bis der Gärber sowohl durch das Auge, als durch die Zunge wahrnimmt, daß diese Aufgüsse vollkommen von der Haut erschöpft wurden.

Es gibt beinahe bei allen ähnlichen Arbeiten eine Menge kritischer Erscheinungen, die man nicht beschreiben kann, und über welche unbelebte Prüfungs-Mittel uns keine Anzeige und keinen Aufschluß gewähren können; glüklicher Weise kommen dem erfahrnen Operator hier seine fünf Sinne zu Hülfe, und schenken ihm vollkommene Befriedigung. Dieß ist auch bei dem gegenwärtigen Verfahren der Fall; Uebung gewährt hier hinreichende Entscheidung.

Die als Prüfungs-Mittel anzuwendenden Häute müssen vorläufig in lauem Wasser gehörig gewaschen werden, um allen Kalk, welcher von dem Abhaaren her in denselben zurükgeblieben seyn könnte, zugleich mit aller losgewordenen Gallerte, die |179| aus den Poren derselben ausgedrükt werden kann, zu beseitigen, so daß nichts, als die feste Faser übrig bleibt, welche die Behandlung in schwacher Lohbrühe auf die gewöhnliche Weise wohl verträgt. Nach diesem Waschen müssen sie im Schatten, nicht aber in der Nähe des Feuers, getroknet werden. Man schneidet sie hierauf in kleine Stüke, um die Arbeit in der Lohgrube im Kleinen nachzuahmen, und theilt sie in Partien, die man abwiegt; jede Partie muß Volumen genug darbiethen, um die Brühe wie ein Schwamm von allen Seiten einzusaugen.

Diese trokene Haut ist, wie jeder Gärber weiß, in einem höchst ungeeigneten Zustande Gärbestoff einzusaugen, und Leder zu werden. Sie muß daher, ehe man sie in die Lohbrühe bringt, mit der Hand ungefähr fünf Minuten lang in Wasser, das blutwarm (98° Fahrenh.) ist, bearbeitet, und dadurch weich gemacht werden, so daß sie bis zu ihrem vorigen Umfange anschwillt; in diesem Zustande ist sie dann vollkommen geeignet, ihre einsaugende Kraft in aller Stärke auszuüben. Wenn man der Brühe einen Ueberschuß an solchen Häuten gibt, so wird die Wirkung in wenigen Stunden vollendet seyn.

Wenn irgend einer dieser Aufgüsse erschöpft ist, werden die darin eingetauchten Häute herausgenommen, wie vorher im Schatten getroknet, und die Zunahme an Gewichte, die ihnen geworden ist, wird durch Wägen sorgfältig bestimmt. Da diese Zunahme lediglich von dem hinzugekommenen, in der Gärberei brauchbaren, Stoffe herrühren kann, so wird sie bei jeder Partie dieser Häute den wahren verhältnißmäßigen Werth des Gärbe-Mittels, in welchem dieselbe eingetaucht war, auf directe und verläßige Weise anzeigen.

Je frischer und stärker die Haut, je dünner sie zugeschaben oder gespalten ist, desto besser dient sie zu diesem Zweke. Die großen frischen Hautabfalle von starken Häuten, die zu Kutschen und Geschirren bestimmt sind, kann man leicht in Menge bei den Gärbern erhalten, und sie taugen recht gut zu dieser Probe. Häute von schlecht genährten Schafen und Rindern, die aus den bergigen Gegenden steif (hide bound) zu Markte Hergetrieben werden, so wie auch die von alten Thieren, sind stark und faserig genug, um zu diesem Zweke zu dienen; ich ziehe jedoch, nach meinen Erfahrungen, Ochsenhäute, die mit der Patent-Maschine sehr dünn und eben gespalten sind, allen anderen vor.

|180|

Zu Birmingham ist diese Art von Leder-Bereitung, wie man mir sagte, sehr im Schwunge. Zu Dublin haben wir bloß eine Leder-Spaltmaschine, und diese ist nur zum Spalten der Schaffelle. Die Schaffelle sind aber bei uns, da die Schafzucht auf unserer Insel sehr verbessert wurde, gewöhnlich so voll Fett, daß sie durchaus nicht als Prüfungs-Mittel nach dieser Methode dienen können. Das Fett schüzt diese Felle gegen die Einwirkung des Gärbestoffes, und längs dem Rüken und quer über dem Naken, wo es in größter Menge vorhanden ist, hält es die Verdünstung der Feuchtigkeit während des zweimaligen Troknens auf, und würde folglich zu falschen Resultaten führen.

Kalbfelle, so dünn zugestoßen wie gespaltene Schaffelle, sind zwar hinlänglich frei von Fett; allein, ihre Faser ist zu zart, leidet zu leicht, und wird zum Theile von dem warmen Wasser aufgelöst, oder vielmehr zerstreut, während man die Felle vor dem Eintauchen in den Aufguß des Gärbe-Mittels einweicht und anschwellen läßt. Ich habe gefunden, daß mehrere Partien dieser Häute, ehe sie zum Versuche getroknet und gewogen wurden, so herrlich durchscheinend und scheinbar vollkommen sie in jeder Hinsicht waren, sieben p. Cent an loser Gallerte verloren, während sie in warmen Wasser behandelt wurden. Also sind auch diese Felle zu diesem Versuche unbrauchbar.

Um die Quelle dieses lezt erwähnten Fehlers zu beseitigen, wird es klug seyn, ein Stük Haut aus jeder Partie, die man einweicht, aufzubewahren, um durch Troknen und Wägen, ohne Gärben, zu bestimmen, ob die übrigen zum Versuche ausgelesenen Stüke bei dieser Operation etwas verloren haben. Da ein ähnlicher Verlust bei schweren Häuten nur durch Sorglosigkeit bei den gewöhnlichen Arbeiten, dem Puzen, Waschen etc., entstehen kann; so hat der Gärber es vollkommen in seiner Gewalt, bei gehöriger Aufmerksamkeit seine Probehäute auf die möglich vollkommenste Weise zu bereiten. Vielleicht waren die Kalbfelle, mit welchen ich arbeitete, in den vorausgegangenen Operationen etwas beschädigt worden, und vielleicht wären dieselben, wenn man sie sorgfältig behandelt hätte, stark genug geblieben. Es wird für den Gärber sehr wichtig seyn, diesen Punct mit aller möglichen Genauigkeit zu bestimmen, indem er dadurch Geld und Mühe sich ersparen kann. Wenn Kalbfelle |181| wirklich stark genug sind, alle ihre Substanz von einem Wägen zu dem anderen zu behalten, so werden jene Gärber, die Oberleder verfertigen, desto leichter sich nach ähnlichen Versuchen zu richten wissen. In Ireland macht man, wie ich glaube, soviel Oberleder, als Sohlenleder.

Bei dem Abschaben schwerer Häute ist es für den Gärber ganz gleichgültig, in welcher Form er die Abschnizel erhält; er kann aber auch denselben genau diejenige Form geben, deren er bei diesem Versuche bedarf, ohne zu diesem lezteren eine ganze Haut zu opfern.

Es ist wohl überflüßig, zu bemerken, daß diese Probehäute nicht als ausgegärbt zu betrachten sind, wenn sie aus der Brühe kommen, und daß der Gärber hiernach nicht auch über die Qualität des Gärbe-Mittels urtheilen kann. Hierzu gehört viel Zeit und Ueberschuß an dem Gärbe-Mittel; hier hat man aber keines von beiden.

Im Verfolge meiner Versuche, welche mich zur Annahme dieses Verfahrens veranlaßten, häuften sich eine Menge verschiedener Analysen zusammenziehender Stoffe in Bezug auf ihre Gärbungs-Fähigkeit an. Ich wollte sie hier beifügen; da ich aber von der Richtigkeit des hier aufgestellten Probe-Verfahrens vollkommen überzeugt bin, und zugleich dadurch einsehen gelernt habe, daß die zu Markte gebrachten Gärbe-Mittel sowohl ihren Bestandteilen, als ihrer Qualität nach, gar sehr weit von einander abweichen; so lasse ich die Tabelle, die ich hierüber verfertigt habe, weg, um nicht Irrungen zu veranlassen.

Ich hoffe, daß ich in obigem Entwurfe meines Probe-Verfahrens deutlich und umständlich genug gewesen bin, um den Gärber in den Stand zu sezen, auf eigene Faust dem Ziele näher zu rüken, und die gehörige Auswahl unter den zu Markte gebrachten Gärbe-Mitteln zu seinem wahren Vortheile zu treffen.42)

|169|

Ein Freund versicherte mir, daß man ihm vor 30 Jahren Valonia aus Italien für 4 Pfund Sterl. die Tonne anboth; er nahm sie nicht, weil er sie nicht durch Erfahrung prüfen konnte. Gegenwärtig geben die Gärber gern 7 Mahl so viel dafür: 23 Pfund Sterl. für die Tonne. A. d. O.

|176|

Die stärkste Lohbrühe zu Dublin, auf kaltem Wege, wie gewöhnlich , bereitet, war durch dieses Verfahren binnen sieben Stunden ausgearbeitet, und geruch- und farblos; eine Abkochung von Valonia (so stark ich sie nur immer bereiten konnte), war bei 1065 Spec. Schwere und fleißiger Behandlung, in ungefähr 9 Stunden erschöpft. A. d. O.

|181|

Es ist nicht zu läugnen, daß dieses Verfahren bei der Probe der Gärbe-Mittel weit zwekmäßiger ist, als das rein chemische des Hrn. Davy; indessen bleibt auch hier noch manches zu wünschen übrig. A. d. Ueb.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: