Titel: Ueber Seidenzucht.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1826, Band 20, Nr. LXXXI. (S. 286–295)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj020/ar020081

LXXXI.  Ueber Seidenzucht.

Da es scheint als fingen wir endlich in Nord-Europa an, eben so gescheidt zu werden, als die Bauern in China, auf Japan und in Ost-Indien, es bereits seit Jahrtausenden gewesen sind, indem sie, statt ihre Weiber und Kinder rauhen Hanf und Flachs zu grober Leinwand verarbeiten zu lassen, die weit fleißigeren und geschikteren kleinen Spinn-Maschinen, genannt Seiden-Raupen, Seide für sich spinnen lassen, und sich in den leichtesten und feinsten, elegantesten und gesündesten Stoff, in Seide, statt in Sakleinwand, kleiden; da ferner jezt überall auf dem festen Lande, wie auf der großen Insel, die das feste Land und alle Meere beherrscht, Seidenzucht an der Tages-Ordnung ist; so |287| wird man es uns nicht verargen, wenn wir, dem Beispiele des Technikers Gill auf jener Insel folgend. Beiträge zur Geschichte der Seidenzucht am Ende des vorigen Jahrhundertes liefern.

Die Gesellschaft zur Aufmunterung der Künste, Manufacturen und des Handels (Society for the Encouragement of Arts, Manufactures and Commerce) hat das Verdienst, durch Preise zuerst in England zur Seidenzucht ermuntert zu haben. Hr. Gill (und nach ihm, polytechn. Journ. Bd. XVI. S. 243. Bd. XVIII. S. 74. und S. 440.), hat die frühesten Versuche der Frau Williams, Jungfrau Rhodes, und des hochw. Hrn. Swayne aus den Transactions dieser Gesellschaft erzählt. Er liefert nun N. 49. S. 31, aus dem VIII. Bd. der Transactions dieser Gesellschaft die kurze Notiz über Hrn. Salvatore Bertezen's Seidenzucht in England. Dieser Herr lieferte im Jahre 1790 fünf Pfund Seide von 12,000 Raupen, die er in England zog, und erhielt dafür auch die goldene Medaille. Die Cocons, so wie die davon abgehaspelten Seiden-Strähne, waren von der schönsten Qualität, und Hr. Bertezen nahm keinen Anstand zu erklären, daß das Klima von England für Seidenzucht günstiger ist, als jenes von Italien.

Hr. Swayne fand sich durch dieses glänzende Resultat des Hrn. Bertezen im folgenden Jahre zu einem Aufsaze veranlaßt, welcher sich im X. Bande der Transactions of the Society for Encouragement etc. befindet, und welchen Hr. Gill in seinem Repository. N. 49. S. 32. mittheilte, und aus welchem wir hier einen gedrängten Auszug liefern.

Hr. Swayne bemerkt, daß Hr. Bertezen, welcher, bald nachdem er den Preis erhalten hatte, England verließ, eine ausgezeichnet gute Raçe von Raupen besaß, von welcher er Niemanden um keinen Preis ein Ey zukommen ließ, und daß er seine Weise, die Raupen zu behandeln geheim hielt. Er bemerkt ferner, daß Hrn. Bertezen's Resultat von jenem der Miß Rhodes sehr abweicht, nach deren Rechnung 30,000 Raupen zu 5 Pfund Seide nothwendig sind, und nicht 12,000. Er vermuthet, daß Hr. Bertezen, da die Seide nach Troy-Gewicht verkauft wird, sein Pfund zu 12 Unzen (24 Loth) rechnete, während Miß Rhodes nach Avoir-dupois gerechnet hat; so daß also, nach ihrer Rechnung, nur 21,600 Raupen zu 5 Pfund Seide nothwendig wären; noch immer ein bedeutender |288| Unterschied. Frau Williams sagt, daß sie von 244 Cocons beinahe anderthalb Unzen (3 Loth) Seide erhielt; sie würde also zu 5 Pfunde Seide Troy-Gewicht 14,640 Raupen gebraucht haben. „Ich zog“, sagte er, „im vorigen Jahre kaum 100 Raupen (bloß des Versuches wegen, und um die Brut nicht ausgehen zu lassen), und ließ sie alle ihre Cocons durchbohren. Nur 50 konnten abgehaspelt werden, und die von diesen Cocons troken abgehaspelte Seide wog genau 100 Gran. Hiernach würde man auf 5 Pfund, Seide (Troy-Gewicht), 15,550 Raupen rechnen müssen. Die auf diesen 50 Cocons zurückgebliebene Seide wog, nach dem Abhaspeln, noch 33 Gran. Wenn man hiervon nur die Hälfte zu der abgehaspelten Seide addirt, so würde man für obige 5 Pfund Seide nur 13,405 Raupen brauchen; und dieser Unterschied ist nicht sehr bedeutend.“

„Es ist aber auch möglich“, fährt er fort, „daß Hr. Bertezen seine Seide nach Avoirdupois Gewicht rechnete, und die runde Zahl, 12,000, nach einer Regel annahm, die er in einer Broschüre über Seidenzucht aufstellte, wo er 150 Cocons, deren jeder im Durchschnitte 5 Gran wiegt, auf Eine Unze (2 Loth), Organsin Seide rechnet, was, das Pfund zu 16 Unzen gerechnet, genau 12,000 Raupen gibt. Bertezen sagt nämlich in jener Broschüre: „Diese Cocons“ (er meint jene, die er das Jahr vor der Herausgabe dieser Broschüre in England zog), „wogen, nach dem Einsammeln, jeder 6 Gran; einige wogen fünf; die schwächsten vier. Um also zwei Loch Organsin-Seide zu erhalten, werden 150 solcher Cocons hinreichen.“ Ich muß gestehen, daß ich den Ausdruk: nach dem Einsammeln, (after gathering) nicht recht verstehe. Beim ersten Lesen sollte man meynen, es wäre hier das Einsammeln der Cocons von den Zweigen verstanden, auf welchen die Raupen sich einspannen; allein; da die Puppe in diesem Falle noch in denselben eingeschlossen ist, mußten sie schwerer wiegen. Es kann auch nicht heißen, nachdem die Puppen getödtet und getroknet wurden; denn selbst in diesem Falle hatten sie noch mehr wiegen müssen, da eine todte Puppe, selbst in Cocons von gemeiner Raçe, im Durchschnitte vier Gran wiegt. Hr. Bertezen mußte also die ganze von der Raupe gesponnene Seide verstehen, ohne alles Insect in derselben, und dann ist dieser Ertrag allerdings außerordentlich, indem ich nur 2 1/4 Gran abgehaspelte Seide von Einem Cocon erhielt, die getroknete Puppe |289| noch Ein Mahl soviel wog, und die Floret-Seide die Hälfte der abgehaspelten betrug.“

„Hr. Pullein sagt in seinem Versuche über Seidenzucht (Essay on the culture of silk), der besten Abhandlung, die mir über diesen Gegenstand zu Gesichte kam, daß „3300 Cocons mit den darin enthaltenen (lebendigen) Puppen“, ungefähr 12 Pfund wiegen, welche 12 Pfund ungefähr 16 Unzen abgehaspelte Seide, und 8 Unzen Floret-Seide geben. „Hieraus kommt für jeden Cocon 2 1/3 Gran abgewundener Seide. In einem Aufsaze über die Behandlung der Seidenraupen im II. B. der American Philosophical Transactions, welche die HHrn. Hare und Skinner zu London aus einem der ersten Häuser in Italien erhielten, und Hrn. Dr. Morgan zu Philadelphia mittheilten, heißt es, daß 150 Unzen guter Cocons ungefähr eilf Unzen Seide geben, wenn fünf bis sechs Cocons zu Einem Faden genommen werden. (Hr. Bertezen nahm 7 bis 9); wenn man grober windet, erhält man etwas mehr. Dieß gibt, nach meiner Rechnung, nicht mehr als zwei und 1/20 Gran auf jeden Cocon, während Hrn. Bertezen's Raupen 3 Gran und 1/50 gaben, obschon sie noch nicht von der ersten Classe waren. Leute, die seine Raupen und Cocons sahen, versichern, daß sie erstaunlich groß, leztere kaum etwas kleiner, als gemeine Hühnereyer waren.“ 79)

„Es ist indessen nicht immer die Folge, daß der Cocon, je größer desto besser ist; wir wissen aus guter Quelle (aus dem obigen Aufsaze in den American Philosophical Transactions)“, daß kleine und markige Cocons die besten sind; daß die Cocons in gebirgigen Gegenden besser, als jene in den Ebenen sind80).

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Es ist wahr, daß sie nicht so groß sind; die Raupe ist aber auch verhältnißmäßig kleiner. „Man soll also nicht auf die Größe der Raçe allein sehen, sondern nur auf den Ertrag an Seide. Es ist ferner tröstlich zu bemerken, daß, je größer die Raupe ist, sie auch desto mehr fressen wird.81) Hr. Pullein sagt in Bezug auf ausländische Brut: daß weder Thiere noch Pflanzen, wenn sie aus einem Klima in ein anderes von verschiedener Temperatur verpflanzt werden, sich alsogleich naturalisiren; daß einige Zeit verstreichen muß, oft mehrere Generationen nothwendig sind, ehe ihre Nerven und Fasern sich an die verschiedenen Einwirkungen der Sonne und der Luft gewöhnen können.“ Die Folge, die er hieraus zieht, ist diese, daß man nicht erwarten darf, daß Seidenraupen, die aus Eyern gezogen wurden, welche vor wenigen Wochen aus Italien oder Frankreich nach England kamen, alsogleich in England gedeihen werden; daß also diejenigen, welche Seidenraupen in England ziehen wollen, besser thun werden, ihre Eyer von solchen Seidenfaltern zu nehmen, die bereits früher in England gezogen wurden. Dieser Meinung widerspricht, wird man sagen, der glükliche Versuch des Hrn. Bertezen; allein Hrn. Bertezen's Versuch beweist, wenn ich mich nicht irre, nichts dagegen, weil er künstliche Wärme anwendete“ 82).

„Als Beispiel, wodurch Hrn. Pullein's obige Ansicht bestätigt wird, will ich anführen, daß die Raupen, die ich aus den von der Gesellschaft zur Aufmunterung etc. mitgetheilten Eyern erhielt, und die aus Turin kamen, viel zärtlicher waren, als die von derjenigen Brut, die ich früher selbst gezogen hatte; auch war die Seide, die sie spannen, nicht so stark, als die der lezteren. Ich muß indessen billiger Weise |291| gestehen, daß die Turiner Raupen eine ganz besondere Varietät von den anderen zu seyn schienen; ihre Eyer waren kleiner, und blieben auch in der Folge so; die Raupen waren nicht so groß, und hatten einige besondere Merkmahle. Die Cocons, die sie spannen, waren weiß oder fleischfarben, und hatten eine verschiedene und unregelmäßige Gestalt; einige derselben waren beinahe kugelig; der Faden des Cocons schien kleiner und zarter, und war von dem natürlichen Leime fester zusammen geleimt, so daß man ihn nur in sehr heißem Wasser abhaspeln konnte. Es war ferner eine Eigenheit an diesen Raupen, daß sie keine Lattich-Blätter fraßen, und lieber starben, als von denselben kosteten.“

Hr. Swayne wollte eine Baumschule von Maulbeerbäumen anlegen. Er säete den größten und besten Theil seiner Samen im April 1789 auf ein Mistbeet, das er zu einem leichten warmen Beete bestimmt hatte. Der Dünger hatte aber bereits vorher ausgegohren, war sehr alt, und hizte kaum merklich. Den übrigen Theil des Samens warf er auf ein Beet an einer gegen Mittag gekehrten Mauer. Der Same auf dem Mistbeete keimte etwas früher, als der andere; die Pflänzchen wuchsen gut, und mehrere derselben erreichten im ersten Sommer sechs Zoll Höhe. Um sie gegen die Nachtheile des Frostes zu schüzen, dekte er sie Anfangs Winters mit Moos, das in Wasser abgebrüht wurde, um die Eyer und Puppen der darin nistenden Insecten, so wie auch die Samen, die darin enthalten seyn mochten, zu tobten. Der Winter war indessen so gelinde, daß diese Sorgfalt überflüßig war. Im Frühjahre hatte er mehr als 3000, dem Anscheine nach gesunde, Bäumchen: allein im Spätjahre des folgenden Sommers befiel sie eine Krankheit, in Folge deren sich faule Fleken auf den Blättern zeigten, welche nach und nach abfaulten. Als er sie im Herbste verpflanzen wollte, zeigte sich bei der Untersuchung, daß sie beinahe alle gerade über dem Boden abgefault waren. Die Ursache dieser Krankheit schreibt er theils der nassen Witterung, theils dem Umstande zu, daß die Wurzeln der Pflanzen in den Dünger schlugen, indem die Bäumchen an der Mauer nicht so sehr davon litten, ob schon auch von diesen einige umkamen. Der Sommer des Jahres 1789 war, so wie jener des darauf folgenden Jahres, dem Ausreifen der Maulbeeren so ungünstig, daß er keine reifen Samen davon erhalten konnte. Er hofft noch |292| Mittel zu finden, die Maulbeerbäume durch Steklinge zu vermehren, und führt folgende allerdings beherzigungswerthe Stelle aus dem vortrefflichen alten Evelyn 83) an. „Es läßt sich erweisen, daß in vier bis fünf Jahren der Maulbeer-Baum über ganz England verbreitet seyn kann, und wenn die armen Fräulein stolzer Familien so gern drei bis vier Shillings durch Seiden-Ernte gewinnen, und sich mit dieser angenehmen und leichten Unterhaltung beschäftigen wollten, wie andere es bei harter Arbeit mit Hanf und Flachs und Wolle für vier Pfennige thun müssen, so würde der Maulbeerbaum sich bald über ganz England verbreiten.“ Hr. Swayne hält es für ein Unglük, daß wir noch nicht wissen, welche Art von Maulbeerbaum eigentlich gezogen werden soll: du Halde, sagt er, „erzählt, daß man in China vorzüglich den weißen Maulbeerbaum braucht; Hr. Swinbürne sagt uns, daß man in Calabrien durchaus nur den rochen, ich glaube er meint den schwarzen84) braucht, obschon er dieß nur für ein Vorurtheil hält, indem die Chinesen, Piemontesen und die Seiden-Wirthe in Languedoc die weiße Sorte vorziehen. In seinen Reisen durch Spanien (Travels through Spain) bemerkt er, daß in Valencia die Maulbeerbäume alle von der weißen Sorte sind, und in Grenada, wo man die beste Seide erzeugt, alle von der schwarzen. Hr. Hanway in seinen Reisen durch Persien (account of his travels in Persia), erwähnt eines strauchartigen Maulbeerbaumes,85) |293| der, jährlich geschnitten, die besten Blätter für die Seidenraupen gibt; er sagt nicht, ob die Maulbeerblatter in diesem Lande von der Abart mit weißen oder mit schwarzen Früchten sind, erzählt uns aber, daß er zu Astrabad am 17. May mit großen weißen Maulbeer-Früchten bewirthet wurde, die köstlich schmekten. Wir sind also gewiß, daß man in Persien weiße Maulbeeren hat. Hr. Pullein sagt uns, daß man sich in Persien der Blätter der schwarzen Maulbeerbäume zum Aufziehen der Seidenraupen bedient, scheint aber geneigt, die der weißen Maulbeerbäume vorzuziehen. Barham und Evelyn sind entschieden für die weißen. Hr. Young schreibt mir: „es ist sehr sonderbar, daß, so viel ich glaube, die schwarzen Maulbeerbäume gar nie gebraucht werden. Ich habe sehr schöne Bäume dieser Art sowohl in der Provence, als in Piemont gesehen; sie werden aber nie gestreift, sondern bloß der Früchte wegen gezogen. Ich habe sehr oft hierüber Nachfrage gehalten, und immer gehört, daß die Seide von denselben nichts taugt. Wenn die Blätter davon zu brauchen wären, so würde ein solcher Baum jährlich ein Paar Louis d'or tragen; allein man braucht sie ganz und gar nicht.“ Hr. Bertezen gibt zu, „daß man in Italien und Frankreich sich der weißen Maulbeerbäume bedient, und die schwarzen so sehr verachtet, daß man sie an einigen Orten als Gift für die Seidenraupen betrachtet“; allein er versichert uns, „daß er für jeden Fall die Blätter des schwarzen Maulbeerbaumes vorzieht“, und gibt auch die Gründe dafür an, und sezt noch hinzu: „daß in gut eingerichteten Seidenzucht-Anstalten man der großen Vortheile wegen die Blätter von beiden Arten von Maulbeerbäumen mit einander verbindet. Wenn Hr. Bertezen uns nicht dieses gesagt hätte, so würde ich mir nie eingebildet haben, daß man diese beiden verschiedenen Blätter zugleich mit Vortheil bei denselben Raupen brauchen könnte.“ 86)

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„Das Blatt des schwarzen Maulbeerbaumes ist offenbar saftiger, als das des weißen, und daher würde ich für jeden Fall behaupten, daß ein Uebergang von dem weißen Blatte zu dem schwarzen die Raupen leicht bersten machen könnte, indem jenes zuviel Nahrungsstoff enthält. Ich hatte mich einst für die schwarzen Maulbeerblätter erklärt, habe mich aber zeither überzeugt, daß die Blätter des weißen Maulbeerbaumes den Würmern viel angenehmer sind, und daß sie bei diesem Futter am besten gedeihen. Um für diese Raupen ein Futter zu erhalten, welches denselben sowohl angenehm als gesund ist, müssen die Bäume selbst in einem sehr gesunden und frischen Zustande sich befinden: sie müssen daher einen ihrer Natur angemessenen Boden finden, und dieser kann für verschiedene Arten von Maulbeerbäumen verschieden seyn. Nach meiner Erfahrung scheint der weiße Maulbeerbaum einen feuchteren und schwereren Boden zu lieben, als der schwarze, so daß man daher für trokenen oder sandigen und steinigen Boden den schwarzen „(Hr. Swayne meint hier wahrscheinlich den weißen mit rothen Früchten)“ für nassen thonigen Boden aber den weißen Maulbeerbaum wählen muß. Ein. sehr schwerer und nasser Boden taugt aber weder für den einen noch für den anderen.“

Hr. Swayne bemerkt in einem Postscriptum daß ihm ein Mann von Ansehen auf dem festen Lande geschrieben habe: „das kalte, großen Theils sandige Preußen hat im Jahre 1789 nicht weniger, als 4500 Pfund Seide gezogen. Was könnte man nicht in einem milderen und fruchtbareren Lande erwarten, wenn man sich nur sechs Wochen lang mit dieser nüzlichen und einträglichen Beschäftigung unterhalten wollte.“ Bekanntlich ging nach Friedrich des Einzigen Tode die Seidenzucht in Preußen zu Grunde, so wie sie in jedem Lande zu Grunde ging, und gehen mußte, wo sie auf Kosten der Regierung betrieben, wurde; denn es war, ist und wird stets das Loos aller Regierungen seyn, bei jedem Zweige der Industrie, den sie auf ihre Kosten treiben, um zwei Mahl alterum tantum des Gewinnes |295| betrogen zu werden. Industrie kann nur Sache des Privatfleißes seyn.

Hr. Gill hat N. 50. seines Repository S. 125, und so auch das Edinbourgh Philosophical Journal. 27, S. 54, und das lezte Mechanics' Magazin einen Auszug aus Hrn. Joh. Murray's Bemerkungen über Seidenraupen-Zucht (Remarks on the cultivation of the Silk-Worm) mitgetheilt. Dieses Werk ist ein gedrängter Auszug aus dem classischen Werke des Hrn. Grafen Dandolo, und verdiente allerdings eine deutsche Uebersezung von einem in der Seidenraupen-Zucht erfahrnen Manne, indem es sehr gut geschrieben und geeignet ist, dem Volke die Augen über sein Interesse zu öffnen, was bei uns noch weit mehr Roth thut, als in England.

|289|

Man kann bei Seidenraupen nimmermehr genug auf gute Raçe sehen, deren Güte nicht sowohl in der Größe, als in der Menge des Gespinnstes, in dem sogenannten Markigen des Cocons, gelegen ist. Es ist unvermeidlich, daß bei den ersten Versuchen, die man unerfahrne Leute auf dem Lande mit Wartung und Pflege der Seidenraupen aus den Eyern, die man ihnen zu diesem Behufe mittheilt, machen läßt, die beste Raçe ausarten muß, indem die guten Leute noch nicht wissen, wie man mit diesen Thierchen umzugehen hat, bloß um sie gut zu erhalten, viel weniger um sie zu veredeln. Man wird, daher bei Seidenraupen-Zucht, wie bei der Pferde-Zucht, immer gezwungen seyn, ein sogenanntes Gestüte, und auf diesem die edle Raçe zu unterhalten. A. d. Ueb.

|289|

Dieß gilt bloß vom mittägigen Europa, und beweist, daß die Cocons im nördlichen noch besser werden müssen. A. d. Ueb.

|290|

Was um so viel besser ist, wenn sie verhältnißmäßig spinnt. A. d. Ueb.

|290|

Anwendung künstlicher Wärme, die Hr. Swayne zu: tadeln scheint, ist zum Gedeihen der Seidenraupen bei uns unerläßlich. Hierin besteht das große Glük der nördlichen Seiden-Zieher vor den südlichen, daß sie sich, für eine Kleinigkeit, die in ökonomischer Hinsicht nicht in Anschlag gebracht werden kann, eine immer gleichmäßige, der Raupe höchst zuträgliche, Temperatur verschaffen können. Hierin lag wahrscheinlich das ganze Geheimniß des Hrn. Bertezen + 22° R., aber nicht höher, während des ganzen Raupen-Zustandes. A. d. Ueb.

|292|

Evelyn, ein Schriftsteller des 17ten Jahrhundertes, der für England das ist, was Herrera im 16ten Jahrhunderte für Spanien, Olivier de Serres für Frankreich, und im vorigen Jahrhunderte v. Münchhausen für Deutschland war. Die Vermehrung der Maulbeerbaume durch Steklinge ist allerdings möglich, aber unsicher. Die sicherste und leichteste und schnellste ist durch Ableger. A. d. Ueb.

|292|

Hr. Swayne ist es, als hochwürdigem Herren, zu verzeihen, wenn er zu leicht glaubt. Er weiß nicht, daß der weiße Maulbeerbaum zwei Abarten hat, die eine mit rothen, die andere mit weißen Früchten. Erstere ist in trokenen heißen Gegenden häufiger, und wird daselbst öfters ganz schwarzroth, während sie im Norden ganz blaß röthlich ist. A. d. Ueb.

|292|

Ist dieß jene Art, die Hr. Nouailles neulich nach England brachte? A. d. D. Es wäre sehr der Mühe werth, daß man mit den verschiedenen Arten von Maulbeerbäumen nicht bloß mit den Abarten, Versuche anstellte, und auch mit Morus constantinopolitana. Poir, |293| indica, latifolia, australis, mauritiana etc. Vielleicht ist der strauchartige Maulbeerbaum in Persien bloß strauchartig gezogen; denn es ist sehr gut, den Maulbeerbaum strauchartig, als Heke zu ziehen. A. d. Ueb.

|293|

Es ist wirklich merkwürdig, wie gelehrte Herren die einfachste Sache von der Welt verwirren können. Es ist allgemein bekannt, daß der weiße Maulbeerbaum, Morus alba, in seinen beiden Abarten, jener mit weißen Früchten, und jener mit mehr oder minder rothen, |294| die reif oft ganz schwarzroth werden, das allgemeine Futter für unsere Seidenraupen ist, und daß die behaarten scharfen Blätter des schwarzen Maulbeerbaumes, Morus nigra, der die großen schwarzen säuerlich Wen Früchte liefert, wenn sie ja von der Seidenraupe anfressen werden, eine sehr grobe Seide geben. A. d. Ueb.

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