Titel: Hall, über eine Hängebrüke von Seilen aus Thierhäuten.
Autor: Hall, Basil.
Fundstelle: 1826, Band 20, Nr. CVIII. (S. 426–430)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj020/ar020108

CVIII. Ueber eine Hängebrüke von Seilen aus Thierhäuten in Chili. Von Hrn. Capitän Basil. Hall, F. R. S.

Aus dem Edinburgh Philosophical Journal. N. 27. S. 52.

Mit Abbildungen auf Tab. VIII.

Nicht weit von Santiago, der Hauptstadt Chili's, führt eine sonderbare Brüke über den Maypo. Sie ist nur 4 Fuß breit, und besteht aus kreuzweise über einander gelegten Brettern, deren Enden auf geraden Seilen, die aus Streifen ungegärbter Ochsenhäute zusammengedreht sind, ruhen; diese Seile hangen ankurzen senkrechten Leinen, die ungefähr so dik sind, als der kleine Finger, und welche sie an starke, über den Fluß gespannte Seile binden. Dieser lezteren Seile sind sechs, drei zu jeder Seite, die in sanften Krümmungen über einander hängen. An der höheren und steileren Seite des Ufers sind sie in eine Höhe von 20 bis 30 Fuß über dem Flußbette oben an den Felsen gehörigbefestigt; an der gegenüberstehenden Seite aber, wo das Uferflach ist, laufen sie über ein hohes Gestell von starken Bäumen, wie man aus anliegender Figur sieht. Die Folge der verschiedenen Erhöhung der beiden Ufer ist, daß die Brüke einen bedeutenden Fall hat, wodurch sie an mahlerischem Ansehen gewinnt, und nur wenig an Brauchbarkeit verliert, indem sie nicht für Wagen bestimmt ist.

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Ihre ganze Länge beträgt von einem Ufer zu dem anderen 123 Fuß. Da die Materialien, aus welchen sie gebaut ist, sehr elastisch sind, so schaukelt die Brüke von einem Ufer zudem anderen so sehr auf und nieder, daß Fremde, die über dieselbe reiten müssen, gerne von ihrem Pferde absteigen, und dasselbe hinüberführen, oder, wie wir auf Geheiß unserer Führer thaten, die Pferde vor sich Hertreiben.

Man wird bei dem ersten Blike auf Figur 1. bemerken, daß eine große Aehnlichkeit zwischen dieser Haut-Brüke und den eisernen Hänge-Brüken Statt hat, die jezt so gemein bei uns in England sind: und wenn man dieselbe sorgfältiger betrachtet, wird man finden, daß diese Aehnlichkeit sich selbst auf Kleinigkeiten erstrekt, unter welchen eine besonders auffällt: ich meyne die Art, in welcher das Gewicht der ganzen Brüke über die gespannten Seile vertheilt ist. Man wird bemerken, daß die ersten kurzen senkrechten Leinen an das oberste gespannte Seil, die zweiten an das mittlere, die dritten an das unterste geknüpft sind: dieser Wechsel wiederholt sich immer auf der ganzen Länge der Brüke wieder, gerade wie bei unserer Hänge-Brüke über den Tweed, und bei Newhaven und bei anderen ähnlichen Brüken.

Man sagte mir in Chili, daß diese südamerikanischen Hängebrüken schon von den Spaniern, als sie das Land vor drei Jahrhunderten eroberten, genau so gefunden wurden, wie sie jezt sind; und es ist eben so gewiß, daß man vor einigen Jahren von der Anwendung dieses Baues auf eiserne Brüten noch nichts wußte.

Ich habe nicht gehört, ob Capitän Brown, der bekannte Erfinder der Kettenseile, der zuerst auch die eisernen Hängebrüken einführte, diese lezteren als seine Erfindung in Anspruch nimmt. Sein Verdienst wird, wie ich denke, nicht im mindesten dadurch leiden, wenn man annimmt, daß er von diesen Haut- oder Riemen-Brüken in Süd-America hörte, oder dieselben sah; denn es ist eben so lobenswerth, wenn man sein Genie und seine Talente auf Beobachtung und Benüzung ähnlicher Analogien verwendet, als wenn man Neues erfindet. Dieß ist vielmehr eine der schönsten Auszeichnungen, wodurch sich der bloß visionäre Theoretiker von dem nüzlichen praktischen Anwender bekannter und erprobter Grundsäze auf Bedürfnisse des Lebens unterscheidet.

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Es ist ein interessanter Gegenstand in der Geschichte der Künste und Wissenschaften, den Fortschritten solcher Erfindungen und Benüzungen von ihrem, rohesten Zustande bei ihrem ersten Erscheinen bis zu ihrer Vollendung zu folgen:135) ich würde mich glüklich dünken, wenn diese Notiz den geistreichen Officier, dessen wir oben erwähnten, veranlassen könnte, dem Publicum eine ähnliche Untersuchung nicht bloß über die Ketten-Brüken, sondern auch über die Kettenseile mitzutheilen, von welchen ich, als Seemann, wohl sagen kann, daß jeder den Grundsaz kannte, worauf sie beruhen, aber Niemand denselben auf eine so wohlthätige Weise anzuwenden, und zu benüzen wußte, als der Scharfsinn und die Beharrlichkeit Brown's.

Zusaz des Herausgebers des Edinburgh-Journals.

In einem interessanten Berichte des Capitäns Brown on the proposed plan of erecting a Patent Wrought-Iron Bridge of Suspension over the Thames, near Iron Gate and Horslydown kommen folgende Bemerkungen vor: „Wenn auch in anderen Ländern Hängebrüken schon längst vorhanden waren, und Niemand behaupten kann, daß er an denselben eine neue Entdekung machte, so bleibt die Wichtigkeit derselben dadurch unangefochten. Die Eigenschaften der Ketten-Krummen (catenarian curve), sind an den indischen Hängebrüken aus Seilen oder Bambusröhren eben so offenbar, als an jenen aus Ketten, und an einer Menge anderer Gegenstände, die jeder, der nur gewöhnlichen Beobachtungs-Geist hat, wahrnehmen kann. Allein, jene einfachen Vorrichtungen, die von einigen Schriftstellern beschrieben wurden, sind ihrem Baue nach unseren in England erbauten eisernen Hängebrüken gerade so ähnlich, wie die rohen Brüken der früheren Zeiten, die bloß aus Pfosten bestanden, die auf Pfählen ruhten, den herrlich gebauten Brüken der neueren Baukunst.“

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„Die erste Hängebrüke, von welcher wir in England hörten, ist jene über den Tees in der Grafschaft Durham, die nur 80 Fuß lang ist.136) Sie besteht aus zwei von einem steilen Ufer zu dem anderen gespannten gewöhnlichen Ketten, über welche Balken nach der Quere gelegt sind, die mit Brettern belegt wurden, und der Weg, den sie bildet, ist so krumm, wie die Ketten.“

„Diese Vorrichtung ist offenbar schlecht, indem man zuerst zu dem Aufhängepuncte hinansteigen, dann niedersteigen, dann wieder nach der krummen Linie, welche die Kette bildet, hinaufsteigen muß: dadurch entstünde in jener Krummen, deren ich mich bediene, ein Zug von 1 Fuß auf 7, was kaum ausführbar ist. Ich dachte daher gleich Anfangs daran, diesem Uebel abzuhelfen. Ich baute im Jahre 1814 eine Brüke auf meinem Gütchen zu Mill-Wall, deren Gangweg vollkommen horizontal ist, und die noch heute zu Tage hängt. Ich bewirkte die horizontale Lage des Gangweges dadurch, daß ich senkrechte Stangen durch die Glieder der Hauptketten laufen, ließ, deren Länge ich nach der krummen Linie, welche die Hauptketten bildeten, bemaß: dadurch entstand nun eine Reihe von Bändern zur Aufnahme einer Reihe von Stangen zu jeder Seite über die ganze Länge der Brüke hin. Wie man nun quer über diese Stangen Balken legt, wird der Gangweg horizontal, oder man kann ihn selbst von beiden Seiten gegen die Mitte hinaufsteigend machen, wenn die Wege nach der Brüke hin aufsteigen sollten. Die Länge der Brüke betrug 105 Fuß, und das Eisen wog nur 38 Ztr. Der sel. Hr. Rennie und Hr. Telford kutschirten über diese Brüke, und mehrere ausgezeichnete Mechaniker erklärten sie für eine achtenswerthe Verbindung von Stärke und Leichtigkeit.“

„Der Anfang der Verbesserung in der neuen Periode des Brükenbaues muß von der Erfindung der Kettenseile angerechnet werden, welche nothwendig die allmächtige Prüfe-Maschine herbeiführte. Dadurch erst erhielt man genauere Kenntniß der Stärke der Bolzen und Eisenstangen von größerem Durchmesser, die man ehevor bloß aus trivialen Versuchen ableitete, die zu den fehlerhaftesten Berechnungen Veranlassung gaben. Da die |430| Wichtigkeit dieses neuen Zweiges der Schiffsausrüstung sich immer mehr und mehr entwikelte, fingen die ersten Eisen-Manufacturen Englands in dieser Hinsicht an mit einander zu wetteifern, und das englische Eisen wurde nun zu einem solchen Grade von Vollkommenheit gebracht, daß es in den meisten Fällen ausländisches Eisen entbehrlich macht. Die Starke des verbesserten Eisens hat einen Grad von Gleichförmigkeit, wie man ihn an dem Eisen anderer Länder nicht findet; so daß, wenn man gerade Bolzen oder Stangen an ihren Enden nach der Richtung ihrer Länge mittelst Verbindungs-Platten und Stifte von gehöriger Starke verbindet, statt daß man Ketten hierzu anwendet, man mehr Kraft bei geringerem Gewichte erhält. Die Gefahr schlechter Arbeit ist beinahe gänzlich beseitigt, und die Probe, welcher man jedes einzelne Stük unterwerfen kann, erhebt die Berechnung der Stärke desselben zur vollen Gewißheit.

Diese Bemerkungen zeigen deutlich, wie weit Capitan Brown's Ansprüche auf diese große Verbesserung sich erstreken. In einer Unterredung mit diesem thätigen und geistreichen Officiere über Hänge-Brüken in Süd-America und anderen Ländern sagte er uns, daß die einzige Hänge-Brüke, welche ihren Gangweg in derselben Ebene mit den beiden Ufern hat, diese ist, die Capitän Hall hier beschreibt, daß aber alle übrigen, von welchen er hörte, den Gangweg auf den Ketten liegen haben, der daher so krumm ist, als die Kettenlinie selbst, wodurch der Uebergang über dieselben, da die Sicherheit öfters eine starke Krümmung fordert, sehr unbequem wird; er bemerkte ferner, daß seine Bemerkungen niedergeschrieben waren, ehe Capitän Hall die Brüke über den Maypo, die er jezt zum ersten Mahle kennen lernte, gesehen hat. Alles Verdienst, das dieser Art von Brükenbau zugeschrieben werden mag, kommt also ihm, der sie neu schuf, und schon vor 7 Jahren ein Patent darauf genommen hat, als volles Recht zu. Das Modell seiner Erfindung ist noch zu Mill-Wall. Nach demselben Plane baute er im Jahre 1819 eine Brüke über den Leader, zu Carolside in Berwickshire; und gegenwärtig verfertigt er das Eisenwerk zur Brüke über die Themse bei Hammersmith gleichfalls nach demselben, nur etwas größeren, Plane.

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Es ist eben so interessant, zu untersuchen, wie so allgemein anerkannt nüzliche Erfindungen, als Luftpumpen, Dampfmaschinen, Dampfbothe etc. Jahrhunderte lang unbenüzt, und wie so viele Maschinen, deren wir uns seit Jahrtausenden täglich bedienen, noch immer so unvollkommen bleiben konnten, als sie gegenwärtig sind. Es scheint, der menschliche Geist unterliegt eben so sehr der Vis inertiae, als jeder unorganische Körper. A. d. Ueb.

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Vergl. Edinb. Philos. Journ. Bd. V. S. 238. Polytechn. Journ. Bd. X. S. 264.

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