Titel: Tilloy, über die Entwikelung von salpeterigem Gase während der Gährung der Runkelrüben-Syrupe etc.
Autor: Tilloy,
Fundstelle: 1826, Band 20, Nr. CXXV. (S. 485–488)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj020/ar020125

CXXV. Ueber die Entwikelung von salpeterigem Gase während der Gährung der Runkelrüben-Syrupe und der Methode, Runkelrüben-Syrup vortheilhaft auf Weingeist zu benüzen. Von Hrn. Tilloy, Apotheker zu Dijon. Eine am 17. Sept. 1825 an Academie royale de medicin, section de Pharmacie, vorgelesene Notiz.

Aus dem Journal de Pharmacie. 1826. März. p. 183.

Hr. Descroisilles schreibt die Entwikelung von salpeterigem Gase aus den Runkelrüben-Syrupen der Zersezung der salpetersauren Salze durch Schwefelsäure zu, und stüzt seine Theorie auf folgende Erscheinungen.

„Man bringe,“ sagt dieser Chemiker, „soviel von einem salpetersauren Salze, als man will, in die heiße Auflösung eines zukerhaltigen Extractes, und man wird, bei den Graden von Concentration und von Wärme, die man gewöhnlich bei diesen Kochungen anwendet, kein salpeteriges Gas erhalten etc.“

„In mehreren Runkelrübenzuker-Fabriken wird Aezkalk angewendet; dieß erfordert später die Anwendung von Schwefelsäure, und zwar wahrscheinlich um den Kalk zu sättigen, nachdem er die verlangte Wirkung hervorgebracht hat148); übersteigt aber das Verhältniß der Säure jenes des Kalkes, so kann diese überschüßige freie Säure gegen das Ende des Kochens offenbar ein salpetersaures Salz, vorzüglich wenn es aus salpetersaurem Kalke besteht, zersezen, so daß sich dann salpeteriges Gas entwikeln wird.

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Am Ende dieses Aufsazes149) befindet sich im Journal de Pharmacie eine Note von Hrn. Robiquet, der die Theorie des Hrn. Descroisilles für unwahrscheinlich hält, und vielmehr glaubt, die Entwikelung des salpeterigen Gases entstehe durch die Einwirkung der organischen Produkte auf die salpetersauren Salze; als Beleg hierzu führt er folgende Thatsachen an:

„Hr. Derosne bemerkte eine ähnliche Entwikelung von salpeterigem Gase während der Gährung von Runkelrübensaft, dem weder Kalk noch Schwefelsäure zugesezt worden war.

„Hr. Guibourt sah ein schlecht gekochtes Boretsch-Extract, aus welchem beim Umrühren mit einem Spatel Blasen von röthlichem Gase aufstiegen.

„Hr. Chevallier bemerkte endlich, daß auch Waid-Blätter nach einer Gährung von 2–3 Tagen salpeteriges Gas gaben.“

Zu diesen, von Hrn. Robiquet angeführten, Thatsachen will ich nun noch zwei andere hinzufügen.

Es wurde grüner Wermuth, der nur einen Tag lang aufgehäuft lag, mit der gehörigen Menge Wassers in eine Destillir-Blase gebracht, um die Essenz aus demselben auszuziehen; in dem Augenblike, wo die Destillation anfing, entwikelte sich viel salpeteriges Gas daraus.

Hr. Chauvelin hatte im J. 1820 wenigstens 12 Tonnen Syrup von seiner Runkelrübenzuker-Fabrication; er wollte dieselben benüzen, und ließ einen Apotheker von Dijon kommen, um diesen Syrup in Gährung zu versezen und Brantwein daraus zu gewinnen. Dieser Apotheker verdünnte einen Theil der Melasse mit Wasser, sezte ihr Bier-Hefen zu; die Flüßigkeit gerieth in Bewegung; es entwikelte sich etwas Kohlensäure, |487| hierauf salpeteriges Gas, und die Gährung hörte auf. Da er dieses Mißlingen bloß der schlechten Qualität der Hefen zuschrieb, so wiederholte er sein Verfahren mit neuem Syrupe und frischen Hefen; allein er war darob nicht glüklicher. Nach mehreren anderen mißlungenen Versuchen gab er endlich das Ganze auf, und ließ den Eigenthümer noch mehr mit seiner Waare in Verlegenheit. Sie wurde nun mir angetragen, und ich verlangte 25 Kilogramme davon zur Probe. Dieser Syrup besaß einen etwas ammoniakalischen Geruch, und enthielt noch viel krystallisirbaren Zuker. Ich hielt es für zwekmäßig, denselben mit einer Säure zu sättigen, ehe ich ihn in Gährung versezte. Ich verdünnte daher diese 25 Kilogr. Syrup mit 7–8 Mahl soviel Wasser, und sezte soviel Schwefelsäure zu, daß die Flüßigkeit, wo nicht sauer, doch neutral war; hierauf vertheilte ich Bierhefen in derselben. Die Gährung zeigte sich bald, ging gut, und ich erhielt durch Destillation eine solche Menge Brantwein, als nur die, beste Zukerrohr-Melasse gegeben haben würde (wenigstens das Volumen des Syrupes). Dieser Versuch veranlaßte mich, mit dem Eigenthümer um die ganze Partie zu unterhandeln. Ich arbeitete nun auf dieselbe Weise mit 50 Kilogr. Die Gährung stellte sich bald ein, allein, es entwikelte sich dabei soviel rothliches Gas, daß man sich nicht nähern konnte, und die Gährung hörte auf. Erstaunt über diese Erscheinung, welche bei meinem ersten Versuche nicht Statt hatte, glaubte ich, daß diese Melasse von jener verschieden sey, die ich zur Probe bekommen hatte. Ich konnte nicht annehmen, daß das salpeterige Gas das Resultat der Zersezung eines salpetersauren Salzes durch Schwefelsäure sey; denn der Syrup war mit 7 Theilen Wasser verdünnt, so daß die Salpetersäure, die von ihren Basen durch die Schwefelsäure abgeschieden wurde, in der Auflösung geblieben und nicht zersezt worden wäre. Ich verwarf daher diese Theorie, und da ich keine andere Ursache, als die Wirkung der organischen Producte auf die Salpetersäure, die durch die Bierhefen begünstigt wird, ausfindig machen konnte, so hielt ich es für zuträglich, diesen Zustand des Syrups oder dieses zukerhaltigen Gemenges umzuändern. In dieser Absicht nahm ich 100 Kilogr. davon, verdünnte sie hlpß mit der doppelten Menge Wasser (dem Gewichte nach), und sezte soviel Schwefelsäure zu, als nöthig war, um die Flüßigkeit merklich sauer zu machen. Es entstand |488| lebhaftes Aufbrausen, wobei sich bloß eine große Menge Kohlensäure entwikelte; ich ließ hierauf das Ganze bis zum Sieden erhizen, und 1/6 Stunde lang sieden, während welcher Zeit ich keine Entwikelung von salpeterigem Gase bemerkte. Hierauf zog ich die Flüßigkeit vom Feuer zurük, verdünnte sie mit 4 Raumtheilen Wasser, und sezte dann Bierhefen zu. Die Gährung entwikelte sich bald darauf, wurde sehr lebhaft, und gab keine Spur von salpeterigem Gase. Nach Beendigung der Gährung nahm ich die Destillation vor, und erhielt eine verhältnißmäßig gleiche Menge Brantwein, wie bei meinem ersten Versuche. Auf dieselbe Weise verfuhr ich mit den 10 Tonnen Syrup, die ich besaß; und die Resultate davon waren eben so entsprechend.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß, der Syrup mag sauer oder schwach alkalisch seyn, salpeteriges Gas entwikelt wird, und die Gährung aufhört, wenn der Syrup mit 6–7 Raumtheilen Wasser verdünnt, und mit Bierhefen gemengt ist, und daß es, zur Vermeidung dieser Gas-Entwikelung, hinreicht, den Syrup mit dem Doppelten seines Gewichtes Wasser, und beiläufig 3–4 per Cent Schwefelsäure einen Augenblik kochen zu lassen. Die Entwikelung des salpeterigen Gases läßt sich also nicht dieser Säure zuschreiben; denn bei dem lezten Versuche, wo doch die günstigsten Umstände dazu zugegen sind, zeigt sich keine Spur davon, und auch bei der Gährung erzeugte es sich nicht mehr. Dieses Gas verändert die Flüßigkeit, so wie es auch die schwefelige Säure etc. thun würde.

Meine Geschäfte erlauben mir nicht mehr, Versuche hierüber anzustellen, um eine Theorie darauf gründen zu können; der Zwek dieses Aufsazes ist daher bloß, den Runkelrüben-Zuker-Fabrikanten zu zeigen, wie sie mit Vortheil ihre Melassen in Gährung versezen können.

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Diese Ansicht ist eben so irrig, als das Verfahren für die Zukerausbeute nachtheilig. Der Zusaz des Kalkes geschieht beim beginnenden Einkochen des frisch ausgepreßten Runkelrübensaftes als Mittel zum Klären desselben. Ein beobachtender Runkelrüben-Zukerfabrikant kennt schon aus Erfahrung, wie viel er dem in Arbeit befindlichen Safte zur völligen Klärung zuzusezen hat, welches bedingte Verhältniß auf den Syrup und den daraus durch Körnung oder Kristallisation abzuscheidenden Zuker nicht nachtheilig wirkt. Wird dagegen dem Safte mehr Kalk (wie dieß in Frankreich der Fall zu seyn scheint), als zur Klärung desselben erforderlich ist, zugestzt, und derselbe darauf durch Schwefelsäure als Gyps (schwefelsaurer |486| Kalk) aus der Flüßigkeit gefällt, dann werden die in dem Runkelrübensafte befindlichen Pflanzensäuren (Weinsteinsäure, Aepfelsäure u.s.w.), welche mit dem Kalke unauflösliche Verbindungen eingingen, durch die Schwefelsäure wieder von ihrer Verbindung mit dem Kalke getrennt, welche darauf dem Körnen oder Kristallisiren des Zukers aus dem eingedikten Syrupe sehr hinderlich sind, und die Ausbeute an wirklichem Zuker bedeutend vermindern, wie dieses in der früher hier in Augsburg bestandenen Runkelrüben-Zukerfabrike vielfältig beobachtet worden ist. A. d. Red.

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Den wir seiner Zeit in Bd. XVIII. S. 398, des polytechn. Journals mittheilen. A. d. Red.

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