Titel: Ueber den Färbestoff der schwarzen (blauen) Weinbeeren-Bälge als ein chemisches Reagens
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1826, Band 20, Nr. XXII./Miszelle 24 (S. 108–111)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj020/mi020022_23
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Ueber den Färbestoff der schwarzen (blauen) Weinbeeren-Bälge als ein chemisches Reagens

hat Hr. Prof. Joachim Taddei im Giornale di Fisica Decade II. T. VII. p. 437. eine interessante Abhandlung mitgetheilt. Das Verbleichen des Veilchen-Syrupes nöthigte ihn, sich um ein dauerhafteres Reagens umzusehen. Er glaubte dieß in den Balgen der schwarzen oder sogenannten Weinbeeren gefunden zu haben, welche er nach dem Auspressen und Troknen mit Weingeist von 0,84 Sp. Schw. übergießt, einige Stunden, lang in einer Temperatur von 22° am 100 grädigen Thermometer digerirt, und dann noch ein oder zwei Mahl auf dieselbe Weise behandelt. Die auf diese Weise erhaltenen Tincturen (welche zusammengeschüttet werden), sind rothviolettbraun, durchsichtig, und riechen wie neue Weinfässer. Abgedampft zur Extract-Dike bilden sie eine rothbraune Masse, die sich in Wasser, und noch leichter in Weingeist auflöst. Zersezt durch das Feuer liefert sie dieselben Producte, wie die übrigen Pflanzen-Stoffe, und hält keinen Stikstoff; ihre Kohle zeigt eingeäschert einige Spuren von Pottasche. Papier in diese Tinctur eingetaucht, und der Luft ausgesezt, nimmt eine violette Farbe an, wie Papier, das in eine gesättigte wässerige Lakmuß-Auflösung getaucht wurde.

300 Theile Wasser mit Einem Theile dieser Tinctur von 0,89 sp. Schw. gemengt, bleiben wasserhell; nur wenn 120 Raumtheile auf 1 Theil Tinctur kommen, fängt das Wasser an kaum merklich rothviolett zu werden. Bringt man in obige, wasserhelle, Mischung ein Glasstäbchen, das an seinem unteren Ende in Hydrochlor- oder Salpetersäure getaucht wurde, so wird diese wasserhelle Mischung augenbliklich rosenroth, und zeigt noch diese Farbe, wenn man so viel Wasser zusezt, daß 1800 Raumtheile desselben auf Einen Theil Tinctur kommen. Ein Raumtheil Schwefelsaure von 1,80 sp. Schw., mit 48000 Theilen Wasser verdünnt, wird auf der Stelle durch ein paar Tropfen dieser Tinctur angezeigt, und bildet eine so deutlich rothe Farbe, daß man dieselbe noch durch ein 23 Millimeter dikes Krystallglas erkennt. Ja selbst mit 100000 Theilen Wasser verdünnt, wird die Schwefelsaure durch diese Tinctur entdekt, wenn man die Mischung in einem gläsernen Cylinder von ungefähr 7 Centimeter im Durchmesser hält. Sehr concentrirte Hydrochlor- und Salpetersäure wirkt beinahe wie Schwefelsäure. Unvollkommene Arseniksäure ändert die Farbe der Tinctur in Blutroth. Wenn man einen Strom schwefelig- oder hydrothionsauren Gases durch eine mehr oder minder mit Wasser verdünnte Tinctur ziehen läßt, scheint die Farbe des Reagens etwas schwacher zu werden; sie wird aber Rubinroth, wie man sie einige Zeit über der Luft aussezt. Eben dieß hat auch bei Kohlensäure, nur in einem schwächeren Grade, Statt. Essig-, Penzoe-, Sauerklee-, Bernstein- und Weinsteinsäure wirken auf dieselbe Weise, und verwandeln das Violettroth der Tinctur in Rubinroth. Boraxsaure verwandelt sie aber nach und nach in ein schönes Violett.

Kaustisches Ammonium von 0,915 sp. Schw. mit 25,000 Raumtheilen Wasser verdünnt, gibt der Probeflüßigkeit eine grünliche Farbe, die selbst noch bei einem Gemenge von 45 bis 50000 Theilen Wasser auf Einen Theil Ammonium in einer Glasröhre von 5 Centimeter Durchmesser bemerkbar ist. Auf trokene kaustische Pottasche und Soda ist diese Probeflüßigkeit noch wirksamer, und entdekt sie in einer noch größeren Menge Wassers; augenbliklich im Eiweiß oder im Blutwasser. Etwas mehr Tinctur und Alkali im Ueberschusse gibt ein dunkles Bouteillengrün, welches aber bald strohgelb wird, wenn das Alkali kaustisch ist. Man kann aber dann weder die Farbe der Tinctur mehr herstellen, noch eine rothe Farbe durch Säuren hervorrufen. Mehr oder minder schmuziggrün wird die rothviolette Farbe dieser Tinctur durch Schwer-, Strontian-, Bitter oder Kalkerde. Alaunerde verbindet sich aber mit dem Färbestoffe, fällt in Floken nieder, und läßt die Flüßigkeit mehr oder minder entfärbt. |110| Wie die Alaunerde, wirkt auch das Zinkoxid. Die beiden, als Bleiglatte und Mennig bekannten, Blei-Oxide, so wie das Queksilber-Deuteroxid in der mit Wasser verdünnten Tinctur einige Zeit über gelassen und geschüttelt, schlagen den Farbestoff nieder, und verbinden sich damit zu einem Dunkelviolett oder Blau, welches jedoch von Säuren wieder geröthet wird. Die Verbindungen der Hydrochlorsaure mit Ammonium, Soda und Schwererde, Schwefelsäure, Pottasche und Soda, salpetersaure Pottasche wirken nicht merklich auf diese Tinctur. Das neutrale essigsaure Blei-Protoxid verändert die Farbe desselben in Blau, und fällt den mit dem Metalloxide verbundenen Farbestoff in Streifen von dieser Farbe. Eben so wirkt kohlensaures Blei-Protoxid, das nur in Pulverform mit dieser Flüßigkeit geschüttelt werden darf, um diese Wirkung hervorzubringen. Auch schwefelsaures Zinkoxid verändert die Farbe in Blau, wo die Säure nicht in Ueberschuß vorhanden ist. Schwefelsaures Kupfer-Deuteroxid färbte die mit Wasser verdünnte Tinctur grünlich, die endlich blau grün wurde, und Floken von derselben Farbe niederschlug. Essigsaures Kupfer-Deuteroxid verhielt sich beinahe auf dieselbe Weise. Schwefelsaures Eisen-Protoxid und andere Salze von derselben Basis wandelten die Farbe der Tinctur nach und nach in Rubinroth um, welches mit der Zeit bleich und gelblich wurde. Vorwaltende Säure macht hier keinen Unterschied. Queksilber-Deuteroxid verstärkt anfangs die Farbe der Tinctur, und wandelt sie dann in Blau um, trübt sie, und bildet einen Bodensaz. Queksilber-Protochlorür verhält sich, wo es mit der Tinctur gerüttelt wird, beinahe auf dieselbe Weise. Chlorsaure Pottasche, schwächt die Farbe nicht. Die Tinctur ist für den Ueberschuß der Säure in den übersauren, und der Basis in den basischen Salzen sehr empfindlich. Das Bitartrat und Quadroxalat der Pottasche wirkt auf dieselbe, wie diese Säuren selbst. Schwefelsaure Thonerde und Pottasche theilt der Tinctur jedoch eine schöne und haltbare violette Farbe mit. Die säuerlichen kohlensauren Verbindungen wirken wie die basischen kohlensauren alkalischen Verbindungen. Basisches essigsaures Blei-Protoxid macht die Tinctur grün, obschon die Basis für sich allein die Farbe derselben in Blau verwandelt. Dieses Reagens entdekt auf der Stelle, ob in der phosphorsauren Soda die Basis vollkommen mit der Säure gesättigt ist, oder nicht; denn wenn die Basis nur im Geringsten vorwaltet, so färbt sich die Tinctur grün oder blaugrün. Basische boraxsaure Soda (Borax) wirkt auf die Tinctur wie kohlensaures Alkali, und eben so wirkt Seife aus Pottasche oder Soda. Die Bicarbonate der Pottasche und Soda wirken wie die kohlensauren Alkalien selbst, und färben sie grünlich, wenn sie mit vielem Wasser verdünnt ist, oder bouteillengrün, wenn sie nur wenig verdünnt ist. Die Säuren stellen aber die Farbe wieder her, und machen die Tinctur roth, wenn sie im Ueberschusse beigesezt werden. Eben dieses Reagens dient auch, um sich zu überzeugen, ob die metallischen, durch zugegossene Alkalien gebildeten, Niederschlage durch das Aussüßen hinlänglich von allem Alkali gereinigt wurden. Die Tinctur entdekt die kleinste Quantität von kohlensaurem Alkali, die man mittelst Curcuma nur mit Mühe oder gar nicht auszumitteln vermögen würde.

Eben so ist diese Tinctur auch das allerempfindlichste Reagens auf die Kalkverbindungen. Das vorwaltende Daseyn der Kalkerde vor der Phosphorsäure zeigt sich in der gebrannten Knochenerde auf der Stelle mittelst dieser Tinctur; sie wird durch die Knochenerde gar bald grün oder schmuziggrün. Man kann mittelst dieser Tinctur auf der Stelle entdeken, ob das Kalkchlorür bei dem Abrauchen zu stark getroknet wurde. Der mindeste Ueberschuß von freier Kalkerde verräth sich durch die grünliche Farbe, oder durch das gänzliche Verschwinden der Farbe, wenn man nur einige Tropfen Tinctur nimmt. Natürlicher Gyps wie künstlicher verwandelt die Farbe der Tinctur in ein dunkles Blau. Kohlensaurer, bloß im Wasser schwebend erhaltener, Kalk, sey es gepülverter Marmor, oder Kreide verändert die Farbe der Tinctur in ein schmuziges Grün; überschüßige |111| Kohlensäure macht hier keinen Unterschied. Wenn mit Kohlensäure übersättigtes Wasser nur etwas Kalk enthält, so wird derselbe dadurch bemerkbar. Die an kohlensaurem Kalke großentheils reichhaltigen Wasser in Florenz zerstören die Farbe der Tinctur, wenn sie sehr verdünnt ist, oder machen sie schmuziggrün, wo sie gesättigt ist; ja selbst das Regenwasser, das über Ziegeldächer lief, oder in Cisternen aufbewahrt ist, vermag dieß.25)

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Wenn auch dieses neue Reagens nicht so allgemein in chemischen Laboratorien eingeführt werden sollte, wo man beinahe für jeden Körper eigene Reagentien besizt, so scheint es doch die Aufmerksamkeit der Färber zu verdienen. Vielleicht lenkt es dieselbe auch auf die Menge anderer schwarzer Beeren, die bei uns unbenüzt abfallen, oder von Vögeln gefressen werden, und, gehörig behandelt, ein Färbematerial darbiethen können. Es ist Zeit, auf andere Färbe-Materialien zu denken, und von America in dieser Hinsicht, sofern es möglich ist, eben so unabhängig zu werden, als sich bereits America in vielen Dingen von dem Kontinente unabhängig gemacht hat. A. d. Ueb.

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