Titel: Programm eines Preises, welchen die Société de Pharmacie de Paris im Jahre 1826 für das Jahr 1827 ausschreibt.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1826, Band 20, Nr. XLVIII./Miszelle 4 (S. 203–206)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj020/mi020048_5

Programm eines Preises, welchen die Société de Pharmacie de Paris im Jahre 1826 für das Jahr 1827 ausschreibt.

Es ist durch die Erfahrung bekannt, daß nicht blos die weinigen Flüssigkeiten, sondern auch viele andere vegetabilische und thierische Substanzen, vermöge einer freiwilligen Veränderung, die man bis jezt mit dem Nahmen saure Gährung bezeichnete, Essigsäure erzeugen können. Ebenso bekannt ist es, daß Alkohol, wenn er mit gewissen Gährungsmitteln in Berührung gebracht wird, gleichfalls Essigsäure gibt; die meisten der wesentlichen Umstände, welche diese Umwandlung bestimmen, sind jedoch noch unbekannt.

Worin besteht die eigentliche Verrichtung jener Substanzen, die man Gährungs-Stoffe nennt? Besizen diese Körper alle ein gemeinschaftliches |204| Princip, durch welches sie Gährung erregen, oder gibt es so viele besondere Gährungs-Stoffe, als es Körper gibt, die die Gährung hervorzurufen im Stande sind? Welcher Charakter läßt sich im Bejahungs-Falle, diesen Substanzen beilegen, um ein eigenes Geschlecht aus denselben zu machen? Bringt jeder Gährungsstoff verschiedene Erscheinungen hervor, oder wiederhohlen sich diese Erscheinungen auf eine bestimmte und unabänderliche Weise, wie das bei der weinigen Gährung der Fall ist?

Mehrere dieser Fragen wurden zwar schon von ausgezeichneten Chemikern abgehandelt; allein ungeachtet aller hierüber gelieferten Arbeiten, muß man gestehen, daß wir noch weit von einer genügenden Lösung derselben entfernt sind, und zwar selbst in Betreff der geistigen Gährung, deren Theorie einen Grad von Genauigkeit erreicht hat, welchen die der sauren Gährung noch bei weitem nicht besizt.

Man kann die beiden Abhandlungen des Hrn. Colin über diesen Gegenstand in den Annales de Chimie et de Physique Band XXVIII. und XXX. (Polytechn. Journal B. XVIII. S. 239., B. XIX. S. 283.) nachsehen. Der Verfasser nimmt an, daß eine große Menge von Körpern im Stande ist, Gährung hervorzubringen; daß alle diese Substanzen Stikstoff enthalten, und die Gährung vermöge der Elektricität erregen, welche sich bei ihrer freiwilligen Zersezung entwikelt.

Hr. Thenard (Elémens de Chimie) stellte seit langer Zeit die Meynung auf, daß während des Gährungs-Processes dem Gährungs-Stoffe eine bestimmte Menge Stikstoff entzogen wird, obwohl man denselben in keinem der Produkte dieser Operation wieder findet.

Man kann auch die Artikel Ferment und Fermentation im 8ten Bande des Dictionaire de Technologie nachsehen, wo Hr. Robiquet die verschiedenen, über unseren Gegenstand aufgestellten, Meynungen mit vielem Scharfsinne angibt und beleuchtet.

In Betreff der sauren Gährung herrscht noch größere Dunkelheit, weil die verschiedenen Gährungs-Stoffe noch viel weniger genau bestimmt sind; denn bald sezt man alkoholischen oder andern Flüssigkeiten, Weinhäfen, Weinstein, Flüssigkeiten, die sich in Gährung befinden, als Gährungs-Mittel zu, bald aber Bierhäfen oder Sauerteig: meistens enthalten aber die organischen Substanzen selbst schon das Princip, welches diese Veränderung erzeugt, und gehen ohne Zusaz fremder Körper in Gährung über.

Chaptal (Art de faire le vin) schreibt der vegeto-animalischen Substanz, welche die jungen Weine enthalten, die Eigenschaft zu, dieselben zur sauren Gährung zu bestimmen; und deßwegen, sagt er, erleiden die alten Weine, welche dieselbe größten Theils verloren haben, so schwer diese Art von Veränderung.

Derselbe Autor sagt, im angeführten Werke, daß man dem Weine die Eigenschaft zu gähren wiedergeben könne, wenn man Wein-Blätter und Ranken in demselben digerirt. (Siehe auch Annales de Chimie. Band XXXII.)

Hieraus erhellt, daß man bis jezt nur sehr verworrene Ansichten über die saure Gährung hatte.

Die Erfahrung zeigt, daß die alkoholischen Flüssigkeiten, wenn man sie in die gehörigen Umstände versezt, am leichtesten die größte Menge Essigsäure geben. Allein auch andere Substanzen, als Alkohol, geben solche, und es frägt sich also: ob in diesem Falle diese Substanzen unmittelbar in den Zustand von Essigsäure übergehen, oder ob sie sich zuerst in Alkohol verwandeln?

Man glaubte lange Zeit, auf die Autorität Boerhaave's gestüzt, daß die alkoholischen Flüssigkeiten allein im Stande seyen, in saure Gährung überzugehen, weil in allen alkoholischen Flüssigkeiten die Bildung der Essigsäure mit Zerstörung des Alkohols begleitet ist; und weil man folglich ganz natürlich auf die Idee kommt, daß sich die Säure auf Kosten der Elemente des Alkohols bildet; durch die Versuche von Cadet (Siehe Annales de Chimie. Band LXII.) ist es aber erwiesen, daß der Zuker, der Gummi, das |205| Mehl, der Schleim ebenfalls Essigsäure geben können; und Jedermann weiß, daß die Wasser der Stärkmacher säuerlich werden, ohne daß man bis jezt Alkohol in denselben fand.

Es wäre daher geeignet, neuerdings Nachforschungen über diesen Gegenstand anzustellen; vielleicht gelingt es zu beweisen, daß die Bildung des Alkohols jener der Essigsäure vorangeht, so wie man in neuerer Zeit bewiesen hat, daß vor der geistigen Gährung Zuker-Bildung Statt hat. (Siehe Dubrunfaut Mémoire sur la sacharification des Fécules, eine von der Société royale d'agriculture de Paris gekrönte Preisschrift.)

Die Wirkung der Luft auf die saure Gährung endlich wurde noch lange nicht für jeden Fall auf eine genaue Weise ausgemittelt.

Es ist eine allgemeine angenommene Meynung, daß die Gegenwart des Sauerstoffes zur Umwandlung der organischen Substanzen in Essig nothwendig zu seyn scheint, (Chaptal, Art de faire le vin); allein es gibt mehrere Beispiele von Flüssigkeiten, welche diese Veränderungen ohne Zutritt der Luft erleiden (Thomson, Systeme de Chimie Tom. IV.) Man glaubte, daß in jenen Fällen, wo die Gährung unter dem Zutritte der Luft entsteht, der Sauerstoff absorbirt wurde, und als Bestandtheil in die Säure überging; allein Hr. de Saussure (Recherches sur la végetation) beweist, daß der absorbirte Sauerstoff durch ein gleiches Volumen Kohlensäure ersezt wird. Es ist also nicht der absorbirte Sauerstoff, der den Wein sauer macht.

Fourcroy und Vauquelin beobachteten, daß sich, bei der sauren Gährung des Mehles, nicht bloß Kohlensäure, sondern auch eine große Menge brennbares Gas entwikele. (Annales du Museum. T. VII.)

Nach Vorausschikung dieser Betrachtungen schreibt die Société de Pharmacie de Paris folgendes Programm als Preisaufgabe aus:

1stens. Bestimmung der wesentlichen Erscheinungen, welche bei der Umwandlung der organischen Substanzen in Essigsäure während des Actes der Gährung Statt haben.

2tens. Geht der Bildung der Essigsäure immer die Erzeugung von Alkohol voraus, so wie die Erzeugung von Zuker bei der geistigen Gährung jener des Alkohols vorhergeht?

3tens. Welche Substanzen können als Gährungs-Mittel für die saure Gährung dienen, und welches sind die wesentlichen Charaktere dieser Arten von Gährungs-Mittel?

4tens. Welchen Einfluß übt die Luft bei der sauren Gährung aus? Ist sie unumgänglich nothwendig? Wie wirkt sie in diesem Falle? Spielt sie dieselbe Rolle, wie bei der geistigen Gährung, oder wird sie ein Bestandtheil der Säure, im Falle sie absorbirt wird, oder bildet sie endlich fremde Produkte?

5tens. Aufstellung einer Theorie der sauren Gährung, welche mit allen beobachteten Thatsachen übereinstimmt.

Die Gesellschaft wird dem Verfasser, der alle die angegebenen Fragen vollkommen gelöst haben wird, eine Medaille von 1000 Franken zutheilen.

Im Fall nicht alle dieser Fragen genügend gelöst seyn sollten, erhält jener der HHrn. Verfasser, der die meisten der Fragen am genügendsten beantwortet, eine Medaille von 500 Franken.

Die Abhandlungen müssen französisch oder latein geschrieben seyn. Sie müssen vor dem 1sten April 1827, als dem lezten Termine, an Hrn. Henry, General-Secretär der Gesellschaft und Chef der Central-Apotheke der Civil-Spitäler in Paris, Quai de la Tournelle, N. 5 eingesandt werden.

Die Verfasser haben ihrer Abhandlung eine Devise beizusezen, welche sich auch auf einem versiegelten Billete befinden muß, das ihren Nahmen und ihre Addresse enthalten muß. Die Billete, deren Verfasser den Preis erhalten haben, werden in öffentlicher Sizung unmittelbar nach Ablesung des Berichtes der, mit dem Concurse beauftragten, Commission, vom Präsidenten geöffnet werden.

|206|

Ausländern ist gleichfalls gestattet um den Preis zu concuriren. (Aus dem Journal de Pharmacie 1826. Februar S. 112.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: