Titel: Ueber die Mechanics' Institutes.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1826, Band 20, Nr. XLVIII./Miszelle 6 (S. 206–207)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj020/mi020048_6

Ueber die Mechanics' Institutes.

Während alle wissenschaftlichen Journale aller Völker auf beiden Hemisphären die Nothwendigkeit der Bildungsanstalten für die Classe der Handwerker nicht blos anerkennen, sondern dankbar die Weisheit ihrer Regierungen preisen, welche dieselben mit väterlicher Sorgfalt fördern; während es höchst ehrenvoll für Deutschland seyn muß, Hr. Campell in seiner Rede bei Eröffnung des Western Mechanics' Institutes (die wir vorstehend zur Uebersezung in deutschen Volksblättern empfahlen) die k. preußische Regierung der englischen als Muster aufgestellt zu sehen, wie man die Kenntnisse, und folglich auch das Wohl der arbeitenden Classe fördern müsse; während endlich Hr. Campell, hätte ihn sein Reiseplan nach Oesterreich geführt, gewiß auch ähnliches Lob der österreichischen Regierung gespendet haben würde für die Gründung ihres polytechnischen Institutes zu einer Zeit, wo man in Frankreich so einfältig war, die Ecole politechnique zu unterdrüken, die aber jezt, ein neuer Phoenix, in hundert anderen Städten Frankreichs durch Dupin's Sorgfalt wieder auflebt; muß es höchst befremdend seyn in einem Journale, das einer unserer ehemaligen Landsleute, Hr. R. Ackermann zu London herausgibt, und das sich in den Händen der gesammten eleganten und höhern Welt Englands und seiner Colonien befindet, folgenden Dialog über den Werth der Mechanics' Institutes, d.h., der Unterrichts-Anstalten für Handwerker abgedrukt zu finden.

„Dr. Primrose. Ich fürchte, es wird lang hergehen, bis die Engländer wieder den Beinahmen eines denkenden Volkes verdienen. Sie zeichnen sich jezt bloß durch oberflächliche Kenntnisse aus, sind bloße seichte Schwäzer über wissenschaftliche Gegenstände, im Gegensaze unermüdlicher Forscher nach gründlicher Gelehrsamkeit, und tiefer Schöpfer aus der pierischen Quelle.“

„Hr. Montaque. Und ich fürchte, unser National-Charakter wirb, in dieser Hinsicht, noch immer mehr verdorben werden. Die Unterrichts-Anstalten für Handwerker (Mechanics' Institutes), diese Stekenpferde „der Volksfreunde“ wie sie sich selbst per excellentiam nennen, sind trefflich berechnet, um dieselben pedantischen Selbstgefühle, dieselben Ansprüche auf wissenschaftliche Kenntnisse, denselben eitlen Stolz auf philosophisches Wissen unter der großen Masse des Volkes zu verbreiten, der bisher nur auf einige Schüler in großen Städten beschränkt war. Die Idee, der arbeitenden Classe wissenschaftliche Gegenstände mittelst Vorlesungen vorzutragen, die oft unverständlich sind, und nie mehr als eine höchst einseitige Ansicht über den Gegenstand, den sie behandeln, gewähren können, ist der unschiklichste Gedanken, der sich jemals eines Menschenkopfes bemächtigen konnte.“

„Dr. Primrose. Er ist nicht bloß unschiklich in der Idee, sondern wird auch verderblich in der Ausführung werden. Er wird, indem er dem |207| armen Arbeiter einen Blik in die Wissenschaft werfen läßt, der er nie Meister werden kann, diesen Unglüklichen unruhig und mißvergnügt machen; er wird seine Aufmerksamkeit lediglich auf Dinge dieser Welt lenken, und ihn die Religion bloß als Nebensache betrachten lassen, statt daß diese zum ersten großen Zweke des menschlichen Lebens erhoben wird; er wird immer weniger geneigt werden, die Pflichten seines Standes zu erfüllen, und so eine große Summe seiner Glükseligkeit verlieren. Die beste Methode das Volk zu unterrichten ist die, welche durch Volksschulen und Leihbibliotheken in den Pfarrhäusern geschieht, die die Gesellschaft zur Förderung des christlichen Wissens (Society for promoting Christian Knowledge) zuerst aufstellte, obschon Hr. Brougham sich die Idee der Erfindung derselben zuschreibt. In diesen Schulen erhalten die Handwerker jene Grundsäze, die sie hier und dort glüklich machen; in den Pfarr-Leihebibliotheken finden sie verständige Unterhaltung und unterhaltenden Unterricht, den sie nach Hause nehmen, und mit ihren Weibern und Kindern theilen können, statt daß man sie ihre Unterhaltung finden läßt, wo sie mögen und können, ihre Zeit tödten läßt mit dem Anhören von Vorlesungen über Wärmestoff und Stikstoff, die irgend ein steinalter Rabulist herabraspelt, oder mit Feuer und Flamme sprühenden Reden, die an Jahrtägen gehalten werden, und in welchen, wie wir hören, es Sitte ist, „den Oberen auf die Ferse zu treten,“ und „vollkommene Gleichheit als den Zwek aufzustellen, wornach man streben müsse.“

Man würde glauben, daß dieses Journal zu Madrid, und nicht zu London, gedrukt wurde. Träfe der Vorwurf, der diesen Lehranstalten von Dr. Primrose am Ende seiner Chrie gemacht wird, diese Anstalten wirklich, so wäre die Regierung strafbar, die sie duldet. Da aber ein Mann, der Gottes Wort so sehr im Munde führt, wie er, so wenig zu wissen scheint, daß Gott nicht bloß das Bethen, sondern auch das Arbeiten befahl: BETHE UND ARBEITE!“ und noch weniger zu wissen scheint, daß man, wenn man so stokdumm bleibt, wie er wünscht, weder gehörig bethen, noch weniger gehörig arbeiten kann, so scheint er in lezterer Hinsicht, eben so wenig Glauben, als in ersterer Beifall zu verdienen; und die Völker der Erde werden fortfahren Gott desto inniger zu verehren, ihren Fürsten desto treuer und kindlicher zu gehorchen, und desto fleißiger und geschikter zu arbeiten, je besser sie unterrichtet sind. Einen sehenden Gaul reitet man weit leichter und sicherer als einen blinden, mein Hr. Dr. Primrose! die Obscuranten mögen zum Lobe der blinden Gäule predigen, soviel sie wollen.

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