Titel: Eröffnung der großen Hängebrüke zu Menai. (Diligence-Wesen in England.)
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1826, Band 20, Nr. LXXXIV./Miszelle 16 (S. 316–317)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj020/mi020084_16

Eröffnung der großen Hängebrüke zu Menai. (Diligence-Wesen in England.)

Diese lang und oft besprochene Hängebrüke wurde am 30ten Januar um halb zwey Uhr Morgens, als die Londoner Landkutsche93) kam, eröffnet. Was immer Plaz fand, sich an der Landkutsche anzuhangen, hieng an derselben, und dieser zehnfaltig überladene Wagen rollte mitten in einem Nachtsturme glüklich der Erste über die Brüke, die nun in den folgenden Tagen mit Kutschen, Pferden, Menschen reichlich bedekt wurde, und ihre Festigkeit erprobte. Die Lange der in den Felsen befestigten Ketten dieser Brüke beträgt 1600 Fuß, und die Brüke hängt 100 Fuß hoch über der höchsten Wasserhöhe. Jeder der zwey Pfeiler, an welchen die Ketten eingehängt sind, ist 52 Fuß über der Straße, und bildet 15 Fuß hohe und 9 Fuß breite Bogengewölbe. Die Brüke hat 2 Fahrwege; jeder derselben ist 12 Fuß breit, und dazwischen lauft der 4 Fuß breite Weg für die Fußgänger. Um der Zusammenziehung und Ausdehnung der Ketten bei dem Wechsel der Temperatur zu steuern, befinden sich oben auf den Hangepfeilern Walzen unter Satteln von Gußeisen. Die vertikalen Eisenstangen, die an der Kette hängen, und die Unterlagen für den Brükenweg halten, welche 5 Fuß weit von einander sind, sind Ein Zoll im Gevierte. Die Ketten, 16 an der Zahl, enthälten jede 5 Stangen, wovon jede 9 Fuß 9 Zoll lang, und 3 Zoll auf 1 im Gevierte hält, nebst 6 Verbindungs-Stüken |317| bei jeder Zusammenfügung, von 14 Fuß 6 Zoll Lange, und 10 Zoll auf 1 Zoll im Gevierte, welche mittelst zweier Bolzen von 65 Pf. Schwere an jedem Gelenke befestigt sind: dieser Stangen sind also im Querdurchschnitte der Ketten 80. Das Ganze hängt an 4 Reihen von eisernen Ketten mittelst senkrechter eiserner Stangen, die 5 Fuß weit von einander abstehen, und das Gestell des Brükenweges tragen. Man berechnete die Tragkraft zu 2016 Tonnen (die Tonne zu 20 Ztr.), und das zu tragende Gewicht, ohne jenes der Ketten, auf 342 Tonnen, so daß 1674 Tonnenkraft übrig bleibt. Das Gewicht der ganzen Brüke zwischen den Aufhängepunkten ist 489 Tonnen. Man hat das Steigen und Fallen der Brüke durch Ausdehnung und Zusammenziehung der Ketten in Folge des Wechsels der Temperatur auf 4 bis 5 Zoll berechnet. Glasgow Magazine, N. 114. S. 439.

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Man hat in England keine Diligencen, wie bei uns, fährt aber, mit bloßen Landkutschen, zweymal schneller, als mit unseren Eilwägen, (gesezlich nämlich 8 englische Meilen (oder eine bayerische Post) in Einer Stunde) und so wohlfeil, daß nur der Bettler in England vier Stunden weit zu Fuße geht. Die Einrichtung des englischen Diligence-Wesens ist gegenwärtig, nach Palma's Plane diese: Jeder englische Bürger kann von jedem Orte im Königreiche nach jedem anderen Reisende und Güter fahren, und daher so oft die Pferde wechseln, als er es nöthig findet, und wo er es nöthig findet. Dafür hat er an die Regierung eine nicht unbedeutende Taxe zu bezahlen. Da nun kein etwas bedeutender Ort in England ist, wo nicht zwei, drei, ja zehn und mehr Bürger dieses Gewerbe treiben wollten, so hat jeder Ort seine Landkutschen, die zur bestimmten Stunde abfahren und ankommen, und wovon die eine die andere herabbiethet, und jede zu einer andern Stunde fährt. Die Regierung läßt nun diese 2 bis 10 Landkutscher eines Ortes vorrufen, und fragt sie: wer von Euch nimmt mir meine Briefe, Pakete, Gelder am wohlfeilsten mit; leistet mir Caution für den Werth der Aufgabe, und für die gesezliche Schnelligkeit der Fahrt (8 engl. Meilen in Einer Stunde! (Samt Aufhalten |317| bey Abgabe der Pakete!!); und wer von Euch bezahlt mir für diese Gnade die höchste Abgabe? Wer am wohlfeilsten fährt, und am meisten bezahlt für die Gnade und Ehre, die Staatspost zu fahren, der wird der Staats-Landkutscher, und dessen Kutsche gibt die Regierung ihren, in Staats-Uniform gekleideten Conducteur mit. Durch diese ebenso einfache, als für das ganze Land höchst wohlthätige, Diligence-Einrichtung gewinnt England an seinen in anderen Ländern mit st vielem Zeit- und Geldverlust verbundenen sogenannten Diligence-Anstalten eine unglaubliche Summe; jährlich nicht weniger als 2 Millionen und 250,000 Pf. Sterl. (man lese Picture of London 22. Ausgabe, S. 114. ein officielles Werk!). Die Extra-Posten für Reisende, die in eigenen Kutschen fahren, so wie für die Staats-Couriere und Staffeten, besorgen die gewöhnlichen Postmeister. Wie kommt es, daß kein Staat auf dem festen Lande dieses st einfache und st gewinnreiche und wohlthätige Diligence-Wesen England's nachahmte, und lieber Tausende jährlich verliert als Zehntausend gewinnt! Wahrscheinlich läßt man über Postwesen einen Postdirektor referiren, dessen Interesse in dem Maße gewinnt, als der Staat verliert, und der da glaubt, es sey mit dem Postwesen wie mit dem Weine; „je älteres Herkommen, desto besser.“ A. d. U.

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