Titel: Ueber den Ertrag der Seidenraupen-Zucht in Italien.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1826, Band 20, Nr. LXXXIV./Miszelle 22 (S. 320)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj020/mi020084_22

Ueber den Ertrag der Seidenraupen-Zucht in Italien.

Die Continuazione degli Atti dell' I. R. Accademia economico-agraria dei Georgofili di Ferenze enthälten in ihrem IVten Bande, Nr. 21, ein Schreiben des Hrn. Lambruschini an Dr. Passerini über den Erfolg der Anwendung der Methode des berühmten Grafen Dandolo auf die Seidenzucht. Das Resultat der Versuche des Hrn. Lambruschini ist, daß er, in anderthalb Monaten, an einem nach Dandolo's Methode auf Seidenraupen-Zucht verwendeten Capitale von 1500 Lire, in. einem der Seiderzucht sehr ungünstigen Jahre, 28 Proz. reinen Gewinn hatte. Der treffliche Redattore della Biblioteca italiana, Acerbi, findet indessen diese Rechnung nichts weniger als scharf, und versichert, daß einer seiner Landsleute bei Mayland aus zwei Loth Eyern des Seiden-Nachtfalters 50 Pf. Cocons erhielt. Er rechnet nun den Preis der zwei Loth Eyer zu 3 Lire 5 den Preis der 900 Pf. Blätter, welche die aus diesen Eyern ausgekrochenen Raupen fraßen, zu 7 Lire den Zenter, also zu 63 Lire: folglich das ganze aufgewendete Capital zu 66 Lire. Er rechnet ferner den Werth Eines Pfundes Cocons zu 3 Lire; folglich erhielt sein Landsman für 50 Pf. Cocons 150 Lire. Davon 66 Lire als Ausgabe abgezogen, gibt 84 Lire Gewinn an einem Capitale von 66 Lire; also mehr als 128 Proz., statt 23 in anderthalb Monaten. Es ist gewiß, daß kein Zweig der Oekonomie einträglicher ist, als der der Seidenraupenzucht, wenn er gehörig verstanden und betrieben wird; es ist aber auch gewiß, daß man bei keinem Zweige der Landwirthschaft mehr verlieren kann, als bei diesem, wenn man ihn nicht gehörig versteht, und wenn man, wie es gewöhnlich der Fall ist, ehe ernten, als säen will. Wir müssen in Deutschland vor Allem auf Anlage von Alleen und Schlagen von Maulbeerbäumen denken; bis diese zu irgend einer, im Großen nuzbaren, Größe heranwachsen, werden zwanzig und mehr Jahre verstreichen. Wer nicht das hierzu nöthige Capital auf Grund und Boden, und Wartung und Pflege der Bäume, für zwanzig Jahre unbenüzt, wenden will, der darf auch nicht auf 128 Proz. in 6 wöchentlichem Umkehre rechnen wollen. Man muß ehe säen, ehe man ernten will.“ Private wenden nicht gern ein Capital auf Zinsen, die erst für ihre Söhne und Enkel zahlbar werden; und wenn Regierungen ähnlichen Aufwand machen, so werden sie, wie die Geschichte des Undankes, mit welchem man Theresiens und Joseph's Sorgfalt in Oesterreich, Friedrich's II. Weisheit in Preußen, unseres hochseligen Churfürsten Maximilian's Vatergüte in Bayern lohnte, nur zu traurig erweiset, in der Regel auf das Schändlichste für ihren fürstlichen Aufwand betrogen. Dieß sind die Klippen, an welchen bisher alle Versuche, Seidenzucht in Deutschland einzuführen, scheiterten. Diese Klippen werden nur dann mit Sicherheit umfahren werden können, wenn die Masse des Volkes über sein physisches Interesse gehörig aufgeklärt seyn, und einsetzen wird, daß es nichts Besseres thun kann, als, statt der nuzlosen und so oft sogar schädlichen Bäume und Sträucher den nüzlichen Maulbeerbaum, der mit jedem Boden und mit jeder Lage vorlieb nimmt, auch nur strauchmäßig, zu pflanzen.

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