Titel: Bizio's, neu entdekte Eigenschaft der Nordhäuser Schwefelsäure.
Autor: Bizio, Bartolommeo
Fundstelle: 1826, Band 21, Nr. XXXI. (S. 141–160)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj021/ar021031

XXXI. Neu entdekte Eigenschaft der Nordhäuser-Schwefelsäure. Von Barthol. Bizio.

Aus dem Giornale di Fisica, Chimica etc. Dec. II. T. VIII. 1825. Sesto Bimestre S. 393.

Beobachtung einer Erscheinung, welche die angegebene Säure hervorbringt; Erklärung derselben und Versuche, durch welche sie bestätigt wird.

Nachdem ich bereits vor einem Jahre wiederholt und auf verschiedene Weise mehrere sehr sonderbare Erscheinungen, welche mir die Nordhäuser Schwefelsäure darbot, beobachtet hatte, |142| kam mir Bussy's Abhandlung über diese Säure46)zu Gesicht. Da dieselbe von einer so ausgezeichneten Gesellschaft mit dem Preise gekrönt worden war, so hoffte ich sehr viele schöne und neue Sachen darin zu finden; allein wie sehr hatte ich mich geirrt! Mit Erstaunen sah ich darin nicht nur die alten Dinge des berühmten Melandri von Bussy für neu ausgegeben, sondern dieselben auch von einer achtbaren Gesellschaft, welche diese Abhandlung mit dem Preise krönen zu müssen glaubte, als solche aufgenommen. Vor bereits 16 Jahren machte Melandri durch den Druk bekannt, worin eigentlich die Natur der sternförmigen und einförmigen Säure bestünde, indem er sich frei der Meinung Fourcroy's und anderer Chemiker widersezte, welche dieselbe für schwefelige Säure hielten. Da er diese Säure in der Folge noch viel genauer studirte, so lehrte er von seinem Katheter aus eine Menge sehr schöner Gegenstände, welche sich nicht in Bussy's Arbeit befinden; um so mehr da er mit seinen eigenen Erfahrungen auch jene seines Collegen, des berühmten Carburie, verband.

Während Hr. Bussy es unternahm, die Chemiker (wie er glaubte) über die Natur der sternförmigen und eisförmigen Säure aufzuklären, erwähnt er mit keinem Worte einer Erscheinung, welche ich beobachtete, obschon sich (wie ich später zeigen werde) mit Recht schließen läßt, daß sie auch unter seinen Augen Statt haben mußte. Da ich diesem seinem Fehler abhelfen will, so will ich zuerst meine Beobachtungen angeben, und hierauf die zahlreichen Versuche beschreiben, welche mich von der sonderbaren Eigenschaft der rauchenden Säure überzeugten.

Im Frühlinge des Jahres 1824 verschaffte ich mir durch Destillation höchst reine Nordhäuser Schwefelsäure. Da diese Säure nicht von den concentrirtesten47)war, so erhielt ich sie |143| wasserklar und farblos, aber doch ziemlich rauchend. Diese Säure brachte ich in eine gläserne Flasche mit eingeriebenem Stöpsel; so lange dieselbe voll war, erfolgte nichts von Bedeutung; als ich aber etwas davon herausgenommen hatte, und der oberste Theil der Flasche leer war, sammelten sich nach einigen Tagen an der inneren Wölbung einige Tropfen einer dunklen Substanz, welche mit der Zeit beinahe die Farbe des Harzes bekam. Ich suchte nun dieselbe herauszubringen, was mir auch gelang. Diese Substanz war sauer, schwarz und klebrig, so daß sie sich etwas schwer in derselben Schwefelsäure auflösen ließ. Ich wußte anfangs nicht, wie sie entstehen konnte, und da ich nicht glaubte, daß sich diese Substanz wieder bilden würde, so ließ ich die Flasche da, wo sie war; allein, gegen meine Vermuthung erschienen die Tropfen wie vorher; aus diesem Grunde goß ich, obschon ich überzeugt war, daß die Ursache nicht in Unreinigkeit der Flasche gelegen seyn konnte, weil dieselbe neu und gut gereinigt war, die Säure in eine andere ähnliche Flasche, und entfernte sie von dem Orte, wo sie bisher stand, indem ich im Zweifel war, ob nicht andere Substanzen, welche sich ebenfalls an diesem Orte befanden, durch ihre Verwandtschaft zu dieser Erscheinung beigetragen haben konnten; ich stellte die Flasche daher an einen Plaz, wo ich sicher war, daß kein anderer Körper, als die atmosphärische Luft, an dem Entstehen dieser Erscheinung Antheil haben könnte; allein auch hier erfolgte das bereits Angegebene.

Diese Erscheinung wurde, soviel ich weiß, noch von Niemand beobachtet, indem Thenard allein bei Gelegenheit, wo er von der Schwefelsäure spricht, sagt: „daß sie weder bei der gewöhnlichen Temperatur, noch erhizt auf das Sauerstoffgas und auf die atmosphärische Luft wirkt, indem sie aus diesen gasförmigen Flüßigkeiten bloß den darin enthaltenen Wasserdampf anzieht, und zwar in dem Maße, daß ihr Gewicht dadurch verdoppelt wird. Dieß erfolgt (sagt er) nach einigen Tagen, wenn man die Säure in einem Schüsselchen dem freien Zutritte der Luft aussezt; zu bemerken ist, daß die Säure, während sie diese große Menge Wasserdampf aus der Luft anzieht, wenn sie vorher auch wasserklar und ungefärbt war, gelb wird; diese Färbung rührt davon her, daß vegetabilische oder animalische Theile, welche in der Luft herumfliegen, in die Säure fallen, |144| welche dieselben durch ihre zersezende Kraft verkohlt.48) Man sieht aber wohl den großen Unterschied zwischen dem, was Thenard sagt, und meinen Beobachtungen. Die Tropfen der schwarzen Substanz, welche sich in dem leeren Raume der Flasche ansammelten, konnten nicht von den, in der Luft befindlichen Körperchen herrühren; denn die Flasche war genau mit einem eingeriebenem Stöpsel verschlossen, der durchaus keinen Staub eindringen ließ.49)Wenn also der Staub diese Schwärzung nicht hervorbringen konnte, so weiß ich die Ursache dieser Erscheinung nur auf folgende Weise zu erklären. Die rauchende Nordhäuser Schwefelsäure besizt eine so große Verwandtschaft zum Wasser, daß sie, wie Thenard versichert, eine so große Menge davon aus der Luft anzieht, daß ihr Gewicht um das Doppelte zunimmt. Da es nun sehr schwer ist, ein Gesäß so genau zu verschließen, daß die Luft nicht in dasselbe einzudringen vermag, wie uns die gewöhnlichen Luftpumpen beweisen, an welchen sich der leere Raum nie längere Zeit hindurch erhält, so reichen die angegebenen Stöpsel (wenigstens an den bei uns verfertigten Flaschen) nicht hin, um zu verhindern, daß die große Kraft der Säure nichts von dem, in der äußeren |145| Luft enthaltenen, Wasserdampfe in den inneren Raum ziehe. Der auf diese Weise hereingekommene Dampf wird durch die Kraft der Säure sehr verdichtet, sezt sich ab, und fließt an der inneren Wölbung der Flasche herab. Bis hierher ergibt sich jedoch noch kein Grund des erfolgenden Schwarzwerdens. Wenn wir aber annehmen, daß sich vegetabilische und animalische Substanzen als feiner Dunst in die Luft erheben, so ist es leicht zu begreifen, wie dieser Dampf in Verbindung mit dem Wasserdampfe, und durch Beihülfe von diesem lezteren, in den inneren Raum der Flasche gelangt, wo sich dann diese Substanzen durch die Schwärzung, die durch die zersezende Kraft der Säure erfolgt, zu erkennen geben. Durch die Erklärung dieser Erscheinung ist auch die Entstehung der Tropfen und die allmählige Verdichtung derselben erklärt.

Daß sich vegetabilische und animalische Substanzen als feiner Dunst erheben, ist eine von den Physikern und Chemikern allgemein angenommene Meinung; auch scheinen jene ungesunden Ausdünstungen, die uns mit anstekenden Krankheiten belästigen, dieser Natur zu seyn, indem sie durch Räucherungen zerstört werden; allein der Beweis ihrer Existenz wurde (soviel ich weiß) bis jezt noch von Niemand zur Thatsache erhoben; die höchst genaue Arbeit des berühmten Brocchi scheint ebenfalls gerade das Gegentheil zu beweisen.50)

Obschon an der eben angeführten Thatsache nicht zu zweifeln ist, so könnte es doch auch seyn, daß der Dunst der vegetabilischen und animalischen Substanzen durch die Kälte nicht so leicht verdichtet wird, als der Wasserdampf, obschon er von der Schwefelsäure mächtig angezogen bleibt; und in diesem Falle, vorausgesezt, daß es nach Brocchi's Versuchen wahr ist, daß sich in dem, von der atmosphärischen Luft aufgenommenen Wasser keine Spur von vegetabilischer oder animalischer Materie befindet, ist es nicht minder wahr, daß die rauchende Säure einige organische Ausdünstungen anziehen könne.

Es ist leicht einzusehen, daß diese besondere Eigenschaft der rauchenden Schwefelsäure, wenn sie ein Mahl hinlänglich erwiesen ist, ein höchst schäzenswerthes Mittel werden kann, um uns die in der Luft befindlichen faulen Ausdünstungen zu zeigen; vielleicht gelingt es uns auch noch durch vergleichende |146| Versuche jene unter denselben zu unterscheiden, welche besondere Krankheiten unter uns erzeugen, so wie auch jene, welche ganz unschädlich sind, oder unserer Gesundheit nur geringen Nachtheil bringen.

Die vielfachen Versuche, welche ich angestellt habe, scheinen mir so gewichtig, daß sie hinlänglich sind, um diesen Gegenstand außer Zweifel zu sezen. Ehe ich zur Angabe derselben übergehe, will ich aber auf einen Umstand aufmerksam machen, der, wenn er früher beachtet worden wäre, uns früher zur Kenntniß der angeführten Eigenschaft der rauchenden Säure geführt hätte. Jedermann weiß, daß die, durch Verbrennung des Schwefels erhaltene, Schwefelsäure im Handel zwar nicht wasserklar, aber doch farblos, vorkommt, während die rauchende sachsische Schwefelsäure immer eine mehr oder weniger dunkle Farbe besizt. Rührte diese Färbung der sächsischen Säure von dem Staube der Luft, welche in die Flaschen eindringt, oder von einer zufälligen Vermischung mit organischen Substanzen her, so müßte auch die englische oder französische Säure gefärbt seyn, indem der Staub der Luft oder irgend eine andere, auch noch so geringe, Menge einer vegetabilischen oder thierischen Substanz hinreicht, dieselbe zu färben. Dieser Unterschied beweist, daß es nicht der Staub oder eine andere zufällige Substanz ist, welche die Säure färbt, sondern daß die Ursache davon in einer besonderen Eigenschaft dieser Säure liegt, welche (wie gesagt) darin besteht, die, in der Luft befindlichen organischen Aushauchungen aufzusaugen.

Ich theilte die Beobachtung der schwarzen, in dem leeren Raume der Flasche entstandenen Tropfen meinem Lehrer, dem berühmten Melandri, mit, der, sowohl weil er diese Säure mehr als irgend jemand anderer studirt hatte, als wegen seiner tiefen Kenntnisse, das Fortschreiten meiner Versuche unterstüzen konnte, wenn ihm meine Meinung recht schien; er fand die Erklärung, welche ich von dieser Erscheinung gab, nicht bloß passend, sondern er sagte mir auch, daß er ebenfalls die Entstehung dieser schwarzen Substanz in den Flaschen beobachtete, von welchen er eine große Menge in seinem Laboratorium hat. Durch diese Mittheilung wurde ich zur Fortsezung der angefangenen Untersuchung ungemein aufgemuntert.

Um mich also noch mehr zu überzeugen, daß es die Ausdünstungen organischer Substanzen sind, welche die schwarzen |147| Tropfen und die Verdunkelung der Säure hervorbringen, machte ich folgenden vergleichenden Versuch. Ich brachte etwas Schwefelsäure, welche so rauchend, als nur möglich, war, in ein gläsernes Fläschchen; sezte dieses auf einen reinen gläsernen Teller, und stürzte eine zwei Fuß hohe Glasgloke darüber. In ein anderes, von dem beschriebenen kaum verschiedenes, Fläschchen goß ich etwas von derselben Säure, und sezte es durch Glasröhren mit zwei tubulirten Flaschen von etwas großer Capacität in Verbindung; in die leztere dieser Flaschen wurde faules Fleisch gethan. Hier befand sich die Säure mit einer, mit faulen Dünsten geschwängerten, Luft in Verbindung, während sie im ersten Falle nur mit atmosphärischer Luft von gewöhnlicher Reinheit in Berührung kam; rührte also die Färbung wirklich von den organischen Dünsten her, so mußte sie dort, wo sich das faulende Fleisch befand, viel größer seyn, als unter der Gloke, in welcher bloß atmosphärische Luft war, was ich auch wirklich beobachtete. In dem Fläschchen, in welchem sich die von dem, in Fäulniß begriffenen, Fleische herrührenden Dämpfe befanden, sammelten sich an der inneren leeren Wölbung ähnliche Tropfen von dunkler Farbe, welche anfangs lichtbraun waren, nach einigen Tagen aber sehr dunkel wurden, und diese Farbe auch der Säure mittheilten; während in der unter der Gloke befindlichen Flasche sich keine solchen Tropfen zeigten, und die Säure selbst viel schwächer, als in der anderen Flasche, gefärbt wurde. Es ist auch noch eine andere, bei der Färbung der Säure beobachtete, Erscheinung zu bemerken. Alle Säure hatte schon eine leichte Färbung angenommen; allein in der Masse der Säure, mehr gegen die Oberfläche, als gegen den Boden, war parallel mit dem Horizonte ein zwei Linien diker, beinahe schwarzer Kreis, als wenn die Säure in drei verschiedene Schichten getheilt wäre. An der Oberfläche, oder vielmehr gegen die Oberfläche, hatte sie eine sehr hellblaue Farbe, hierauf kam der angegebene schwarze Kreis, und unter diesem war die Säure etwas mehr gefärbt, als an der oberflächlichen Schichte, oder besser gesagt, an der ersten, über dem schwarzen Kreise befindlichen, Schichte. Dasselbe, was ich von der unter der Gloke befindlichen Säure sagte, erfolgte auch mit jener, welche sich in Berührung mit den faulen Ausdünstungen befand; nur war hier die Säure bloß in zwei Schichten getheilt; die schwarze oder dunkel gefärbte befand sich am |148| Boden oder nahe an demselben, die andere minder gefärbte aber oben.

Die Resultate der angeführten Versuche scheinen mir wichtig genug, um die Wirkung der Nordhäuser Säure auf die vegetabilischen oder animalischen Ausdünstungen zu beweisen. Die stärkere Schwärzung der Säure, welche mit der faulen Ausdünstung in Berührung stand, läßt sich nur diesen Dünsten zuschreiben, welche von der Säure aufgesogen und verbrannt wurden; indem die rauchende Säure weder auf den Stikstoff, noch auf den Kohlenstoff, noch auf irgend eine andere Substanz wirkt, welche sich bei der Fäulniß entwikelt, wenn man sie einzeln darauf wirken läßt; sie wirkt auch nicht auf eine gewöhnliche Verbindung derselben, wie das Ammonium ist; nie erhält man dadurch die oft erwähnte gefärbte Substanz, so daß folglich die Färbung bloß durch die Wirkung der Säure auf die faulen Dünste hervorgebracht wird.

Da die Abscheidung der Säure in verschieden gefärbte Schichten auch zum Beweise beiträgt, daß die Färbung von organischen Ausdünstungen herrührt, so wollen wir nicht weiter gehen, ohne auch über diese sonderbare Erscheinung etwas zu sprechen. Die rauchende Säure zieht aus der Luft den Wasser-Dampf und zugleich die in demselben enthaltenen organischen Flüßigkeiten an. Dieses Einsaugen der Säure erfolgt auf der Oberfläche derselben. Da nun die Säure durch Anziehen von Wasser specifisch leichter wird, so befindet sich oben eine Schichte Säure, welche verdünnt, und daher leichter ist, als die untere; allein, während die Säure den Wasserdampf anzieht, nimmt sie zugleich auch die organischen Dünste auf, welche, indem sie zersezt werden, ein größeres specifisches Gewicht annehmen, als die auf der Oberfläche befindliche verdünnte Säure; auf diese Weise sinken sie unter, und sezen sich da ab, wo die Säure dichter ist; ein Beweis hiervon ist auch das, daß die schwarze Schichte, welche sich in dem mit der Gloke bedekten Flaschchen befand, nach und nach zu Boden sank, und sich hierauf gleichmäßig in der ganzen Masse vertheilte, nachdem alle Säure einen gleichen Grad von Dichtheit erlangt hatte.51) |149| Da ich überzeugt war, daß die Verdunkelung der Säure von der Anziehung und Zersezung der organischen Ausdünstungen herrühre, und daß die, in dem angeführten Versuche erwähnten, schwarzen Tropfen ebenfalls aus dieser organischen Substanz in Verbindung mit der bereits vorher durch Wasser verdünnten, Säure bestünden, so schien es mir, daß die Wirkung der Säure auf diese Tropfen um so größer seyn müßte, wenn ich dieselbe in Dampf-Gestalt auf eine größere Menge davon wirken lassen würde52); deßwegen erhizte ich das Fläschchen so lang, bis sich häufige Dämpfe der Säure erhoben, worauf ich bemerkte, daß die Tropfen, welche eine kastanienbraune Farbe besaßen, in wenigen Augenbliken schwarz wie Ruß wurden. Dieser Versuch bestätigte mir nicht bloß, daß es die organische Substanz ist, welche die Säure färbt, sondern überzeugte mich auch von der besonderen Wirkung der Säure auf dieselbe.

Es ist schon längst bekannt, daß die Farbe der rauchenden sächsischen Schwefelsäure durch Sieden verschwindet, und daß man dieselbe dadurch wasserklar erhalten könne; allein nie wurde sorgfältig untersucht, welche Natur die Substanz besizt, die beim Sieden verloren geht; ich, trachtete daher durch einige Versuche mir Aufklärung über diesen Umstand zu verschaffen.

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Da sich beim Sieden der Säure keine gasförmigen Flüßigkeiten erheben, welche uns auf die Natur der färbenden Substanz der Säure schließen lassen, und da sich in derselben nichts ausfindig machen läßt, dem diese Eigenschaft zugeschrieben werden könnte, so versuchte ich die Säure künstlich mit vegetabilischen und animalischen Substanzen zu färben, und die Wirkung des Siedens auf diese Säure auszumitteln. Ich brachte daher in vollkommen wasserklare Säure einige vegetabilische Substanzen, welche derselben die Farbe der gewöhnlichen käuflichen Säure gaben; um diese Farbe zu erhalten, sind sehr geringe Mengen, wie z.B. Bruchtheile eines Granes auf 3–4 Unzen Säure hinreichend. Ich erhielt diese gefärbte Säure durch Kochen während einiger Minuten jedes Mahl farblos, so daß es schien, als wäre sie nie durch irgend eine Substanz gefärbt gewesen. Nachdem ich auf diese Weise gefunden hatte, daß die, der Säure durch vegetabilische Substanzen mitgetheilte, Farbe durch das Feuer verloren geht, so wollte ich auch mit animalischen Stoffen, wie mit Muskelsubstanz, Faserstoff, Gallerte, Fett, Knochen, Federn und dergl. Versuche anstellen; ich fand, daß die, durch diese Körper hervorgebrachte, Färbung durch Sieden ganz verloren geht; nur ist zu bemerken, daß einige derselben die Säure mehr färben als andere; die Fette z.B. theilen derselben auch in der geringsten Menge eine ziemlich dunkle Farbe mit, welche durch Sieden nicht mehr ganz verschwindet, sondern eine etwas strohgelbe Färbung zurükläßt, daher darf man dieselben nur in der geringsten Menge anwenden, wie zu 1/10 oder 1/12 Gran auf 4 Unzen Säure, wenn man will, daß auch keine Spur der Färbung zurükbleiben soll. Federn, Gallerte und Knochen hingegen färben die Säure nur wenig, so daß sie dadurch kaum die Farbe der käuflichen Säure erhält; sie verliert auch durch Sieden ihre Farbe wieder ganz, so daß sie wasserklar wird.53)

Ich muß hier noch bemerken, daß die, bei diesen Versuchen angewendete, Säure durch Sieden, und nicht durch Destillation, |151| entfärbt worden war, und daß sie, nachdem sie z.B. mit Gallerte probirt und dann wieder entfärbt worden war, auch noch zu Versuchen mit anderen Substanzen diente; denn daraus ergibt sich, daß dieselbe mehrere Mahle nach einander gefärbt werden könne, ohne daß sie zulezt auch nur eine Spur von Färbung beibehielte, oder daß sie in hohem Grade die Eigenschaft besizt, bei Erhizung bis zum Sieden, die organischen Substanzen, von welchen sie gefärbt ist, zu zerstören.

Da sich aus dieser Reihe von Versuchen ergibt, daß die, künstlich mit vegetabilischen oder animalischen Substanzen gefärbte, Schwefelsäure sich auf dieselbe Weise entfärben läßt, wie die käufliche Säure, so läßt sich der Analogie zufolge vermuthen, daß auch leztere von ähnlichen Körpern gefärbt sey, welche, indem sie sich aus den früher angegebenen Gründen nicht in festem Zustande befinden können, gasförmig vorhanden seyn müssen, und in diesem Zustande von der Säure angezogen werden. Es muß ferner auch alle käufliche Säure auf gleiche Weise gefärbt seyn, und wir brauchen wohl die Erscheinungen der Färbung, welche in verschlossenen Flaschen und in solchen erfolgt, die mit fauler Atmosphäre in Berührung stehen, nicht weiter zu erklären.

Beobachtungen bei der Destillation der rauchendsten Nordhäuser Schwefelsäure, die es geben kann.

Da ich mir zu meinen Versuchen eine höchst rauchende und zugleich vollkommen farblose Säure verschaffen wollte, so unterwarf ich diese Säure in einem höchst reinen Apparate, zu dem ich weder Stöpsel noch Kitt brauchte, da alles genau in einander eingerieben war, der Destillation. Nachdem Alles zur Destillation zubereitet war, brachte ich Feuer unter die Retorte; als die Säure sich zu erheben und aus dem Halse der Retorte zu fließen begann, wunderte ich mich nicht wenig, dieselbe eben so gefärbt zu sehen, als sie war, ehe ich sie in die Retorte brachte; dieß dauerte eine kurze Zeit, denn hierauf wurde sie ungefärbt, wie es bei jeder anderen Destillation dieser Säure der Fall zu seyn pflegt. Als ich sie ungefärbt übergehen sah, nahm ich das Feuer weg, und unterbrach die Destillation für diesen Tag; den folgenden Tag sezte ich, nachdem ich die, in dem Ballon befindliche, gefärbte Säure beseitigt hatte, die Feuerung fort; allein die Säure, welche zuerst überging, war, wie den Tag zuvor, gefärbt; dieß schien mir der Aufmerksamkeit |152| werth, indem dadurch die Erklärung der früher erwähnten Erscheinung bestätigt werden konnte. Die Färbung der ersten Säure konnte ich, obschon der Apparat ausgezeichnet rein war, der Unreinigkeit der Retorte zuschreiben; allein wäre dieß der Fall gewesen, so würde die, am ersten Tage übergegangene, Säure denselben ganz ausgewaschen haben, weil die zulezt übergegangene ganz farblos war; auch hätte die, am zweiten Tage destillirte, Säure dann ganz ungefärbt seyn müssen. Da sich durch diese Voraussezung keine Rechenschaft über die Erscheinung ablegen läßt, so glauben wir dieselbe dadurch passend zu erklären, daß wir annehmen, die Färbung dieser Säure geschehe durch Zersezung der organischen Ausdünstungen, welche sich in der Luft des Apparates befinden, indem der wasserfreie saure Dampf, der sich zuerst erhebt, diese Zersezung mit großer Heftigkeit bewirkt; denn beim Abkühlen des Apparates trat neuerdings Luft in den Apparat, welche gleichfalls neue organische Ausdünstungen mit sich brachte, welche bei der Erhebung der Säure in Dämpfen auf dieselbe Weise, wie vorher, zersezt wird.

Um diese höchst rauchende Säure54)ganz farblos zu erhalten, muß man einen tubulirten Ballon nehmen, und die erste, gefärbt übergehende, Säure, die immer nur sehr wenig beträgt, beseitigen, und hierauf bis zum Ende mit der Destillation fortfahren; denn will man die sternförmige und eisförmige Säure nicht von der gewöhnlichen Säure getrennt erhalten, so wird sie von der lezteren, welche nachfolgt, aufgelöst, und man erhält so die rauchendste und ganz farblose Nordhäuser Säure; dieß gelang mir auch jedes Mahl vollkommen nach den oben angeführten Versuchen.55) |153| So wie ich bloß zur Bestätigung der neu entdekten Eigenschaft der rauchenden Säure mehrere Mahle die angeführte Destillation unternahm, so versuchte ich, nachdem ich gesehen hatte, daß die wasserfreie Säure, oder die erste, welche als Dampf, der durch die Erwärmung sehr elastisch gemacht worden, übergeht, eine sehr bedeutende Wirkung auf die in der Luft befindlichen organischen Flüßigkeiten habe, so versuchte ich, sage ich, diese Säure kräftig in die Luft ausströmen zu lassen, um den Erfolg davon zu sehen. Nachdem ich also diese Säure in die Luft gebracht hatte, indem ich die Rohre des Ballons, als der Apparat gut erhizt worden war, öffnete, zeigte sich jener weiße Rauch nicht, welcher entsteht, wenn sie die Feuchtigkeit gemächlich anzieht, sondern es entstand ein zerstreuter und schwärzlicher Dampf, gleich jenem, der sich beim Verbrennen vegetabilischer Substanzen erhebt; ich wiederholte diesen Versuch öfter mit Erfolg, so daß ich mich berechtigt halte, zu glauben, daß die wasserfreie Säure im Zustande eines sehr elastischen Dampfes so kräftig auf die organischen Flüßigkeiten wirkt, daß sie dieselben sogleich verbrennt, wie sie damit in der Luft in Berührung kommt. Gewiß ist es, daß, wenn ein Strom dieses Dampfes auf organische Körper kommt, diese sogleich verkohlt werden, als wären sie vom heftigsten Feuer angegriffen worden.

Ich sagte am Anfange dieser Abhandlung, daß Hrn. Bussy eine, den angeführten ähnliche, Erscheinung vorgekommen seyn müsse. Er sagt auch, nachdem er alles bei der Destillation Nöthige angeordnet: „diese Zurichtung des Apparates ist höchst nothwendig, weil es unmöglich ist, Korkstöpsel oder irgend eine Art von Kitt zu bereiten, wodurch man im Stande wäre, die Gefäße genau zu verschließen, während es doch so wichtig ist, die Säure vor dem Zutritte der atmosphärischen Luft zu schüzen.“

Dieses sorgfältige Beschüzen der Säure vor dem Zutritte der atmosphärischen Luft kann wohl nicht wegen der wenigen Feuchtigkeit, welche sie aufnehmen könnte, so sehr empfohlen werden, sondern wegen des Verbrennens der organischen Flüßigkeiten, das durch die wasserfreie Säure in elastischem Zustande bewirkt wird. Daher geschieht es, wie ich durch Versuche erwiesen habe, daß, bei dem Eintritte der Luft in den Ballon, nicht bloß die feste Säure, welche sich in demselben |154| befindet, aufgelöst wird, sondern daß auch jener schwärzliche Rauch entsteht, der bei seinem Verschwinden an den Wänden des Ballons und auf der Säure selbst Tröpfchen einer dunklen Substanz absezt, so daß bei öfterer Wiederholung dieses Versuches die Säure durch die Abscheidung der erwähnten Substanz ziemlich getrübt wird. Dieser Versuch läßt sich auf folgende Weise anstellen: die rauchende sächsische Säure wird auf die früher angegebene Weise in's Feuer gebracht, und die zuerst übergehende geringe Menge gefärbter Säure beseitigt; ist die Luft größten Theils aus dem Apparate vertrieben, so kühlt man den Apparat schnell ab, indem man ihn mit einer Kälte erzeugenden Mischung umgibt, und öffnet hierauf die Röhre, wo dann die Luft mit Heftigkeit eindringen wird. Sogleich, wie diese mit dem Dampfe der wasserfreien Säure, der sich aus der erhizten Säure entwikelt, in Berührung tritt, wird sie verbrannt, oder besser, es werden die, in ihr enthaltenen organischen Flüßigkeiten verbrannt, so daß Rauch entsteht, und sich, wie schon öfter gesagt wurde, eine dunkle Substanz absezt.

Die Beobachtung dieser ausgezeichneten Wirkung der wasserfreien Säure im Zustande einer elastischen Flüßigkeit auf die organischen Dünste, brachte mich auf die Idee, daß dieselbe vielleicht ein sehr gutes Mittel seyn könnte, um die Gegenwart dieser Ausdünstungen zu beweisen, wenn sie als ein, durch den Wärmestoff höchst elastisch gemachter, Dampf mit der Luft in Berührung gebracht würde. Um diese neue Art chemischer Untersuchungen zu irgend einem Ziele zu bringen, mußte ich also ein gehöriges, zwekmäßiges Verfahren ersinnen. Es gelang mir eines ausfindig zu machen, welches allen meinen Versuchen entsprach, so daß ich eine ausführliche Beschreibung davon geben zu müssen glaube, zu der ich nun sogleich übergehe. Das hierzu nöthige Instrument will ich Diaftoroskop nennen, was soviel heißt als Weiser der Anstekung, die sich in der Luft befindet.

Vom Diaftoroskop und den damit angestellten Versuchen.

Zur Ausmittelung der in der Luft enthaltenen organischen Ausdünstungen, wozu die Wirkung der wasserfreien Schwefelsäure im Zustande eines elastischen Dampfes nothwendig ist, ließ ich folgendes Instrument verfertigen: zu demselben gehört eine gläserne Gloke, welche dazu bestimmt ist, die Luft zu enthalten, |155| mit welcher man den Versuch anstellen will. In diese Gloke mündet, ungefähr in der Mitte ihrer Höhe, eine eingeriebene konische Glasröhre, deren größerer Durchmesser beiläufig 4, der kleinere 2 Linien beträgt. Diese Röhre reicht in der Gloke an der Seite ihres kleineren Durchmessers beinahe bis gegen die Achse derselben; während sie an der anderen Seite um einen Zoll oder etwas mehr aus der Gloke hervorragt. Der hervorstehende Theil dieser Röhre ist in eine andere Röhre eingerieben, die einen gläsernen Hahn hat, und in eine dritte Röhre paßt, welche 3–4 Zoll in horizontaler Richtung, wie die ersteren Röhren, fortläuft, sich dann umbiegt und in perpendiculärer Richtung 2–3 Zoll fortläuft, und zulezt in einen kleinen gläsernen Recipienten eingerieben ist, der bestimmt ist, die rauchende sächsische Säure aufzunehmen. Um diesen Apparat bei den Versuchen gehörig benüzen zu können, braucht man einen Tisch von folgender Form: er besteht aus einem, von vier Füßen getragenen Parallelepipede, das um 3 Zoll kürzer ist, als der Apparat. Auf einer Seite dieses Tisches befindet sich eine 2 Zoll hohe oder etwas höhere Basis, auf welche die Gloke gestellt werden muß; hinter dieser erhebt sich ein Säulchen, welches die auf der Basis befindliche Gloke um einen halben Zoll übersteigt, und welches auf einer Glasplatte ruht, die sich auf der Basis befindet. An der Spize des erwähnten Säulchens ist ein Arm von Messing, der sich gegen die Gloke neigt, und an dessen Ende eine Schraube angebracht ist, welche mittelst eines Schälchens von Messing, das sich an derselben befindet, die Gloke auf der Basis festhält, auf welcher sie ruht, damit sie sich nicht so leicht bewegt, und sich beim Oeffnen und Schließen des Hahnes nicht verrükt. Am anderen Ende des Tisches befindet sich eine kurze, in der Mitte durchbohrte, Säule, an deren Mitte ein Stängelchen von Messing angebracht ist, welches durch eine Schraube höher und niedriger gestellt werden kann, und dazu dient die gekrümmte Röhre und die anderen damit verbundenen Röhren zu befestigen. Der Recipient mit der Säure befindet sich außerhalb des Tisches, und da auch er unterstüzt werden muß, so ist an der Seitenfläche des Tisches ein Ring angebracht, der sich durch eine Schraube höher und niedriger stellen läßt, so daß, wenn der Recipient mit der krummen Röhre verbunden ist, der Ring soweit emporgebracht wird, bis der Recipient gut unterstüzt ist; schließt |156| man nun die Schraube, so wird lezterer fest mit der Röhre, die dazu gehört, in Verbindung gehalten.

Will man einige Versuche mit diesem Apparate machen, so bringt man die zu untersuchende Luft in die Gloke, und verschließt den Hahn, so daß keine Verbindung zwischen der Gloke und dem Recipienten besteht, in welchem die Schwefelsäure enthalten ist; diese wird dann mit einer Weingeistlampe bis zum Sieden und so lang erhizt, bis sich in der gekrümmten Röhre und in dem leeren Raume des Recipienten durch das Erhizen eine Atmosphäre von sehr elastischer wasserfreier Säure bildet; hierauf öffnet man den Hahn, wo dann der elastische Dampf der Säure, sowohl wegen seiner Elasticität, als wegen der Neigung der Röhren gegen einander, mit großer Gewalt in die Gloke strömt; hier begegnet sie der Atmosphäre, und verbrennt die darin enthaltenen organischen Dämpfe, wodurch die Absezung einer kohligen Substanz erfolgt, welche uns das Daseyn der erwähnten Dämpfe beweist.

Bei den Versuchen, welche ich anstellte, zeigte die Luft, (die jene meines Laboratoriums war), immer Spuren einer kohligen Substanz; da ich keine so reine Luft fand, welche nichts davon zeigte, wie es z.B. mit der Gebirgsluft der Fall seyn möchte, und ich daher nicht sehen konnte, in wiefern die Luft-Arten von einander abweichen, so suchte ich diesen Gegenstand so viel als möglich in's Reine zu bringen, indem ich solche Atmosphären zur Untersuchung unter die Gloke brachte, welche sehr viel organischen Dunst enthielten, er mochte fauler oder anderer unschädlicher Natur seyn.

Nachdem ich faulende animalische Substanzen unter die Gloke gebracht, und die Säure auf die angegebene Art in dieselbe geleitet hatte, zeigte sich etwas mehr kohlige Substanz, als in der einfachen atmosphärischen Luft. Doch ist hier zu bemerken, daß das Instrument, dessen ich mich hierzu bediente, schlecht verfertigt war56), weil die Fugen der Röhren nicht so |157| gut in einander paßten, daß kein Dampf der Säure herausdringen konnte; der Hahn selbst schloß auch so schlecht, daß, ohne derselben zu öffnen, Säure in die Gloke eindrang.

Wegen dieser Unvollkommenheit des Instrumentes zeigten sich die Erscheinungen nicht so auffallend, als es der Fall hätte seyn müssen, wenn eine größere Menge wasserfreie Säure mit Schnelligkeit in die Gloke gelangt wäre. Ich konnte dem Dampfe der Säure nur sehr wenig Elasticität geben, so daß er, bei Oeffnung des Hahnes, sehr langsam in die Gloke drang; außerdem war es auch noch sehr nachtheilig, daß schon vor dem Oeffnen des Hahnes etwas Säure hineinkam. Wenn eine große Menge wasserfreie Säure in die Gloke gelangt, so reicht die, in der Luft, der Gloke enthaltene, Feuchtigkeit bei weitem nicht hin, um alle in gewöhnliche Säure zu verwandeln, und es bleibt noch eine große Menge wasserfreie Säure zurük, welche kräftig auf die organischen Dünste einwirkt; dringt aber dieselbe nur in geringer Menge und langsam ein, so wird sie ganz von der Feuchtigkeit der Luft in gewöhnliche Säure verwandelt, in welcher sich die organischen Dünste auflösen, so daß die oben erwähnte kohlige Substanz nicht mehr entsteht; dieß geschieht jedoch nicht bei jener geringen Menge gewöhnlicher Säure, die sich bildet, wenn die Säure in großer Menge in die Gloke gelangt; indem die Wirkung der Säure auf die Feuchtigkeit zugleich mit jener auf die organischen Dünste erfolgt, so daß diese verbrannt werden, ehe sie Zeit haben sich mit der entstandenen gewöhnlichen Säure zu verbinden. Ich bemerkte oft, wie sich im Augenblike der Wirkung der Säure die kohlige Substanz sehr sichtbar absezte, während sie, nachdem sie in der Säure, welche Feuchtigkeit anzog, sich auflöste, kaum mehr sichtbar ist.

Aus den eben angeführten Gründen, (welche von der Unvollkommenheit des Instrumentes herrühren), konnte ich in der Gloke die Absezung von verkohlter Substanz nicht bemerken, wohl aber in den Röhren, am Hahne und kurz an allen jenen Stellen, bei welchen sich die Säure schneller vorbei bewegte; in einigen Fällen erzeugte sich die dunkle Substanz auch rund um den Hahn, in der konischen Röhre etc., so daß es mir schien, die daselbst befindliche Säure ziehe aus den angegebenen Ursachen die organischen Dünste so schnell an, daß auch die, in der Luft der Gloke zerstreuten, in die Röhren gezogen und |158| dort verbrannt werden. Dem mag jedoch seyn wie ihm wolle, so ist soviel gewiß, daß sich an den bemerkten Stellen kohlige Substanz ansezte. Bemerken muß ich, daß die Röhren nach jedem Versuche sorgfältig mehrere Mahle mit destillirtem Wasser abgewaschen, dann ohne weiters in Papier eingewikelt, und in der Sonne, oder im Trokenofen getroknet werden müssen, denn ohne diese Vorsichtsmaßregeln könnte der Staub der Luft, oder irgend etwas anderes in die Röhren gelangen, und so bei dem Versuche eine verkohlte Substanz erzeugen, welche nichts weniger als von den, in der Luft enthaltenen, organischen Dünsten herrührt.

Nachdem ich mit aller Vorsicht, die jeden Irrthum unmöglich machte, die Luft in natürlichem Zustande, und mit faulen Dünsten (wie von faulem Fleische, Urin etc.) geschwängert, untersucht hatte, unterwarf ich auch solche Luft meinen Versuchen, die mit Alkohol-Dampf, mit ätherischen Oehlen, Kampfer, und anderen riechenden flüchtigen Harzen und Gummiharzen imprägnirt war; ich wollte auch den Dunst des Schwefel-Aethers57)untersuchen; allein ich erhielt damit nicht mehr kohlige Substanz, als mit gewöhnlicher atmosphärischer Luft. Die größte Menge kohliger Substanz gab, unter den angegebenen Körpern, der Weingeistdunst, und nach diesem der Kampfer; indessen zeigten auch die übrigen einen größeren Gehalt davon, als die einfache atmosphärische Luft.

Aus den angegebenen Versuchen glaube ich schließen zu dürfen, daß mein Diaftoroskop, wenn es genau verfertigt würde, geeignet wäre, uns die, in der Luft enthaltenen, organischen, Dünste zu beweisen. Uebrigens glaube ich, daß es am besten wäre, wenn man den Recipienten und die Röhren aus Metall, statt aus Glas, machte, weil man dann dem sauren Dampfe mehr Elasticität geben könnte, ohne Gefahr zu laufen, daß das Instrument zerspringt, und weil dann der Erfolg größer seyn würde.

Das hierzu am tauglichsten Metall wäre die Platinna, da es das wohlfeilste unter jenen Metallen ist, die von Schwefelsäure nicht angegriffen werden; allein auch die Platinna ist zu theuer, als daß sich ein Jeder mein Instrument daraus |159| verfertigen lassen könnte; daher halte ich es für passend, hier einige Versuche anzuführen, welche ich anstellte, um zu beweisen, daß auch die gewöhnlichsten Metalle zur Verfertigung meines Apparates verwendet werden könnten.

Die wasserfreie Schwefelsäure greift keines der gewöhnlichen Metalle an.

Nach Erläuterung der neuen Eigenschaft der wasserfreien Säure58), wollte ich auch die Wirkung derselben auf die Metalle und die salzfähigen Basen59)untersuchen; ich will hier aber bloß jener auf die Metalle erwähnen, da sie mit meiner gegenwärtigen Aufgabe unmittelbar zusammenhängt.

Bei Untersuchung der Wirkung der wasserfreien Säure auf die leicht oxidirbaren Metalle muß die, in der Gloke und in den Röhren befindliche, Luft so troken als möglich seyn, damit kein Atom gewöhnliche Säure entsteht. Um die Luft auf einen hohen Grad von Trokenheit zu bringen, sezte ich, nachdem ich die Gloke und die Röhren so troken als möglich gemacht hatte, eine silberne Schale60)von großer flacher Oberfläche mit stark getroknetem Calcium-Chlorür unter die Gloke, die ich so anbrachte, daß von außen keine Luft mehr eindringen konnte; in diesem Zustande ließ ich den Apparat einige Stunden lang, während welcher ich die Röhren und die Gloke erwärmt hielt, damit sich alle Feuchtigkeit davon trennt, und vom Chlorür angezogen wird. Nachdem ich mich auf diese Weise versichert hatte, daß keine Feuchtigkeit mehr in der Luft sey, und nachdem ich bereits die Metalldrähte oder Metall-Blättchen in die kegelförmige Röhre gebracht hatte, erhizte ich die Säure, und erzeugte wasserfreie Säure, die gerade auf das, der Untersuchung unterworfene, Metall wirken mußte.

Zink, Kupfer, Eisen, Silber, Blei, Zinn, Messing, |160| welche ich in die kegelförmige Röhre meines Diaftoroskop's61) brachte, und über welche ich beinahe Eine Stunde lang den Dampf der wasserfreien Säure streichen ließ, blieben bei diesem Versuche so glänzend, wie zuvor; woraus folgt, daß die wasserfreie Säure keine Wirkung auf diese Metalle hatte. Ich muß jedoch bemerken, daß man beim Entfernen der Metalle von ihrer Stelle sehr schnell seyn müsse, wenn man dieselben vollkommen glänzend sehen will, weil sich auf der Oberfläche derselben ein Hauch von wasserfreier Säure befindet, welcher, in Berührung mit der Luft, Feuchtigkeit anzieht, und zugleich auch das Metall angreift, so daß eine Oxidation oder eine Verdunkelung entsteht, welche zu falschen Schlüssen verleiten könnte. Macht man aber mit einem Instrumente diesen Versuch, so ist ein solcher Irrthum unmöglich; denn man sieht den Glanz des Metalles sehr gut, wenn es sich noch in der kegelförmigen Röhre befindet, und wenn es vollkommen gegen den Einfluß der äußeren Luft geschüzt ist.

Da Hr. Vogel 62)beobachtete, daß die eisförmige Säure, wenn sie auf Queksilber kaum etwas erhizt wird, die Entwikelung einer großen Menge schwefeligsauren Gases veranlaßt, während dabei Queksilber-Sulphat entsteht; so war ich begierig, zu sehen, wie die Säure im Zustande der vollkommensten Trokenheit auf dieses Metall wirken würde. Ich machte daher unter den angegebenen Vorsichtsmaßregeln einen Versuch damit; die Säure zeigte keine Wirkung auf das Metall, denn dieses wurde auf der Oberfläche nur ein wenig matt, vielleicht weil es vorher nicht gut ausgekocht wurde. Ich glaube daher mit allem Grunde schließen zu können, daß die wasserfreie Schwefelsäure keine Wirkung auf die Metalle hat.

|142|

Siehe Annales de Chimie et de Physique. T. XXVI. P. 411. (Wir entnahmen diese Abhandlung aus dem Journal de Pharmacie, welche wir in Bd. XIV. S. 461. im polyt. Journal mittheilten, wo wir bei diesem Anlasse auf unsere Anmerkungen daselbst aufmerksam machen. A. d. R.)

|142|

Die sächsische Schwefelsäure ist, obgleich sie immer raucht, doch nicht immer in gleichem Grade concentrirt, und zwar deßwegen, weil sie von den Kaufleuten nicht immer so sorgfältig verwahrt wird, daß sie kein Wasser aus der Luft anziehen könnte, wodurch sie an ihrer Concentration verliert.

|144|

Siehe dessen Traité élémentaire de la Chimie théoretique et practique.

|144|

Daß diese schwarze Substanz nicht durch den Staub der Luft erzeugt wurde, beweist der Umstand, daß derselbe nicht in die Flasche kommen konnte, und wird auch dadurch bestätigt, daß, wenn man auch annehmen wollte, daß sie durch den Staub entstünde, welcher mit der Luft hinein kam, die zur Ausfüllung des leeren Raumes nöthig war, die Luft nicht soviel davon enthalten konnte, daß alle schwarze Materie dadurch hätte hervorgebracht werden können; denn diese würde sich dann nicht immer mehr vermehrt und an Dichtigkeit zugenommen haben, so daß sie von dem anfangs flüssigen Zustande in einen zähen und klebrigen überginge. Es ließe sich dann auch nicht erklären, warum der Staub, nachdem er sich ganz ruhig in der Flasche befand, sich nicht auf der Oberfläche der Säure absezte, sondern, im Gegentheile, oben an der Flasche anlegte; und nur unvollkommen wäre es zu erklären, warum nach Entfernung der Tropfen, ohne die Flasche zu schütteln, d.h. nach Auflösung derselben in der Säure durch Schütteln, sie nach einigen Tagen neuerdings wieder erscheinen, denn in diesem Falle war gewiß kein Staub in der Luft mehr vorhanden. Hieraus erhellt, daß die von mir beobachtete Erscheinung mit dem, was Thenard sagt, in keinem Zusammenhange steht.

|145|

Siehe Bibliot. italiana. T. XII. facc. 209.

|148|

Bei allen diesen Versuchen war Hr. Steph. Marianini, Prof. der Physik, der mich öfter bei meinen Arbeiten mit seiner Gegenwart beehrt, zugegen.

|149|

Immer ist es die Säure in Dampf-Gestalt, welche die organischen Flüßigkeiten anzieht, und welche die oft erwähnten Tropfen in den Zustand einer kohligen Substanz versezt; deßwegen ist es auch ganz natürlich, daß eine größere Menge dieses sauren Dampfes eine noch größere Wirkung hervorbringt. Ich bemerkte, daß bei der gewöhnlichen Temperatur in dem leeren Raume der Fläschchen, in welchen sich Schwefelsäure befindet, immer eine Atmosphäre von saurem Dampfe ist, der sehr große Verwandtschaft zum Wasser zu besizen scheint. Ich befestigte im Grunde einer Gloke einen mit Lakmuß gefärbten Papierstreifen, und stürzte dieselbe über ein Fläschchen, in welchem sich Schwefelsäure befand; in wenigen Minuten war der Papierstreifen ganz roth gefärbt, obwohl er mehr als 22 Zoll von der Säure entfernt war; die Färbung des Lakmußpapieres erfolgte noch viel schneller, wenn dasselbe befeuchtet war, was zu beweisen scheint, daß der saure Dampf nicht mit Feuchtigkeit gesättigt war, was vielleicht daher kommen mag, daß er, indem er in jener Atmosphäre zuerst dem Wasserdampfe begegnet, und sich mit demselben verbindet, zur gewöhnlichen Säure wird, und dann als eine, so wenig Feuchtigkeit enthaltende, Säure nicht in elastischem Zustande bleiben kann.

|150|

Wenn man Stükchen von Muskeln, Federn, Hausenblase etc. auf die Säure wirft, so entstehen dadurch dieselben sonderbaren Bewegungen, welche der Kampfer und andere Substanzen auf der Oberfläche des Wassers zeigen; die Drehungen sind unbestimmter, wenn die Säure erhizt ist, denn dann geschieht die Zersezung schneller.

|152|

Die Säure, welche ich destillirte, enthielt nicht soviel wasserfreie Säure, daß ich bei einer Temperatur der Luft von + 14° R. eisförmige oder sternförmige Säure erhielt, ohne den Ballon mit Eis zu umgeben.

|152|

Die sternförmige und eisförmige Säure, welche man zugleich mit der geringen Menge der angeführten gefärbten Säure erhält, ist jedoch farblos, und so weiß als möglich, und zwar aus dem Grunde, weil die wenige Säure, welche man dann in flüßigem Zustande erhält, auch bloß wasserfreie Säure in Verbindung mit der, in der Luft des Apparates enthaltenen, Feuchtigkeit, und in Verbindung mit den anderen organischen Substanzen ist; daher kommt es, daß der ganze größere Theil, der bei dieser Verbindung keinen Antheil hat, in festem Zustande und ganz rein bleibt.

|156|

Ich war nicht im Stande, hier dieses Instrument besser verfertigen zu lassen, und wenn ich auch an einem anderen Orte sagte, daß es allen Versuchen, die ich damit anstellte, ziemlich gut entsprach, so ist das so zu verstehen, daß man selbst mit einem schlechten und unvollkommenen Instrumente den Erfolg sieht, der also bei einem genau gearbeiteten Apparate noch viel ausfallender seyn müßte.

|158|

Hr. Prof. Marianini beehrte mich bei einigen dieser Versuche mit seiner Gegenwart.

|159|

Ich gebe dieser Säure nach dem Beispiele anderer berühmten Chemiker den Beinamen wasserfrei, ohne deßwegen behaupten zu wollen, daß sie auch nicht die geringste Menge Wasser enthält.

|159|

Die Wirkung der wasserfreien Säure auf die salzfähigen Basen werde ich in einer anderen Abhandlung bekannt machen.

|159|

Ich bediente mich eines silbernen Schälchens, um, bei auf einander folgenden Versuchen, das Chlorür neuerdings troknen zu können, ohne es von einem Gefäße in ein anderes umgießen zu müssen, und um es, damit es alle seine Wirksamkeit besize, sehr warm unter die Gloke bringen zu können.

|160|

Dieses Instrument taugt, wenn es gut eingerichtet ist, auch sehr gut zu Versuchen dieser Art; denn man braucht in diesem Falle nur den Hahn immer offen zu lassen, damit alle, in dem Instrumente enthaltene Luft gut erhizt werde; diese Luft ist vollkommen troken, wenn sich beim Erhizen des Recipienten kein Dampf in dem leeren Raume zeigt; denn der Dampf erhebt sich durch den Wärmestoff als eine unsichtbare Flüßigkeit.

|160|

Siehe Annales de Chimie. Tom. 84. P. 270.

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