Titel: Kurzer Umriß der Lebens-Geschichte des Herrn Dr. Joseph von Fraunhofer etc.
Autor: Utzschneider, Joseph
Fundstelle: 1826, Band 21, Nr. XXXII. (S. 161–181)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj021/ar021032

XXXII. Kurzer Umriß der Lebens-Geschichte des Herrn Dr. Joseph von Fraunhofer, königlich-bayerischen Professors und Akademikers, Ritters des königlich-bayerischen Civil-Verdienst-, und des königlich-dänischen Dannebrog-Ordens, Mitgliedes mehrerer gelehrten Gesellschaften etc. von Joseph v. Utzschneider.

Man hört die Menschen vielfältig klagen: der Schöpfer habe ihnen eine kurze Lebensdauer und schwache Anlagen angewiesen; allein, sie klagen mit Unrecht. Untersuchen wir die Vorzüge, mit welchen wir vom Schöpfer ausgerüstet sind, so werden wir finden, daß es uns mehr an Fleiß, und an einem wohlgeordneten Streben nach zwekmäßiger Ausbildung, als an Zeit und natürlicher Kraft fehle. Der Geist in uns muß vor Allem gewekt werden, auf daß er unsere Körper beherrsche; dann erst werden wir – an Körper und Geist gesund und stark – anstrengender Unternehmungen und größerer Handlungen fähig seyn. Wir müssen vorerst wissen, was wir wollen; alsdann wird es uns nicht unmöglich seyn, die Hindernisse unserer Ausbildung zu besiegen. Nur diejenigen Studienpläne und Erziehungs-Anstalten sind gut, welche diesen Geist in dem Schüler und in dem Zöglinge zu weken vermögen. –

Wir Bayern haben in dem Laufe dieses Monats einen Mann verloren, dessen Lebensgeschichte der Beweis liefert, daß Derjenige, in welchem dieser Geist frühzeitig lebendig wird, mit raschen Schritten seinem Ziele näher schreitet, und durch großartiges Wirken unvertilgbaren Ruhm sich erwirbt. Herr Joseph von Fraunhofer ist dieser Mann, der, ohne jemahls eine öffentliche Schule ordentlich besucht zu haben, nur deßwegen, weil der Geist in ihm vorherrschend war, in seiner Ausbildung alle Hindernisse überstieg. Fraunhofer faßte in früher Jugend den Entschluß, ein ausgezeichneter Optiker zu werden, und er ward es. Ich wünsche, daß diese Lebensgeschichte manchem Jünglinge zur Aufmunterung diene, bei gleichem Geiste in seinem Fache ein ausgezeichneter Mann zu werden. Ich schildere im nachfolgenden kurzen Umrisse Fraunhofer's allmählige Ausbildung, dessen Wirken in seinem Geschäftskreise, und die große Ausbeute an nüzlichen Kenntnissen zum Wohle der Menschheit.

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Als im Jahre 1801 die französische Consular-Regierung zu Paris eine militärisch-topographische Karte von Bayern verlangte, und der französische Oberst und Ingenieur-Geograph Bonne die Messung wirklich begann, fehlte es allenthalben an guten Meß-Instrumenten. Der bayerische Hr. Artillerie-Hauptmann Georg Reichenbach, welcher früher auf den Antrag des berühmten Grafen von Rumford – durch die Unterstüzung des Churfürsten Carl Theodor – nach England zu seiner weiteren Ausbildung geschikt wurde, und unter andern dort auch große Werkstätten zur Verfertigung mathematischer Instrumente sah, faßte bald nach seiner Zurükkunft von England den Entschluß, durch die Errichtung einer solchen Werkstätte in Bayern sein Glük zu versuchen; er verband sich für diesen Zwek mit Hrn. Jos. Liebherr, welcher damahls schon als ein fähiger Uhrmacher und Mechaniker bekannt war, und bereits eine Werkstätte in München besaß. Die Herren Reichenbach und Liebherr – auf diese Weise mit einander vereinigt – äußerten mir den Wunsch: ich solle mich entschließen, ihrer kleinen Werkstätte eine größere Ausdehnung zu geben, und ein ordentliches Institut zur Verfertigung allerlei großer und kleiner Instrumente und Maschinen, so, wie sie in England hervorgebracht werden, mit ihnen zu gründen. – Ich weigerte mich nicht, mit ihnen für diesen Zwek in eine Verbindung um so mehr zu treten, als aus einem solchen Institute seiner Zeit junge tüchtige Mechaniker hervorgehen könnten, woran Bayern großen Mangel hatte. Der Gesellschafts-Vertrag hierüber kam am 20ten August 1804 unter uns zu Stande. – Das mathematisch-mechanische Institut: Reichenbach, Utzschneider und Liebherr begann seine Geschäfte mit großer Thätigkeit, – mehrere große Meß-Instrumente wurden bestellt, auf der Reichenbach – Liebherr'schen neu erfundenen Theilmaschine getheilt, und bis auf die Gläser vollendet, so, daß ein großer Vorrath von fertigen Instrumenten sich sammelte, welche aber nicht verkäuflich waren, weil sie ohne Gläser nicht gebraucht werden konnten; es fehlte an brauchbarem Flint- und Crown-Glase, und überdieß noch an einem fähigen Optiker. – Das ganze neu errichtete mathematisch-mechanische Institut hätte unterliegen müssen, wenn diesem Mangel nicht ohne Zeitverlust abgeholfen worden wäre. Ich säumte nicht, eine Reise zu unternehmen, um nicht allein die wirklich arbeitenden Optiker auf allen Pläzen, sondern auch |163| die Crown- und Flintglasgattungen kennen zu lernen, deren sie sich bei Verfertigung ihrer optischen Werkzeuge bedienten. Aus den während dieser Reise gesammelten Erfahrungen ging hervor, daß unser neu errichtetes Institut in Bezug auf die Optik keinen andern Ausweg habe, als das Crown- und Flintglas sich selbst zu erzeugen, und den Optiker sich selbst zu. bilden. – Auf dieser Reise lernte ich in der Grafschaft Neufchatel einen Optiker Per. Ludw. Guinand kennen, welcher ehemals mit der Erzeugung von Flintglas sich beschäftigte, diese Fabrikation aber wieder aufgab, weil andere Arbeiten ihn besser nährten; er zeigte mir seinen verfallenen Flintglasofen, und machte mir allerlei Bemerkungen über die Bereitung dieser Glasart; ich fand an Hrn. Guinand einen Mann, welcher seine Versuche bei der Erzeugung des Flintglases nicht konsequent durchführte, hatte also nicht die Absicht, denselben zur Glasfabrikation in Benediktbeurn anzuwerben; allein Herr Guinand machte sich nach meiner Abreise auf gut Glük reisefertig, und kam beinahe früher in Benediktbeurn an, als ich dahin zurükkehrte. Indessen mißfiel mir sein Eifer nicht, und bewog mich, mit dem Baue des Flintglas-Schmelzofens gleich anzufangen, um alsdann mit Hrn. Guinand die Versuche zur Flint- und Crown-Glaserzeugung nach einem zwekmäßigen Plane zu beginnen. In den Jahren 1806 und 1807 war der Flintglas-Schmelzofen immer in Thätigkeit, und ich unternahm auch, einen eigenen Ofen für die Erzeugung des Crownglases zu bauen.

So kostbar diese Unternehmung in der ersten Anlage, und in den vielen Versuchen war, so erhielten wir zur Ausrüstung unserer bereits getheilten, aber blinden Meß-Instrumente in München manches brauchbare Stük Flint- und Crown-Glas.

Dieses waren meine ersten Schritte zur Erzeugung des Flint- und Crown-Glases in Benediktbeurn, während die zwei Optiker Jos. Niggl und Jos. Fraunhofer im Institute Reichenbach, Utzschneider und Liebherr zu München anfingen, die ihnen zugekommenen Gläser zu schleifen und zu poliren.

Hr. Jos. Niggl – zu Vogtareit ohnweit Wasserburg am Inn gebohren – hatte Gelegenheit, im Kloster Rott auf der dortigen sogenannten Sternwarte sich mit den Anfangsgründen der Optik bekannt zu machen; er wurde gleich nach der Gründung unsers mathematisch-mechanischen Institutes als talentvoller Optiker durch meinen Freund Hrn. Professor Ulrich Schiegg |164| mir empfohlen, und in unsere Werkstätte als solcher eingeführt; allein mit seiner Stellung nicht zufrieden, verließ er mit Ende des Jahres 1807 freiwillig unser Institut wieder, und hat sich später als Optiker in München ansäßig gemacht.

Bei dem Austritte des Hrn. Jos. Niggl war mein Augenmerk auf Hrn. Jos. Fraunhofer ganz allein gerichtet. Fraunhofer war der Sohn eines Glasers zu Straubing in Bayern, und den 6ten März 1787 gebohren. Sein Vater hielt ihn schon sehr früh zu dem Handwerke eines Glasers an, wodurch der Schulbesuch vernachläßigt wurde. In seinem 11ten Jahre war Fraunhofer älternlos, und wurde zuerst von seinem Vormünder zu dem Metier eines Drehers bestimmt; nach einiger Zeit zeigte sich aber, daß er einer so schweren Arbeit unterliegen würde; man brachte ihn daher im August 1799 als Lehrjung nach München zu Hrn. Philipp Weichselberger, Hofspiegelmacher und Glasschleifer. Da kein Lehrgeld für ihn bezahlt wurde, mußte er sich verbindlich machen, sechs Jahre lang ohne Lohn zu arbeiten. Weil ihm nicht erlaubt war, die Feiertagsschule ordentlich zu besuchen, so blieb er im Schreiben und Rechnen beinahe ganz unkundig. Im zweiten Jahre seiner Lehrzeit ereignete sich im Jahre 1801 ein Unglük, welches die erste Veranlassung zu Fraunhofers nachheriger Bestimmung gab.

Den 21. Juli des benannten Jahres stürzten in München im Thierekgäßgen zwei Häuser plözlich zusammen, in deren Einem der Lehrjung Fraunhofer wohnte, und im Schutte begraben wurde. Glükliche Umstände mancherlei Art wirkten so zusammen, daß Fraunhofer am Leben blieb, und daß man im Innern des uneingestürzten Theiles des Hauses von unten durch eine Thüre eine Art Schacht aufschließen, und mit Lochsägen durch die eingestürzten Balken und Bretter eine Oeffnung machen konnte, durch welche man ihn nach vierstündiger Arbeit ohne eine gefährliche Beschädigung an's Tageslicht brachte. Wäre nicht sein Kopf im Innern des Schuttes durch Kisten, die sich stüzten, so weit frei geblieben, daß er rufen konnte, und wäre er nicht glüklicher Weise so gefallen, daß man von der genannten Thüre aus zu ihm graben konnte, so hätte man ihn erst nach mehreren Tagen gefunden, wie die im Momente des Einsturzes nur fünf Schuh tiefer von ihm liegende Frau seines Lehrherrns, welche todt blieb.

Unser König Maximilian Joseph, – (damahls noch |165| Churfürst) – immer gewohnt, den Unglüklichen Hülfe zu leisten, – kam öfters zu der Oeffnung, an welcher man nach dem Knaben grub, und ermuthigte durch Zurufen sowohl diesen als auch die Arbeiter, welche sich selbst der Gefahr aussezten, verschüttet zu werden. – Maximilian Joseph befahl, für die Heilung des Knabens möglichste Sorge zu tragen, und ließ ihn nach seiner Wiederherstellung zu sich rufen, um ihn über seine Empfindungen und Gedanken während des Verschüttens, und über seine Verhältnisse zu befragen. Bei dieser Gelegenheit beschenkte ihn Maximilian Joseph mit achtzehn Stük Dukaten, und versprach dem verwaisten Knaben Vater seyn zu wollen, im Falle ihm etwas mangle.

Nach dem Einsturze des Hauses, wo ich Fraunhofer, als er aus dem Schutte hervorgebracht wurde, zum erstenmahl sah, besuchte ich ihn einige Mahl; er zeigte mir unter Andern auch das Geldgeschenk, das er von dem allerhöchstseligen Könige Maximilian Joseph erhielt, und rechnete mir vor, wie er diese für ihn große Summe nüzlich verwenden wolle? – er ließ sich eine Glasschneid-Maschine machen, und schliff an Feiertagen optische Gläser, stieß aber auf allerlei Hindernisse, weil ihm Theorie und Mathematik überhaupt mangelte. – Ich brachte ihm Clemm's und Tanzer's mathematisches Lehrbuch, und nannte ihm einige über die Optik erschienenen Bücher von Kästner, Klügel, Priestley etc. In diesen Büchern fand er, daß zu ihrem Studium die Kenntniß der reinen Mathematik durchaus nöthig sey; daher er auch diese mit der Optik zu studiren anfieng, und mit dem größeren Theile ihrer Elemente durch die Optik bekannt wurde. – Neben diesen Hindernissen hatte er auch noch mit andern zu kämpfen; sein Lehrmeister, welcher bei Fraunhofer die Bücher gewahr wurde, untersagte ihm das Studium derselben; andere Personen, die er während der Zeit, als ich ihn wegen meines Aufenthaltes auf dem Lande nicht mehr sah, über diesen Gegenstand befragte, gaben ihm keine Hoffnung, diese Wissenschaft ohne mündlichen Unterricht, und fast ohne des Schreibens kundig zu seyn, studiren zu können. Um so größer wurde aber Fraunhofers Anstrengung, dem gewünschten Ziele sich zu näheren. Ungeachtet er in seinem Schlafzimmer, welches ohne Fenster war, des Nachts kein Licht brennen durfte, und er nur an den Feiertagen außer dem Hause einige Stunden studiren konnte, so war |166| er dennoch bald mit der mathematischen Optik bekannt, und suchte von ihr Gebrauch zu machen. Damit er die Feiertage ganz für sich erhielt, und um nicht mehr gehindert zu werden, in der Feiertagsschule Schreiben zu lernen, verwendete er den Rest seines Geldes eines Theils dazu, um seinem Lehrmeister das lezte halbe Jahr der Lehrzeit abzukaufen, andern Theils, um aus der Verlassenschaft des Hrn. Generals Grafen von Salern eine optische Schleifmaschine sich eigen zu machen. Ohne jemahls Graviren gesehen zu haben, fing er an, in freien Stunden in Metall zu graviren, um Möbel zum Pressen erhabener Visiten-Karten zu verfertigen in der Absicht, sich dadurch nebenher etwas Geld zu seinen Versuchen verdienen zu können.

Der eben ausgebrochene Krieg, die Ueberfüllung der Stadt mit fremden Truppen etc. – verhinderten den Absaz der Visiten-Karten. – Dadurch, und durch andere Widerwärtigkeiten kam Fraunhofer für seine Existenz in größere Verlegenheit, als er früher jemahls war; er hatte den Muth nicht, sich dem Könige zu nähern, um von seiner bei Gelegenheit des Hauseinsturzes angebotenen Großmuth Gebrauch zu machen; in dieser traurigen Lage widmete er sich nun wieder ganz dem Metier eines Spiegelmachers und Glasschleifers, verwendete jedoch die Feiertage auf das Studium der Mathematik.

Während dieser Kriegszeit war ich auf meinen Besizungen, vorzüglich in Benediktbeurn, sehr in Anspruch genommen, so, daß mir keine Zeit übrig blieb, mich um Fraunhofer und um dessen Fortschritte in der Mathematik und Optik zu erkundigen. Ich ersuchte daher meinen Freund Hrn. Prof. Ulrich Schiegg, mit Fraunhofer sich bekannt zu machen, und ihn zu prüfen.

Der edle Schiegg entsprach meinem Wunsche, und gab sich mehrere Tage mit Fraunhofer ab, um ihn genau kennen zu lernen; er fand ihn in einer dürftigen Lage, und munterte ihn auf, mich zu besuchen; Fraunhofer kam mit einiger Schüchternheit zu mir, weil er glaubte, ich wäre mit ihm unzufrieden, indem ich ihn so lange Zeit nicht mehr sah, und weil er hörte, daß ich dem Optiker Hrn. Niggl, welcher in unserem Institute arbeitete, in einem hohen Grade zugethan war. – Indessen wurden Fraunhofer und ich nach einer kurzen Unterredung mit einander über unsere Verhältnisse ganz einig; Fraunhofer trat als Optiker neben Hm. Niggl in |167| das mathematisch-mechanische Institut Reichenbach, Utzschneider und Liebherr, wo ich ihn der Oberaufsicht des Hrn. Prof. Schiegg übergab, welcher das Institut zur selbigen Zeit beinahe täglich besuchte.

Hr. Fraunhofer berechnete, und schliff die aus dem neuerbauten Glasofen zu Benediktbeurn hervorgegangenen Gläser zu den ersten größeren für die Sternwarte in Ofen bestimmten Instrumente. Von nun an sollten nicht bloß die Gläser für die Winkel-Instrumente, sondern auch alle andere optischen Instrumente erzeugt werden. Dieses bewog mich, den optischen Theil des Institutes Reichenbach, Utzschneider und Liebherr nach Benediktbeurn zu verlegen, und Hr. Fraunhofer, nach dem freiwilligen Austritte des Hrn. Niggl's, als Optiker dort zu verwenden, in der Absicht, durch ihn dort mehrere Arbeiter unterrichten, und von dort aus die Gläser für das Institut Reichenbach, Utzschneider und Liebherr in München bearbeiten zu lassen. Um der optischen Anstalt in Benediktbeurn mehr Festigkeit zu geben, und Hrn. Fraunhofer eine sichere Existenz zu verschaffen, schlug ich vor, ein eigenes Institut für die Optik allda zu errichten.

Der Gesellschaftsvertrag kam auch am 7. Febr. 1809 zwischen mir, Reichenbach und Fraunhofer zu Stande. Herr Mechanikus Sigismund Rudolph Blochmann wurde aus dem mathematisch-mechanischen Institute durch einen eigenen unter 15ten Febr. 1809 mit ihm abgeschlossenen Vertrag gleichfalls dahin versezt, um den mechanischen Theil der optischen Anstalt allda zu leiten.

Hrn. Fraunhofers Bestimmung war, den optischen Theil in seiner ganzen Ausdehnung unter seine Aufsicht zu nehmen. Früher hatte er sich in seinen theoretischen Arbeiten auch mit der Katoptrik beschäftigt, und im Jahre 1807 über die Abweichung außer der Are bei Telescopspiegeln eine – noch nicht gedrukte – Abhandlung geschrieben; er zeigt darin, daß die hyperbolischen Spiegel den parabolischen vorzuziehen seyen, und theilt auch die Erfindung einer Maschine mit, durch welche die Flächen hyperbolischer Segmente, so wie auch andere geschliffen werden können. Bei dem großen Bedürfnisse von Gläsern, welches das mathematisch-mechanische Institut in München bei ihren vielen Instrumenten hatte, wurde in dem Gesellschaft-Vertrage ausdrüklich |161| festgesezt, daß von dem neu gegründeten optischen Institute die Katoptrik vor der Hand ausgeschlossen werden müsse, um Hrn. Fraunhofer in seinen optischen Arbeiten für das mathematisch-mechanische Institut in München nicht zu zerstreuen.

Eine der schwierigsten Aufgaben in der praktischen Optik ist bekanntlich das Poliren der sphärischen Flächen großer Objektive in dem Grade genau, wie die Theorie es voraussezt, weil durch das Poliren diese Flächen die Gestalt zum Theil verlieren, welche sie im Schleifen erhalten.

Hr. Fraunhofer erfand nun eine Polirmaschine, mit welcher nicht nur die Form der Objektivflächen nicht verdorben wird, sondern auch noch die unvermeidlichen Fehler des Schleifens in jeder Beziehung verbessert werden können, und bei welcher die Genauigkeit weniger von der Geschiklichkeit des Arbeiters abhängt. Derselbe Fall ist es mit den von ihm für andere optische Zweke erfundenen Schleif- und Polirmaschinen.

Hr. Fraunhofer war bemüht, das Glas, dessen er sich bediente, in Bezug auf die Wellen und Streifen, die es enthält, durch welche das Licht unregelmäßig gebrochen, und zerstreut wird, auf eine neue Art zu untersuchen, und fand auf diese Weise, daß oft im Flintglase, welches wir bisher zu Benediktbeurn erzeugten, nicht ein von Wellen und Streifen ganz freies Stük anzutreffen war; er fand, daß die verschiedenen Stüke von einer und derselben Schmelze im Brechungs-Vermögen sehr verschieden waren, welches beides zwar bei dem englischen, und besonders bei dem französischen Flintglase in einem noch höheren Grade der Fall ist. Da unter diesen Umständen die Hoffnung, vollkommnere und größere Objektive zu erhalten, als die waren, deren man sich bis dahin bediente, nicht hatte genährt werden können, so ersuchte ich im September des Jahres 1811 Hr. Fraunhofer, auch die Glas-Schmelzarbeiten des Hrn. Guinand unter seine Aufsicht zu nehmen, alle Schmelzen mitzumachen, und die mir vorgeschlagenen Verbesserungen am Schmelzofen vorzunehmen, auch die hierzu nöthigen Werkzeuge und Maschinen ungesäumt verfertigen zu lassen. Die zweite Schmelze, welche Fraunhofer machte, zeigte uns, daß man Flintglas erhalten kann, wo selbst ein Stük vom Boden des zwei Centner enthaltenden Schmelztiegels genau dasselbe Brechungs-Vermögen hat, als eines von der Oberfläche desselben. Die folgenden Schmelzen jedoch, obschon genau |169| auf dieselbe Weise gemacht, waren sowohl in Hinsicht des gleichen Brechungs-Vermögens, als auch in Hinsicht der Wellen und Streifen unbrauchbar. Erst nach längerer Zeit erhielt er wieder einige gelungene Schmelzen; aber auch jezt war es noch zufällig, und erst nach sehr vielen im Großen (jedesmahl mit vier Centnern), angestellten Versuchen, wurde er mit den vielen Ursachen bekannt, welche das Mißlingen veranlassen, und dann erst war er seiner Sache gewiß. Hätte er nicht früher schon gelungene Schmelzen gemacht, und hätte er seine Versuche nicht im Großen angestellt, so hätte er bei Verfolgung derselben aus den Schwierigkeiten, die sich aufdekten, schließen müssen, daß es unmöglich sey, eine große völlig homogene Masse Flintglas zu erhalten.

Auch das englische Crownglas, so wie das deutsche Spiegel- und Tafelglas, enthält, wie Hr. Fraunhofer fand, Streifen oder Wellen, welche das Licht unregelmäßig brechen. Da in einem größeren und dikeren Glase mehr dieser Streifen enthalten seyn müssen, es aber der umgekehrte Fall seyn muß, wenn bei größeren Fernröhren ihre Wirkung zunehmen soll, so würde dieses Glas für große Objective nicht brauchbar seyn. Deßwegen rieth Fraunhofer von nun an auch alles Crownglas selbst zu schmelzen. Bei diesen im Großen angestellten Versuchen stieß er auf Schwierigkeiten anderer Art, welche erst nach einigen Jahren völlig besiegt wurden. Hr. Fraunhofer fand, daß, wie genau man auch der Theorie, welche man für die beste Construktion achromatischer Objective gegeben hatte, in der Ausführung Folge leisten mochte, ihre Wirkung dennoch nie der Erwartung völlig entsprach. Eines Theils fand er die Ursache darin, daß die nur genäherten Formeln für Objective, in welchen man, um brauchbare algebraische Ausdrüke zu erhalten, z.B. die Dike der Gläser, die höheren Potenzen der Oeffnung etc. vernachläßigen müßte, keine hinreichende Genauigkeit geben; andern Theils lag die Ursache darin, daß die Größen, welche bei der Berechnung achromatischer Objective als genau bekannt vorausgesezt werden müssen, d.i. die Exponenten der Brechungs- und Farbenzerstreuungs-Verhältnisse der Glasarten, welcher man sich bedient, durch die bisher bekannten Mittel nicht mit hinreichender Genauigkeit bestimmt werden können. Das erste Hinderniß besiegte Fraunhofer, indem er bei der Berechnung einen neuen Weg einschlug, auf welchem |170| keine Größe vernachläßigt wird, und jede Genauigkeit erreicht werden kann. Uebrigens geschah die Berechnung achromatischer Objective bisher nur für Strahlen, welche von einem in der Axe der Gläser gelegenen Puncte kommen. Fraunhofer berüksichtigte auch noch die Abweichung für jene Puncte, welche außerhalb der Axe liegen, und bei seinen Objectiven ist diese ein Minimum.

Dieses ist zum Theil die Ursache, weßwegen die Construktion seiner Objective von jenen der englischen ganz verschieden ist. Die Ursache, weßwegen das Brechungs- und Farbenzerstreuungs-Vermögen der Materien bisher nicht mit Genauigkeit bestimmt werden konnte, liegt größten Theils darin, daß das Farbenspektrum keine scharfen Gränzen hat, und daß auch der Uebergang von einer Farbe in die andere nur allmählig geschieht, daher bei größeren Spektren die Winkel der Brechung nur auf 10 oder 15 Minuten genau gemessen werden konnten. Diesem Hindernisse zu entgehen, machte Hr. Fraunhofer eine Reihe von Versuchen: ein homogenes Licht künstlich hervorzubringen, und da ihm dieses direkt nicht gelang, so erfand er einen Apparat, durch welchen es mit Lampenlicht und Prismen hervorgebracht wurde. Im Verlaufe dieser Versuche entdekte er die fixe helle Linie, welche im Orange des Spektrums sich findet, wenn es durch das Licht des Feuers hervorgebracht wird, welche Linie ihm nachher zur Bestimmung des absoluten Brechungs-Vermögens der Materien gedient hatte. Die Versuche, welche Fraunhofer machte, um zu erfahren, ob das Farbenspektrum vom Sonnenlichte dieselbe helle Linie im Orange enthält, wie das vom Lichte des Feuers, führten ihn auf die Entdekung der unzähligen dunkeln fixen Linien in dem aus vollkommen homogenen Farben bestehenden Spektrum vom Sonnenlichte, welche Entdekung wichtige Folgen hatte, und durch welche allein es möglich wurde, den Weg des Lichtes für alle Farben-Nüancen mit Winkel-Instrumenten völlig genau und direkt zu verfolgen. Fraunhofer hat diese und andere hierauf Bezug habende Versuche in einer Abhandlung beschrieben, welche im fünften Bande der Denkschriften der k. bayerischen Akademie der Wissenschaften gedrukt erschienen ist. Die Akademie erwählte ihn hierauf im Jahre 1817 zu ihrem Mitgliede. Die genannten Resultate gaben Hrn. Fraunhofer die Veranlassung, außer der Refraktion und Reflexion auch noch über andere Geseze des Lichtes sine Reihe von Versuchen anzustellen, was durch die vorhergegangenen |171| Entdekungen und die Hülfsmittel, welche ihm zu Geboth standen, möglich wurde. Das, was ihm am Wichtigsten zu seyn schien, war die Beugung des Lichtes, deren Geseze man bis dahin aus den Versuchen nicht mit Sicherheit ableiten konnte. Die Resultate seiner von einem glüklichen Erfolge begleiteten Versuche über die Geseze der Beugung des Lichtes führten ihn auf die Entdekung der so außerordentlich mannigfaltigen Phänomene, welche durch gegenseitige Einwirkung gebeugter Strahlen entstehen, und durch welche er z.B. vollkommen homogene Farben Spektra ganz ohne Prismen hervorzubringen im Stande war. Da diese Spektra, welche bloß durch Gitter aus sehr feinen, völlig gleichen, und parallelen Fäden hervorgebracht werden, die dunkeln fixen Linien enthalten, welche er früher in dem durch ein Prisma entstandenen Spektrum entdekt hatte, und folglich bei Verfolgung des Weges des Lichtes die Winkel mit außerordentlicher Präcision zu bestimmen waren, so konnten die eigenen Geseze dieser Modifikation des Lichtes mit ungewöhnlicher Genauigkeit aus den Versuchen abgeleitet werden. Hr. Fraunhofer hat die genannten, und andere hieher gehörigen Versuche in einer Abhandlung beschrieben, welche im achten Bande der k. bayer'schen Akademie gedrukt erschienen ist. Die früher bekannten Geseze des Lichtes sind von der Art, daß man ihnen viele Hypothesen über die Natur des Lichtes anpassen kann. Hr. Fraunhofer suchte nun die Theorie, welche die neuen – scheinbar sehr komplizirten – Geseze darstellt, und fand, daß sie nur aus den von Dr. Th. Young früher aufgestellten Prinzipien der Interferenz, d.i. nach der Hypothese der Undulation, mit gewissen Modificationen völlig genügend erklärt werden können. Er entwikelte alsdann für die neuen Geseze des Lichtes, nach den genannten Prinzipien, einen allgemeinen analytischen Ausdruk, aus welchem hervorging, daß, wenn er im Stande wäre, völlig vollkommene, aus parallelen Linien bestehende Gitter zu machen, die so fein wären, daß ungefähr 8000 Linien auf einen Pariser Zoll gingen, alsdann die durch sie hervorgebrachten Phänomene auf eine sonderbare, und scheinbar außerordentlich komplizirte Art modifizirt würden. Er fieng deßwegen eine neue Reihe von Versuchen an, und erfand eine Theilmaschine, durch welche er die genannten Gitter mit der von der Theorie vorgeschriebenen Genauigkeit verfertigen konnte. Durch diese Versuche wurde die Theorie im höchsten Grade genau bestätigt.

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Einen kurzen Bericht über die Resultate dieser Forschungen hat Hr. Fraunhofer in einer Sizung der k. b. Akademie der Wissenschaften vorgelesen, welcher im 74sten Bande von Gilbert's Annalen der Physik abgedrukt ist.

Durch die früher bekannten Geseze des Lichtes konnten mehrere atmosphärische Lichtphänomene z. V. die Entstehung der Höfe und Nebensonnen u.s.w. entweder gar nicht, oder nicht genügend erklärt werden.

Hrn. Fraunhofer ist es gelungen, die so sehr mannigfaltigen Phänomene auf die gegenwärtig bekannten Geseze des Lichtes zurükzuführen. Er hat über diesen Gegenstand eine Abhandlung geschrieben, welche bereits gedrukt ist.

Die zu sämmtlichen physisch optischen Versuchen von Hrn. Fraunhofer erfundenen Instrumente und Maschinen, so wie die wichtigeren Kupferplatten zu seinen Abhandlungen hat er selbst ausgeführt.

Was Hr. Fraunhofer durch die von ihm und unter seiner Direktion verfertigten optischen Instrumente geleistet hat, kann daraus wahrgenommen werden, daß die Instrumente aus dem optischen Institute: Utzschneider und Fraunhofer gegenwärtig in ganz Europa verbreitet sind.

Einige der wichtigsten, durch ihn erfundenen oder verbesserten optischen Instrumente sind:

Das Heliometer, – das repetirende Lampenfilarmikrometer, – das zum Messen im absoluten Maße bestimmte achromatische Mikroskop, – das Ringmikrometer, – das Lampenkreis- und Nezmikrometer, – der große für die Dorpater Sternwarte verfertigte parallaktische Refraktor, von welchem Hr. F. G. W. Struve, Direktor der russisch kaiserl. Sternwarte zu Dorpat, uns bereits eine detaillirte Beschreibung in einer sehr schönen Ausgabe mitgetheilt hat.

Bis zum Jahre 1814 war Hr. Gg. von Reichenbach auch Associé dieses optischen Institutes, nachdem aber derselbe das Verlangen geäußert hat: das mathematisch-mechanische Institut in München allein zu besizen, um seinen und seiner Familie Privat-Vortheil und Nuzen mehr zu begründen, so wurde der Gesellschafts-Vertrag am 7ten Febr. 1814 zwischen demselben, Hrn. Fraunhofer und mir aufgelöst. Nach dieser Trennung habe |173| ich für gut gefunden, das optische Institut mit Hrn. Fraunhofer nun allein fortzusezen; der Gesellschafts-Vertrag zwischen Hrn. Fraunhofer und mir wurde auch am 20. Febr. 1814 abgeschlossen; in demselben schenkte ich Hrn. Fraunhofer ein – diesem optischen Institute nicht zu entziehendes – Kapital von zehntausend Gulden als Einlagsfond von seiner Seite, so, daß er bei einem fixen Gehalte neben andern Begünstigungen, und bei seinem Antheile an der reinen Rente aus dem Ertrage des optischen Institutes für die Zukunft ein von Nahrungssorgen ganz freies Leben gewann.

Von diesem Zeitpuncte an entwikelte sich erst Hrn. Fraunhofers ganze Thätigkeit. Der Optiker, Hr. Petr. Ludw. Guinand, welcher sich vorzüglich mit Flint- und Crownglasschmelzen beschäftigte, hat am 20. Dezbr. 1813 Benediktbeuern verlassen; der ausgezeichnete Mechaniker Hr. Rudolph Sigismund Blochmann blieb aber bis zum Jahre 1818 als Techniker für die Leitung des mechanischen Theiles im optischen Institute zu Benediktbeurn, wo derselbe zu unserm Bedauern uns verließ, um seine neue – ihm angetragene Stelle zu Dresden als königlicher Inspektor des mathematischen Sallon anzutreten.

Hr. Fraunhofer nahm auf diese Weise allmählig alle Theile des optischen Institutes, welches im Jahre 1819 nach München verlegt wurde, unter seine unmittelbare Leitung; die Arbeiten dieser Anstalt vermehrten sich dergestalt, daß gegenwärtig fünfzig Menschen beschäftigt werden. Neben den vielen Bestellungen vom Auslande werden auch jezt noch in diesem Institute Utzschneider und Fraunhofer die optischen Theile für jene astronomischen und geodätischen Winkel-Instrumente verfertigt, welche in dem Reichenbach'schen Attellier, dessen Eigenthümer seit dem Jahre 1820 Hr. Mechanikus Traugott Ertel geworden ist, erzeugt werden.

Im Jahre 1823 wurde Hr. Fraunhofer zum Conservator des physikalischen Kabinets der k. bayer. Akademie der Wissenschaften ernannt, und erhielt aus dem Fonde dieser Akademie auf sein Ansuchen einen jährlichen Gehalt von achthundert Gulden.

Sr. Majestät der König Maximilian Joseph, allerhöchstseligen Andenkens, erhoben ihn im Jahre 1824 nach der öffentlichen Ausstellung des für die russisch kaiserl. Sternwarte in Dorpat bestimmten Refraktors zum Ritter des Civil-Verdienstordens |174| der bayer'schen Krone. Mehrere auswärtige gelehrte Gesellschaften ernannten Hrn. Fraunhofer zu ihrem Mitgliede, und die Universität Erlangen zum Doktor der Philosophie.

Dieses war die Bahn und der Gang meines edlen Freundes Jos. von Fraunhofer zu dem Tempel des ewigen Ruhmes, bis ihn im Oktober vorigen Jahres eine Krankheit beschlich, die denselben acht Monate lang am Krankenlager festhielt.

Der Einsturz des Hauses, unter dessen Schutte er herausgegraben werden mußte, scheint einen Eindruk körperlicher Schwäche in ihm zurükgelassen zu haben; überdieß litt er schon seit mehreren Jahren an Drüsen-Geschwüren; mehrere Katharre wurden vernachläßigt; die geistigen Anstrengungen, wobei der Körper fast immer vernachläßigt ward, wurden selten unterbrochen; die Hize und Dünste des Glasofens, gegen welche er von mir öfters gewarnt worden, konnten die Schwäche seines Körpers nur vermehren; er unterlag am Ende, wenn auch sein Geist bis zum lezten Athemzuge sich aufrecht erhielt, und seiner sich bewußt war. Obschon unverheirathet, hatte er während seiner langwierigen Krankheit doch alle mögliche Pflege. Die Hoffnung zur Wiederherstellung seiner Gesundheit, und zur Befestigung derselben eine Reise in ein milderes Klima nach Frankreich oder Italien machen zu können, verließ ihn nicht bis zu seinem Hinscheiden, das am 7. Juni Morgens 10 3/4 Uhr erfolgte.

Einige Tage vor seinem Lebens-Ende erhielt er noch das Diplom als Ritter des königl. dänischen Dannebrogordens.

Seine Krankheit und sein Tod erregten allgemeine Theilnahme. Bei seiner Beerdigung herrschte unter den zahlreichen Begleitern aus allen Ständen eine Stille, die Jedermann ergriff. Der Magistrat der königlichen Haupt- und Residenz-Stadt München ehrte das Andenken an Fraunhofer unter andern auch dadurch, daß derselbe mir vermittelst Schreiben vom 10, Juni die Befugniß einräumte, den Begräbnißplaz für den Verblichenen, wo es mir gefällig seyn wird, auf dem Kirchhofe auszuwählen. Die von mir gewählte Stätte mit dem darauf zu errichtenden Monumente soll nach Magistratischen Beschlusse für immer dem Andenken Fraunhofers unentgeldlich gewidmet bleiben. Ich nahm das ehrenvolle Anerbieten des Magistrates für Fraunhofer dankbar an, und wählte zu seiner Beerdigung den Plaz unmittelbar an der Seite des erst vor wenigen |175| Tagen verstorbenen großen Mechanikers Hrn. Georg von Reichenbach.

Es ruhen demnach die zwei großen Künstler des bayer'schen Vaterlandes nebeneinander, so, daß sie – im Leben gleich groß in Ausbreitung von Kunst und Wissenschaft – auch in dieser Ruhestelle sich noch einander die Hand reichen können. Ihr Geist für Kunst und Wissenschaft weiche niemahls von Uns!!63).

Ich von meiner Seite kann meinem unvergeßlichen Fraunhofer kein lebendigeres Denkmahl sezen, als daß ich alle meine Kräfte aufbiethe, um das optische Institut, so wie es unter seiner Leitung gegründet worden, auch für die Zukunft zu erhalten. Die Arbeiten in demselben werden nach der Richtung, die Fraunhofer bezeichnete, fortgesezt. Ein Refraktor, gleich dem, welcher im Jahre 1824 an die Sternwarte zu Dorpat von unserm optischen Institute abgeliefert worden, wird in kurzer Zeit vollendet werden; ein größerer parallaktischer Refraktor von 12 Pariserzoll Oeffnung des Objectives, und von 18 Fuß |176| Brennweite, von der bayer'schen Regierung bestellt, ist auch bereits in Arbeit genommen, und wird in der von der königl. bayer. Regierung bestimmten Zeit zur Aufstellung fertig seyn; an dem Mechanismus dieses Instrumentes werden nach Fraunhofers Angabe Verbesserungen angebracht werden.

Die optischen Instrumente, welche bisher aus dem optischen Institute Utzschneider und Fraunhofer hervorgingen, werden auch fernerhin nach dem hier beigefügten Verzeichnisse verfertigt.

Wir wollen nach dem Beispiele Fraunhofers die Lehre des Römers im Auge behalten:

Quod si hominibus bonarum rerum tanta cura esset: quanto studio aliena ac nihil profutura, multumque etiam periculosa petunt; neque regerentur magis, quam regerent casus, et eo magnitudinis procederent, ubi pro mortalibus gloria aeterni fierent.

Geschrieben München im Juni 1826.

J. v. Utzschneider.

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Verzeichniß derjenigen Instrumente, welche in dem optischen Institute Utzschneider und Fraunhofer, ehemals in Benediktbeurn, jezt in München, für nachstehende Preise verfertigt werden.

Alle in diesem Preis-Courant angesezte Dimensionen sind im zwölftheiligen Pariser Maße zu verstehen. Die Preise sind im 24 Gulden-Fuße.

  • 1. Heliometer mit messingener Säule und drei Füßen, parallactisch montirt, mit zwei Libellen, Stunden- und Declinations-Kreis von 4,6 Zollen im Durchmesser, beide mit silbernem Limbus, durch die Verniers von Minute zu Minute getheilt. Das Fernrohr hat ein achromatisches Objectiv von 42 Zoll Brennweite und 34 Linien Oeffnung, vier astronomische Oculare von 41, 52, 81 und 131 mahliger Vergrößerung, und zwei Sonnengläser. Dieser Heliometer ist in allen Stüken sehr wesentlich von allen bisherigen verschieden, er repetirt die damit gemessenen Durchmesser der Sonne und Planeten, Distanzen, Ascensions- und Declinations-Unterschiede, ist in jeder Lage vollkommen balancirt, und gibt vermittelst der Micrometer-Schraube eine halbe Secunde ohne Repetition an fl. 1850.
  • 2. Cometensucher, mit hölzernem Rohre, messingener Säule und drei Füßen, parallactisch montirt, mit Stunden- und Declinations-Kreis von 3,6 Zollen im Durchmesser, beide von fünf zu fünf Minuten unmittelbar getheilt. Das Fernrohr hat ein achromatisches Objectiv von 24 Zoll Brennweite. 34 Linien Oeffnung, und zwei astronomische Oculare von 10 und 15 mahliger Vergrößerung. Das Feld hat 6 Grade. fl. 490.
  • 3. Cometensucher mit hölzernem Rohre, ohne Stativ. Das Fernrohr hat ein achromatisches Objectiv von 24 Zoll Brennweite, 34 Linien Oeffnung, und ein astronomisches Ocular von 10 mahliger Vergrößerung. Das Feld hat 6 Grade fl. 88.
  • 4. Großer achromatischer Refractor von 9 Fuß 2 Zoll Brennweite, und 6 Zoll 6 Linien Oeffnung, parallactisch montirt, mit eingetheiltem Stunden-Kreise und Declinations-Quadranten. Das Rohr hat einen astronomischen Sucher, alle nöthigen feinen und groben Bewegungen, ist in jeder Lage balancirt, folgt durch eine Uhr mit einem Centrifugal-Pendel der Bewegung der Sterne, und hat 6 astronomische Oculare von 62, 93, 140, 210, 320 und 470 mahliger Vergrößerung, nebst einem repetirenden Lampen-Micrometer mit drei besonderen Ocularen etc.
    Außer diesen neun-füßigen Refractoren sind noch einige von 14 Fuß Brennweite und 8,5 Pariser-Zoll Oeffnung in Arbeit. Bei Bestellung solcher größerer Instrumente wird man sich über den Preis vereinigen.
  • 5. Tubus mit Pyramidal-Stativ, unmittelbar am Boden stehend, Füße und Rohr von Mahagony-Holz, zwei gezähnten schiefen Stangen zur sanften Bewegung des Rohrs. Das achromatische Objectiv hat 72 Zoll Brennweite, und 52 Linien Oeffnung, zwei irdische Oculare von 82 und 120, fünf astronomische von 64, 96, 144, 216 und 324 mahliger Vergrößerung, einen Kreismicrometer, zwei Sonnengläser und achromatischen Sucher. fl. 1280.
  • 6. Tubus mit Pyramidal-Stativ, unmittelbar am Boden stehend, Füße und Rohr von Mahagony-Holz, zwei gezähnten schiefen Stangen zur sanften Bewegung des Rohrs. Das achromatische Objectiv hat 60 Zoll Brennweite, und 48 Linien Oeffnung, ein irdisches Ocular von 66, fünf astronomische Oculare von 54, 80, 120, 180, und 270 mahliger Vergrößerung, einen Kreis-Micrometer, achromatischen Sucher und zwei Sonnengläser fl. 1040.
  • 7. Tubus mit Pyramidal-Stativ, unmittelbar am Boden stehend, Füße und Rohr von Mahagony-Holz, zwei gezähnten schiefen Stangen zur sanften Bewegung des Rohrs. Das achromatische Objectiv hat 60 Zoll Brennweite und 43 Linien Oeffnung, ein irdisches Ocular von 66, fünf astronomische Oculare von 54, 80, 120, 180 und 270 mahliger Vergrößerung, einen Kreis-Micrometer, achromatischen Sucher und zwei Sonnengläser fl. 870.
  • 8. Tubus von 4 Fuß 10 Zoll Länge mit messingener Röhre und Stativ, und feiner Vertical-Bewegung. Das Fernrohr hat ein achromatisches Objectiv von 48 Zoll Brennweite und 37 Linien Oeffnung; zwei irdische Oculare von 57 und 80, und vier astronomische von 64, 96, 144 und 216 mahliger Vergrößerung mit einem Sonnenglase. Der ganze Tubus in einem polirten Kasten fl. 422.
  • 9. Tubus von 4 Fuß 4 Zoll Länge mit messingener Röhre und Stativ. Das achromatische Objectiv des Fernrohrs hat 42 Zoll Brennweite und 34 Linien Oeffnung; zwei irdische Oculare von 50 und 70, und drei astronomische von 54, 84 und 126 mahliger Vergrößerung, nebst einem Sonnenglase und polirtem Kasten fl. 330.
  • 10. Tubus von 3 Fuß 4 Zoll Länge mit messingener Röhre und Stativ. Das Fernrohr hat ein achromatisches Objectiv von 30 Zoll Brennweite und 29 Linien Oeffnung, ein irdisches Ocular von 42, und zwei astronomische von 60 und 90 mahliger Vergrößerung, nebst einem Sonnenglase und polirtem Kasten fl. 190.
  • 11. Tubus von 2 Fuß 6 Zoll Länge mit messingener Röhre und Stativ. Das Fernrohr hat ein achromatisches Objectiv von 20 Zoll Brennweite und 21 Linien Oeffnung, ein irdisches Ocular von 28, und zwei astronomische von 40 und 60 mahliger Vergrößerung, nebst einem Sonnenglase und polirtem Kasten fl. 117.
  • 12. Fernrohr von 4 Fuß 1 Zoll Länge mit hölzernem Rohre ohne Stativ. Das Fernrohr hat ein achromatisches Objectiv von 42 Zoll Brennweite und 32,5 Linien Oeffnung; eine Auszugsröhre mit einem irdischen Oculare von 55, und zwei astronomischen von 84 und 126 mahliger Vergrößerung, ein Sonnenglas und einen Kasten fl. 160.
  • 13. Fernrohr von 3 Fuß 1 Zoll Länge mit hölzernem Rohre ohne Stativ. Das Fernrohr hat ein achromatisches Objectiv von 30 Zoll Brennweite und 27 Linien Oeffnung; eine Auszugsröhre mit einem irdischen Oculare von 40, und zwei astronomischen von 60 und 90 mahliger Vergrößerung, ein Sonnenglas und einen Kasten fl. 94.
  • 14. Seefernrohr von 4 Fuß 1 Zoll Länge mit hölzernem Rohre. Das Fernrohr hat ein achromatisches Objectiv von 42 Zoll Brennweite, und 29,5 Linien Oeffnung, mit einer irdischen Ocularröhre von 55 mahliger Vergrößerung, nebst Kasten fl. 97.
  • 15. Seefernrohr von 3 Fuß 1 Zoll Länge mit hölzernem Rohre, achromatischem Objective von 30 Zoll Brennweite, und 25,5 Linien Oeffnung; einer irdischen Ocularröhre von 40 mahliger Vergrößerung, nebst einem Kasten fl. 68.
  • 16. Seefernrohr von 2 Fuß 3 Zoll Länge mit hölzernem Rohre; achromatischem Objektive von 20 Zoll Brennweite, 19 Linien Oeffnung; einer irdischen Ocularröhre, und einen Kasten fl. 38.
  • 17. Seefernrohr von 1 Fuß 10 Zoll Länge mit hölzernem Rohre, achromatischem Objective von 16 Zoll Brennweite, 15,5 Linien Oeffnung, und einer irdischen Ocularröhre fl. 31.
  • 18. Zugfernrohr von 2 Fuß 2 Zoll Länge mit einem hölzernen Rohre und drei Auszugsröhren von Messing, einem achromatischen Objective von 20 Zoll Brennweite, 19 Linien Oeffnung, und Futterale von Marroquin fl. 45.
  • 19. Zugfernrohr von 1 Fuß 10 Zoll Länge mit einem hölzernen Rohre und drei Auszugsröhren von Messing, einem achromatischen Objective von 16 Zoll Brennweite, 15,5 Linien Oeffnung, und Futterale von Marroquin fl. 34.
  • 20. Zugfernrohr von 1 Fuß 6 Zoll Länge mit einem hölzernem Rohre und drei Auszugsröhren von Messing, einem achromatischen Objective von 12 Zoll Brennweite, 12 Linien Oeffnung und Futterale von Marroquin fl. 26.
  • 21. Großes zusammengeseztes Microscop mit vollständigem Apparate, um die Durchmesser der Gegenstände in irgend einem bestimmten Maße auf 0,00001 Zolle genau angeben zu können, mit Apparate zur Beleuchtung, sechs achromatischen Objectiven, einem doppelten und einem einfachen Oculare zu verschiedenen Gesichtsfeld und Vergrößerung. Die Vergrößerungen der Flächen sind bei dem einfachen Oculare 256, 441, 1024, 2809, 5476, 10000, und beim doppelten Oculare 576, 992, 2304, 6320, 12321, 22500. Das ganze Microscop ist in einem polirten Kasten fl. 560.
  • 22. Zusammengeseztes Microscop, mit vollständigem Apparate, vier achromatischen Objectiven und zwei Ocularen, nebst Kästchen. Die Flächen der Gegenstände werden 400, 900, 2500, 5620 und 12100 Mahl vergrößert fl. 130.
  • 23. Zusammengeseztes Microscop, mit vollständigem Apparate, drei achromatischen Objectiven und einem Oculare, nebst Kästchen. Die |180| Flächen der Gegenstände werden 400, 900 und 2500 Mahl vergrößert fl. 61. –
  • 24. Reise-Microskop, mit zwei achromatischen Objectiven, Spiegel, Stiel-Loupe, Schieber, Zängelchen etc. Alles in einer messingenen Hülse fl. 52. –
  • 25. Loupe, in messingenen Ring gefaßt fl. 2. 30 kr.
  • 26. Loupe, in messingenes Röhrchen gefaßt fl. 1. 30 kr.
  • 27. Loupe, wie die vorhergehende, nur etwas kleiner fl. 1. 24 kr.
  • 28. Cameralucida, mit Fassung zum Anschrauben am Tische, nebst zwei Augengläsern für Kurz- und Weitsichtige fl. 33. –
  • 29. Cameralucida, mit Fassung zum Anschrauben am Tische, nebst vier Augengläsern für Kurz- und Weitsichtige fl. 40. –
  • 30. Prismen von Crown- und Flintglas zusammengesezt, von verschiedener Größe, zu fl. 4, 6, 10, 20.
  • 31. Plan- und Parallel-Spiegel in runder Form.
  • 32. Oculare in Röhren, auch bloße Ocular-Linsen.
  • 33. Libellen.
    Diese drei unter N. 31, 32 und 33 bemerkten Gegenstände werden nur auf Bestellungen verfertigt, und nach Maßgabe ihrer Dimensionen der Preis bestimmt.
  • 34. Achromatische Objective.
    Zur Bequemlichkeit für Künstler, welche sich mit Verfertigung astronomischer Instrumente beschäftigen, hat sich das optische Institut entschlossen, einzelne Objective, bloß in einem Ringe gefaßt, zu verkaufen.
    Die Oeffnungen sind in Linien des zwölftheiligen Pariser Maßes angegeben, und die Breite des Fassungsringes nicht mitgerechnet, der ganze Durchmesser der Objective wird also um einige Linien größer, als der hier bezeichnete seyn.
Oeffnung 12 Linien fl. 13. –
14 fl. 15. –
16 fl. 18. –
18 fl. 21. –
21 fl. 28. –
24 fl. 44. –
27 fl. 63. –
30 fl. 87. –
33 fl. 116. –
36 fl. 150. –
39 fl. 191. –
42 fl. 238. –
45 fl. 293. –
48 fl. 356. –
51 fl. 427. –
54 fl. 506. –
57 fl. 595. –
60 fl. 694. –
|181| 63 fl. 804. –
66 fl. 924. –
72 fl. 1200. –

Auf Verlangen werden perspektivische Zeichnungen in Groß-Quart-Format von Nro. 1, 2, 4, 5, 21 und 28, gegen 40 kr. per Stük abgegeben.

|175|

Die Redaction erlaubt sich dieser Lebensgeschichte einige Worte, welche ein Vaterlandsfreund „den Manen des Ritters von Fraunhofer für dieses Journal niederschrieb, hier beizufügen. „Billig sollte das erste Heft dieser Zeitschrift, welches, seit Fraunhofer unter der Erde ruht, unter die Presse geht, schwarz umrändelt, in die Welt geschikt werden: denn nicht bloß unser Vaterland, sondern jedes Land, in welchem physische Wissenschaften mitten unter dem mystischen Jahrmarkte, der heute zu Tage über den ganzen Erdball aufgeschlagen ist, noch einigen Werth haben, hat an Fraunhofer einen unersezlichen Verlust erlitten. Es ist sogar schwer zu sagen, ob die Erde an ihm mehr verloren hat, oder der gestirnte Himmel, den wir durch ihn in wenigen Jahren vielleicht näher kennen gelernt haben würden, als er uns in Jahrhunderten nicht wieder so nahe gebracht werden wird.“

„Männer, die wie Mahomed im mystischen, und wie Ritter von Fraunhofer im reineren physischen Sinne, den Mond vom blauen Himmel herabziehen, und in ihren Aermel steken können, werden nicht an jedem neuen Sonntage geboren, und es wird wohl oft der Mond noch über uns auf und untergehen, bis aus einem Glaser-Lehrling, über welchen ein Haus einstürzte, das ihn mehrere Stunden lang lebendig begraben hielt, ein zweiter Fraunhofer hervorgeht, und bis dieser jene glükliche Hand wieder findet, die den Goldgehalt des Genies an einem leichten Glaser-Jungen erkannte, und denselben so zu stellen wußte, daß er, sich selbst überlassen, den Weg zu den Sternen sicheren Schrittes finden konnte.“

|176|

„Ritter von Fraunhofer war, in seiner Sphäre, als Mathematiker und Techniker, ein Genie ersten Ranges, das nicht bloß den Mangel früherer Bildung schnell zu ersezen, sondern auch die wunderseltene Gewandtheit besaß, den höchsten, den feinsten mathematischen Calcul mit der leichtesten und bequemsten praktischen Ausführbarkeit zu verbinden. Es hat größere Mathematiker nach Hunderten gegeben, und geschiktere Glasmacher und Glasschleifer als Fraunhofer: es gab aber keinen Mathematiker von Frauenhofers Range, der so geschikt, wie er Glas gebildet und geschliffen, und keinen Glasmacher und Glasschleifer, der ein so feiner Mathematiker, wie er gewesen wäre. In dieser eben so seltenen als glüklichen Verbindung zweier, sonst nur getrennt vorkommenden, Fähigkeiten liegt die Größe des Genies Fraunhofer's, als Optiker, und die Unsterblichkeit seiner Meisterwerke: nur dadurch konnte er refixa coelo devocare sidera.“

„Es kommt uns, da wir jener Akademie nicht angehören, die an Fraunhofer und Reichenbach ihre Koryphäen verlor, nicht zu, das Publikum nach akademischer Sitte mit einer Lobrede auf den Verstorbenen zu trösten. Wer ein Bayer ist, wird sich durch keine schön gesezte akademische Lobrede auf den so eben Verblichenen trösten lassen: er wird aber den unersezlichen Verlust eines Mannes sehr tief fühlen, von dem die Sternwarten des Auslandes, die der Skythen sogar sich mit seinen unerreichbaren Instrumenten zu versehen eilten.“

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