Titel: Gothisches Forte-Piano.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1826, Band 21, Nr. CXIV./Miszelle 18 (S. 478–479)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj021/mi021114_18

Gothisches Forte-Piano.

Hr. Ackermann liefert uns im Juli-Hefte seines Repository S. 58 Beschreibung und Abbildung eines modernen (fashionable) Forte-Piano, das eben so viele hundert tausend Schnörkel und Spizen hat, als die West-Münster-Kirche, oder irgend ein abgeschmakter gothischer alter Plunder mit 36,000 Spizen. Wenn wirklich solche Abgeschmaktheiten in England Mode seyn könnten (und wirklich sagt man, daß die höhere Classe in England sehr altgothisch, oder vielmehr sehr vandalisch denkt); so sollte Hr. Ackermann, in welchem die deutsche Kraft selbst an der Themse nicht versiegt ist, sich vielmehr bemühen, die Abgeschmaktheiten einer so faden und aschenbrödelartigen Mode, wie die gothische, zu bekämpfen, als zu verbreiten, und Verstand und Geschmak mit Füßen zu treten helfen. Männer von Ackermann's Geist haben sonst den Geist ihrer Zeit geschaffen, und nie dem Zeitgeiste gehuldigt, wo er elend, erbärmlich, und unausstehlich fad gewesen ist. Einem solchen Zeitgeiste huldigen, in welchem Ost- und West-Gothicismus an die Tagesordnung wiederkehren soll, heißt sich an der Nachwelt versündigen, die uns einst eben so richten wird, wie wir bereits vor kaum 25 Jahren die Gothen |479| und Vandalen gerichtet haben. Wir senden Hundert-Tausende den Griechen, und wollen uns gothische Häuser bauen und unsere Zimmer gothisch möblieren! – Wir hoffen Hr. Ackermann wird sich mit der Nachwelt aussöhnen, und uns nächstens, zum Beweise, daß er in England englische Sitte angenommen, und uns bloß mit einem mitleidigen „Sneer“ behandelt hat, indem er uns mit gothischen Möbeln überschüttete, die Abbildung einer gothischen Barbier- und Schminkbüchse und eines gothischen Nacht-Topfes, sammt hierzu gehöriger Beschreibung, schenken.

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