Titel: Pajot-Descharmes, über Mahlerei auf geschnittenem Manchester.
Autor: Pajot des Charmes, C.
Fundstelle: 1826, Band 22, Nr. XIII. (S. 66–70)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj022/ar022013

XIII. Ueber Mahlerei auf geschnittenem Manchester; von Hrn. Pajot-Descharmes.17)

Aus den Annales de l'Industrie. Juli. 1826. S. 71.

Man kennt die Schönheit der Gemählde des Hrn. Vauchelet auf Manchester (velours á coton) zu Meubeln. Die Bewunderung |67| die sie erregten, veranläst den Wunsch, das Verfahren bei diesem neuen Zweige der Industrie alsogleich nach Verlauf des Brevet-Termines zur allgemeinen Kenntniß gebracht zu sehen. Folgende Thatsache beweiset, daß, ob schon dieses Brevet im Jahre 1815 verfallen, und im J. 1823 bekannt gemacht wurde, Hr. Vauchelet doch noch immer privilegirt bleibt.

Einer meiner Bekannten, der sich des Verfahrens des Hrn. Vauchelet, (der für den Erfinder18) desselben gilt, und im J. 1810 ein Brevet auf 5 Jahre nahm, das im V. Bande der Brevets publiés en 182319) abgedrukt ist), bedienen wollte, versuchte vergebens nach der vorgeschriebenen Methode zu arbeiten, obschon er dasselbe auf das genaueste, Punct für Punct, befolgte. Er dach mich dasselbe in meiner Gegenwart wiederholen zu dürfen, um zu sehen, ob er vielleicht irgendwo gefehlt hätte. Ich eilte seiner Bitte zu willfahren, und erstaunte nicht wenig, als, nach der genauesten Befolgung der vorgeschriebenen Regeln, ich nicht nur sehen mußte, daß dieses Verfahren, so wie Hr. Vauchelet dasselbe angibt, nicht nur gänzlich unanwendbar, sondern sogar höchst nachtheilig ist, selbst wenn die beiden damit verbundenen Mangel beseitigt würden. Diese beiden Mangel sind:

1) Die Zubereitung des Oehles, welches, in Folge der dabei angewendeten Ingredienzen, ganz schwarz wird.

2) Das Auseinanderfließen desselben auf dem Stoffe, und das Durchschlagen durch den lezteren.

Ich vermuthete zwar ein ähnliches Resultat schon bei dem bloßen Durchlesen der Beschreibung des Brevet, und glaubte daß, um sich den Genuß desselben für ewige Zeiten zu sichern, Hr. Vauchelet dem wahren Verfahren ein anderes unterschoben |68| hat, wodurch er dann nichts für den ferneren Besiz; seines Eigenthumes zu besorgen hatte.20)

Ich rieth daher meinem Bekannten folgendes Verfahren

1) auf seinen Manchester sowohl an der Vorder- als an der Rükseite mit einem Pinsel eine Lage von Traganth-Gummi Auflösung (der so weiß als möglich seyn muß), aufzutragen21)

2) die Farben mit gereinigten und geklärtem Leinöhle anzumachen.

Die Erfahrung zeigte, daß auf diese Weise die Farbe: nicht bloß ihre lebhaften und zarten Nuancen behielten, sondern auch, daß das Oehl nicht über die Farben hinaus lief, und nicht durch den Stoff durchschlug.

Hieraus erhellt, 1. daß dieses neue Verfahren22) mit Vortheil statt desjenigen des Hrn. Vauchelet angewendet werden kann.

2. Daß das von Hrn. Vauchelet beschriebene Verfahre zu dem von ihm angewendeten Zweke nicht taugt, und diejenigen in großen Nachtheil versezt, die es anwenden wollen.

3) daß die Regierung und das Publicum irregeführt wurde indem sie Bittstellern um Brevets ihr Zutraue. schenken, die nur im Falle eines Rechtsstreites unter Verlust ihres Patent Rechtes ihr Verfahren angeben müssen.

Dieses Verschweigen oder Entstellen des wahren Verfahrens, dessen Verderblichkeit ich so eben zeigte, brachte mich auf |69| die Idee, daß, um für die Zukunft einem ähnlichen Nachtheile vorzubeugen, es vielleicht gut seyn würde, wenn, ehe das Brevet ertheilt wird, auf Kosten des Bittstellers eine eigene Commission niedergesezt würde, die nicht bloß die Richtigkeit und Wahrhaftigkeit der gegebenen Beschreibung, sondern auch, wo es sich um chemische Producte handelt, die Güte derselben prüft: hierüber hätte diese Commission Zeugnisse auszustellen, in welchen übrigens das Verdienst der Erfindung (nach dem Geseze), unberührt bliebe.23)

Auf diese Weise würde, wie es scheint, weder die Regierung noch das Publicum mehr der Gefahr ausgesezt seyn, betrogen zu werden: erstere, indem sie ein unbestimmtes Privilegium über einen Gegenstand ertheilt, der unter einem anderen, für welchen der Patent-Träger sein Patent nimmt, verfielt ist; lezteres, indem es gerade dadurch, daß es ein Verfahren benüzen will, welches es für genau und richtig hält, in mehr oder minder bedeutenden Verlust geräth.

Der lange Zwischenraum zwischen dem Verfalle des Brevets des Hrn. Vauchelet und seiner Bekanntmachung hat zu einer anderen Betrachtung Veranlassung gegeben. Dieser Zwischenraum betrug bei Hrn. Vauchelet ungefähr 8 Jahre, während das Patent ihm nur auf 5 Jahre Recht gibt. Aus einer solchen Verlängerung der Bekanntmachung der Brevets entsteht

1) der große Nachtheil, daß das Publicum der mehr oder minder nüzlichen Erfindungen beraubt wird, von welchen die Industrie Vortheil ziehen könnte.

2) daß der Privilegirte gegen alles Recht, seines Privilegiums länger allein genießt.

Zur Vermeidung dieses doppelten Nachtheiles gibt es, wie es mir scheint, ein sehr einfaches Mittel: dem Publicum durch den Druk anzuzeigen, wann ein Privilegium sein Ende erreicht hat, und dieß zwar das nächst folgende Monat darauf, mit der Bemerkung, daß jeder zu Paris in dem Bureau du Directeur du conservatoire des Arts et Métiérs in den Hauptorten der Departements bei dem Bureau des Archives de la Préfecture, wo diese Brevets niedergelegt sind, sich erkundigen kann. Der Director des Conservatoriums der Künste und Gewerbe |70| zu Paris sollte daher monatlich eine Liste der im vorhergehenden Monate verfallenen Patente bekannt machen, die der Minister des Inneren den Präfecten zuzusenden hatte, damit diese dieselben in ihren Departements durch den Druk bekannt machten.

Es ist offenbar, daß durch solche Maßregeln alle so eben bezeichneten Nachtheile, die häufiger vorkommen, als man glaubt, vermieden werden könnten.24)

Man hat in Frankreich schon vor dem Jahre 1789 Manchester (velours de coton), gemahlet und gedrukt. Hr. Bonvalet zu Amiens hatte alle Arten von Stoffen, selbst wollene, mit Oehlfarben bemahlt und gedrukt. Ich habe im Jahre 1788 (im Journal de Physique), um die Fortschritte dieses achtbaren Künstlers zu beschleunigen, ein leichtes Verfahren bekannt gemacht, Cylinder und Platten zu graviren, die er bei seiner Drukerei brauchte. A. d. O.

|67|

Die Engländer haben schon vor dem Jahre 1810 auf Manchester nach Vauchelet's Art gewählt. Ich besize Blumen-Bouquets, die in England auf diesen Stoff gemahlt wurden, und ungemein schön sind, und an welchen die Farben in den zartesten Nuancen in einander übergehen, so daß sie eine herrliche Wirkung hervorbringen. A. d. D.

|67|

Auf S. 164. Das Verfahren der Mahlerei haben wir in diesem Journale Bd. XII. S. 252, und die Zubereitung des Oehles hiezu im Bd. XIV. S. 373., wie solche in dem Brevet d'Invention beschrieben ist, mitgetheilt. A. d. R.

|68|

So scheint es wenigstens, da Hr. Vauchelet bisher der Einzige ist, der sein Verfahren anwendet, d.h. dasjenige, das er für sich behielt, und was von den von ihm bekannt gemachten ganz verschieden ist. A. d. D.

|68|

Unter gewisser Vorsicht könnte man zur Beschleunigung dieser Arbeit den Stoff in diese Auflösung tauchen. A. d. O.

|68|

Dieses Verfahren ist nicht neu, und in Deutschland schon viel früher als sich Hr. Vauchelet darauf patentiren ließ, von unsern Mahlern ausgeführt worden. Interessanter und vervielfältigter ist das Verfahren, den Sammt oder Manchester mit örtlichen Farben zu druken, worüber wir auf die Abhandlung über die Darstellung des Baumwollen-Sammtdrukes mittelst örtlicher Farben, und ihre Befestigung durch Wasserdämpfe,“ v. W. H. v. Kurrer im Bd. II. S. 152. in diesem polytechnischen Journale, so wie auf die Beschreibung der Baumwollen-Sammt-Drukerei in Vitalis Färbebuch, deutsche Ausgabe von Dingler und Kurrer Stuttgart bei Cotta 1824. S. 514 verweisen. A. d. R.

|69|

Diese Bemerkung ist nur zu richtig, und erwahrt sich täglich mehr. A. d. Ueb.

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Nimmerwehr aber das radicale Böse, das in jedem Patente liegt: „ein Patent ist ein crimen laesae humanitas, “ sagte Kaiser Joseph; „meine Unterthanen sollen, so lange ich regiere, gleiche Rechte haben. Jeder kann thun, was er will, insofern er nach den Gesezen des Staates handelt.“ Es ist sonderbar, daß, während das Publicum in England und Frankreich jezt allgemein so grob laut über das Patent-Wesen klagt, wir in Deutschland uns bemühen, das Patent-Wesen zur Finanz-Quelle und zum Hunger-Brunnen der Industrie zu erheben. A. d. Ueb.

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