Titel: Gera's, über eine neue Art Maulbeerbaums.
Autor: Gera, Franz
Fundstelle: 1826, Band 22, Nr. XVI. (S. 73–86)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj022/ar022016

XVI. Ueber eine neue Art Maulbeerbaums, welche im k. k. ökonomischen Garten an der Universität zu Pavia gezogen wird, und über eine Abart von Seidenraupen, aus welcher man mehrere Seidenernten in einem Jahre erhalten kann. Schreiben des Hrn. Franz Gera zu Conegliano, C. d. Medicin, an Hrn. Dr. Barthol. Aprilis, Prof. d. Naturgeschichte am k. k. Lycäum zu Udine.

Aus dem Giornale di Fisica Dec. II. T. IX. 4. Bimestre. S. 302. (Im Auszuge.)

Ich theile Ihnen hier einige Notizen über den neuen Maulbeerbaum des Hrn. Prof. Moretti mit. Der Hr. Professor überzeugte sich bald durch wiederhohlte Versuche, daß die Blätter seines neuen Maulbeerbaumes den Seidenraupen besser zur Nahrung dienten, als die des weißen Maulbeerbaumes, mochten diese von Wildlingen oder von gepfropften Bäumen genommen worden seyn, und daß die damit gefütterten Raupen mehr Seide gaben, die jener von den Wildlingen, welche feiner, glänzender und eben so fest ist, als die von den gepfropften Bäumen, gleich kommt. Man wußte schon längst, daß die Seide von den Wildlingen feiner und glänzender ist, als von den gepfropften Bäumen, und man kann die Resultate der hierüber angestellten Versuche in Grafen Dandolo's Werke, (dell arte di governare: i Bachi da seta, Milano, 1815, p. 337 nachlesen. Auch Loisaleur de Longschamps wußte dieß in seinem vortrefflichen Artikel: Maulbeerbaum im Diction . des Scienc. Naturell T. 33. S. 362, wo er sagt, er wisse von einem Landwirthe: daß das Blatt des Wildlinges besser ist, und eine feinere Seide liefert, als der gepfropfte Maulbeerbaum.

Ich stellte unter der Leitung des Hrn. Professors Moretti folgende Versuche an. Ich nahm 1) Eyer von unseren gewöhnlichen Seiden-Nachtfaltern, die nur Ein Mahl im Jahre ausfallen, ließ sie ausfallen, und theilte sie in drei gleiche Theile: den einen Theil. fütterte ich mit Blättern von gepfropften Maulbeerbäumen, den anderen mit Blattern von Wildlingen, den dritten mit Blättern von dem neuen Maulbeerbaume |74| 2) nahm ich, um die Wirkung des Futters noch deutlicher zu sehen, noch andere Raupen von der zweiten Häutung, die ausschließlich mit Blättern von gepfropften Bäumen gefüttert wurden, und theilte auch diese in zwei Partieen, wovon die eine ihr voriges Futter, die andere Futter von dem neuen Maulbeerbaume erhielt. Diese Raupen, die gleichfalls einen gelben Cocon spinnen, gehören zu einer Abart, die drei Mahl im Jahre ausfallt und sich fortpflanzt, und wovon wir unten Nachricht geben werden.

Die Beobachtungen, welche ich täglich an denselben machte und aufzeichnete, werden im 8. Bande der Biblioteca agraria ossia Raccolta di scelte Istruzioni Economico-Rurali, die Hr. Prof. Moretti nächstens herausgeben wird, unter dem Abschnitte: Buon governo dei Bachi da seta erscheinen. Ich befolgte übrigens die gewöhnliche Methode. Die Raupen fielen morgens den 12. Mai bei einer Temperatur der Zimmerluft von 15°, 0, 3 aus, während die der äußeren Luft, 11, 2° war, und hatten ihr erstes Alter am 19. Mai erreicht. In der Zwischenzeit wechselte die Temperatur der äußeren Luft zwischen 10 und 18°, und das Barometer spielte zwischen 27'' 8''' und 27, 7''; die Witterung war nicht regnerisch, aber wolkig. Von Mittag den 19. reichte das zweite Alter der Raupen bis morgens den 24.; d.h. sie hatten ihre Häutung vollendet. Die Temperatur des Zimmers war beständig 18°, die der äußeren Luft wechselte von 10° bis 15°; das Barometer von 27,6 bis 27,8; die Witterung war schlecht; der gefallene Regen betrug 2 Lin. 5/12. Das dritte Alter war in 6 Tagen, bei Zimmer-Temperatur von 16°, 6, vollendet; die äußere Temperatur wechselte von 10 bis 17°; das Barometer von 27'',8, bis 27''10: die Witterung war gewöhnlich schlecht; der Regen betrug 23 Lin. Am 31. Mai, der heiter war, waren alle Raupen auf, und fingen ihr viertes Alter an. Die erstikende Hize26) die nun folgte, machte, daß alle Raupen, vorzüglich die des ersten Versuches, |75| von der Gelbsucht befallen waren (giallume),. und zwar so sehr, daß selbst Erfahrne an ihrer Rettung verzweifelten. Luftzug, ohne alle Rüksicht darauf, daß es zu frühe am Morgen oder zu spät am Abende war, hat sie vollkommen hergestellt. Dieses Alter dauerte 6 Tage, bei einer Zimmer-Temperatur zwischen 19, 6° bis 17°, während die Temperatur der äußeren Luft zwischen 14° bis 19, 7° wechselte, und das Barometer von 27'', 9 bis 27''. Die Witterung war mittelmäßig; der Regen betrug nur 7/12 Lin. In ungefähr 8 Tagen hatten alle bei 17° Zimmer-Wärme ihr 5. Alter zurükgelegt, und fingen an sich einzuspinnen: die Temperatur der äußern Luft wechselte zwischen 11, 2° und 22°, die Witterung war trüb, und der Regen betrug 10, 5 Lin. Am 26. Junius sammelte ich die Cocons, und ging damit nach Velgiojoso, wo sie unter meiner und des geschiktesten Abwinders, Hrn. Guy's Aufsicht von derselben Person, bei derselben Temperatur des Wassers (welches bei jedem Haspel gewechselt wurde) unter gleicher Kreuzung und in gleichem Winkel abgehaspelt wurden. Folgende Resultate sind die Frucht mehrerer Versuche an Proben von 400 Anne Länge, deren Gewicht den Titel der Feinheit gab.

1. Versuch. Die Cocons wurden zu 4 in 5 abgewunden, und man arbeitete, der größeren Genauigkeit wegen, nur in zwei Abcheilungen. Die Cocons der Raupen, welche mit Blättern von gepfropften Bäumen gefüttert wurden, gaben einen Seidenfaden von 26 Denari genau; die der Raupen, welche mit Wildlingen gefüttert wurden, einen Faden von 24 Denari, reichlich; und kaum weniger als 24 Denari wog die Seide der Raupen, die mit dem neuen Maulbeerbaume gefüttert wurden.

2. Versuch. Da ich besorgte, daß die Verbesserung der Seide durch das Futter mit dem neuen Maulbeerbäume zu unmerklich wäre, indem die Raupen erst im zweiten Aller mit den Blättern desselben gefüttert wurden; so ließ ich die Cocons von 6 in 7 abwinden. Die Cocons, die gepfropfte Maulbeerblätter bekamen, gaben eine Seide von 20 Denari; die mit den Blättern des neuen Maulbeerbaumes gefütterten hingegen gaben eine um zwei Denari feinere Seide, und diese Seide hat gewöhnlich mehr Glanz, ist mehr goldgelb, und zeigt, am Mitostenometer versucht, eben so viel Stärke, als die andere.

Der neue Maulbeerbaum veredelt ferner die Seide durch |76| mehrere Generationen. Schon unsere gewöhnlichen Raupen, halb mit Blättern des neuen, und halb mit Blättern des gepfropften Maulbeerbaumes gefüttert, geben eine bessere Seide. Die Nachkommenschaft dieser Raupen, auf ähnliche Weise gefüttert, gibt noch bessere Seide, während die Seide bei den Raupen, die mit Blättern des gepfropften Maulbeerbaumes gefüttert werden, immer dieselbe bleibt, oder schlechter wird. Die Seide, die Hr. Prof. Moretti im vorigen Jahre spinnen ließ, und einige noch aufbewahrte Cocons beweisen dieß hinlänglich.

Die Verbreitung dieses neuen Maulbeerbaumes müßte daher von allgemeinem Nuzen seyn. Es wird uns mittelst desselben vielleicht leicht werden, die chinesischen Seidenraupen zu ziehen, die so schöne weiße Cocons spinnen, daß sie unsere Cocons um Novi weit übertreffen, und die berühmte theure weiße Seide von Canton und Nankin liefern. Frankreich besizt diese kostbaren Insecten durch die Sorgfalt seiner Regierung und durch die Bemühungen des Hrn. Duclusel schon seit 50 Jahren, weiß aber nicht, wie es dieselben erhalten soll. (Vergl. Annales des Arts et Manfactures par O'Reilly, fortgesezt von Barbier de Vemars, T. 33.; Annales de l'Industrie, par Normand et Moléon, Vol. 4.; Bulletin de la Société d'Encouragement, Aout. 1823.) Im Dict. d. Scienc. Naturell. v. 33. p. 396. schreibt Hr. Loiseleur: Madame Salle sagt mir, daß man zu Andrege (vorzüglich durch einen ihrer Freunde, der wiederholt Eyer aus Nankin kommen ließ), die weißen chinesischen Seidenraupen sehr vervollkommnet hat. Wenn man sie aber erst vervollkommnet, so konnten sie nicht schon früher vollkommen gewesen seyn. Vielleicht befindet man sich in Frankreich bloß deßwegen in diesem Falle, weil die Entartung bei dem schlechten Futter immer dieselbe bleiben muß; weil andere kleine Fehler in der Anzucht begangen werden, z.B. schlechte Lage der Häuser, in welchen man die Raupen zieht; schlechte Auswal) der Eyer; schlechte Abwindung u. dgl.; Umstände, durch welche auch dieser Entartung abgeholfen werden kann. Einen Beweis hiervon habe ich an meiner Seidenraupenzucht zu Pare di Conegliano, wo in Einem Zimmer 40 bis 48 Rubbi Galetta gezogen wird. Obschon sie in einer Ebene liegt, läßt man doch die Blätter von den Hügeln kommen, und füttert die Raupen |77| im ersten Alter bloß mit Wildlingen, wie man im Venezianischen gewöhnlich zu thun pflegt, und erhält auf diese Weise so gute Cocons, wie jene auf den Hügeln. Wir sehen immer die Rasse besser werden, wenn wir sie aus den Ebenen auf die Hügel verpflanzen, und schlechter werden, wenn sie von den Hügeln in die Ebene kommt, und so veredelt sich das Product der Raupe, wenn man sie mit feinem Blatte füttert, das nur wenig von jenen unnüzen Theilen enthält, die weder für die Existenz noch für den Zwek des Thierchens taugen. Welchen Werth wird daher nicht ein Blatt besizen, das selbst auf fettem Boden in einer wenig parenchymatösen und faserigen Substanz viel Zuker und viel Harz enthält?

Was man bei uns für chinesische Seide ausgibt, und als solche keimt, ist nichts als weiße Seide von Novi, die man mit Recht nach der chinesischen für die beste Seide hält, die aber noch weit von der blendenden Weiße der chinesischen Seide entfernt ist. Sollte die Eifersucht der Franzosen uns nicht die Erhaltung chinesischer Raupen zu erschweren suchen? Auch der Verfasser der Cenni su le qualitá e sul commercio delle sete d'Italia, di Francia o del Bengala in den Annali universali di Statistica, Economia etc., 8. Milano. vol. V. p. 163. sagt von Italien: man hat einige Versuche bei uns gemacht, die chinesische Seidenraupe einzuführen, aber sie waren verfehlt und nicht gehörig verfolgt.“ 27) Italien besizt diese Raupe erst seit diesem Jahre, in welchem meine Mutter sich dieselbe, nicht ohne einige Schwierigkeit verschaffte. Mittelst dieses neuen Maulbeerbaumes können wir auch die sogenannten Treotti oder Terzaruoli vermehren, deren Cocons von der höchsten Güte sind. In Frankreich nennt man sie mit Unrecht Milanesi, vielleicht weil Dandolo in seiner Arte etc. sagte, sie fanden sich in der Gegend von Mailand; |78| obschon man sie, wie ich selbst sah, in der Lombardie nur wenig kennt, dafür aber häufig im Friaul und im Venezianischen zieht, und im Gebiethe von Treviso. Einige Franzosen, die von diesen Seidenraupen sprechen, zeigen, daß sie sie nicht kennen. (Nouveaux cours complet d'Agriculture redigé par les Membres de l'Institut, Art. Vers. á soie und Dict. d. Scienc. nat. Art. Murier.)

Die Raupen dieser Abart häuten sich um Ein Mahl weniger, als unsere gemeine Sorte, wachsen im ersten Alter ziemlich langsam, im vierten aber schnell, und leben um 4 bis 6 Tage kürzer: sie fressen aber eben so viel. Sie haben in meiner Raupenzucht jährlich ihren bestimmten Plaz, wo es weniger warm ist; denn sie sind zärtlicher, als die anderen gemeinen, und lieben die Hügel, wie man sagt; kommen aber, nach meinen Beobachtungen, bei zwekmäsigem Futter auch in der Ebene fort. Sie machten selbst zu Udine, wie Sie mir schrieben, mehrere Ernten in einem Jahre von diesen Raupen, die gut spannen, und sehr feine Seide gaben; allein die Zahl der Cocons war nicht im Verhältnisse zu der Menge der Blätter, die sie fraßen, und die Menge der Seide stand nicht im Verhältnisse zu der Menge der Cocons. Diese Erfahrungen verdienen wiederhohlt zu werden; denn sie sind von hohem Werthe. So wie die Seide dieser, so erhält noch mehr die Seide anderer, die leicht abzuwinden ist, dadurch eine prächtigere Farbe, größere Weichheit, und höheren Glanz. Wir können also diese beiden Abarten oder Arten der Raupe mit dem neuen Maulbeerbaume ziehen, um so mehr, als er weniger Früchte trägt. Denn Sie haben sehr richtig in Ihrem lezten Schreiben bemerkt, daß ein Hauptfehler an den gepfropften Maulbeerbäumen der ist, daß sie häufiger Früchte tragen, deren Abstreifen eine langweilige Arbeit ist, und die, wenn man sie unter den Blättern läßt, den Raupen schaden, die zuweilen davon fressen und Durchfall bekommen.“ Vincent de St. Laurent im Dict. rais. d'Agricult., Art. versá soie empfiehlt gleichfalls das Absondern der Früchte, indem sie durch ihre Ausdünstungen schädlich werden. Die Individuen, die man aus Samen von dem neuen Maulbeerbäume erhält, sind gewöhnlich zur Hälfte männliche und zur Hälfte weibliche; öfters sind mehr männliche, und die weiblichen tragen wenigere und größere Früchte, als der weiße Maulbeerbaum. Diese Art |79| Maulbeerbaumes saugt daher auch den Boden weniger aus, und treibt mehr in die Blätter.

Was ist aber dieser neue Maulbeerbaum? werden Sie fragen: ist er eine eigene Art, oder Abart?

Dieser Maulbeerbaum ging im J. 1816 im Garten des Hrn. Prof. Moretti auf, wo er unter fleißiger Wartung schnell wuchs, und folgende Charaktere darboth:

1) seine Blätter sind kurzgestielt, eiförmig rund, an der Basis herzförmig, an der Spize gespizt, die Spize von gewöhnlicher Größe (20 Centimeter), ganz zart, wie die Blätte des Widlinges des weißen Maulbeerbaumes, auf beiden Flächen glatt, besonders an der oberen, die schön grün und glänzend ist, blaßer und weniger dik und stark, als die Blätter des spanischen Maulbeerbaumes, Morus nigra, und die großblättrige Abart des weißen Maulbeerbaumes, die bei uns gewöhnlich unter diesem Nahmen, und auch unter der Benennung der Veronese geht.28) Sie haben keine Runzel oder Falte, nur wenige etwas stärker entwickelte Nerven, die nicht oder nur eben so viel weichhaarig sind, als die des weißen Maulbeerbaumes. Die Blätter sind gewöhnlich ganz, und ungefähr 2 Decimeter breit, und 2,50 lang. Der Blattstiel ist vollkommen unbehaart, gefurcht, gewöhnlich 8 Centimeter lang.

2) das männliche Käzchen ist langer, als an dem gemeinen Maulbeerbaume; die Blumen stehen weiter von einander, und die Staubbeutel sind kürzer und stumpfer.

3) das weibliche Käzchen ist, im Gegentheile, kürzer, und die weiblichen Blumen sind spiziger; die Stämpel sind ziemlich stark entwikelt, sparrig, und bleibend bis die Frucht ausgereift hat, die anfangs violett, und dann bei vollkommener Reise schwarz ist.

4) Wiederholet aus Samen gezogen, sowohl an dem hiesigen |80| ökonomischen Garten, als in den Gärten vieler Landwirthe, die entweder die Samen unentgeldlich von Hrn. Prof. Moretti, oder von dem Hrn. Custos dieses Gartens, Pratesi (der zuerst für den Verkauf diesen Baum vermehrte) oder von Dr. Vittadini aus Mailand, der damit großen Handel trieb, erhielten, blieb dieser Baum, in gewiß mehr als 120,000 Individuen, sich immer gleich. Dieser Baum hat einige Aehnlichkeit mit Morus rubra L. (Morus virginiesis arbor Pluk.), jedoch mit dem Unterschiede, daß dieser lieber strauchartig wächst, als hochstämmig, und daß er, wie wir gesehen haben, ein treffliches Futter gibt.

Nach diesen sicheren und (seit 10 Jahren wenigstens) unwandelbaren Merkmahlen scheint mir dieser Maulbeerbaum eine eigene Art zu seyn, obschon Hr. Prof. Moretti noch daran zweifelt. Ich werde ihn Morus morettiana nennen.29)

Ich sprach oben von einer Abart der Seidenraupen, die zwei bis drei Mahl in demselben Jahre ausfällt, und sich fortpflanzt. Wir ziehen sie zur Erhaltung der Art seit einigen Jahren in unserem Garten: in der Lombardie wird sie hier und da, im Venezianischen nur von meiner Mutter allein gezogen. Ich überlasse es den Entomologen, die Unterscheidungs-Merkmahle dieser Art und der gemeinen anzugeben, und bemerke bloß, daß die Eyer derselben alsogleich, nachdem sie von den Weibchen der ersten Zucht gelegt wurden, ausfallen; eben dieß ist auch der Fall bei den Eyern von der zweiten und dritten Zucht, wenn man nicht die Eyer alsogleich, nachdem sie gelegt wurden, in eine Temperatur bringt, die jener des Frierpunctes nahe kommt. Der Cocon ist von jenem der gemeinen Art auf keine, wenigstens keine wahrnehmbare, Weise verschieden. Woher kommt aber diese Art? Wir wissen, daß sie in Frankreich nicht existirt. Rozier (im Cours complet d'Agriculture, Art. Vers á soie) sagt, daß er es für unmöglich halte, in Einem Jahre zwei Seiden-Ernten zu erhalten. Der Verfasser des Artikels: Murier im Dict. des Sciences läugnet, daß es eine Abart von Raupen geben |81| könne, die sich zwei Mahl im Jahre vermehrt, nicht bloß bei uns, sondern selbst in Indien, wo man doch weiß, daß in einem Jahre 12 Ernten gemacht werden. Da er glaubt, daß mehrere Ernten vorteilhaft wären, empfiehlt er die Eyer immer in einer Temperatur von 0° zu halten, und nur dann sie herauszunehmen, wann man sie ausfallen lassen will. Wird aber dieß so leicht ausführbar seyn? Werden die Eyer nicht zu Grunde gehen oder unfruchtbar werden? Wir wissen ferner, daß wir diese Abart erst seit wenigen Jahren kennen (Opuscoli scelti sulle scienze e sulle arti, Milano 1787. vol. X. S. 423. Sperienze e riflessioni del P. M. Alloati sopra una seconda raccolta di bozzoli nell'anno stesso); daß aber Niemand mehr derselben erwähnte. Sind sie vielleicht durch die Bemühungen einiger fleißigen Landleute entstanden, die, neue Ernten versuchend, immer nur diejenigen wenigen Raupchen aufzogen, die unter einer großen Menge Eyer öfters von selbst auszufallen pflegen? (Alloati a. a. D.) Ich fand wirklich in meiner Seidenzucht, daß die Raupen, die aus solchen Eyern von selbst ausfielen, Nachtfalter gaben, deren Eyer im nächsten Frühjahre die ersten waren, welche ausgefallen sind.

Die Schriftsteller sind nicht einig, ob mehrere Ernten wirklich vorteilhaft sind.

Vincens de Laurent (Nouveau cours d'Agricult.) bemerkt, und mit ihm mancher andere, gegen die vielen Ernten in einem und demselben Jahre: 1) daß die Maulbeerblatter bei einer zweiten Ernte zu hart sind, und für die Raupen nicht mehr taugen. 2) daß die Gewitter und die schwüle Hize dem Gelingen der zweiten Ernte ein mächtiges Hinderniß entgegen stellen. 3) daß dann der Arbeitslohn zu hoch sieht. 4) daß durch das wiederhohlte Entblättern der Maulbeerbäume dieselben gänzlich zu Grunde gehen.

Hr. Loiseleur hat diese Einwürfe im Nouv. Dict. d. Scienc. Nat. Art. Murier. Art. hinlänglich widerlegt. Hinsichtlich des ersten und lezten Einwurfes glaube ich ein besseres Mittel vorschlagen zu können, als man bisher empfohlen hat. Loiseleur und die Vertheidiger mehrerer Ernten empfehlen einige Maulbeerbäume bei der ersten Ernte gänzlich zu entblättern, und dann wieder andere bei der zweiten. Wenn man aber den Maulbeerbaum so spät entblättert, wie bei der zweiten Ernte, so fügt man sich einen Schaden zu, den man selten |82| wieder gut machen wird, da die Natur, die immer für die Zukunft sorgt, jezt nur wenige Mittel darbiethen kann, den Schaden zu ersezen; und wenn der Baum dadurch getödtet wird, wird sich nur das alte Sprichwort erwahren: daß Besser der Feind des Guten ist. Mir schien es räthlicher, die Maulbeerbäume nur zur Hälfte zu entblättern, und die andere Hälfte für die zweite Ernte aufzubewahren, wo die Knospen an der Basis der, bei der ersten Ernte abgestreiften, Blätter sich bereits hinlänglich entwikelt haben werden. Da ich nur Eine Heke von dem neuen Maulbeerbaume zur Fütterung meiner Raupen hatte, so nahm ich nur hier und da die Blätter von derselben weg. So wie die Blätter weggenommen waren, trieben allmählich neue nach, und jezt sind sie bereits so groß, daß man ohne allen Schaden die älteren Blätter wegnehmen kann. Die Theorie scheint sich hier nicht gut mit der Praxis zu vertragen. Offenbar werden auf diese Weise auch die Bäume besser erhalten, indem ihnen immer ein Organ bleibt, das eben so nothwendig für sie ist, als die Wurzel selbst. Um ein zartes Futter für die Raupen der zweiten Ernte in ihren beiden ersten Altern zu erhalten, empfiehlt Hr. Loiseleur junge Maulbeerbäume, die, zur rechten Zeit geschnitten, bis zur zweiten Ernte wieder junge Blätter treiben werden. Dieses Verfahren ist um so zwekmäßiger, als die jungen Räupchen in den ersten beiden Altern nur wenig fressen.

Die Gewitter und die schwülen Tage sind den Raupen nicht notwendiger Weise schädlich. Unsere Landsleute haben wohl dieses Vorurtheil, und schreiben gewöhnlich diesem Umstande das Mißlingen der Seiden-Ernte zu, während die Erfahrung diesen Irrthum hinlänglich widerlegt. Ich erinnere mich in einem Schriftsteller über China, vielleicht war es Pater du Halde, gelesen zu haben, daß, je heißer die Luft ist, die die Raupen umgibt, und je kürzere Zeit dieselben leben, desto mehr Seide sie liefern sollen. Er sagt auch, daß man in einigen Oertern Raupen habe, die nur 23 Tage brauchen, um sich einzuspinnen. Vielleicht meint er die sogenannten Terzaruoli, die bekanntlich eine kürzere Lebensdauer haben. Was die Wärme betrifft, so wäre es der Mühe werth. Versuche anzustellen, wobei man aber nicht vergessen dürfte, daß andere behaupten, große Wärme gäbe grobe Seide, und daß man daher die Raupen nie wärmer halten dürft, als sie in ihrem Vaterlande gehalten |83| werden. Das Donnern wird von einigen für sehr schädlich, von andern für gleichgültig gehalten, wie z.B. vom Abbeé Sauvages, der Versuche hierüber anstellte, und selbst Pistolen-Schüsse und die große türkische Trommel dabei nicht sparte. Diese Versuche konnten jedoch das nicht erzeugen, was der Donner vermag, und nicht jene Erschütterung hervorbringen, die mir das Schädlichste bei der Sache scheint: denn es kann dadurch der Seidenfaden an der spinnenden Raupe reißen, wodurch die Seidenbehälter des Thierchens dann nicht mehr gehörig entleert werden können, das Thierchen sich nicht verwandeln kann, die Haut desselben aufspringt, und der Saft sich durch den ganzen Cocon verbreitet. Solche Gewitter Haben aber selten im Herbste Statt, wo die zweite Ernte gemacht werden soll.30)

Allerdings wird der Arbeitslohn zu dieser Zeit theuer seyn; allein die Kürze der Zeit, während welcher man ihm zu bezahlen hat, und die Ernte selbst wird ihn reichlich ersezen. Und kann man immer denselben Gewinn von derselben Arbeit haben? Wenn man nicht Raum genug hat, um auf ein Mahl soviel Seidenraupen zu ziehen, als man mit seinen Bäumen nähren könnte, oder wenn die erste Zucht in Folge irgend einer Krankheit der Raupen mißlungen wäre, sollte man nicht zur zweiten eilen?

Der neue Maulbeerbaum und diese Raupen-Abart haben bei uns die Seidenraupenzucht soweit gebracht, daß wir die Ausländer nicht um ihre Fortschritte beneiden dürfen.

Ich beschäftige mich gegenwärtig mit einem Manuale pel Filatore della seta, in welchem ich Santoreni's Maschine beschreibe, die ich jezt so verbessert habe, daß sie, wie ich glaube, den piemontesischen Haspel noch übertrifft, und alle von den Franzosen und Engländern daran angebrachten Verbesserungen. Dieses Manuale wird gleichfalls in der |84| oben erwähnten Biblioteca des Hrn. Prof. Moretti erscheinen. Ich werde darin die Regeln angeben, nach welchen man eine feine, vollkommene, leichte, feste und gleich dike Seide verfertigen kann; nach welchen man die Neben-Producte bei der Seidenernte gehörig benüzen kann, die wir so sehr vernachläßigen; auch werde ich die beste Weise angeben, die Seide zu paken. Ich werde die verschiedenen Arten aufzahlen, die Seidenraupen in den Cocons zu tödten, und vorzüglich von dem americanischen Ofen sprechen, und von einem anderen, wenn nicht so guten, doch wohlfeileren. Ich werde zeigen, wie man die Galetten vor Würmern, und vorzüglich vor dem Spekkäfer (Dermestes lardarius) bewahrt, und wie man dieselben vor ihrer Verarbeitung zuzubereiten hat. Ich werde von der Anwendung sprechen, die Gentouls von dem gebundenen Wärmestoffe zur Erhizung der Abwindekessel gemacht hat, so wie von dem Gebrauche, den ich zuerst von diesem Dampfe zur Erwärmung des Bralle'schen Apparates zur Rostung des Hanfes und Flachses in dem kurzen Zeiträume von 4 bis 6 Stunden gemacht zu haben glaube, und den ich noch weit wohlfeiler gemacht habe. Ich beschreibe dann für kleinere Seidenzuchten die neuen Verbesserungen Vaucanson's und Fontanelli's, und meine Verbesserung bei dem Aufwinden der Seide auf den Haspel; auch beschreibe ich Rumford's Oefen und die americanischen Kessel. Pavia 30. Jun. 1826.31)

Zusaz der Redaction.

Wir freuen uns dieser neuesten Notiz über die Fortschritte der Seidenzucht in Italien auch zwei Beweise für die Verbreitung eines regen Geistes zur Aufmunterung des baierschen Landvolkes zur Seidenzucht beifügen zu können, wo am Ende dann doch der Landshuter Professor, Dr. Schultes, Recht behalten wird, der daselbst 17 Jahre lang jährlich zwei Mahl lehrte, „daß, wenn unsere Landleute schon in der Jugend in der Seidenzucht gehörig unterrichtet und dazu angehalten würden, wir alle so gut in Seide gehen könnten, wie der japanische Bauer, und die hundert Taufende, welche für Seide- und |85| Seidenfabrikate jährlich ins Ausland gehen, unserem Vaterlande erhalten würden.“

Der eine der Beweise, die wir hier liefern wollen, ist eine kleine Schrift eines ehrenwerthen Bürgers der Stadt Augsburg: „Kurze, auf eigene Erfahrung gegründete Anleitung zum inländischen Seidenbaue, von J. B. Niedergesees, 8. Augsburg. 1826 in Commission der Wagner'schen Buchhandlung 15 S.“ (Preis 6 Kreuzer.)

Wir sind überzeugt, daß, wenn diese kleine Schrift gehörig im Lande verbreitet würde, vorzüglich unter den Gewerbsgenossen des Hrn. Verfassers, sie für Verbreitung der Seidenzucht vielleicht mehr wirken würde, als manches kostbare Werk und manche noch kostbarere Anstalt für die Seidenzucht von Seite der Regierung. Der Gewerbsmann hat seine eigene Weise sich über seine Angelegenheiten gegen seines Gleichen auszudrüken, und er findet bei dieser Weise hundert Mahl leichter Eingang und mehr Gehör, als der Gelehrte, gegen welchen der Gewerbsmann immer, und nur zu oft aus den triftigsten Gründen, Mißtrauen trägt. Wie oft hat er sich nicht von den gelehrten Herren auf das Schmählichste getauscht gesehen! Wir können es daher dem ehrenfesten Hrn. Niedergesees durchaus nicht verargen, wenn er gegen Gelehrte hier und da zu Felde zieht, und seinen lieben Landsleuten beweiset, daß es bloß etwas gesunden Menschenverstand und etwas Thätigkeit fordert, um sich bei Hause im Stillen eine kleine Summe von 50 bis 150 st. jährlich zu einer Zeit zu verdienen, wo keine andern dringenden Feldarbeiten seine Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen, und wo der Landmann bei uns gewöhnlich seine Promenaden hält. Herr Niedergesees hat allerdings noch nicht die gehörige Erfahrung, wovon er sich mit der Zeit selbst überzeugen wird, oder schneller überzeugen könnte, wenn er eine kleine Reise in die Lombardei oder in das südliche Frankreich thun wollte; es bleibt ihm aber immer das Verdienst, daß er der erste bayrische Gewerbsmann war, der seine lieben Landsleute zu einer Beschäftigung ermunterte, die ihnen eben so nüzlich, als für das Bayerland ersprießlich ist. Möchte diese Lancaster'sche Methode, daß ein Gewerbsmann den andern unterrichtet, bald allgemeiner in unserem Vaterlande werden.

Der zweite ist ein Werk von weit größerem Umfange; es ist das |86| „Lehrbuch des Seidenbaues für Deutschland, und besonders für Bayern, oder vollständiger Unterricht über die Pflanzung und Pflege der Maulbeerbäume, dann Behandlung der Seidenwürmer (Seidenraupen) sohin über die ganze Seidenzucht. Vom Staatsrath von Hazzi. Mit einer illuminirten Abbildung der ganzen Seidenzucht (?) und mehreren Holzschnitts-Abdrüken. 4. München, 1826. 107 Seiten und 1 Tabelle.“

|74|

Es ist höchst einfältig, wenn wir unsere Faulheit in Cultur der Seidenraupen durch die Kälte unseres Klima entschuldigen; der Italiäner leidet weit mehr durch die Hize. Wo der Maulbeerbaum nicht zu kalt hat, hat auch das Thierchen nicht zu kalt, das seine Blätter frißt. A. d. U.

|77|

Der Hr. Verfasser lobt hier als die vorzüglichsten Seidenzieher und Spinner in Italien die HHrn. Galvani zu Cordenons in Friaul, Locacelli zu Venedig, Bruni zu Como, Leonardi und Botta zu Mailand, Gavazzi zu Bellano bei Como, Piazzoni, Maffeis und Carissimo zu Bergamo, Turrina zu Cremona, Mylius zu Buffalora, Pellegrini und Robbioni zu Barese, und im Venezianischen die HHrn. Fabris Brandolini und Berlini zu Conegliano, Chemin, detto Palma zu Bassano, Gaspero zu Pordenone.

|79|

Dieses, wegen seiner Größe und Schwere bei den Franzosen unter dem Nahmen Admirable bekannte Blatt muß bei uns durchaus verbannt werden; so wie jeder Maulbeerbaum, der demselben ähnliche Blätter trägt. Solche Blätter sind nur gut für den Verkäufer, aber schlecht für denjenigen, der Seidenraupen damit zu füttern hat. Diese Blätter sind überdieß einem gewissen Roste. unterworfen, durch welchen sie schon auf dem Baume verderben; die Raupe frißt sie entweder nicht, oder, wenn sie dieselben aus Hunger fressen muß, so wird sie davon krank. A. d. D.

|80|

Hr. Prof. Moretti scheint sehr Recht zu thun, wenn er einstweilen noch zweifelt, ob dieser Morus eigene Art ist. Vielleicht ist dieser neue Maulbeerbaum der schwarze Maulbeerbaum des Hrn. Bertezen in London. Siehe Polyt. Journ. B. XX. S. 293. A. d. U.

|83|

Es wundert uns, daß der Hr. Verfasser hier nicht der Einwirkung der Elektricität auf Seidenraupen erwähnte. Wir können ihn aber und das Publikum versichern, daß Seidenraupen von Gewittern nicht mehr leiden, als empfindliche Menschen. Justi ließ vor 60 Jahren Seidenraupen frieren, so daß sie brachen, wenn man sie auf die Erde fallen ließ. Allmählich aufgethaut, frassen sie wieder ruhig fort, und spannen sich ein. A. d. U.

|84|

Hr. Franc. Gera erhielt bei der lezten Preis-Vertheilung der Industrie-Preise zu Venedig die Medaille für seine verbesserte Methode die Seide abzuwinden etc. A. d. U.

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