Titel: Dingler's Verfahren baumwollene und leinene Gespinnste ächt Violett und Lilas zu färben.
Autor: Dingler, Johann Gottfried
Fundstelle: 1826, Band 22, Nr. XXIV. (S. 134–140)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj022/ar022024

XXIV. Verfahren, baumwollene und leinene Gespinnste in allen Abstufungen ächt Violett und Lilas zu färben.

Vom Herausgeber.

Um den vielfachen Aufforderungen zur Mittheilung dieses interessanten, bis jezt noch nicht beschriebenen Färbungs-Prozesses zu entsprechen, theilen wir ihn in nachfolgender Beschreibung mit.

Bei dieser Mittheilung sezen wir indessen voraus, daß diejenigen, welche diese ächte Farben erzeugen wollen, im wirklichem Besize einer Türkischrothfärberei, oder doch mit den Details der Einrichtungen und den Handgriffen dieser Färbungsweise so innig vertraut sind, daß es weder einer umständlichen Beschreibung einer Türkischrothfärberei-Einrichtung noch einer ausführlichen Beschreibung der Handgriffe hier bedarf.49)

Die zu diesem Färbungs-Prozesse in Arbeit zu nehmenden |135| baumwollenen Gespinnste werden gleichwie zum Türkisch- oder Adrianopelrothfärben entschält. Diese Vorbereitung besteht in vier- bis fünfstündigem Kochen der Baumwollen-Gespinnste in einer eingrädigen Lauge. Auf hundert Pfund Baumwollengarn sind hiezu an 600 Pfund Wasser und 6 Pfund Pottasche ausreichend. Die Beendigung der Entschälung erkennt man daran, wenn die Gespinnste von selbst im Kessel untersinken. Man wascht die Gebinde hierauf in fliessendem Wasser, macht sie lufttroken, und röstet sie sodann im warmen Trokenzimmer.

Die Leinen-Gespinnste müssen zu diesem Färbungs-Prozesse etwas mehr als halbweiß gebleicht seyn, und kein gelbes Ansehen haben, weil im leztern Falle die Farbe etwas anders nüancirt zum Vorschein kommen würde.

Nach diesem Vorgange sind die Gespinnste zu dem Imprägniren mit den alkalisch-öhligen Beizen geschikt, deren sie nach und nach acht bis zehn bekommen. Die erste und zweite Beize werden von einem frischen Ansaz von 1/4 Pfund Oehl auf das Pfund Gespinnst mit einer zwei- bis dreigrädigen Pottaschen-Lauge gegeben. Die Beize wird in einem Kessel auf 25° Reaumur gebracht, und in dieser Temperatur unterhalten. Die zum ersten Mahl gebeizten Garne werden auf einem Tische in einen Haufen gelegt, worauf man sie, mit einer wollenen Deke bedekt, 48 Stunden lang liegen läßt, sodann auf Stangen ausbreitet und lufttroken werden läßt. Hierauf werden sie im Trokenzimmer bei einer nach und nach bis auf 48° R. zu steigernden Wärme abgeröstet.

Nach der zweiten Beize werden sie sogleich dem Lufttroknen und darauf dem Rosten ausgesezt.

Die dritte, vierte, fünfte, sechste, siebente und achte Beize besteht blos aus einem Zusaze zu der noch übrig gebliebenen Beize von Degraisirbrühe, oder der vom Ausweichen der Beizen erhaltenen alkalisch-öhligen Flüßigkeit, welche, da sich das darinnen gelöste Oehl in einem gewissermaßen oxidirten Zustande befindet, den Vorbereitungsproceß besser basirt, als eine frisch bereitete Flüßigkeit aus schwacher Lauge und Oehl. Hat man aber keine solche alte Beize vorräthig, dann muß man sich eine hinlängliche Quantität frische alkalisch-öhlige Beize bereiten und auf jedes Pfund Baumwolle ein halbes Pfund Oehl in Anwendung bringen. Daß die Gespinnste nach jedesmaligem Beizen an der Luft getroknung und darauf in der Trokenstube |136| abgeröstet werden müssen, versteht sich von selbst. Es ist vortheilhaft, wenn zwei bis drei Partieen Gespinnste so in Arbeit genommen werden, daß jeden dritten Tag eine Partie zum Beizen kommt, und die Zwischentage zum Lufttroknen und Abrösten verwendet werden.

Die Leinen-Gespinnste müssen vier Mahl mehr als die baumwollenen, demnach zwölf Mahl, in der alkalisch-öhligen Flüssigkeit behandelt werden.

Nach diesen Vorarbeiten schreitet man zum Degraisiren oder Entfetten der Gespinnste. Dieses wird am besten bezwekt, wenn man die Gespinnste in ein längliches hölzernes Gefäß legt und mit einer zweigrädigen Lauge (aus 2 Theilen reinster Potasche und 98 Theilen Wasser), welche eine Wärme von 25° R. haben muß, übergießt und mit einer hölzernen Keule einstößt. In dieser Einweichung bleiben die Gespinnste 36 bis 48 Stunden liegen. Nun bringt man etwas zweigrädige Lauge in die Beizkübel und arbeitet in derselben zwei Haspen oder Gebinde der Gespinnste gerade so durch, wie man die Gespinnste mit der alkalisch-öhligen Flüßigkeit durchzutränken pflegt; windet sie darauf auf dem Stoke aus, und legt sie zum Auswaschen bei Seite. So arbeitet man die ganze Partie nach und nach durch. Die beim Auswinden sich sammelnde Flüssigkeit hebt man als Degraisirbrühe zum neuen Beizproceß auf.50)

Nach dem Auswinden werden die Gespinnste in reinem fließenden Wasser so lange geschweift, als sie noch Fettigkeit abfallen lassen. Im Winter ist es gut, sie zuerst in einem Kessel voll warmen Wassers zu schweifen und das weitere Auswaschen in fließendem Wasser vorzunehmen. Die ausgewaschenen Gespinnste müssen bei starkem Winden das Wasser klar von sich geben, worauf vorzüglich zu sehen ist, wenn anders der Färbungs-Prozeß gut gelingen soll. Nachdem hierauf die Gespinnste lufttroken gemacht worden sind, werden sie in der Trokenstube leicht abgeröstet.

Beize für Dunkelviolet.

Um den so vorbereiteten Gespinnsten nun den Grund für |137| dunkelviolett zu geben, löse man auf 100 Pfund in Arbeit genommener Baumwollen- oder Leinengespinnste

7 Pfund Eisenvitriol (schwefelsaures Eisen oder sogenanntes Kupferwasser) und

1 1/4 Pfund Kupfervitriol (schwefelsaures Kupfer) in

100 Pfund Wasser auf, und seze der Auflösung noch

2 1/2 Pfund concentrirte Schwefelsäure zu.

In dieser Beize werden nun die Gespinnste in einer Beizschale, jedesmal zu zwei Haspen, gut durchgearbeitet. Wenn man zu Beizen anfangt, schüttet man die Hälfte, der benöthigten Menge Flüssigkeit, Wasser in die Beizschale und gibt die andere Hälfte von der vorstehenden Beize hinzu. Sind die zwei Gebinde gut darinnen durchgenommen und durchgewalkt und darauf ausgewunden, so sezt man gerade soviel von der Beize zu, als die Flüssigkeit wegen des Durchnehmens der zwei Gebinde abgenommen hat und fährt auf diese Weise fort, bis die ganze Partie der Gespinnste durchgenommen ist. Man muß genau darauf sehen, daß der Zusaz der Beize in einem gleichen Maße geschieht, sonst fällt die Farbe beim darauf folgenden Farben ungleich aus. Die so gebeizten Gespinnste werden auf Stangen unter fleißigem Kehren und Schütteln blos an der Luft getroknet, und darauf sorgfältig in fließendem Wasser ausgewaschen.

Ehe wir zum Färbungs-Prozesse übergehen, wollen wir die Zusammensezung der Beizen für die verschiedenen Abstufungen von Violett und Lilas noch vorausgehen lassen.

Beize für die Veilchenfarbe.

In 100 Pfund Wasser löse man
3 Pfund schwefelsaures Eisen kalt auf, und seze der
Auflösung
1 Pfund konzentrirte Schwefelsäure zu.

Beize für Hellviolett.

In 100 Pfund Wasser löse man
24 Loth schwefelsaures Eisen kalt auf, und seze der
Auflösung
8 Loth concentrirte Schwefelsäure zu.

Je mehr oder weniger Wasser zu diesen Beizen in Anwendung gebracht wird, um so Heller oder dunkler lassen sich alle Abstufungen der Veilchen- oder violetten Farben darstellen.

|138|

Ansaz für die Lilasbeize.

In 25 Pfund Wasser löse man warm
12 Pfund Alaun auf, und seze der Auflösung
10 Pfund Bleizuker (kristallisirtes essigsaures Blei) zu.
Die Mischung wird gut gerührt und nach dem
völligen Erkalten derselben noch
50 Pfund essigsaures Eisen (Eisen- oder Rostbrühe,
Tonne noire) hinzugesezt, worauf man die Mischung
nochmals recht gut durcheinander rührt und dann
zum Absezen stehen läßt.

Beize für Lilas.

Zu 100 Pfund Wasser menge man
5 Pfund guten Essig und darauf
4 Pfund von dem vorstehenden klaren Ansaze für
diese Lilasbeize.

Mehr oder weniger von obigem Ansaze dem Wasser beigemengt, so wie ein Zusaz von einer Alaun-Auflösung, oder besser von essigsaurer Thonerde51), bewirken dunklere oder hellere Abstufungen von Lilas, je nach dem man solche hervorzubringen wünscht.

Kirschbraun.

Zu 100 Pfund Wasser menge man
8 Pfund Ansaz für die Lilasbeize und
4 Pfund essigsaure Thonerde.

Pfirsichblüth-Farbe.

Zu 100 Pfund Wasser menge man
3 Pfund von dem Ansaze für die Lilasbeize und
1 1/2 Pfund essigsaure Thonerde.

Auch die Nuancen der vorstehenden Farben lassen sich durch veränderte Mischungsverhältnisse der angegebenen Basen unendlich modificiren.

Die Gespinnste, welche mit der Lilasbeize, so wie die, welche für kirschbraun und für die Pfirsichblüthfarbe getränkt |139| wurden, werden vor dem Auswaschen, unter fleißigem Schütteln und Wenden, gut lufttroken gemacht, darauf haspen- oder gebindeweise in einem Kessel mit heißem Wasser, dem auf jedes Pfund des Gespinnstes 2 Loch gut mit Wasser angerührte Kreide zugesezt wurden, herumgeschweift, und darauf im fliessenden Wasser möglichst gut ausgewaschen.

––––––––––

Die so vorbereiteten Gespinnste werden unter denselben Handgriffen gefärbt, wie man das Garn türkischroth zu färben pflegt. Vielfältige Versuche im Großen ergaben, daß zu diesen Farben sowohl in Bezug auf Ton, Lüster als Solidität der holländische, feine und mittelfeine Krapp vor allen andern Krappsorten den Vorzug verdient. Gespinnste mit avignoner Krapp gefärbt, geben auf diese Farben keine befriedigenden Resultate; bessere Resultate geben zwar die Krappe aus dem Elsaß, aber in Hinsicht des Lüsters und der Haltbarkeit der Farbe bleiben dieselben zu diesem Behufe weit hinter dem holländischen Krappe zurük.

In der Regel nimmt man auf ein Pfund zu färbendes Gespinnst ein Pfund Krapp, und auf jedes Pfund Krapp 2 Loch geflossene Kreide, welche man mit etwas Wasser gut anrührt und in dem Krappbade zertheilt; auch wird dem Farbbade etwas Rinds- oder Schafsblut zugesezt.

Gallus darf bei diesen Farben weder beim Farben noch nach den alkalisch-öhligen Beizen in Anwendung kommen.

Die gefärbten Gespinnste werden nun nach dem darauf erfolgten Auswaschen und starkem Winden avivirt oder geschönt.

Zum ersten Aviviren52) nimmt man auf hundert Pfund Gespinnste

8 Pfund Oehl-Seife und

5 Pfund feine Pottasche.

|140|

Zum zweiten Aviviren ebenfalls

8 Pfund Oehl-Seife und

4 Pfund Pottasche.

Das Kochen geschieht in einem sogenannten Avivirkessel53), in dem die Kochung jedesmal acht bis zehen Stunden lang bei gemäßigtem Feuer unterhalten wird.

Um diesen Farben nun den höchsten Lüster zu geben, werden die Gespinnste zum dritten Mahl in dem Avivirkessel gekocht, wo auf die 100 Pfund Gespinnste

6 Pfund Seife und

6 bis 8 Loth Zinnsalz in Anwendung kommen.

Das Zinnsalz wird in etwas Wasser aufgelöst und wenn die Seifenauflösung im Sude ist, nach und nach in den Avivirkessel gegossen. Die Gespinnste werden in dieser Schönungsflüßigkeit 4 bis 5 Stunden lang gekocht.

Die so vollendeten Gespinnste entsprechen nun allen Forderungen sowohl in Hinsicht der Schönheit, als auch in der höchsten Solidität der Farbe.

Werden die so gefärbten und belebten Gespinnste nach dem Auswaschen und Lufttroknen in einer klaren Chlorinkalk-Auflösung herumgeschwadet, dann bekommen sie noch ein ganz besonders angenehmes Lüster. Diese leztere Behandlung ist aber nicht durchaus nöthig.

|134|

Wer sich über die Türkischrothfärberei in allen Details unterrichten will, findet in Bancrofts neuem Farbebuche, deutsche Ausgabe von Dingler und Kurrer, Nürnberg bei Schrag 1817 und 1818, Bd. 2. S. 341–387, und in dem Anhange S. 388 ebd. alles zusammengestellt, was bis zu jener Zeit darüber bekannt geworden ist, mit Hinweisung auf die hierüber bisher erschienene Literatur. Das Neuere hierüber findet man in Vitalis Grundriß der Färbekunst, deutsche Ausgabe von. Dingler und Kurrer, Stuttgart bei Cotta 1824.

|136|

Da man in der Regel mehr von dieser Flüssigkeit erhält, als man zum Beizen braucht, so kann man den Ueberfluß als ein treffliches Düngungsmittel verwenden, vorzüglich für Wiesen, wozu man sie mit der sechs bis achtfachen Quantität Wasser vorher verdünnt.

|138|

Die essigsaure Thonerde bereitet man sich zu diesem Behufe, wenn man wie bei dem Ansaze für die Lilasbeize in

25Pfund Wasser,
12Pfund Alaun warm auflöst und derselben
10Pfund Bleizuker zusezt,

das Ganze gut und anhaltend rührt, wovon nach einigen Tagen die klare Flüßigkeit als essigsaure Thonerde verwendet werden kann.

|139|

Hat man mit hartem Wasser zu arbeiten, dann ist es nöthig, das Wasser in dem Avivirkessel nach der in der vorstehenden Abhandlung S. 121. Anmerk. 47 angegebenen Weise zu reinigen, und nachdem die abgeschiedene geronnene Masse mit einem, mit langem Stiel versehenen Schaumlöffel abgeschöpft ist, wird die angegebene Quantität Pottasche und Seife, welche beide vorher in einem kleinen Kessel mit etwas Wasser aufgelöst werden, in den Avivirkessel gegossen. Dieses Reinigen des harten Wassers ist bei jeder Operation des Aviviren und Rosiren unerläßlich nöthig, wenn anders diese Arbeit, von der die Schönheit der Farbe abhängt, gut gelingen soll.

|140|

Die Beschreibung und Abbildung eines zwekmäßig construirten Avivirkessels findet man in Vitalis Grundriß der Färbekunst, deutsche Ausgabe von Dingler und Kurrer, Stuttgart bei Cotta 1824.

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