Titel: Oeffentlicher unentgeldlicher Unterricht in der Mathematik für Handwerker zu Metz.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1826, Band 22, Nr. LXXVII./Miszelle 43 (S. 366–368)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj022/mi022077_43

Oeffentlicher unentgeldlicher Unterricht in der Mathematik für Handwerker zu Metz.

Es ist ausgemacht und erwiesen“ sagt der Bulletin d. Sciences technol. September l. J. S. 181 „daß die englischen Handwerker weit besser arbeiten, als die unsrigen, und es ist erwiesen, daß sie ihre größere Geschiklichkeit vorzüglich ihrem besseren Unterrichte und dem höheren Wohlstande verdanken, in welchem ein großer Theil derselben sich befindet. Wenn man will, daß der französische Handwerker besser arbeiten und dadurch zugleich wohlhabender werden soll, muß man ihn besser unterrichten: dann erst wird die Industrie Frankreichs mit jener Englands wetteifern können.“

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Dem Beispiele des Hrn. Baron Dupin zu Paris folgend, errichtete die Société des lettres, sciences et d'agriculture zu Mez eine ähnliche unentgeldliche Unterrichts-Anstalt für Handwerker, und eröffnete, sehr wohlberechnet, zuerst einen Lehrcurs der Mathematik für dieselben, in welchem die HHrn. Bergery, Poncelet, Bardin und Woisard, Zöglinge der ehemaligen polytechnischen und gegenwärtig Lehrer an der Militär-Schule zu Metz 2 Mahl in der Woche des Abends Unterricht ertheilten. Es fanden sich bald über 400 Zuhörer ein, von welchen aber bis zum Ende des ersten Cursus nur 150 mehr übrig blieben. Es zeigte sich nämlich, daß viele derselben nicht einmahl die sogenannten vier Species, sehr viele nicht Multipliciren und Viele nicht Dividiren konnten: man wird daher im nächsten Curse den Unterricht in der Mathematik mit dem ersten Elementar-Unterrichte in der Arithmetik beginnen, um so mehr, als man wahrgenommen hat, daß diejenigen, die nur die sogenannten vier Species inne hatten, „Fortschritte machten, welche alle Erwartungen überstiegen.“„Nicht um 1000 Franken, wenn ich sie hätte“ sagte einer der Handwerker bei der Prüfung „nicht um 1000 Franken wollte ich den Curs nicht mitgemacht haben, ich fühle, daß ich ein ganz anderer Mensch geworden bin. Es kommt mir vor, als ob ich ehevor blind gewesen wäre.“ Alle Fabrikanten in der Nachbarschaft, die ihre Arbeiter in die Vorlesungen schikten, dankten der Gesellschaft für diese Bildungs-Anstalt, und beeilten sich, dieselbe zu unterstüzen.118)

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Je mehr das Ausland sich von der Notwendigkeit des Studiums der Mathematik überzeugt, und dasselbe unter der arbeitenden Classe verbreitet, desto schmerzlicher muß es für den Freund des Vaterlandes werden, wenn er bei uns in Bayern das Studium der Mathematik auf Universitäten sowohl (wie z.B. zu Landshut durch den Herrn geistl. Rath Salat) als auf Lyceen und Gymnasien (wie durch Hrn. Rector und Hofcapellan, Florian Meilinger) so sehr verschrieen und herabgewürdigt findet. Lezterer sagt in seinen Pädagogischen Bemerkungen über die vaterländischen Gymnasien,“ die dem lezten Verzeichniß der Studirenden an der k. Studien-Anstalt zu München, d. 19. Aug. 1826“ vorgedrukt sind, S. 6. „Es ist kein überwiegender Grund zu finden, warum auch die Mathematik, und diese wieder nur in den Classen des Gymnasiums, einen und denselben Lehrer, d.h. einen Fachlehrer, haben soll. Soll etwa die Mathesis in dem Gymnasium streng wissenschaftlich behandelt werden? – In Hinsicht auf Mathematik fo(r)dert ja das Gymnasium keineswegs, daß die Schüler wissenschaftlich demonstriren, wohl aber, daß sie fertig operiren lernen. Nur die Fertigkeit in der mathematischen Operation soll sich die Jugend in den Classen des Gymnasiums eigen machen. Zur Gewandtheit im Operiren aber gelangen die Schüler, wenn jeder Classe ein bestimmtes Pensum, das der Lehrer nicht überschreiten darf (!!!) und dieses öfters wiederho(h)lt wird. Die Geometrie und Trigonometrie gehört nicht mehr in das Gymnasium.“ Der Hr. Rector scheint nicht zu fühlen, daß kein Zweig des menschlichen Wissens, wenn er gründlich und mit Nuzen gelehrt werden soll, mehr seinen eigenen Mann fordert, als Mathematik; daß den Unterricht in der Mathematik, durch welche der Mensch weit ehe und weit sicherer richtig denken lehrt, als durch alle Schul-Logik, auf bloßes Operiren, d.h., zur bloßen Gedächtniß-Sache herabwürdigen, nichts wie Zeit verlieren und den Kopf des Schülers für immer vorderben heißt; daß Mathematik, die erste und unentbehrlichste aller Wissenschaften für jeden Handwerker, wie für jeden Gelehrten, von dem ersten Saz, an, der aus ihr vorgetragen wird, so gelehrt werden muß, daß der Lernende die Notwendigkeit des daraus folgenden zweiten einsehen |368| muß u.s.f., so daß dieser jedes Mahl, wenn er gehörig unterrichtet wurde, bloß durch seinen Verstand, nicht durch sein Gedächtniß, zu dem vorgestekten Zweke gelangen kann, daß viele Söhne der Handwerker und Fabrikanten Gymnasien besuchen, nicht um einst auf Lyceen und Universitäten zu gehen, um Gelehrte zu werden, sondern bloß um eine gewisse Bildung zu erhalten: und was haben diese Armen am Gymnasium gelernt, das sie brauchen könnten, wenn sie nicht die Elemente der Mathematik gründlich erlernt haben? etc. etc. Wir haben nur eine Mathematik, während die Engländer und Franzosen Mathematiken (Mathematics, les Mathematiques) haben, und um diese einzige Mathematik wollen unsere Exmönche noch unsere Kinder bringen! A. d. U.

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