Titel: Ueber Gemeinde-Waschhäuser.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1826, Band 22, Nr. CXI./Miszelle 20 (S. 508–510)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj022/mi022111_20

Ueber Gemeinde-Waschhäuser.

Die Annales de l'Industrie geben in N. 78 S. 225 einen Auszug |509| aus einer Vorlesung des Hrn. Clement-Desormes, Professors d. angewandten Chemie am Conservatoire des Arts et métiers zu Paris.

Hr. Clement-Desormes wünscht die Errichtung großer Gemeinde-Waschhäuser, in welchem das Publicum sowohl als die sogenannten Wäscherinnen die Wäsche könnten um ein Drittel wohlfeiler waschen lassen, als es bei einzelnen Wäschereien nicht möglich ist. Er berechnet hiernach für Paris eine jährliche Ersparung von 10 Millionen Franken, nach der Annahme, daß jeder der 800,000 Einwohner dieser Stadt nur 75 bis 80 Centim. wöchentlich für Wäsche bezahlen muß. Er bemerkt, daß die Anwendung der Maschinen und des Dampfes bei dem Waschen, wie bei dem Bleichen, so vortheilhaft ist, daß die Bleichkosten in England dadurch allein mehr als zwei Mahl wohlfeiler zu stehen kommen, als in Frankreich. Maschinen arbeiten hier weit besser und sicherer, fordern weniger Seife, weniger Brenn-Material, und schonen die Stoffe mehr, als die Bürste und der Bläuel der Wäscherinn; und der kräftig abdrehende Arm derselben bei dem Auswinden: solchen Schaden bringen weder die Waschräder, noch die Walzen, durch welche man die Wäsche laufen läßt, um das Wasser aus derselben auszudrüken! Ein Waschrad, von einem Mühlrade oder von einer Dampfmaschine getrieben, kann in einem Tags zwei bis drei tausend Hemden waschen. Man darf nicht sagen, daß solche Gemeinde-Waschhäuser nur in großen Städten möglich und vortheilhaft sind; sie sind es auch in kleinen: in dem kleinen Städtchen St. Quentin hat Hr. Pluchart Brabant eine solche Anstalt gegründet, und steht sich gut dabei. Und wie würde man auf mancher Bleiche auf dem Lande in England mit 40,000, sage vierzig tausend, Stüken Kattun in einer Woche ohne solche Wasch-Maschinen fertig werden? Und Waschen ist doch viel leichter, als Bleichen: man braucht hierzu weder Säuren, noch Chlor, sondern bloß Eine Lauge, die gleichfalls in Maschinen, und nicht in Kufen gegeben werden muß. Vorläufiges Waschen in kaltem, dann in warmem Wasser in Waschrädern, in ebendenselben durch die Lauge laufen lassen, und dann, nach der Wäsche, wieder in Seife, oder in kaltem oder warmen Wasser Waschen und Ausspülen, dieß ist alles, was zum Waschen nothwendig ist. Hr. Clement versichert, daß man in einem Tage in einer mittelmäßig großen Gemeinde-Wäscherei die Wäsche von 30,000 Menschen, oder ungefähr 20,000 Pf. Wäsche mittelst Maschinen reinigen kann.

Er will jedoch hiermit die gewöhnlich armen Wäscherinnen nicht um ihr Brot bringen; sie sollen vielmehr die Hälfte der Vortheile der Anstalt geniessen und ihre Kundschaften behalten, und während sie dieselben schneller und besser bedienen können, an den Kosten und an der Mühe, die sie bei einzelner Besorgung der Wäsche derselben haben, ersparen und eben dadurch gewinnen. Hr. Clément will bloß, daß den Wäscherleuten angebothen werde, ihre Wäsche eigenhändig auf dem Waschhause zu waschen, laugen und seifen, wofür sie nur die Hälfte desjenigen Betrages zu entrichten haben, welchen ihnen alle diese Arbeiten bei ihren jezigen Anstalten zu denselben kosten; er will denselben die ganze weitere Zurichtung der gewaschenen Wäsche, das Troknen, Magen, Plätten und Falten etc. in ihren Wohnungen überlassen. Es scheint uns aber, daß gerade in Anlegung zwekmäßiger Trokenstuben, in welchen die Wäsche bei schlechter Witterung, zumahl im Winter, schnell getroknet werden kann, so wie in Maschinen Mangen und zwekmäßig eingerichteten Plätte- und Falt-Tischen bei gemeinschaftlicher Benüzung einer Feuerung zur Heizung der Eisen ein nicht zu berechnender Vortheil für die einzelnen waschenden Parteien liegt, die nie im Stande seyn werden, sich die zwekmäßigsten Einrichtungen hierzu auf ihre Kosten und in ihren Wohnungen zu verschaffen. Alle diese Vorrichtungen, die bei großen Wasch-Anstalten so große Vortheile gewähren, lassen sich sogar bei kleineren Wäschereien noch mit Ertrag anwenden. Ein wahrer National-Nuzen für das physische und moralische Wohl eines Volkes entspränge aus solchen Gemeinde-Waschhäusern auch noch dadurch, daß, insofern die Wäsche um ein Drittel wohlfeiler gereinigt werden kann, die Pflege der Reinlichkeit erleichtert, und |510| Liebe zu derselben gewekt wird, wodurch unendliche Vortheile für den Charakter des Volkes selbst entstehen. Hr. Clément nimmt an, daß in ein solches Waschhaus zu Paris eine Masse Wäsche käme, für welche der Wäscherlohn 1,200,000 Franken betragen würde. Er schlägt die Appretur-Kosten der Wäsche, Mangen, Plätten etc., die den Wäscherinnen rein zu Nuzen kämen, auf 450,000 Franken an, so daß dem Waschhause nur 750,000 Franken blieben. Die Auslagen könnten nur 200,000 Franken tragen: es blieben also noch 550,000 Franken zur Vertheilung übrig, wovon die Hälfte den Wäscherinnen zu Gutem kommt, folglich dem Hause noch 275,000 Franken als Gewinn und Interesse für Eine Million aufgewendetes Capital blieben.

Die Capitalisten, welche Actien bei einer solchen Unternehmung nehmen, fänden demnach reichliche und um so sicherere Zinsen, als die Wäscherinnen sowohl, als die Parteien, welche bei Hause waschen, an dieser Anstalt eben so sehr ihr Interesse finden, als die Unternehmer derselben, und das Publicum selbst durch Herabsezung der Waschpreise, durch schnellere und bessere Bedienung, durch Schonung der Wäsche gegen die Schärfe der Laugen und Bürsten und gegen den Bläuel gewänne.

Wirklich hat sich bereits zu Paris unter Leitung des Hrn. Huvelin de Bavillier eine Gesellschaft gebildet, die in 200 Actien Eine Million Franken zusammenzubringen hofft, um eine solche Anstalt zu errichten. Nach dem Prospectus derselben wird jedes Stük Wäsche in anderthalb Stunden gewaschen seyn, und die am Morgen in das Waschhaus gebrachte schmuzige Wäsche kann, wenn sie auch mehrere Tausend Zentner beträgt, des Abends gereinigt gehöhlt werden. Damit die Wäsche nicht verwechselt oder ausgetauscht wird, kommt jeder Pak derselben in numerirte Neze, die die Nummer des Einschreibungs-Protokolles tragen, die den Parteien zugleich als Zeichen oder Empfangschein gegeben wird. Das Publicum ist eingeladen, diese Wäschereien zu besuchen, und sich zu überzeugen, daß die Wäsche bei dem angewendeten Verfahren keinen Schaden nehmen kann.

Da in London bereits eine ähnliche Anstalt besteht, und immer blühender wird, so erwartet die Gesellschaft zu Paris um so mehr ein Gedeihen der ihrigen. Und warum sollten nicht auch wir in Bayern und in dem übrigen Deutschland in größeren und kleineren Städten ähnliche Anstalten gründen, da man bereits auch zu Berlin eine ähnliche Anstalt zu errichten begann?

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