Titel: Pratt's, Erfindung gewisser Verbesserungen an Betten etc.
Autor: Schultes, Julius Hermann
Fundstelle: 1827, Band 25, Nr. LXVI. (S. 233–238)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj025/ar025066

LXVI. Erfindung gewisser Verbesserungen an Betten, Bettstellen, Sofas, Sesseln und anderen Schiffs-Meubeln; worauf Samuel Pratt, Feld-Equipagen-Fabrikant, New-Bond-Street, Parish St. George, Hanover Square, City of Westminster, in Folge einer Mittheilung eines im Auslande wohnenden Fremden,64) und eigener Entdekungen sich am 18. October 1826 ein Patent ertheilen ließ.

Aus dem London Journal of Arts. Mai 1827. S. 117.

Mit Abbildungen auf Tab. II.65)

Der Hauptzwek dieser Erfindung ist, einen elastischen, schwingenden Siz, oder ein solches Lager oder Bett für den Schiffsgebrauch zu verfertigen, wodurch die unangenehmen Wirkungen, |234| welche einige Leute von der Bewegung des Schiffes empfinden, und die man Seekrankheit nennt, vermieden werden.

Dieser verbesserte Apparat kann auf verschiedene Weise |235| eingerichtet werden. Die Hauptsache ist, das Gestell des Sizes oder Lagers auf Gefügen oder Zapfen aufzuhängen, die sich unter rechten Winkeln gegen einander drehen66), Size und Lager elastisch zu machen, und das sich schwingende Gestell mit Spiral-Federn aus Metall zu versehen.

Nachdem das Gestell, auf welches die Kissen für Size oder Sofas oder Betten gelegt werden, aus Holz in gehöriger Größe und Form verfertigt worden ist, wird der untere Theil desselben mit gespanntem Canevaß überzogen, und mit stärkerem Gewebe gekreuzt: auch kann das gewöhnliche Grundlager bei Sesseln, Sofas und Betten hierzu verwendet werden.67) Auf dieses Unterlager kommt die gehörige Anzahl von Spiralfedern aus gewundenem Stahl-Drahte in Form einer Sand-Uhr, wie zwei an ihrer Spize vereinte Kegel.68)

Die unteren Theile dieser Federn werden auf dem Canevaß angenäht, und die oberen mittelst Bindfaden in aufrechter Lage erhalten, die man wie ein Nez über dieselben zieht. Oben auf diese Federn kommt wieder eine Lage Canevaß, und dann eine dünne Lage von Roßhaar oder Wolle, worauf der äußere Ueberzug zu liegen kommt, nach dem Geschmake des Fabrikanten.69)

Es ist offenbar, daß diese Vorrichtung nach Art der Sessel, Sofas, Betten, die man verfertigen will, verschieden seyn muß; es ist also bloß nöthig, die Errichtung des Schwing-Gestelles an einem kleinen Ruhelager zu zeigen, da bei den grösseren nur die Dimensionen geändert werden dürfen, ohne daß man von der Hauptidee abzuweichen braucht.

Fig. 15. zeigt ein solches Sofa von vorne mit dem Holzwerke und dem Schwing-Gestelle, worauf das Kissen, a, a, ruht, welches auf obige Weise verfertigt und durch die Stahlfedern elastisch gemacht wurde, die man in punctirten Linien angedeutet sieht.

Die Form des hölzernen Gestelles, d.i. des Gestelles, worauf |236| auf das Kissen ruht, kann auf eine geschmakvolle Weise nach der Mode eingerichtet werden; das Schwinggestell unten aber erlaubt keine Abänderung70), außer in der Dimension, und in der Anwendung einer größeren oder geringeren Anzahl von Federn, oder eines Gegengewichtes unten, je nachdem man nämlich einen Stuhl, ein Sofa oder ein Bett verfertigen will. Fig. 16. ist ein Grundriß oder eine horizontale Ansicht des Schwinggestelltes, wodurch noch deutlicher, als in der vorigen Figur, die Art und Weise angedeutet wird, wie die Seitenfedern unten anzubringen sind, um dem Schwinggestelle bei seinen Schwingungen zu begegnen. Der obere Rand des Schwinggestelles, den man bei, b, b, Fig. 15. sieht, ist aus geschlagenem Eisen, worauf die Matraze für das Sofa, oder der Polster für den Sessel befestigt ist. c, c, sind Stangen oder Arme, die den oberen Rand mit der unteren Stange, d, d, verbinden, an deren Stelle auch eine Kiste mit Gewichten angebracht werden kann, e, e, sind Spiral-Federn, die an den Seiten und Enden der unteren Stange angebracht werden, und diese Federn werden durch Böke gehalten, die von dem Boden-Gestelle, f, f, auslaufen. Statt dieser Böke kann auch ein Metallrand oder eine Metallplatte um den unteren Theil dieser Vorrichtung angebracht werden, damit die Federn sich dagegen stüzen können.

Der obere Rand, b, b, des Schwinggestelles ist mittelst der Gefüge, g, g, an dem zweiten Rande, h, h, befestigt, und dieser durch ähnliche Gefüge, i, mit den senkrechten Stüzen, k, verbunden.

Auf diese Weise schwingt sich der Polster oder die Matraze auf Unterlagen, die sich frei auf ihren Verbindungen schaukeln, und mit welchen das elastische Kissen zugleich nachgibt; wenn mehrere Personen auf dem Sofa sizen, so wird die Wirkung des Schlingerns und Stampfens des Schiffes größten Theils = 0. Diese Kissen und Sofas können auch auf dem Lande gebraucht werden (!)71)

|237|

Der Herausgeber (Hr. W. Newton) fühlt großes Vergnügen, im Stande zu seyn, von dieser Erfindung aus eigener Erfahrung zu sprechen, da er das Glük hätte, diesen Apparat vor kurzer Zeit auf einer Reise nach Paris benüzen zu können, bei welcher Gelegenheit er ihn zu einem, nach seiner Ansicht entscheidenden. Versuche verwendete, sowohl am Borde des Schiffes, als Mittel gegen die Seekrankheit, als zu Land, als Sizpolster auf der Reise (!).

Leute, die nicht an die See gewohnt sind, leiden bei einer kurzen Seereise, wenn das Meer unruhig ist, gewöhnlich an der Seekrankheit. Schreiber dieses ist der Seekrankheit besonders unterworfen, und erlaubt sich daher sagen zu dürfen, daß sein Versuch ein beweisender Versuch ist. Sobald er in das Paketboth trat, das über den Canal fährt, sezte er sich auf diesen neuen Apparat, und blieb 2 Stunden lang auf demselben, ohne die mindeste Spur von Seekrankheit zu empfinden, obschon mehrere Personen neben, ihm bedeutend an derselben litten. Er dachte, daß dieß vielleicht einem besonderen Zustande seines Magens in diesem Augenblike zuzuschreiben seyn könnte, der ihn jezt weniger, als gewöhnlich, für die Seekrankheit empfindlich machte, und ließ sich verführen, seinen Siz zu verlassen, und auf das Verdek zu gehen: er hätte aber kaum 20 Schritte auf demselben gethan, als die Bewegung des Schiffes die Seekrankheit in ihm erzeugte, so daß er kaum Zeit hätte, seinen Siz zu erreichen, auf welchem sie augenbliklich verschwand. Er blieb gesund; denn er verließ seinen Siz nicht wieder, bis er in dem Hafen einlief.72)

„(Hr. Newton beschreibt uns nun die Vortheile seines elastischen Sizpolsters in einer französischen Diligence sehr breit; wir glauben die Beschreibung dieser Vortheile ad posteriora a priori weglassen zu dürfen.)“

|238|

Mehrere Personen haben mit dem Patent-Träger eine viertägige Probfahrt in einem Bothe im Canale gemacht, und der Erfolg war der oben angegebene. Es ist also kein Zweifel, daß diese elastischen „(!)“ Polster am Borde eines Schiffes für jeden Fall große Erleichterung bei der Seekrankheit, wenn nicht gänzliche Beseitigung derselben zu bewirken vermögen.

Wir empfehlen dem Patent-Träger dringend, einige solche elastische Stühle in die Haupthafen Englands, vorzüglich nach Dover, Brighton, Holyhead und Liverpool zu senden, und sie Reisenden zu lehnen. Schwächlichen Personen würde dieß eine wahre Wohlthat seyn, und er würde dabei wahrscheinlich sehr viel gewinnen.73)

Es scheint uns, daß Betten, Sofas, Stühle und viele andere Hausgeräthe, so wie auch Kutschen-Kissen und Reissattel von dem Patent-Träger auf dieselbe Weise mit Spiralfedern verfertigt werden können, und wohlfeiler kommen, als ähnliche Meubeln mit Roßhaar oder Wolle ausgestopft; für jeden Fall sind sie weit elastischer als leztere.74)

Der bin ich nicht, obschon ich dieselbe Idee 2 Jahre früher hätte, und zu London und Paris laut aussprach. Als ich zu Landshuth in Bayern das Bonnetum venerabile eines Doctors der Medicin und Chirurgie aufsezte, mußte ich, nach dem Universitäts-Gebrauche, auch eine Inaugural-Rede halten, und ich wählte mir als Gegenstand derselben, die Seekrankheit (le mal de mer), die ich an mir selbst sehr genau zu beobachten Gelegenheit hätte, weil ich gewaltig, mit noch einem Freunde, an derselben litt. Ich hätte mich, während meines Leidens an Hippokrates (Aphon S. IV. 14) erinnert; δηλσι δέ χαί ή ναυτιλίη, δτι χίνησις τά σώματα ταϱαει; und habe als Mittel gegen die Seekrankheit Cardans bekannte Maschine vorgeschlagen, in der die Boussole und die Schiffslampen aufgehängt sind, die aber, um einen Menschen statt der Lampe oder Magnetnadel hineinzubringen, im vergrößerten Maßstabe verfertigt werden müßte. Diese Rede ward am 26. Febr. 1825 öffentlich gelesen, und meine Zuhörer werden sich noch daran erinnern. Ich bin der Meinung, daß kein ehrlicher Mann auf eine Idee, (wohl aber auf große gemachte Geldauslagen für irgend eine nüzliche Unternehmung) ein Patent nehmen soll, und glaube, daß alle Ideen, d.i. Gedanken, zollfrei sind vor allen Tribunalen, und jeder sich seinen Theil denken kann; daß Niemand das Recht hat, deßwegen, weil er früher an etwas Gutes dachte, den anderen zu hindern dasselbe Gute zu thun und zu verbreiten, da mir, mit einem Worte, ein bitterer Haß gegen alles Privilegium-Unwesen, gegen jeden noch gröberen Egoismus als er ohnedieß in jedem Menschen wohnt, angeboren ist; so muß ich mich wundern, daß Hr. Samuel Pratt sich auf meine Idee, die ich zu London und Paris, und schon auf dem Meere selbst, meinem Capitan Mondschein (Moon) äußerte, ein Privilegium geben ließ. Man wird aus der Beschreibung der Vorrichtung des Hrn. Samuel Pratt ersehen, daß sein See-Ameublement nichts anderes als des gottlosen Kezers Cardanus Maschine in vergrößertem Maßstabe ist. Wenn Cardanus etwas anderes gewesen wäre, würde seine Maschine sich vielleicht jezt schon in jeder Landkutsche befinden, bloß weil mancher dike Herr auch in einem so kleinen Dampfbothe von bloß 2 Pferden Kraft die Seekrankheit an sich und den Seinigen zuweilen verspürt. Was uns wundert, ist, daß Hr. W. Newton (der Herausgeber des London Journal, der aber kein Isaak Newton ist, obschon er in jedem Hefte seines Journales the new and emproved (!!!) Globe verkauft), weder Cardan's, noch der Aufhängung aller Schiffslampen und Compasse auch nur mit einem Wörtchen erwähnt. Es ist doch wirklich sonderbar, daß es seit so vielen Jahren noch keinem Seemanne eingefallen ist, sich selbst so zu achten, wie seine Seelampe und seinen Compaß. Ich habe schon in der ersten Nacht auf dem Schiffe gewünscht, wenigstens so, wie die Schiffslampe in der Cajüte, aufbewahrt zu seyn. Der Uebersezer, Dr. Julius Herrmann Schultes.

Wir übersezen wörtlich. A. d. U.

|235|

Also genau Cardan's Vorrichtung. A. d. U.

|235|

Gekreuzte Gurten würden am besten taugen. A. d. U.

|235|

Diese Stahlfeder-, nicht Feder-Betten, nennt man in Frankreich lits allemands; sie scheinen also deutsche Erfindung. A. d. U.

|235|

Hr. Pratt scheint das Matrazen-Machen und Auspolstern der Size auf Sesseln nicht recht zu verstehen. Wenigstens können wir in Deutschland das Ding besser, als es hier beschrieben ist. A. d. U.

|236|

So wie Cardan's Idee keine Abänderung gestaltet: alles im rechten Winkel. A. d. U.

|236|

Das Lustigste bei diesem Patente ist, daß weder der Patent-Träger, noch sein im Auslande wohnender heiliger Geist, noch Hr. Newton einsehen, worauf es bei dieser Vorrichtung eigentlich ankommt; daß sie nicht wissen, daß man auf einem harten Brettchen, das nach |237| Cardan's Art aufgestellt ist, eben so sicher gegen Seekrankheit sizt, als auf 10,000 Federn. So geht's in der Welt, man sucht den Sattel, und sizt darauf. A. d. U.

|237|

Es ist Erfahrungssache, daß nur gewisse Leute von der Seekrankheit ergriffen werden. Mein Vater, der nie auf der See war, hätte das Mal de mer weder auf der lang dauernden Fahrt nach England von Holland aus, noch auf der Rükfahrt über den Canal, wo Alles, was am Borde des Bothes war (einige 90 Menschen) bis auf meinen Vater und einen alten Mann und die Seeleute, seekrank wurde, weil die See sehr hoch ging. A. d. U.

|238|

Wir empfehlen unseren liehen Landsleuten zu Hamburg, Bremen, Lübek und Stettin die ausländische Elasticität bei Seite zu lassen, und der deutschen Derbheit treu zu bleiben; nur Feldstühle vorzurichten, in welchen sie diejenigen ihrer Passagiere, die, in einer anderen Hinsicht, ebenso brechbar und empfindlich sind, als ihr Compaß, ebenso ruhig horizontal schwebend halten können, als diesen – und sie werden keine Speibeken brauchen. Ein hartes Brettchen wird dasselbe thun, wenn es so vorgerichtet ist, wie der Compaß, wo es nur groß genug ist, um einen Passagier darauf sizen zu lassen. A. d. U.

|238|

Man scheint also in England die deutschen Feder-Matrazen und Sizpolster früher ebensowenig gekannt zu haben, als in Frankreich. A. d. u.

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