Titel: Ueber Baumwollen- Karbätschen- und Spinnmaschinen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1828, Band 27, Nr. XXVII. (S. 97–99)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj027/ar027027

XXVII. Ueber Baumwollen- Kardätschen- und Spinn-Maschinen. Beitrag zur Geschichte der Erfindungen.

Aus dem Mechanics' Magazine, N. 216. 13. Oktbr. 1827, S. 199.

(Im Auszuge.)

Ein Hr. H. H. H. bemerkt, daß ein Hr. Argus im Mechanics' Magazine II. B. S. 255 sich irrte, wenn er daselbst behauptete: „nicht Hr. Arkwright, sondern ein armer unstudirter Galanterie-Tischler, Namens Brown, sei der ursprüngliche Erfinder der Spinning-Jennies gewesen, und habe Hrn. Arkwright, während er denselben barbirte, mit der Basis dieser Erfindung bekannt gemacht.“ Man glaubt allgemein, daß ein armer Weber, Namens Hargraves, der erste Erfinder war, und seine Erfindung auch ausführte. Sein Weib hatte zufällig oder im Scherze ihr langes Spinnrad umgeworfen, und als er das Rad auf der Erde da liegen sah, gerieth er auf den Einfall, mehrere Spindeln anzubringen, und diese senkrecht, statt horizontal, zu stellen. Er machte einen Versuch mit 20 Spindeln, und dieser Versuch gelang. Hr. Arkwright vervollkommnete diese Vorrichtung, und brachte die Strek-Walzen an, wodurch das Gespinst glatter wurde.

In einem der neuesten Stüke des Edinburgh Review heißt es in einem Aufsaze „über die Entstehung, Fortschritte, den gegenwärtigen Zustand und über die Aussichten der brittischen Baumwollen-Manufacturen:“

„Die erste Verbesserung in den Baumwollen-Manufacturen machte ein armer, gemeiner Zimmermann zu Blackburn, in Lancashire, Jakob Hargraves. Er lehrte zuerst die Kardätschen der Wollen-Manufacturen auf die Kardätschen der Baumwollen-Manufacturen so anwenden, daß Ein Arbeiter zwei Mahl so viel Arbeit mit denselben liefern konnte, als vorher, und mit geringerer Mühe. Er gab dadurch Veranlassung zur Erfindung der Cylinder-Kardätschen, deren Erfinder unbekannt blieb, die aber zuerst von dem Großvater des gegenwärtigen Staats-Secretäres Peel bei seiner Fabrik verwendet wurden. Hargraves half bei Errichtung derselben im J. 1762. Später verbesserte Sir Rich. Arkwright dieselbe, und seine Vorrichtung zur Abnahme der Baumwolle ist die beste, die man sich denken kann.“

Die einfältige, langweilige, scheinbar wohlfeile und doch unendlich kostbare, Handspinnerei, welche die Baumwollen-Manufacturen so lang in Fesseln schlug, wurde endlich von dem gesunden Menschen-Verstande, der so selten ist, bei unserer verkehrten, gelehrten und ungelehrten Erziehungs-Methode glüklich besiegt. Ein paar arme Individuen, |98| die für das Verschrauben ihrer Köpfe nichts bezahlen konnten, die sich selbst Lehrer und Meister waren, überwanden durch ihre Talente und ihre Beharrlichkeit alle Schwierigkeiten. Hargraves öffnete ihnen die Laufbahn. Schon im J. 1767 baute er eine Maschine, die acht Faden auf ein Mahl spinnt, und zwar mit derselben Leichtigkeit, mit welcher man bisher Einen spann, und nach und nach ward diese Maschine so sehr vervollkommnet, daß jezt ein kleines Mädchen 80 bis 120 Faden auf ein Mahl spinnt.“

„Mir Ausnahme des Sir Rich. Arkwright hat Niemand so sehr auf unseren Dank für die Spinn-Maschine Anspruch, als Hargraves. Er hat die Wahrheit des Grundsazes: „Erzittre vor dem ersten Schritte!“ neuerdings erprobt. Sobald er, so zu sagen im Kleinen, zeigte, was eine Spinn-Maschine vermag, zog er die Aufmerksamkeit der Nation auf dieselbe, und man vollendet im Großen, was er im Kleinen angelegt hatte.

„Allein, so sehr Hargraves durch seine Erfindung Tausende bereicherte, so ward dieselbe doch für ihn selbst die Quelle namenlosen Elendes. Kaum hatte die Nachricht von derselben sich verbreitet, als ein wüthender Haufen von Spinnern, oder vielmehr von Garnhändlern, die den Spinnern ihr Gespinst abdrükten und mit dem Schweise derselben sich mästeten, in sein Haus drang, und seine Maschine zerstörte. Hargraves stellte seine Maschine wieder her, und die Garnhändler kamen neuerdings nicht bloß in sein Haus, sondern auch in die Häuser derjenigen, die seine Maschine sich beigelegt hatten. Um der Verfolgung zu entgehen, zog er sich nach Nottingham, und nahm ein Patent auf seine Erfindung. Aber auch dort konnte er seiner Rechte nicht mit Ruhe genießen. Sein Patent wurde nicht geachtet, und er mußte Hülfe bei dem Gerichtshofe suchen. Allein der Arme vermochte nicht den Reichen entgegen zu kämpfen, die sich gegen ihn verbunden hatten; er mußte den ungleichen Kampf aufgeben und sehen, wie man ihm alle Früchte seiner schönen Erfindung wegstahl. Er gerieth in die höchste Armuth, und starb, zur Schmach seines Alters und unseres alten Englands, ungeachtet aller seiner, später anerkannten, Verdienste, im Arbeitshause zu Nottingham. Die gerechten Juristen mögen den Rechtshandel des Rich. Arkwright und Comp. (Case of Arkwright and Comp. in 1782) zu ihrer Erbauung nachsehen.

Hr. Guest hat die Erfindung des Spinning-Jenny in seinem mageren, oberflächlichen und mit so vielen Vorurtheilen vollgepfropften Werke: Geschichte der Baumwollen-Manufacturen (History of the Cotton-Manufactory)41) einem gewissen Highs oder |99| Hayes zugeschrieben, der Rietblattmacher zu Bolton war. Er hat aber nicht erwiesen, daß Hargraves etwas von Highs wußte oder benüzte, und da jener allgemein als Erfinder gilt, so sehen wir nicht ein, warum er ihn um die Ehre der Erfindung bringen will.“

„Das auf der Maschine gesponnene Garn war anfangs nur zum Eintrage brauchbar; man konnte das Garn noch nicht drall genug zur Kette spinnen. Diesem Mangel ward indessen durch die folgenden Verbesserungen an der Spinn-Maschine bald abgeholfen, und der Arbeiter hatte nichts mehr weiter zu thun, als die Maschine mit Baumwolle zu versehen, und die Faden, die gerissen waren, wieder anzuknüpfen. Das Wesentlichste bei dieser Verbesserung besteht in einem Walzenpaare, welches von der Maschine getrieben wird, an welchem die untere Walze gefurcht ist, und in Vervielfältigung dieser Walzenpaare, die sich mit verschiedener immer zunehmender Geschwindigkeit drehen und so die Baumwolle zu Faden ziehen. Diese Verbesserung dankt man Hrn. Arkwright, und diese Idee, mittelst Walzen zu spinnen, war eine neue, originelle, Idee, die man nie genug wird bewundern können, um so mehr, als sie sich leicht und schnell ausführen ließ. 42)

|98|

Hr. Baines hat beinahe alle historischen Angaben aus Hrn. Gueß's Werke entlehnt, und dadurch dem Werthe seines eigenen Werkes sehr geschadet.

A. d. O

|99|

Indessen beruhte sie doch bloß auf der Beobachtung des Spieles jener zwei kleinen Walzen, welche jede Spinnerin von Mutter Eva aus an ihrer linken Hand erhielt: dem Zeigefinger und dem Daumen. A. d. U.

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