Titel: Hare, über die Ursachen warum Wetter-Ableiter nicht schüzen.
Autor: Hare, R.
Fundstelle: 1828, Band 27, Nr. LXIX. (S. 268–272)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj027/ar027069

LXIX. Ueber die Ursachen, warum Wetter-Ableiter in einigen Fällen nicht schüzen, und die Mittel, dieselben vollkommen schüzend zu machen, nebst einer Widerlegung der herrschenden Idee, daß Metalle die Elektricität vorzüglich anziehen. Von R. Hare, M. Dr., Prof. der Chemie an der Universität von Pennsylvanien.

Aus dem Franklin Journal in Gill's technical Repository. Novemb. 1827. S. 290.

In einigen unserer americanischen Zeitungen wurde ein Schreiben aus der Londoner Times wieder abgedrukt, welches, wie ich wohl einsehe, höchst verderblich darauf berechnet ist, das Vertrauen des Publicums auf die Wetter-Ableiter, als Schuzmittel gegen die Blize, zu schwachen.141) So wie viele andere, scheint auch der Verfasser dieses Briefes zu glauben, daß Metalle die Elektricität vorzüglich anziehen, und schließt daraus, daß, wenn eine Metall-Stange auf einem Hause, oder auf einem Schiffe angebracht ist, eine Entladung der elektrischen Flüßigkeit aus einer Wolke herbeigezogen werden kann, welche sonst nicht nahe genug gekommen seyn würde, um das Haus |269| oder das Schiff in Gefahr zu sezen. Nach meiner Ansicht ist nichts irriger, als diese Meinung. Die Sache ist diese. Wenn die Erde und die Donnerwolke in einem Zustande von entgegengesezter Elektricität sich befinden, strebt die elektrische Flüßigkeit aus einer in die andere überzugehen, um sich in's Gleichgewicht zu sezen. Da die Atmosphäre nun ein nicht leitender Körper ist, und keine Entladung durch dieselbe Statt haben kann, ohne daß die Luft mit Gewalt aus ihrer Stelle verrükt wird, so wird jeder an der Oberfläche der Erde hervorragender Körper, welcher die Elektricität besser zu leiten vermag, als die Luft, als ein Vereinigungs-Mittel dienen. Da nun Metalle vorzugsweise als Leiter für die Elektricität dienen, geschieht die Uebertragung derselben durch die Metalle mit verhältnißmäßig größerer Leichtigkeit. Sie ziehen sie aber nicht mehr an, als andere Körper, die sich in einem ähnlichen elektrischen Zustande befinden. Eine gläserne oder hölzerne Kugel wird eben so leicht von dem erregten Conductor einer Elektrisir-Maschine angezogen, als eine metallne, und in dem Verhältnisse mehr, als eine Spize, als die Oberfläche der Kugel größer ist, als die der Spize.

Nichts scheint mir mehr ungegründet, als die neuerlich aufgestellte Idee, daß die Anziehung zwischen einem Schiffe und einer Donner-Wolke durch eine zugespizte Metall-Stange, die über dem Hauptmaste emporragt, vermehrt werden kann.

Wenn der Bliz in Häuser oder Schiffe, die mit Blizableitern versehen sind, einschlägt, so geschieht dieß, nach meiner Ansicht, bloß deßwegen, weil der Blizableiter nicht gehörig vorgerichtet war, oder nicht die gehörige Verbindung mit der Erde (oder mit dem Wasser) hatte. Die Kraft irgend eines Körpers, eine elektrische Entladung aufzunehmen, hängt eben so sehr von der leitenden Kraft des Mittels ab, in welchem er sich endet, als von seiner eigenen. Eine Metallstange, die sich in einen gläsernen Griff endet, oder in einem Haufen von zerstoßenen Glase oder trokenem Sande stekt, wird, als Leiter, eben so schlecht dienen, wie eine Glasstange selbst. Wenn sie sich in einen unvollkommenen Leiter endet, wie z.B. in Erde oder Wasser, so wird ihre Kraft in demselben Verhältnisse geschwächt, als das Mittel, das sie umgibt, ein schlechterer Leiter ist. Auf diesen Einfluß der umgebenden Mittel, in welche die Blizableiter sich enden, hat man in den Abhandlungen über Elektricität nicht gehörig Rüksicht genommen. Ich halte keinen Blizableiter, keine metallne Stange für ein zuverläßiges Schuzmittel gegen den Bliz, wenn er sich nicht unten mit einer Erweiterung seiner Oberfläche in dem Wasser, oder in der Erde endet; wenn sich aber solche Ableiter in metallne Scheiden enden, die in die Erde oder in das Wasser versenkt sind, oder |270| gehörig mit den eisernen Röhren verbunden sind, welche das Wasser in unserer Stadt umher leiten, oder mit dem Kupfer, mit welchem unsere Schiffe beschlagen sind, so habe ich das vollste Vertrauen auf ihre Schuzkraft.

Es ist nicht bloß nöthig, daß die Berührungs-Puncte der Metall-Masse, die dem Blize einen bequemen Durchgang darbiethen soll, und der Erde oder des Wassers, in welche sie sich endigt, so vervielfältigt sind, daß sie die Schwäche der Leitungs-Kraft der Erde und des Wassers ersezen; es ist auch nöthig, daß die Leitungsstange selbst so ununterbrochen fortläuft, als möglich. Wo Blizableiter ruhig stehen bleiben, wie auf Häusern, müssen die Stüke, aus welchen sie bestehen, in einander geschraubt, oder, noch besser, in einander geschraubt, und zugleich verlöthet seyn. Wo sie beweglich seyn müssen, wie auf Schiffen, müssen die Gefüge so genau als möglich, in einander passen, und so verbunden seyn, daß das Metall an den Stellen seiner Vereinigung sich genau berührt.

Für jeden Fall darf die gewöhnliche, aber wichtige Vorsicht, die Spize des Wetterableiters fein zulaufen zu lassen, und immer rein zu halten, nicht vernachläßigt werden. Wo keine Platinnaspizen zu haben sind, kann man die Spizen der eisernen Stange dadurch vermehren, daß man dieselbe in mehrere drahtartige spizige Enden spaltet und zerästelt, und so die geringere Leitungs-Kraft der eisernen Stange ersezt.

Die Wirkung der Spize oder Spizen hängt indessen von dem ununterbrochenen Zustande der leitenden Stange ab, von welcher ich bereits gesprochen habe; denn es ist bekannt, daß, wenn man eine mit einer Spize bewaffnete Stange in Theile zerschneidet, so daß sie dadurch unterbrochen wird, und diese Theile sich stumpf enden, die Wirkung derselben nicht viel größer ist, als wenn sie gar keine Spize hatte; indem die elektrische Flüßigkeit auf diese Weise in Funken, statt in einem Strome entladen wird. In dieser Hinsicht bin ich nicht für die Ketten, oder die durch Ringe und Haken oder Augen verbundene Stangen. Der Fehler, den man begeht, wenn man vermuthet, daß eine Metall-Stange ohne Nachtheil Elektricität anziehen kann, weil sie die bewundernswerthe Kraft besizt, dieselbe zu leiten, wird jedem einleuchten, daß der einzige Unterschied zwischen Metallen und anderen Körpern in dieser Hinsicht auf der höheren Leitungskraft der ersteren beruht. Wenn also die Wirkung des Metalles, als Leiter, durch eine fehlerhafte Verbindung mit der Erde oder mit dem Wasser vermindert oder zerstört wird, wird auch ihr Einfluß auf eine mit Elektricität geladene Wolke in demselben Verhältnisse vermindert werden. Hieraus folgt also, daß, in so fern es |271| wirkt, seine Wirkung wohlthätig seyn muß, wenn anders nicht das untere Ende aus unbegreiflicher Unwissenheit oder Unaufmerksamkeit so gestellt ist, daß es der elektrischen Flüßigkeit leichter wird die Stange zu verlassen, und durch einen Theil des Hauses oder des Schiffes zu fahren, als an der Stange in die Erde, oder in das Wasser hinabzulaufen.

So wurde Richmann durch einen Blizableiter getödtet, den er zur Ableitung der Elektricität aus den Wolken verwendete, mit welcher er ein, nothwendig isolirtes, Elektrometer in Thätigkeit sezen wollte. Sein Kopf war ungefähr Einen Fuß weit von dem Blizableiter, und wurde ein Theil der Laufbahn, die der Bliz zur Erde nahm. Wäre der Apparat mit einem Gehäuse von Drath umgeben, und dieser mit einer Metall-Stange gehörig verbunden gewesen, die an einer metallnen Scheide eingelöthet, in der Erde versenkt worden wäre, so hätte Richmann seine Versuche mit aller Sicherheit vollenden können. Daß, mit gehöriger Vorsicht, ähnliche Versuche ohne alle Gefahr für den Experimentator angestellt werden können, zeigt die unten angeführte Stelle aus Singer's Electricity.

Ich muß hier vorausschiken, daß die unten angeführten Phänomene mittelst eines Drahtes erzeugt wurden, der eine (engl.) Meile lang, von starken Stangen gestüzt, und mittelst derselben isolirt war, und so in dem Hause des Elektrikers, Esq. Crosse sich endete.

„Die Annäherung einer Donnerwolke erzeugt Anfangs zuweilen positive, zuweilen negative Zeichen; in beiden Fällen nimmt die Wirkung bis auf einen gewissen Grad zu, nimmt hierauf ab und verschwindet, und ruft entgegengesezte Zeichen hervor, die nach und nach über das Maximum des vorigen Zustandes hinausreichen, dann wieder abnehmen, sich enden, und an deren Stelle wieder die ursprüngliche Elektricität tritt. Diese Abwechselungen sind zuweilen sehr zahlreich, und folgen bei gewissen Gelegenheiten sehr schnell auf einander. Gewöhnlich werden sie bei jeder Wiederholung stärker, und zulezt tritt ein dichter voller Strom aus dem atmosphärischen Conductor in die Aufnahms-Kugel, die mit der Erde durch einen gehörigen Leiter in Verbindung steht, hört zuweilen auf, und kehrt mit verstärkter Kraft wieder. In diesem Zustande fährt ein starker Luftstrom aus dem Drahte und dem damit verbundenen Apparate, der den Beobachter mit Ehrfurcht erfüllt. Bei jedem Blize rollt ein explodirender Strom mit einem eigenen Geräusche zwischen den Kugeln des Apparates hin, und beleuchtet wunderbar alle in der Nähe stehenden Gegenstände, während der Donner dazwischen brüllt etc.“

„Bei diesem allmächtigen Spiele dieser elektrischen Kraft sizt der Elektriker ruhig vor seinem Apparate, leitet den Bliz nach jeder Richtung, |272| schmilzt dabei Drahte, zersezt Flüßigkeiten und brennbare Körper, und wird das Spiel zu furchtbar, so bringt er den Draht mit der Erde in Verbindung, und leitet die angehäufte Elektricität still und sicher ab.“

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Wahrscheinlich ist dieß derselbe Aufsaz, dessen wir im polytechn. Journale XXV. Bd. S. 443 erwähnten. Es ist merkwürdig, wie unsere frömmelnden Theo-Demokraten in allen Welttheilen sich bemühen, Wetter-Ableiter, Vaccination etc. als Eingriffe in die Fügungen Gottes zu verschreien und zu verbannen, und Unwissenheit und Aberglauben an die Stelle der Aufklärung über Naturerscheinungen zu bringen. Im Einklange mit diesem steht die Vernachläßigung des Studiums der Mathematik, der Physik, und der Naturwissenschaften. Dahin muß man es bringen, daß, wenn, wie neulich der König von Spanien zu Barcellona, ein König die Vorlesungen eines Professors der Physik mit seiner Gegenwart beehrt, (Allgem. Zeit. 1828. Nr. 3.) der Professor ausrufen muß: „daß nun alle für diesen Umstand vorbereiteten Versuche erschöpft sind;“ damit selbst die Könige einsehen lernen, wieviel an den physischen Wissenschaften gelegen ist, und mehr Geld zur Förderung derselben anweisen, als jezt geschieht. Uebrigens hätte dieser Professor der Physik seine Sache leicht besser machen können. A. d. Ueb.

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