Titel: Ueber Indigsäure und Indigharz.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1828, Band 27, Nr. XXIII./Miszelle 12 (S. 77–79)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj027/mi027023_12

Ueber Indigsäure und Indigharz.

Hr. Dr. Buff hat in Schweigger's Jahrbuch der Chemie und Physik 1827 Heft 9, S. 38–59 eine sehr ausführliche Untersuchung über Indigsäure und Indigharz bekannt gemacht, woraus wir das Wichtigste hier mittheilen.

1) Indigsäure. Um sie zu erhalten bringt man zu kochender sehr verdünnter Salpetersäure fein gepulverten Indigo in kleinen Portionen. Er zersezt sich augenbliklich, so wie er mit der Säure in Berührung kommt, unter heftigem Aufschäumen; so lange Aufbrausen bemerklich ist, wird fortwährend Indigpulver hinzugesezt und von Zeit zu Zeit etwas heißes Wasser zugegossen, damit bei fortgeseztem Kochen die Flüßigkeit sich nicht zu sehr concentrirt. Das sich dabei entwikelnde Gasgemenge besteht aus salpeteriger Säure und Kohlensäure zu gleichen Theilen. Die nach Beendigung der Operation erhaltene gelbe Flüßigkeit wird heiß von der zugleich gebildeten harzigen Materie abgegossen und erkaltet, worauf undeutliche Krystalle von Indigsäure anschießen. Wenn man diese in heißem Wasser auflöst und mit Kali neutralisirt, so zeigt sich selbst beim Erkalten kein Niederschlag, daher die Flüßigkeit keine Kohlenstikstoffsäure enthält, wenn hinreichend schwache Salpetersäure angewandt wird.

Die nach dem angegebenen Verfahren von Kohlenstikstoffsäure freie Indigsäure ist jedoch durch einen harzigen Körper, welcher sich mit ihr zugleich erzeugt, verunreinigt. Sie wurde in Wasser aufgelöst und mit Bleiglatte gekocht, sodann von dem entstandenen gelben Niederschlage abfiltrirt. Die filtrirte Flüßigkeit war nun von hellgelber Farbe und schmekte süßlichbitter; sie wurde mit Schwefelsäure zersezt und neuerdings kochend filtrirt. Aus dem nunmehr ganz blaßgelben Filtrate sezten sich beim Erkalten weiße in's gelbliche spielende Nadeln von Indigsäure ab. Es gelang nicht, durch wiederholtes Umkrystallisiren die Säure von bedeutend weißerer Farbe zu erhalten. Sie wurde daher in heißem Wasser aufgelöst, mit kohlensaurem Baryt neutralisirt und concentrirt. Nach dem Erkalten schossen gelbe, glänzende, ziemlich harte Nadeln von indigsaurem Baryt an. Die Mutterlauge wurde nun abgegossen, die Krystalle mit wenig kaltem Wasser gewaschen, von neuem in heißem aufgelöst und durch Säuren zersezt. Jezt wurden schneeweiße, concentrisch gruppirte Nadeln von Indigsäure erhalten. – Aus der Mutterlauge und dem Waschwasser des indigsauren Baryts erhielt man durch fortgeseztes Concentriren noch eine bedeutende Menge von krystallisirtem indigsaurem Baryt. Die nach dieser Methode erhaltene Indigsäure hat folgende Eigenschaften.

Die krystallisirte Säure, welche im Wasser sehr voluminös erscheint, schwindet getroknet außerordentlich zusammen und verliert fast ganz ihr krystallinisches |78| Ansehen. Sie besizt eine blendendweiße Farbe und Seidenglanz, schmekt schwach säuerlich und bitter, röthet Lakmus sehr schwach, ist in heißem Wasser und Alkohol in jedem Verhältnisse, in kaltem Wasser aber nur schwierig auflöslich. – Sie ist flüchtig, denn in einer Glasröhre erhizt, schmilzt sie und sublimirt sich ohne zersezt zu werden, und selbst bei gewöhnlicher Temperatur verbreitet sie einen säuerlichen stechenden Geruch. Geschmolzene Indigsäure krystallisirt in deutlichen sechsseitigen Tafeln. In offenen Gefäßen erhizt, entzündet sie sich sehr leicht und brennt mit einer viel Kohle absezenden Flamme. Mit concentrirter Salpetersäure gekocht, wird sie in Kohlenstikstoffsäure verwandelt.

Salzsäure und diluirte Schwefelsäure äußern keine Wirkung auf sie; wird sie aber mit concentrirter Schwefelsäure erhizt, so entsteht eine braune Lösung, aus welcher man durch Wasserzusaz braune Floken abscheiden kann. – Chlor hat weder in troknem noch feuchtem Zustande irgend eine Wirkung auf sie. – Das Gold wird aus seiner salzsauren Auflösung durch Kochen mit Indigsäure nicht gefällt. – Wenn Wasserstoff im Zustande des sich entbindenden Gases mit ihr in Berührung kommt, löst sie sich mit kupferrother Farbe auf und nach einiger Zeit schlagen sich aus der Flüßigkeit blaurothe Floken mit einem Stich in's Violette nieder.

Die Analyse ergab, daß sie aus 7,225 Stikstoff, 46,244 Kohlenstoff und 46,531 Sauerstoff besteht. Sie hat einerlei Sättigungscapacität mit der Kohlenstikstoffsäure und ihr stöchiometrischer Werth ist 247,2.

Die Indigsäure geht mit allen Salzbasen Verbindungen ein und treibt aus kohlensauren Salzen die Kohlensäure aus. Ihre Salze sind meistens von gelber Farbe. Erhizt entzünden sie sich, ohne zu detoniren und brennen wie Pulver ab.

Indigsaures Kali ist ein sehr leicht lösliches Salz, das in concentrisch gruppirten, seidenglänzenden Nadeln von oraniengelber Farbe krystallisirt. Es ist in Alkohol unauflöslich. – Mit Natron, Ammoniak, Talk-, Kalk- und Strontianerde gibt die Indigsäure ebenfalls leichtlösliche gelbgefärbte Salze. – Neutrales indigsaures Blei ist auflöslich und krystallisirt concentrisch nadelförmig. – Indigsaures Queksilberoxydul ist ein blaßgelbes selbst in heißem Wasser vollkommen unauflösliches Pulver. – Salpetersaures Silber wird weder durch Indigsäure, noch durch deren Salze gefällt, hingegen salzsaure Eisenoxydsolution durch Zusaz von indigsaurem Baryt blutroth gefärbt; diese Farbe ist so intensiv, daß auch die allergeringste Menge Eisenoxyd dadurch angezeigt wird. Aus 10 Theilen des feinsten ostindischen Indigo gewinnt man etwa 2 Theile Indigsäure.

2) Indigharz. Zu gleicher Zeit mit der Indigsäure bildet sich durch die Einwirkung der Salpetersäure auf den Indig ein harzähnlicher Körper von brauner Farbe. Um ihn vollkommen rein zu erhalten, schlug Hr. Buff folgendes Verfahren ein: Indig wurde mit drei- bis vierfach verdünnter Salpetersäure zersezt und nachdem die Operation beendigt schien, noch überschüßiges Indigpulver zugeschüttet, um die Anwesenheit von freier Salpetersäure so viel als möglich zu vermeiden. Das hierdurch gewonnene Harz verlor schon nach drei- bis viermaligem Auskochen seine harzige Beschaffenheit größtentheils. Es wurde nun in kohlensaurem Natron aufgelöst, um es vom Indigo, so wie von anderen Gemengtheilen zu befreien. Die filtrirte Flüßigkeit wurde gekocht, mit Säuren zersezt, und die braune Substanz auf dem Filter gesammelt. Endlich wurde sie mehrmal mit Alkohol und Wasser gekocht, bis sich ersterer nicht mehr roth und lezterer nicht mehr blaßgelb färbte. – Aus 10 Theilen des feinsten ostindischen Indigo gewinnt man nicht ganz 1 Th. der braunen Substanz.

In ihrem reinen Zustande ist die braune Substanz geschmaklos, unauflöslich in Wasser und Alkohol, in kohlensauren und äzenden Alkalien schon in der Kälte leicht, in der Hize aber, wie es scheint, in allen Verhältnissen auflöslich. Ihre Auflösung ist von rothbrauner Farbe. Sie wird daraus durch Sauren, in der Hize als zerreibliches Pulver, in der Kälte als schmierige Masse gefällt, welche übrigens getroknet, ihre alte Beschaffenheit wieder annimmt. Ueber der Spirituslampe zersezt sie sich mit einem Geruche, der dem verbrannten Haare nahe kommt, und schwillt wie Indig zu einer voluminösen Kohle auf, welche beim Einäschern etwas Eisenoxyd hinterläßt.

In Salpetersäure löst sie sich auf, ohne verändert zu werben. Aus der concentrirten Lösung erhält man künstlichen Gerbestoff, eine Verbindung von scharfem, |79| herbem, bitterem Geschmake, welche an der Luft hart wird, sich in heißem Wasser mit gelber, und in Alkohol mit blutrother Farbe auflöst. – Durch Salzsäure wird sie selbst in der Kochhize nur sehr wenig aufgelöst. – In diluirter Schwefelsäure ist sie bei jeder Temperatur völlig unauflöslich. Von concentrirter wird sie sehr leicht aufgelöst, aber durch Wasserzusaz wieder abgeschieden.

Die braune Substanz scheint mit den Alkalien keine Verbindungen in bestimmten Verhältnissen einzugehen. In den kohlensauren löst sie sich auf, ohne die Kohlensäure auszutreiben. Mit anderen Salzbasen dagegen vereinigt sie sich wahrscheinlich in festgesezten Verhältnissen.

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Hr. Dr. Schweigger-Seidel erinnert a. a. O. bei Gelegenheit der von Hrn. Buff über die Indigsäure angestellten Versuche an die schon von Leopold Gmelin geäußerte Meinung, „daß Indigsäure sich wohl nicht bloß durch Einwirkung der Salpetersäure auf Indig, sondern auch noch auf mehrere stikstoffhaltige Stoffe bilde“, weßwegen man vielleicht noch dahin gelangen wird, den Indig künstlich darstellen zu können.

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