Titel: Statuten der Gesellschaft zur Förderung der Industrie (Société industrielle) zu Mülhausen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1828, Band 27, Nr. XXIII./Miszelle 4 (S. 70–73)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj027/mi027023_4
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Statuten der Gesellschaft zur Förderung der Industrie (Société industrielle) zu Mülhausen35).

Der Zweck dieser Gesellschaft ist Förderung und Verbreitung der Industrie durch Vereinigung einer Menge von Unterrichts-Mitteln in einem gemeinschaftlichen Mittelpunkte; durch Mittheilung von Entdekungen, Thatsachen, und auf diese gegründeten Beobachtungen; endlich durch alles dasjenige, was der Eifer der Mitglieder zu obigen Zweken brauchbar finden wird. – In dem Hause der Gesellschaft wird eine Bibliothek und ein Lesezimmer errichtet, in welchem lezteren die vorzüglichsten in- und ausländischen Zeitschriften über Künste und Wissenschaften aufgestellt sind; eine Sammlung von Modellen, Planen und Manufactur-Producten wird veranstaltet. – Die Gesellschaft gibt monatlich einen Bulletin heraus, welcher alles dasjenige enthält, was die Industrie in ihrem Departement zunächst interessiren kann. – Sie schreibt Preise aus für Erfindungen und Verbesserungen von Maschinen und Verfahrungsweisen überhaupt, die in technischer oder ökonomischer Hinsicht nüzlich seyn können. – Sie wird trachten, durch Versuche die Brauchbarkeit der neuen Erfindungen zu prüfen, und sich auch mit solchen wissenschaftlichen Untersuchungen beschäftigen, die der Industrie Nuzen bringen können. – Sie wird sich überhaupt mit allem beschäftigen, was Liebe zur Arbeit, Häuslichkeit und zum Unterrichte unter der arbeitenden Classe weken, verbreiten und unterhalten kann.

Wahl der Mitglieder. Die Société industrielle besteht zunächst aus den Personen, die den Plan zur Errichtung derselben unterzeichneten. – Um als Mitglied eintreten zu können, muß man von einem Mitglieds dem Präsidenten vorgeschlagen werden, welcher 14 Tage lang in dem Versammlungs-Saale Nahmen, Character und Wohnort des Candidaten anschlagen läßt. Bei der ersten Sizung nach Verlauf dieser Frist werden die Stimmen der Mitglieder gesammelt, und das aufzunehmende Mitglied wird nur bei einer Stimmen-Mehrheit von 3/4 zugelassen. – Jedes Mitglied erhält ein Exemplar der Statuten und aller Mittheilungen, welche die Gesellschaft durch den Druk bekannt zu machen für nöthig findet. Er kann die Bücher und die übrigen der Gesellschaft angehörigen Gegenstände benuzen, und hat in der Versammlung berathende Stimme. – Jedes Mitglied bezahlt bei seinem Eintritte 100, und jährlich 50 Franken. – Wenn es den jährlichen Beitrag zu leisten versäumt, hört es auf Mitglied zu seyn; kann aber auf obige Weise wieder neuerdings aufgenommen werden. – Jeder Gelehrte oder Künstler des Departements, welcher durch seine Kenntnisse und Thätigkeit zur Förderung der Wissenschaft und der Industrie beitrug, kann als Ehrenmitglied aufgenommen werden. – Jeder Gelehrte oder Künstler außer dem Departement kann als correspondirendes Mitglied aufgenommen werden. – Die Ernennung der Ehren- und correspondirenden Mitglieder geschieht wie bei den ordentlichen Mitgliedern.

Verwaltung. Die Gesellschaft hat einen Präsidenten, Vice-Präsidenten, Secretär, Schazmeister, Bibliothekar, einen Ausschuß, aus 5 Mitgliedern bestehend, für Mechanik; einen Ausschuß aus eben so vielen Mitgliedern für Chemie und Physik. – Der Verwaltungs-Rath besteht aus dem Präsidenten, Vice-Präsidenten, Secretäre, Schazmeister, Bibliothekare und aus den zwei Secretären der beiden Ausschüsse. – Der Präsident, Vice-Präsident, Secretär, Schazmeister und Bibliothekar wird in allgemeiner Sizung durch absolute Stimmen-Mehrheit gewählt. – Die beiden Ausschüsse werden in derselben Versammlung, jeder auf ein Mahl, und durch relative Stimmen-Mehrheit, gewählt. – Jeder Ausschuß ernennt einen Secretär aus seinen Mitgliedern. – Präsident, Vice-Präsident etc., so wie die Ausschüsse werden jährlich ernannt. – Alle austretenden Mitglieder sind wieder wahlbar. – Der Präsident (in seiner Abwesenheit der Vice-Präsident) beruft zu den ordentlichen und außerordentlichen Versammlungen, und führt bei denselben den Vorsiz. Er ist mit Handhabung der Ordnung bei den Versammlungen, so wie der Befolgung der Statuten besonders beauftragt. Die |72| eingesendeten Abhandlungen und Vorschläge übergibt er den Ausschüssen, oder ernennt, nöthigen Falles, hierzu eine eigene Commission. – Der Secretär führt das Sizungs-Protokoll sowohl bei dem Verwaltungs-Rathe, als bei den Sizungen der Gesellschaft; die Verwaltungs-Correspondenz; die Einladungs-Schreiben; das Archiv. – Der Schazmeister treibt die der Gesellschaft gehörigen Gelder ein, und bezahlt nur auf Anweisungen, die vom Secretäre unterzeichnet und vom Präsidenten visirt sind. Er muß den Mitgliedern des Verwaltungs-Ausschusses, so oft er dazu aufgefordert wird, den Cassenstand vorlegen, und gehörige belegte Rechnung bei jeder allgemeinen December-Sizung ablegen. – Der Bibliothekar hält einen genauen Katalog über Bücher, Modelle und andere Gegenstände, die der Gesellschaft zugeschikt oder von derselben beigeschafft werden, und wacht für ihre gehörige Erhaltung; er schreibt auf die Geschenke, den Nahmen des Gebers und das Datum des Empfanges. Er ist mit dem Ankaufe der hierzu bestimmten Bücher beauftragt. – Der Ausschuß ernennt einen Bibliothek-Adjuncten, der dem Bibliothekare aushilft, in die wissenschaftliche Correspondenz, so wie die Redaction ihrer Drukschriften besorgt. Er kann besoldet werden. – Die Ausschüsse sind gehalten, alles zu prüfen, was der Präsident ihnen zu diesem Zweke zusendet, und hierüber in der nächsten Sizung Bericht zu erstatten. – Der Verwaltungs-Rath entscheidet durch Mehrheit der Stimmen der anwesenden Mitglieder über Alles, was die Verwaltung zunächst betrifft; seine Beschlüsse sind jedoch nur dann gültig, wenn wenigstens 5 Mitglieder gegenwärtig sind. – Jeder Vorschlag, der eine Auslage fordert, wird dem betreffenden Ausschusse, zur Prüfung zugetheilt. Auf den Bericht des Ausschusses entscheidet dann die Gesellschaft, ob er Statt haben soll, und bestimmt die Summe.

Versammlungen. Der Saal der Gesellschaft ist täglich von 2 Uhr Nachmittags bis 10 Uhr Abends offen, und während dieser Zeit können alle Bücher, Journale, Modelle, Plane von allen Mitgliedern benuzt werden. Der Bibliothekar kann von dem Präsidenten ermächtigt werden, die Bibliothek auch zu anderen Stunden zu öffnen, wenn ein Mitglied hierzu Gründe hat. – Die Gesellschaft hält jeden lezten Freitag eines Monates Sizung, welcher alle zu Mülhausen wohnenden Mitglieder beiwohnen müssen. Diese Sizung kann durch besondere Entschließung des Verwaltungs-Ausschusses auf einen anderen Tag verlegt werden. – Jedes Jahr werden zwei allgemeine Versammlungen gehalten, bei welchen alle Mitglieder der Gesellschaft zu erscheinen haben; die erste hat am lezten Freitage im Mai, die zweite am lezten Freitage im December Statt. – In der Mai-Versammlung werden die Preise vertheilt, wenn einige erhalten wurden, und neue Preise werden ausgeschrieben. Vorschläge über die Statuten der Gesellschaft werden in Berathung gezogen. – In der December-Versammlung erstattet die Verwaltung Bericht über die Arbeiten der Gesellschaft; der Schazmeister legt Rechnung, die von drei Mitgliedern revidirt wird; die neuen Wahlen werden vorgenommen. – Entscheidungen haben nur durch absolute Stimmen-Mehrheit der anwesenden Mitglieder Statt, die wenigstens zur Hälfte gegenwärtig seyn müssen.

Zulassung der Fremden. Jeder Fremde kann durch ein Mitglied in das Haus der Gesellschaft eingeführt werden, er muß aber vorläufig bei einem Mitgliede der Verwaltung aufgeführt und sein Name in ein hierzu vorhandenes Buch eingetragen werden. – Wer bereits länger als drei Monate im Departement wohnt, gilt nicht mehr als Fremder.

Beischaffung der Bücher. Es liegt ein Buch in dem Saale, in welchem jedes Mitglied die Werke einschreiben kann, die er der Gesellschaft für nüzlich hält. Sobald das vorgeschlagene Werk die Beistimmung von 5 Mitgliedern erhält, wird der Bibliothekar dasselbe in der möglich kürzesten Zeit herbeischaffen, wenn es nicht mehr als 10 Franken kostet. Wenn es aber diese Summe übersteigt, wird er den betreffenden Ausschuß hiervon in Kenntniß sezen, nach dessen Berichte die Gesellschaft den Antrag entweder genehmigt oder verwirft.

Eigenthum der Gesellschaft. Kein Werk, Journal oder Modell oder anderer Gegenstand aus den Sammlungen der Gesellschaft darf aus dem Hause der Gesellschaft entfernt werden. – Jeder Gegenstand wird durch Feuer-Assecuranz gesichert36) – Das Eigenthum der Gesellschaft läßt sich nicht vereinzeln; Mitglieder, |73| die sich zurükziehen und die Erben derselben haben keinen Anspruch. Im Falle der Auflösung der Gesellschaft wird die Bibliothek und Modellen-Sammlung unter Aufsicht der Rathkammer oder des Handels-Tribunals zu Mülhausen gestellt, damit alle Einwohner des Departements dieselben benuzen können. Die Möbeln sollen aber zu Gunsten des Bürger-Spitales von Mülhausen veräußert werden.

Die Gesellschaft hat am Ende noch einen Oekonomen für die Verwaltung nothwendig gefunden, der mit der Aufsicht des Locales beauftragt ist, und der jede Auslage unter 10 Franken für sich besorgen kann, höhere aber dem Verwaltungs-Rathe unterlegen muß.

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Wir theilen diese Statuten der Gesellschaft zur Förderung der Industrie zu Mülhausen, welche uns die Ehre erwies zum correspondirenden Mitglied zu ernennen, aus ihrem Bulletin hier im gedrängten Auszuge mit, weil wir dieselben sehr zwekmäßig und nachahmenswerth finden.

A. d. R.

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Diese lobenswerthe Vorsicht sichert leider nicht hinlänglich. Welche Feuer-Assecuranz |73| hatte des unsterblichen Mülhausers, Lambert Werke, neues Organon etc. assecuriren können, wenn sie im Manuscripte hätten aufbewahrt werden müssen? Oeffentliche, oder bedeutende Privat- oder Gesellschafts-Sammlungen, in welchen Manuscripte und Modelle aufbewahrt werden müssen, müssen vor Allem in einem Gebäude aufbewahrt werden, welches auf mehrere Toisen frei von jedem anderen Gebäude steht, und in welches weder ein Kerzenlicht noch ein Feuer in einem Ofen gebracht werden darf. Diese Maxime befolgten die ehrwürdigen alten Schweden gewissenhaft, obschon sie mehr als jedes andere Volk mit der Härte und Länge eines strengen Winters zu kämpfen hatten (vergl. Linnaei Amoenitates), und dadurch allein retteten sie Schäze für die Wissenschaft, die bei anderen Völkern verloren gingen. Es ist wahrlich unbegreiflich, wie wir litterarische und artistische Schäze, die nicht zu ersezen sind, mitten in Städten, und oft an Oertern, die der Feuersgefahr höchst ausgesezt sind, aufzubewahren auch nur träumen können; es ist aber doch so. Wenn Bibliotheken und Archive verbrennen, so läßt sich dieß ersezen, mit Geld oder mit Eisen und Blei; Manuscripte und Modelle geistreicher Männer vermag aber keine Phönix-Compagnie zu restauriren. Eine, von dieser Compagnie assecurirte, Drukerei zu London brannte ab, während in derselben ein Werk über höhere Mathematik gedrukt wurde, dessen Verfasser, ein Spanier, Mendoza, 30 Jahre lang an demselben arbeitete. Der Verfasser erschoß sich, wie er den Verlust seines Manuscriptes erfuhr, und Werk und Autor gingen zugleich zu Grabe. Man muß selbst gegen Feuer sichern, was zu sichern ist, und nicht sichern lassen; was man geschehen läßt, geschieht in der Regel schlecht. Lassen ist immer ein Passiv-Zustand.

A. d. R.

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