Titel: Statuten der Leipziger polytechnischen Gesellschaft.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1828, Band 27, Nr. LXXXII./Miszelle 3 (S. 315–318)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj027/mi027082_3
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Statuten der Leipziger polytechnischen Gesellschaft.163)

§. 1. Der Zwek der Leipziger polytechnischen Gesellschaft ist im Allgemeinen Beförderung des Gewerbswesens und im Besonderen der technischen Gewerbe des Vaterlandes. Um diesen Hauptzwek zu erreichen, werden: a) zunächst die Grundwissenschaften der Gewerbslehre beachtet; b) deren Anwendung auf die Gewerbe selbst genau erörtert; c) das Vorhandene in der Gewerbslehre und dem Gewerbswesen wissenschaftlich untersucht; d) neuere Entdekungen, Erfindungen und Fortschritte im Gewerbswesen untersucht und nach Befinden befördert, Vorurtheile beseitigt und Behinderungen geprüft; e) anschauliche Hülfsmittel in geordneten Sammlungen herbeigeschafft, als: Bücher, Abbildungen, Modelle, Geräthe, Maschinen, rohe und vorgerichtete Stoffe und Waaren.

§. 2. Die Gesellschaft beabsichtet hierbei, nicht nur sich selbst zu unterrichten und sich der zu Gebote stehenden Hülfsmittel zur eigenen Belehrung zu bedienen, sondern auch das geprüfte Bessere zu weiterer Benuzung zu verbreiten und zu befördern, zu welchem Ende sie a) Gewerbsgelehrten und Gewerbsbürgern die Benuzung ihrer Sammlungen und sonstigen Hülfsmittel verstattet; b) vorgelegte Fragen beantwortet, Aufschlüsse und Gutachten ertheilt, oder solche veranlaßt; c) in zweifelhaften Fällen Versuche anstellt und selbige immer näheren Prüfungen unterwirft; d) durch Lehre, Schrift oder sonstige Andeutungen auf Verbesserungen und Beförderungen im Gewerbswesen aufmerksam macht; e) neue Gewerbszweige ermittelt und zu deren Beförderung und Emporhebung die Hand bietet, und f) junge Gewerbsgenossen bildet, und dafern und so weit es ihre Mittel verstatten, auf Begründung eines polytechnischen Instituts bedacht ist.

§. 3. Um Zwek und Absicht zu erreichen, haben sich die Mitglieder zu einer bleibenden Gesellschaft vereinige, und zu deren obersten Leitung das weiter unter §. 6. angegebene Direktorium erwählt.

§. 4. Der fernere Beitritt als Mitglied der Gesellschaft ist jedem Manne, der Sinn für Beförderung der Gewerbswissenschaft hat, offen.

§. 5. Die Gesellschaft besteht aus ordentlichen und korrespondirenden Mitgliedern. Die Aufnahme neuer Mitglieder erfolgt auf vorhergegangenen, jedem Gesellschaftsmitgliede zustehenden, Vorschlag, wodurch an sich, wenn nicht wichtige, sofort zu bescheinigende Gründe sich gegen die Aufnahme finden, das Direktorium ohne Weiteres ermächtiget ist, das Diplom zur Aufnahme auszufertigen. Jedes Mitglied erhält ein Exemplar von den Statuten, und ist durch die Aufnahme selbst zu deren Aufrechthaltung und Beobachtung verpflichtet.

§. 6. Das Direktorium besteht aus 1) dem Direktor, 2) dem Vice-Direktor, 3) dem Sekretär, 4) dem Kassirer und 5) acht Deputirten, aus welchen lezteren auch der Vice-Direktor erwählt wird.

§. 7. Dem Director steht a) im Allgemeinen die oberste Leitung und Aufsicht aller die Gesellschaft und deren Angelegenheiten betreffenden Gegenstände zu; b) er autorisirt sämmtliche Ausgaben durch einen schriftlichen Bewilligungsschein; c) alle im Namen der Gesellschaft ergehende Schriften vollzieht derselbe ohne Ausnahme, unter Mitunterschrift des Sekretärs und des Kassirers dann, wenn die Sache eine Geldangelegenheit betrifft; d) derselbe hat zwar die oberste Leitung über die Mittel der Gesellschaft; bei wichtigen Vorfällen jedoch zieht er das ganze Direktorium dabei zu Rathe und vernimmt vor der Verfügung dessen Erinnerungen, so wie er auch in allen anderen dringenden Fällen ermächtigt ist, dasselbe zu versammeln und mit selbigem zu berathschlagen; e) derselbe ist für seine Handlungen oder Vernachläßigungen der Gesellschaft nach den bestehenden Landesgesezen verantwortlich.

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§. 8. Der Vice-Direktor tritt in Abwesenheit oder in anderen Behinderungsfällen des Direktors ganz an dessen Stellen, und so wie ihm in dieser Beziehung dessen Rechte zustehen, so übernimmt er aber auch dessen Verpflichtungen.

§. 9. Der Sekretär ist Direktorialmitglied und führt a) das Protokoll bei allen Versammlungen der Gesellschaft, das er stets in der nächsten Sizung vorzulesen hat; b) über die Angelegenheiten der Gesellschaft hat er mit archivarischer Ordnung und Pünktlichkeit Akten zu halten; c) er hat das Siegel des Instituts in Verwahrung, und vollzieht mit dem Direktor alle für die Gesellschaft auszustellenden und sonst ergehenden Schriften; d) ihm liegt die Ausfertigung der Urkunden, Briefe, Diplome, kurz aller Namens der Gesellschaft zu erlassenden Schriften ob; e) er hat vor der Hand und bis ein besonderer Bibliothekar nöthig wird, die Bibliothek und sonstigen Sammlungen der Gesellschaft unter seiner unmittelbaren Aufsicht und Verwahrung, und hält darüber vollständige Kataloge und Verzeichnisse; f) derselbe besorgt die Ausgabe und Cirkulation der Schriften; g) ausser den Protokollen bei ordentlichen und außerordentlichen Versammlungen hält er noch besondere Aktenstüke, worinnen alle die Gesellschaft betreffende Angelegenheiten genau verzeichnet werden; h) bei seiner Abwesenheit von Leipzig, oder in sonstigen Behinderungsfällen, hat er zu Besorgung der Sekretariats-Geschäfte einen Substituten zu bestellen und denselben dem Direktor anzuzeigen; i) er ist für seine Handlungen oder Vernachläßigungen der Gesellschaft nach den bestehenden Landesgesezen verantwortlich, was auch von seinem Substituten gültig ist.

§. 10. Der Kassirer ist Direktorialmitglied und hat a) den baaren und eingehenden Kassenbestand in seinem Beschlusse; b) er übernimmt alle an die Gesellschaft gehörigen Gelder; c) er leistet alle Zahlungen, welche der Direktor an die Kasse anweist; d) die von ihm ausgestellten Quittungen haben in Bezug auf die Gesellschaft vollgültige Wirkung; e) er legt bei jeder Hauptversammlung eine Hauptrechnung auf Verlangen des Direktoriums, aber auch zu jeder anderen Zeit einen Rechnungs-Extrakt und eine summarische Uebersicht des Kassenbestandes vor; f) wenn die Rechnung überall erledigt ist, ist ihm ein von dem Direktor, dem Sekretär und zweien Deputirten vollzogener Justifikationsschein auszustellen, worauf er die Rechnung selbst mit allen dazu gehörigen Belegen zur Aufbewahrung im Archive an den Sekretär abgibt; g) alle das Kassenwesen betreffende Schriften hat er zugleich mit dem Direktor zu vollziehen; h) er ist für seine Handlungen oder Vernachläßigungen auch den Landesgesezen, gleich jedem andern Verwalter öffentlicher Gelder, verantwortlich, und wird auf Verlangen der Gesellschaft auf die Constitution vom anvertrauten Gute verpflichtet.

§. 11. Das gesammte Direktorium wählt die künftig nöthig werdenden Offizianten und Bedienungen, schließt die erforderlichen Miethkontrakte ab, und unterzieht sich in den außerordentlichen Berathungen der Leitung der wichtigsten Vorfallenheiten, worüber sodann in der nächsten ordentlichen Versammlung der Gesellschaft Vortrag geschehen soll.

§. 12. Hinsichtlich der Versammlungen ist bestimmt, daß: a) die ordentlichen Versammlungen zu gewissen Tagen und Stunden der Woche gehalten, und dabei die allgemeinen Gesellschafts-Angelegenheiten sowohl, als die nach §. 1. und 2. statt findenden Verhandlungen verlesen oder besprochen werden; b) die Direktorial-Versammlungen, welche vom Direktor zusammen berufen und so oft angestellt werden, als es das Direktorium für nüzlich hält; hierzu können auch außer den Direktorial-Mitgliedern, wenn es nöthig wird, besondere Repräsentanten einzelner Gewerbe zur Berathung gezogen werden; c) Hauptversammlungen werden halbjährlich in der Oster- und Michaelis-Meß-Zahlwoche, nach vorgängiger öffentlicher Einladung gehalten, und es werden dabei vorzugsweise die Resultate der gepflogenen Verhandlungen bekannt gemacht, Vorschläge für das nächste halbe Jahr gemacht, die Wahlen der fungirenden Mitglieder, dafern solche nöthig geworden sind, vorgenommen, die Hauptrechnungen, ingleichen die Kataloge und sonstigen Verzeichnisse über Sammlungen und Hülfsmittel vorgelegt.

§. 13. Nach zwei Jahren wird allemal eine neue Wahl des Direktors erfolgen; von den Deputirten gehen alljährlich zwei ab, und werden an deren Stelle zwei neue erwählt, und es soll für die ersten drei Jahre das Loos, künftig aber die Anciennität entscheiden, so daß allemal die beiden ältesten Deputirten abgehen.

§. 14. Dem Sekretär und Kassier bleibt es nachgelassen, nach vorhergegangener halbjähriger Aufkündigung ihr Amt niederzulegen.

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§. 15. Alle Beschlüsse geschehen nach Stimmenmehrheit, und die bei ordentlichen oder außerordentlichen Versammlungen ausbleibenden Mitglieder erklären stillschweigend mit dem, was die Anwesenden verfassungsmäßig entschieden haben, ihre volle Zufriedenheit; bei Gleichheit der Stimmen steht dem Direktor die Entscheidung zu.

§. 16. Alle ordentlichen Mitglieder sind verpflichtet und berechtigt, mit Rath und That für das Beste der Gesellschaft zu wirken, den Versammlungen, dafern sie durch wichtige Hindernisse sich nicht abgehalten finden, beizuwohnen, über alle in Vortrag gebrachte Gegenstände ihre Meinung zu eröffnen, auch selbst desfallsige Vorschläge zu thun.

§. 17. Jedes außerordentliche Mitglied hat dermalen eine halbjährige Steuer von einem Thaler an den Kassirer, jedesmal zu Ostern und Michaelis fällig, zu bezahlen, und jedes neu eintretende Mitglied hat einen Thaler Eintrittsgeld zu entrichten. Jedoch soll das Direktorium ermächtigt seyn, das Eintrittsgeld sowohl, als die gewöhnliche Steuer, wenn selbiges dazu Veranlassung findet, ganz oder theilweise zu erlassen.

§. 18. Sämmtliche Direktorialmitglieder verpflichten sich zu unentgeldlicher Verwaltung ihrer Funktionen, und haben daher nur die baaren Auslagen zu berechnen.

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Diese Gesellschaft wurde durch Anregung des um die Landwirthschaft und Technologie gleich verdienten Professor, Friedr. Pohl in Leipzig, gegründet. Sie zählt bereits an 80 Mitglieder, und wird sich noch bedeutend vermehren. Durch sie soll in diesem Jahre eine polytechnische Schule in's Leben treten, wozu bereits mit einigen Individuen in den naturwissenschaftlichen Studien ein Lehrversuch gemacht wurde. Es ist erfreulich, wenn man sich in dem Lande, in dem der Mensch durch Noth zur Arbeit gezwungen ist, von der Nothwendigkeit überzeugt, daß, um mit den Nachbarstaaten und dem Auslande ferner zu konkurriren, die Arbeiten mehrseitige Kenntnisse bedingen, welche nur von zwekmäßigen polytechnischen oder Gewerbsschulen erlangt werden können.

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