Titel: Englische Schnellwagen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1828, Band 27, Nr. CXXIV./Miszelle 6 (S. 457–458)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj027/mi027124_5b
|458|

Englische Schnellwagen.

Es ist unbegreiflich, daß man in dem Lande, in welchem die Mechanik die glänzendsten Fortschritte auf dem ganzen weiten Erdballe bisher gemacht hat, in Hinsicht auf Wagen bisher so weit hinter dem ersten Grundsaze der Mechanik zurükgeblieben ist, daß jährlich das Leben von ungefähr 100 Menschen muthwillig dieser Nachläßigkeit oder vielmehr diesem Unsinne geopfert wurde: denn auf diese Anzahl schlägt man die jährlichen Unfälle an, die durch das Umwerfen der vielen hundert Landkutschen, die in England stündlich auf der Straße sich befinden, entstehen.

Es war nämlich bisher immer Sitte in England, die meisten Passagiers oben auf dem Dekel der Kutsche unterzubringen. In dem Wagen, im Kasten selbst, sizen 4 bis 6 Reifende; oben auf dem Dekel aber, der an den meisten dieser Kutschen wenigstens 8, oft 10 Fuß über der Erde erhaben ist, sizen 12 bis 15 Reisende (Outside-Passengers) mit ihrem Gepäke. Auf diese Weise ist also die ganze Schwere oben auf dem Dekel, und der Schwerpunct des Wagens ist nicht gehörig gestüzt. Bei dieser elenden Pakerei fährt nun die Kutsche mit einer Geschwindigkeit von 24 Minuten auf jede deutsche Postmeile: 6 Minuten die englische Meile. Diese Geschwindigkeit ist die gesezlich bestimmte; häufig fährt man aber noch schneller, um das Versäumte einzubringen. Man denke sich nun die Schwingungen, welche an einem 8 bis 10 Fuß hoch mit feinem Dekel gehängten Kasten, an welchem die ganze Schwere oben angebracht ist, bei einer solchen Schnelligkeit der Fahrt entstehen müssen. Wenn ein Rad über einen Stein auf der Straße hinrollt, schlägt der Wagen bei der dadurch entstehenden Schwingung um, die armen Outside-Passengers werden Klafter weit hinausgeschleudert, und brechen Hals und Beine, oder lassen ihr Hirn auf der Straße. Es ist, bei dieser verkehrten Methode Wagen zu beladen, und bei dem schnellen Fahren wahrlich ein Wunder, daß nicht noch weit mehr Unheil geschieht. – Diesem Jammer hat man nun endlich (wie das Liter. Chronicle 29. Septbr. 1827 im Bullet. d. Scienc. techn. Jan. S. 50. bemerkt) dadurch abgeholfen, daß man die Outside-Passengers auf drei Querbänken vor dem Kasten sizen läßt, und ihre Bagage unter diesen Sizen anbringt, damit der Schwerpunkt des Wagens etwas tiefer fällt. Die Bänke oder Size selbst sind aber noch immer etwas tiefer als der Kasten! „(un peu au dessus du niveau de la caléche)“ Mit einem solchen Wagen fährt man nun 12 engl. Meilen (3 deutsche) in Einer Stünde!

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: