Titel: Künstliches Ultramarin.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1828, Band 28, Nr. XXXVI./Miszelle 12 (S. 165–167)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj028/mi028036_12

Künstliches Ultramarin.

Professor C. G. Gmelin in Tübingen, seit längerer Zeit mit der Untersuchung des Ultramarins beschäftigt, hatte die Ueberzeugung erhalten, daß Schwefel das färbende Princip desselben sey, und daß namentlich kein eigentliches Metall |166| in seine Zusammensezung eingehe. Daß dieses in seiner Art einzige Pigment künstlich dargestellt werden könne, hatte die vor mehreren Jahren von Tassaert gemachte Beobachtung erwiesen, nach welcher in einem Soda-Ofen, dessen Herd aus Sandstein konstruirt ist, eine mit dem Ultramarin in den wesentlichen Eigenschaften, namentlich der Entfärbung durch concentrirte Säure unter Entwikelung von Schwefelwasserstoffgas, übereinkommende Substanz gebildet wurde. Gmelin hatte sich schon vor 1 1/2 Jahren Ultramarin aus Paris (á la palette de Rubens, St. Martin rue de Seine N. 6.) verschafft und analysirt, welches jedoch nach dem Urtheile des berühmten Malers, Hrn. Leypold in Stuttgart, nicht von der vorzüglichsten Qualität war. Um nun Ultramarin von allen Sorten sich zu verschaffen, und durch genaue Analysen bestimmen zu können, welches Verhältniß der Bestandtheile für die Erzeugung der feurigsten Farbe das günstigste sey, hatte er sich vor vier Monaten an Professor Carpi in Rom gewendet. Als er im Frühjahre 1827 einige Wochen in Paris zubrachte, sprach er gegen einige dortige Chemiker, namentlich gegen Hrn. Gay-Lussac, die Ueberzeugung aus, daß sich das Ultramarin werde künstlich darstellen lassen, und äußerte zugleich, daß er sich mit dieser Untersuchung gegenwärtig beschäftige. Es ist daher vielleicht seine Schuld, daß ein Anderer ihm mit dieser Entdekung zuvorgekommen ist. Da jedoch Hr. Tunel, dem nach der Anzeige, die Hr. Gay-Lussac der Pariser Akademie gemacht hat, die Darstellung des Ultramarins gelungen ist, sein Verfahren geheim halten will, so glaubt Gmelin um so mehr, die zu dem Gelingen der Darstellung dieser für die Malerei höchst wichtigen und sehr kostbaren Farbe erforderlichen Umstände bekannt machen zu müssen, als man leicht durch die Angabe, daß dabei die Analyse des Ultramarins durch die Herren Clement und Desormes zu Grunde gelegt worden sey, irre geleitet werden könnte. Das Verfahren, nach welchem den Versuchen von Gmelin zufolge die Darstellung des Ultramarins immer gelingt, ist folgendes. Man verschafft sich wasserhaltende Kieselerde und Thonerde, und berechnet, wie viel ein gegebenes Gewicht dieser Erden nach dem Glühen hinterläßt. (Bei Gmelins Versuchen enthielten 100 Theile wasserhaltende Kieselerde nur 56, und 100 Theile wasserhaltende Thonerde nur 32,4 Theile wasserfreier Erde.) Man löst nun von der wasserhaltenden Kieselerde soviel in einer Auflösung von Caustischem Natron auf, als sich darin auflösen kann, und berechnet die Menge der dazu verbrauchten Erde. Hierauf nimmt man auf 72 Theile dieser Kieselerde (in wasserfreiem Zustande berechnet) 70 Theile Thonerde (ebenfalls in wasserfreiem Zustande berechnet), fügt diese leztere zu dem kieselsauren Natron, und dampft nun das Ganze unter beständigem Umrühren so weit ab, bis der Rükstand ein feuchtes Pulver darstellt. (Man kann auch geradezu 60 Theile trokenes Caustisches Natron auf 72 Theile Alaunerde, leztere auf den trokenen Zustand reducirt, nehmen.) Diese farblose Mischung von Kieselerde, Natron und Alaunerde ist nun die Grundlage des Ultramarins, welche blau gefärbt werden soll. Zu dem Ende schmilzt man in einem mit einem gut schließenden Dekel versehenen irdenen Tiegel eine Mischung von 2 Theilen Schwefel und 1 Theil wasserfreiem Natron, und wenn die Masse gehörig im Fluße ist, wirft man von obiger Mischung ganz kleine Partieen auf einmahl in die Mitte des Tiegels; so wie das von den entweichenden Wasserdämpfen herrührende Aufbrausen aufgehört hat, wirft man eine neue Portion hinein u.s.f., und erhält den Tiegel, nachdem die ganze Mischung eingetragen worden ist, etwa eine Stunde lang in mäßiger Rothglühhize (eine zu starke Hize zerstört die Farbe). Nach dem Erkalten des Tiegels gießt man Wasser in denselben, und trennt die mit dem Ultramarin gemengte Schwefelleber durch Wasser. Überschüssigen Schwefel kann man durch gelindes Erhizen verjagen; ist die Färbung der Masse nicht von einer gleichförmigen Intensität, so kann man, und dieses ist ein sehr wichtiger Umstand, durch Schlemmen das feurigste Ultramarin erhalten, und so die weniger gefärbten Theile trennen. Aus den Bestandtheilen des Ultramarins, wie sie die Analyse gibt, kann man jedoch dasselbe nicht unmittelbar zusammensezen; denn wenn man eine Mischung von wasserhaltender Kieselerde, Alaunerde, Natron und Schwefelnatrium in dem gehörigen Verhältniß in einem vor dem Zutritte der Luft gesicherten Apparat erhizt, so wird alles Schwefelnatrium zersezt, und der Schwefel theils als Schwefelwasserstoffgas, theils als Schwefel, ausgetrieben, und es bleibt entweder eine durchaus ungefärbte Masse zurük, oder man erhält höchstens, wenn sehr wenig Wasser dabei |167| war, kaum wahrnehmbare Spuren von Ultramarin. Erhizt man auf der andern Seite jene Mischungen völlig trokenem Zustande bei abgehaltenem Luftzutritte, so erhält man eine Masse, die zwar mit Säuren Schwefelwasserstoffgas entwikelt, die aber eine schmuzig hellbraune Farbe hat. – Uebrigens scheint das angegebene Verhältniß von Kieselerde und Alaunerde wohl Abänderungen bis auf einen gewissen Grad zuzulassen; doch scheint es vortheilhaft zu seyn, nicht mehr Kieselerde zu nehmen, als die Natronauflösung aufzunehmen vermag. – Das Ultramarin ist diesem nach nichts anderes, als eine durch Schwefelnatrium gefärbte kieselsaure-Natron-Thonerde. – Das natürliche Ultramarin enthält eine nicht unbedeutende Menge von Kali und von Schwefelsäure, und es ist höchst wahrscheinlich, daß die angeführte künstliche Darstellung desselben mancher nüzlichen Abänderungen fähig ist, die nun durch Versuche sehr leicht ausgemittelt werden können. Eine ausführliche Abhandlung über das Ultramarin wird Professor Gmelin in dem nächstens erscheinenden 1sten Heft des 2ten Bandes der naturwissenschaftlichen Abhandlungen, herausgegeben von einer Gesellschaft in Würtemberg, bekannt machen. (Außerordentl. Beilage zur Allgem. Zeit. v. 4. April 1828.)

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