Titel: Lithographie im Mayländischen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1828, Band 28, Nr. LXII./Miszelle 5 (S. 243–244)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj028/mi028062_5

Lithographie im Mayländischen.

Unter der Aufschrift, Litografia milanese, liefert die Biblioteca italiana in ihrem neuesten Hefte (Gennajo 1828 publ. 28. Febr. S. 45.) eine Geschichte der Lithographie überhaupt, und eine Würdigung dieser Kunst insbesondere in artistischer, nicht in technischer, Hinsicht.

Sie beweiset aus einer Stelle in. Bartoli, (Vol. 18, p. 7 ediz. di Torino 1825.), daß die Chinesen seit undenklichen Zeiten sich des Steindrukes bedienen, aber mittelst desselben weiß auf schwarz druken,162) und daß folglich die Lithographie keine neue Erfindung ist. Er fragt sich hierbei jedoch, ob die Chinesen sich auch der lithographischen Tinte bedienen.

Nachdem sie Hrn. Sennefelder's und seines Vorgängers, des Abbé Sim. Schmid, erwähnte, so wie der Bemühungen des Hrn. Baron Aretin und des Grafen Lasteyrie, erzählte sie die Geschichte der Verbreitung dieser Kunst in Italien, (Hr. J. Dall Armi führte sie im J. 1805 in Rom ein), in England, |244| Nordamerika, Calcutta etc., und geht dann zur Würdigung derselben in artistischer Hinsicht über.

Diese Würdigung fällt nun, wie sich's von Italiänern wohl nicht anders erwarten laßt, die an ihre Morghen gewöhnt sind, ganz und gar zum Nachtheile der Lithographie aus, deren Anwendung sie bloß auf Skizzen, Handzeichnungen etc. in artistischer Hinsicht und in industrieller für Zeichnungen gemeiner Dinge für ärmere Classen beschränkt. Und selbst in dieser lezteren Hinsicht findet sie Kupferstiche wohlfeiler, indem mehr Abdrüke von denselben gemacht werden. Die Gefahr des Brechens des Steines bei einem auf denselben gezeichneten Meisterwerke wird nicht vergessen.163)

Nach der Biblioteca italiana kam die Lithographie erst im J. 1807 nach Mayland, und zwar durch einen Tyroler: de Wertz, der aber die Kunst nicht verstand, und dem selbst Zeichnungen von Künstlern, wie Appiani, Bossi, Corneo, Longhi nicht aufzuhelfen vermochten. De Wertz's lithographisches Institut machte nicht nur kein Glük, sondern veranlaßte sogar das Unglük der Lithographie in Italien, die man erst dann zu Mayland zu beachten anfing, als die lithographischen Meisterwerke aus Paris nach Mayland kamen, wohin Napoleon, der Unsterbliche, bereits früher lithographische Pressen für das topographische Büreau kommen ließ. Den Künstlern Maylands standen die lithographischen Pressen der Imperiale reale Stamperia zu Gebothe. Allein, die Lithographie machte dessen ungeachtet keine Fortschritte, und selbst als Musiknoten-Drukerei (Hr. J. Ricordi errichtete im Jahre 1818 eine solche zu Mayland) ging sie zu Grunde.

Erst in den neueren Zeiten vergaß man die früheren Unfälle lithographischer Unternehmungen. Ein verdienter Kunsthändler, Hr. J. Vallardi, wollte mit seinem chalkographischen Institute auch ein lithographisches verbinden, und besuchte die lithographischen Institute zu Wien, München, und Paris, von wo er Hrn. Brégeaut, den Verfasser des Manuel lithographe, für sich zu gewinnen wußte. Künstler der Akademien zu Mayland und Venedig beehren ihn nun mit ihren Werken, und bei der Sorgfalt, die er zugleich auf Verbesserung der Papierfabrikation in Italien wendet, um sich des Tributes an Frankreich für Papier zu entledigen, wird sein Institut schwerlich das Schiksal seiner Vorgänger theilen. Hr. Ricordi gab seinem Institute einen neuen Aufschwung durch mehrere Zeichnungen des berühmten Hayez, und verdunkelte es durch Porträts von Musikern, Sängern, Ballet-Tänzern und Theater-Gottheiten. Ein eigenes und rein artistisches Institut errichtete seit Kurzem der verdiente Künstler, Hr. Elena, der gegenwärtig in demselben eine mahlerische Reise durch das lombard. venez. Königreich (Viaggio pittorico nel regno Lombardo-Veneto) herausgibt. Die Zeichnungen sind von Migliara und Bisi. Ein viertes, weniger bedeutendes, lithographisches Institut ist jenes des Hrn. Cl. Lazzari, von welchem die Biblioteca bisher nur einen Ecce homo von mittelmäßigem Werthe kennt. Ein fünftes größeres ist jenes des Hrn. Vassali, der einen jungen Mann, J. Guioni bei Hrn. Engelmann in die Schule schikte. Aus diesem Institute sind bisher sehr schöne Werke hervorgegangen. Die Signore Bisi und andere verdiente Künstler beehren es mit ihren Werken, und Hr. Hayez gibt in demselben seine soggetti tratti dall' Ivanhoe heraus, deren erste fünf Tafeln die Biblioteca, ungeachtet ihrer Geringschäzung der Lithographie, in jeder Hinsicht vollendet (sotto ogni riguardo perfette) erklärt. Hr. Bisi gibt in eben dieser Anstalt seine Vedut della via mala nei Grigioni und die Vedute di Genova heraus. Dieses Institut, und jenes des Hrn. Vallardi, erklärt die Biblioteca für die ersten, die Italien bisher besizt.

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Die Stelle heißt im Originale: uno de'loro letterali, sovrapposto alla medesima pietra uno o due di que' loro gran fogli, coll' arte dello stampare in pietra che colà é in uso, ne ricavò fedelmente la scrittura a carattere bianco in campo nero.“

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Vor wenigen Wochen brach zu Mayland der Stein, auf welchem Hr. Gallo Gallina die Vergine col Putto di Leonardo da Vinci gezeichnet hat: ein Meisterwerk, das dem Künstler volle fünf Monate kostete. Dieser Unfall hatte gleich bei den ersten Abdrüken Statt.

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