Titel: Handlungs- und Industrie-Schule in Frankreich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1828, Band 28, Nr. LXXXIX./Miszelle 14 (S. 328)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj028/mi028089_14

Handlungs- und Industrie-Schule in Frankreich.

Je mehr die Minister in England und Frankreich die nothwendigsten Institute eines jeden Landes, die Erziehungs- und Bildungs-Institute, vernachläßigen, und glauben genug gethan zu haben, wenn sie den Universitäten den bedauernswerthen Zuschnitt des Mittelalters wieder schenken, desto mehr strebt in diesen Ländern der bessere Theil des Volkes diesem verderblichen Uebelstande abzuhelfen.

Was M. Theresia und Joseph, durch Sonnenfels geleitet, dem österreichischen Staate schon vor 60 Jahren schenkten, eine Handlungs-Schule, das haben, seit einigen Jahren, Privatleute auch ihrem Vaterlande in Frankreich geschenkt. Diese Privatanstalt, an deren Spize Graf Chaptal, Laffite, Ch. Dupin, M. Marchand, Cas. Périer, Dalivier, d. ält., Delondre, Mallet, d. ält., Ternaux, d. ält., Vital-Roux, de Prony, I. B. Say, Baron Locré und de la Grange etc. stehen, hat sich von Jahr zu Jahr im Stillen immer mehr und mehr gehoben, und besizt gegenwärtig, unter der Leitung des Chev. Des Taillades, das Hôtel des unsterblichen Sully, in welchem die Schüler wohnen, und ihren Unterricht erhalten.

Der Unterricht dauert zwei Jahre unter 15 Professoren und 6 Chefs de Comptoirs, welche im lezten Curse, alle Handelsgeschäfte, selbst die sogenannten Speculations Geschäfte praktisch lehren. Nach zurükgelegtem Curse erhält jeder Schüler sein Diplom. Man sieht hier sehr darauf, daß jeder, der einst Kaufmann werden will, Naturgeschichte, Physik, Chemie, als Basis der Technologie, und dann Technologie so gründlich als möglich studiert, und sorgt auch für die hierzu nöthigen Sammlungen. Die jungen Leute, zwischen 16 bis 20 Jahren, werden unter strenger, aber nicht pedantischer Aufsicht gehalten. Sie sind den ganzen Tag über beschäftigt, und dürfen nur an Sonntagen zu ihren Verwandten. Sie sind übrigens vortrefflich, in jeder Hinsicht, gehalten. Die Schule hat gegenwärtig 104 Schüler, wovon 83 im Hôtel wohnen. Unter diesen sind 2 Engländer, 1 Niederländer, 1 Schweizer, 1 Preuße, 1 Oesterreicher, 3 Russen, 4 Portugiese, 1 Spanier, 1 Grieche, 2 Afrikaner, 8 Süd-Amerikaner (4 Spanier, 4 Portugiesen). Auf diese Weise werden unter den jungen Handelsleuten durch sogenannte Schulfreundschaft Verbindungen in allen Welttheilen angeknüpft, und die Handelsfreundschaft am Arme wahrer Freundschaft geleitet.

Hr. Coquebert-Montbret, der über diese Schule vor der Sociéte Bericht erstattet, macht die Regierung und das Ministerium auf die Vortheile aufmerksam, die das Land von einer solchen Schule ziehen kann, wenn dieselbe auch die gehörige und verdiente Aufmerksamkeit von Seite „eines über die ersten und wichtigsten Bedürfnisse des Landes aufgeklärten Ministeriums“ erhielte.

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