Titel: Special-Handels- und Industrieschule zu Paris.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1828, Band 30, Nr. XLIII./Miszelle 5 (S. 153–154)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj030/mi030043_5

Special-Handels- und Industrieschule zu Paris.

Die École spéciale de Commerce et d'Industrie sous la Présidence de Mr. le C. Chaptal gab so eben ihren vierten Jahresbericht (Discours prononcés à la quatriéme séance etc. Paris 1828, à la librairie du Commerce, chez Renard) heraus. Es ist erfreulich, die Fortschritte zu sehen, die diese Privatanstalt, ungeachtet aller Hindernisse, welchen sie von der Congregation und der Mandarinenkaste der Stokgelehrten ausgesezt war, seit vier Jahren gemacht hat. Unter der Leitung von Männern, wie Chaptal, Laffitte, Christian, Coquebert Montbret, Dupin, Perier, Say, Prony, Ternaux etc. muß aber das Gute gedeihen, auch wenn sich alles dagegen empören, oder was vielleicht noch gefährlicher ist, dagegen cabaliren sollte. Das Publicum überzeugt sich in allen Ländern immer mehr und mehr, daß Mathematik und Mechanik in allen ihren Theilen, Naturgeschichte in allen ihren Zweigen, Physik, Chemie, Oekonomie, Technologie gefördert werden müssen, wenn die Gesellschaft mit Gedeihen fortbestehen soll. Man fühlte schon im Anfange des vorigen Jahrhundertes dieses Bedürfniß, und trennte die bildenden Künste in eigenen Akademien von den Universitäten. Als auch durch diese der vorgestekte Zwek nicht ganz erreicht wurde, und bei den Fehlern, die man beging, nicht erreicht werden konnte, errichtete man Schulen für Baukunst, Bergschulen, Forstschulen, landwirthschaftliche Schulen und Institute, Handlungsschulen, polytechnische Schulen in allen Staaten, die mit dem Geiste der Zeit vorrükten, und man überzeugte sich bald, daß diese Lehranstalten dem Staate weit mehr nüzliche und brauchbare Bürger geben, als ein halbes Duzend von Universitäten. Die Zeit wird kommen, wo derjenige Staat, der die meisten gründlich unterrichteten Landwirthe, Forst- und Bergmänner, Gewerbsleute, Kaufleute etc., und dafür die geringste Menge von Juristen, philosophischen Schwärmern und Phantasten, religiösen Fanatikern und Müßiggängern haben wird, der glüklichste seyn wird.

Denjenigen, welche unsere Kaufmannsschulen nicht kennen, und glauben, es ist Alles für den Unterricht des jungen Kaufmannes gethan, wenn er den sogenannten Handlungsbuchstaben schreiben und die Scrittura doppia gelernt hat, wollen wir die Lehrgegenstände, die auf dieser Special-Handelsschule in einem dreijährigen Cursus gelehrt werden, hier aufführen. Außer Kalligraphie und logischem Unterrichte in der französischen Sprache lernen die jungen Leute hier Deutsch, Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Italiänisch, Russisch, Neugriechisch, Türkisch, Arabisch, Persisch (wir würden auch noch Malayisch empfehlen); Arithmetik und Algebra; Wechsel und Arbitrage; Maße und Gewichte und Münzfuß aller Länder; Buchhaltung und Handlungsrechnung; Handlungs- und Wechselrecht; Naturgeschichte zur Kenntniß aller rohen Stoffe aus allen drei Reichen, Geometrie, Physik, Mechanik, technische Chemie, Weberei aller Art; Geschichte des Handels und Staatswirthschaft; Erdbeschreibung in Bezug auf Handel; endlich Zeichnen, Musik, Fechten. (Wir vermissen ungern das Schwimmen, das dem reisenden Kaufmanne so nothwendig ist.) – Praxis gewähren drei Comptoirs!

Die Reden, mit welcher die HHrn. Chev. des Taillades, als Director der Schule, Hr. Poux-Franklin, als Inspektor, Hr. L. Marchand, als Prüfungscommissär, Hr. A. Blanqui, Prof. d. Geschichte des Handels, das vierte Jahresfest dieser Schule feierten, enthalten so viele Winke über die Erziehung und Bildung des Kaufmannes, über den Einfluß desselben auf den Staat, und über die Verluste, die er durch die Unwissenheit des Schreibergesindels in den Bureaux erleidet, das Geseze in einer Sache entwirft und vom Könige unterzeichnet läßt, von welcher es nicht einmahl einen Buchstaben gelernt hat oder versteht, daß wir dieselben allen Vorstanden von Handlungsschulen und allen Kaufleuten nicht bringend genug zur Lectüre empfehlen können.

Es verdient in der Geschichte der Cultur der Menschheit aufbewahrt zu werden, |154| daß der lezte Minister des Inneren von Frankreich wenige Tage vor dem belachenswerthen Sturze seines beweinenswürdigen Ministeriums, zu dem Vorstande dieser Schule, der ihn um seinen Schuz bat, sagte: die Industrie nimmt zu hohen Aufschwung; man wird sie dulden; man wird sie aber nie unterstüzen.“ Diese Maxime eines kläglichen Ministeriums scheint auch in die Ministerien mancher anderer Staaten übergegangen zu seyn. Der beweinenswerthe Minister Frankreichs schämte sich nicht, diesen Unsinn in einem Augenblike zu sagen, wo die Production des Bodens Englands zu jener Frankreichs sich verhält, wie 290: 160, d.h., wo 22 Millionen Engländer für 5,500,000 Franken, 30 Millionen Franzosen aber kaum für 5 Millionen Franken erzeugen; wo von allen in Frankreich erzeugten Baumwollenwaaren kaum 6 Ellen auf den Menschen kommen, und während England für 800 Millionen Franken Baumwollenwaaren ausführt, Frankreich höchstens nur für 40 Millionen erzeugt; wo man gegenwärtig in Hinsicht auf die Weisheit der Gesezgebung in Bezug auf Industrie und Handel, nach dem Ausspruche aller erfahrnen Fabrikanten und Kaufleute, um netto 150 Jahre hinter Colbert zurükgeblieben ist.

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