Titel: Vorschläge eines Ingenieurs und Hydrotechnikers in Ungarn, die Bahn unter der Themse, durch möglichste Beseitigung neuer Durchbrüche des Flusses und Sicherung der Werkleute vor Lebensgefahr, glüklich zu Stande zu bringen, die der Thames-Tunnel-Actiengesellschaft zu London aus Wien eingeschikt wurden. Mitgetheilt von Dr. Carl Georg Rumy in Wien.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1828, Band 30, Nr. XLIII./Miszelle 6 (S. 154–157)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj030/mi030043_6

Vorschläge eines Ingenieurs und Hydrotechnikers in Ungarn, die Bahn unter der Themse, durch möglichste Beseitigung neuer Durchbrüche des Flusses und Sicherung der Werkleute vor Lebensgefahr, glüklich zu Stande zu bringen, die der Thames-Tunnel-Actiengesellschaft zu London aus Wien eingeschikt wurden. Mitgetheilt von Dr. Carl Georg Rumy in Wien.

Für das gigantische Unternehmen des Ingenieurs Brunel, eine Fahrstraße unter dem Flußbette der Themse bei London anzulegen, interessirten sich, wie billig, auch außer England, alle denkenden und an der Vervollkommnung ihres Faches arbeitenden und mit dem Zeitgeist fortschreitenden Ingenieurs und Hydrotechniker, und alle kosmopolitischen, nicht engherzig-patriotischen Freunde großer gemeinnüziger Unternehmungen, sie mögen nun im Inlande oder Auslande geschehen.64) Nach den Unfällen im Tunnel durch zweimaligen Durchbruch beeiferten sich daher talentvolle und kosmopolitisch gesinnte Ingenieurs und Hydrotechniker in verschiedenen Ländern Europas und in Amerika, Vorsichtsmaßregeln auszudenken, durch welche in der Zukunft ähnlichen Unfällen vorgebeugt werden könnte. Es gingen bei der Tunnelgesellschaft über 400 Vorschläge aus verschiedenen europäischen Ländern und aus Nordamerika ein. Unter diesen Vorschlägen befand sich auch einer von einem meiner Freunde in Ungarn, einem in der gesammten theoretischen und practischen Mathematik wohl bewanderten, gründlichen, an Erfahrungen reichen, mit dem Geiste der Zeit fortschreitenden und für alle große und gemeinnüzige Unternehmungen sich kosmopolitisch und uneigennüzig interessirenden Ingenieur und Hydrotechniker, der mich, da er in London keine Verbindungen hat, ersuchte seinen Vorschlag, der sich eben so durch Gründlichkeit als Einfachheit und leichte Anwendbarkeit auszeichnete, durch einen meiner Korrespondenten in London an die Tunnelgesellschaft zu befördern, doch ohne seinen Namen zu nennen. Dieß geschah zu Ende März dieses Jahres und ich hatte zu Anfang Mai's das Vergnügen von meinem gelehrten Correspondenten zu erfahren, daß er den Vorschlag nicht nur der Tunnelgesellschaft vorgelegt, sondern auch mit ihrem Präsidenten zweimal darüber besonders gesprochen habe, da dieser Vorschlag nicht nur wegen der Einfachheit der empfohlenen Vorkehrungen und Maßregeln, sondern auch dadurch Aufmerksamkeit erregte, daß mehrere Vorschläge von andern Hydrotechnikern in verschiedenen Ländern mit diesem Vorschlag übereinstimmten. Dieß hatte |155| mein bescheidener Freund geahnt: denn er äußerte gleich nach der Entwerfung seines Vorschlags, daß er auf das „ausschließliche Glük eines Erstlingsgedankens keinen Anspruch mache, vielmehr muthmaße, daß derselbe von mehreren Köpfen aufgefaßt werden würde.“

Ich halte die Ansichten meines gelehrten Freundes in Ungarn, dessen Namen ich leider nicht nennen darf, über den Tunnelbau und die von ihm vorgeschlagenen Vorkehrungen und Vorsichtsmaßregeln für so interessant und zwekmäßig, daß ich nicht im Geringsten daran zweifle, daß ihre Mittheilung in dem viel gelesenen polytechnischen Journal den Lesern willkommen seyn wird.

„Gleich Anfangs (schrieb mir mein verehrter Freund aus Ungarn im März), als ich das erste Mahl von dem gemachten Antrage des Ingenieurs und Hydrotechnikers Brunel in London, eine Fahrbahn unter dem Flußbette der Themse durchzugraben, in den Zeitungen las, faßte ich darüber meine eigenen Ansichten, die späterhin durch den von den Zeitungen gemeldeten Erfolg bestätigt und gerechtfertigt wurden. So sehr ich dem gemeinnüzigen Unternehmen des mit Recht berühmten Brunel und seinem Plan meinen Beifall schenke, so kann ich doch nicht umhin zu erinnern, daß er dabei gleich Anfangs nicht mit der gehörigen Vorsicht zu Werke ging, vielleicht aus natürlichem französischen Leichtsinn, der ja dem französischen Temperament von der Jugend an anklebt,65) oder aus einer mißverstandenen Oekonomie, die da Ersparungen machen wollte, wo sich gerade keine Ersparungen machen lassen. Wie konnte wohl Herr Brunel glauben, daß er in der ganzen Flußbreite durchaus eine gleiche dichte Erdmasse, die von keinen Klüften, Schichten, Rissen und Wasseradern durchschnitten wäre, vorfinden würde. Ueberall wechseln ja die Erdlagen, und in den Spalten derselben erzeugen sich bald mehr, bald weniger Flüssigkeiten, je nachdem die Erddünste sich gestalten. Herr Brunel hätte also gleich Anfangs darauf Bedacht nehmen sollen, wie diesen Unfällen zu begegnen wäre, die nicht ausbleiben konnten, sobald der eingesperrten Flüssigkeit ein Lauf geöffnet, und dem Druk der Wassersäule eine Bewegung gebahnt würde, die sich augenbliklich weiter mittheilt. Es scheint, Herr Brunel ist endlich, nachdem ein zweiter Durchbruch den Fortgang seiner Arbeit hemmte, zur Erkenntnis der Uebersicht von Forderungen gelangt, die die schwierige Aufgabe bedingt, allen möglichen Unfällen zu begegnen, welche die Fortsezung der Arbeit zu hemmen drohen, allein er hat nach meiner innigen Ueberzeugung, noch nicht alle dazu nöthigen Vorkehrungen getroffen und die erforderlichen Maßregeln ergriffen. Er sagt zwar: Nur Geld her, nur Geld her! und ich werde mein Unternehmen ausführen: allein er wird in dieser Tantalusarbeit Englands Reichthümer vergeuden, so lange er nicht noch andere Vorkehrungen trifft, als er nach dem ersten und zweiten Durchbruch getroffen hat, und Maßregeln ergreift, die jeder Wasserbau und der vorhabende insbesondere erheischt.66) Die Direction der Tunnel-Actiengesellschaft läßt sich auch durch das neueste Mißgeschik vom 12. Januar in der Fortsezung dieser gigantischen Unternehmung nicht irre machen. Da ich von der Größe und Gemeinnüzigkeit dieses Unternehmens und dieser rühmlichen Beharrlichkeit67) begeistert bin, so ist es mir, als sollte ich mich nach London aufmachen, dem Herrn Brunel beistehen und die rühmliche Beharrlichkeit der Gesellschaft mit Rath und That zu unterstüzen. Doch da diese Reise und die Theilnahme an dem Riesenwerke durch die That ein frommer Wunsch bleiben muß, so muß ich mich auf schriftliche Vorschläge beschränken. Es sey mir daher vergönnt, schriftlich auseinander zu sezen, durch welche Vorkehrungen und Maßregeln den Durchbrüchen der Themse in Zukunft möglichst vorgebeugt, und für die Werkleute alle Lebensgefahr beseitigt werden könnte.

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Es ist keine Verschwendung, auf Vorsichtsmaßregeln die nöthigen Summen zu verwenden. Die Streke kann kein Auge durchschauen, kein Scharfsinn voraus berechnen, in der ein Unfall sich ereignet. Daher ist es nothwendig, das ganze Flußbett der Themse in der Breite, wo die Bahn angelegt wird, so zu versichern, daß nicht so leicht ein Durchbruch die Arbeiter übereile und ersäufe, was um so eher geschehen kann, da die Länge der Streke zunimmt, auf der sie sich flüchten sollen, je weiter der Tunnel ausgehöhlt wird. Mein Vorschlag besteht also darin: man mache drei bis vier Dielenböden, von einer Länge, die mehrere Klafter über die Seiten der Tunnelbreite hinausragen. Diese Dielenböden müßten an die Balken und Trame so geschraubt seyn, daß sie dem stärksten Druke des Wassers widerstehen könnten. Am Rande ihres Umfanges müßte ein schneidendes 6 bis 9 Zoll hohes Gußeisen aufgesezt, und eine starke, öhlgetränkte Plagge, die eben das Vierek ausfüllte, fest aufgeheftet werden. Ein solcher Dielenboden wäre an den andern beim Versenken durch Keile fest anzuschließen, wozu die Tauchergloken gute Dienste leisten könnten. Die Bleiklumpen und andere Beschwerdungsmaterialien müßten unter sich mit Ketten verbunden seyn, damit man sie leichter wegheben und die Dielenböden loskeilen und sie vorwärts schieben könne, so wie die Arbeit in der Gallerie vorwärts rüken würde. Von der Sohle der Themse müßten zulezt Hölzer und Steine weggeräumt werden, damit der Dielenboden sich leichter und gleichförmiger in den Grund einschneiden könne.

Auch bei dieser Vorkehrung dürfte es sich dennoch ereignen, daß durch die häufigen Erdspalten und Sandadern eine Wasserquelle so heftig in den Tunnel dränge, daß die Arbeiter in übereilter Flucht das Wasser überhand nehmen und den Tunnel wieder füllen ließen. Deßwegen sollte schon jezt an der Stelle, bis zu welcher der Tunnel fertig ist, ein Schleußenthor angebracht werden, welches sich bei eintretender Gefahr schlösse, und in angemessenen Entfernungen sollten Klappenthüren, deren eine Hälfte nach einwärts, die andere Hälfte auswärts schließen müßte, angebracht werden, um die Wiederanfüllung des fertig gewordenen Theils des Tunnels zu verhüten. Abgerichtete Männer, die ihre Geistesgegenwart auch zur Zeit der Gefahr nicht verlieren, müßten den Dienst bei den Schöpf- und übrigen hydraulischen Maschinen und bei den Schleußthoren und Klappthüren versehen, und auf die Losungsworte einer einzuleitenden Ordnung wohl aufmerken und sie pünktlich ausführen.

Später (zu Ende Mai's) fügte mein Freund noch folgende Vorschläge hinzu, die ich gleichfalls meinem Londoner Correspondenten mittheilte.

Es sollte bei Tag und Nacht und von beiden Ufern der Themse zugleich gearbeitet werden.68) Die in angemessenen Entfernungen anzubringenden Klappthüren müßten immer im guten Stand erhalten werden. Denn es könnte sich ereignen, daß ein Erdbeben Risse und Spalten im Gemäuer verursachte, und Wasserquellen veranlaßte, die nur mittelst der Klappthüren, die sich nach einwärts öffnen, zu fangen und abzusperren wären. Die gut mit Moos, Werg und Kühhaar auszupolsternde wasserdichte Bodenbedekung der Themensohle schnitte gewiß die Verbindung des Gewässers der Oberfläche mit den unterirdischen Adern ab, und sollte sich auch noch ein unvorhergesehener Unfall besonderer Art ereignen, so zweifle ich, daß bei solchen Veranstaltungen eines Menschen Leben jemehr im Tunnel in Gefahr gerathen könnte. Ich bin für diesen Plan ausschließungsweise eingenommen.

Endlich forderte er mich im Juni auf: „Wenn sie dem bewußten Freund in London schreiben, so machen Sie ihn noch aufmerksam, daß doch Hr. Brunel mit dem Erdbohrer auf 3 Klafter lange horizontale Richtungen die Erdschichtungen an mehreren Stellen sondiren soll,69) damit er nicht mehr durch einen plözlichen Einsturz überrascht werde, sondern bei Zeiten von der neuen Gefahr in Kenntniß gesezt, ihr im weiteren Verfolg des bewußten Planes begegnen möge.“ Auch diesen wohlgemeinten Rath habe ich nach London berichtet.

Mein Correspondent in London hatte mir am 5. Mai geschrieben, es sei ungewiß, ob das rühmliche Riesenwerk durchkommen würde, weil die Theilnehmer schon ungeheuer viel Geld dabei verloren hätten; die Regierung dürfte schwerlich |157| etwas dafür thun, da sie solche Unternehmungen Privatspeculanten überläßt; doch hoffe er, daß die Engländer, welche die Sehnsucht der Fremden, daß diese Unternehmung nicht zu Grunde gehen möchte, schäzen, die nöthigen Mittel zur Vollendung des Riesenwerks auffinden werden. Diese Hoffnung hat meinen Correspondenten nicht getauscht, denn nicht nur alle bisherigen Theilnehmer haben in einer Versammlung erklärt, daß sie den Bau fortsezen und vollenden wollen, und zu dem Ende den neuen um die Hälfte größeren Kostenanschlag des Hrn. Brunel (der in seinem ersten Ueberschlag die Rechnung ohne Wirth gemacht hatte) genehmigt, sondern nach dem schönen Beispiel des Herzogs von Cambridge (Bruder des Königs von England) und des Premierministers, Herzog von Wellington, die neulich den Tunnel mit ihrer Gegenwart beehrten, dem Unternehmen ihren Beifall schenkten und jeder 500 Pfund Sterling unterzeichnete, sind noch mehrere andere Theilnehmer der Aktiengesellschaft beigetreten, ja selbst das Nationalehrgefühl der Engländer dürfte nicht gestatten, dieses rühmliche, obgleich kostspielige Unternehmen (ungeachtet es nur ein Privatunternehmen ist) aufzugeben. Auch habe ich vor Kurzem mit Vergnügen gelesen, daß der Lord der Schazkammer die lezte für den öffentlichen Straßenbau bestimmte Rate der Tunnelgesellschaft als einen öffentlichen Staatsbeitrag auszahlen ließ, daß mithin auch die Regierung für dieses rühmliche und gemeinnüzige Unternehmen sich interessirt und zu dessen Beförderung durch Geldunterstüzung beizutragen angefangen hat.

Mögen nun durch die von Hrn. Brunel nach dem dritten Durchbruch getroffenen Vorkehrungen und Vorsichtsmaßregeln alle ferneren Unfälle ausbleiben, und da jezt auch von beiden Ufern der Themse aus gearbeitet und der Tunnel erweitert wird, das gigantische unternehmen bald vollendet werden.

Ich habe lezthin meinen Correspondenten in London den Namen des Hydrotechnikers in Ungarn aus der guten Absicht angezeigt, damit die Tunnelgesellschaft, wenn sie über einzelne Puncte in feinen Vorschlägen nähere Auskunft wünschen sollte, sich unmittelbar an ihn wenden könnte. Wien, am 11. Aug. 1828.70)

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Der engherzige Patriot interessirt sich nur für gemeinnüzige Unternehmungen in seinem Vaterlande, und sucht nur diese zu befördern, während der wahre Kosmopolit sich für alles Große, Schöne und Gemeinnüzige im Auslande, wie im Inlande interessirt. Leider zieht das Vaterland die meisten, wie sich einst mein unvergeßlicher Lehrer in der Politik und Statistik, Professor August von Schlözer zu Göttingen, in einer politischen Vorlesung in seiner Kraftsprache, derb aber treffend, ausdrükte, nur eben so an, wie der Stall mit der Futterkrippe – die Kuh.

Rumy.

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Ich bemerke, daß ich diese übrigens nicht übel gemeinte Aeußerung und Vermuthung in den der Tunnelgesellschaft in London vorgelegten Vorschlägen sehr milderte, da auch Herr Brunel von denselben in Kenntniß gesezt wurde.

R.

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Dieß ist seit dem dritten Durchbruch wirklich geschehen, und die ergriffenen Vorkehrungen und Maßregeln stimmen, so viel ich jezt davon weiß, größtentheils mit den Vorschlägen meines Freundes überein.

R.

|155|

Wahrlich bei dem Tunnel bewahrt sich der großherzige römische Ausspruch tu ne cede malis, sed contra audentior ito!

R.

|156|

Dieß ist bereits von Hrn. Brunel und der Tunnelgesellschaft beschlossen worden und wird nun ausgeführt. R. –

|156|

Meines Wissens hat Hr. Brunel bisher des Erdbohrers sich nicht bedient. Dieser Rath dürfte daher sehr willkommen seyn. R. –

|157|

Durch Zufall zum Abdruk verspätet. A. d. R.

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