Titel: Ueber Frankreichs Handel und Industrie
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1828, Band 30, Nr. LVIII./Miszelle 50 (S. 235–236)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj030/mi030058_50

Ueber Frankreichs Handel und Industrie

enthält die im Recueil industriel. Septbr. 1828, S. 302, mitgetheilte Rede des Hrn. de St. Cricq, die derselbe am 16. Jul. l. J. in der Kammer hielt, einige interessante Daten, wenn sie wahr sind; denn wer klug ist, hat, seit die Minister in. den Kammern sprechen, wenigstens so viel aus den Reden derselben gelernt, daß zumahl was das Budget betrifft, selten ein wahres Wort darin zu finden ist, und daß in einem gewissen Sinne der Sinclair'sche Ausspruch: numbers are stubborn things in Hinsicht auf diese Reden und Rechnungen ewig wahr seyn und bleiben wird. Nach Hrn. de St. Cricq's Angabe befände sich nun Frankreich in dem sehr glüklichen Zustande, daß bei einer Einfuhr von 417 Millionen Franken, 280 Millionen rohes Fabrikmaterial, das erst in Frankreich verarbeitet wird, 95 Millionen Naturprodukte, die Frankreich nicht erzeugen kann, und nur 41 Millionen ausländisches Fabrikat sind; daß Frankreich dafür für 505 Millionen ausführt, wovon 154 Millionen Product des Bodens, und 346 Millionen Fabricate. – Es handelte sich um Abhülfe des Verfalles des Weinwerthes und des Weinbaues, und der Hr. Graf spricht so statistisch gelehrt und so ministeriell hierüber, daß man nicht weiß, was er will, und noch weniger, was geschehen wird. |236| Nach seinen Angaben führt Frankreich für 100 bis 110 Millionen Seidenwaaren jährlich aus. Die Weinausfuhr, die in den Jahren 1787–89 jährlich im Durchschnitte 32 Millionen für Wein und 17 Millionen für Brantwein jährlich betrug, betrug in den Jahren

1816–18 jährlich für Wein 34, Brantwein 8 Millionen.
19–21 – – 44, – 17 –
22–24 – – 41, – 22 –
25–27 – – 48, – 20 –

oder in Maßen

1816–18 Wein 915000 Hektoliter, 120000 Brantwein.
19–21 – 1128000 – 213000 –
22–24 – 1056000 – 285000 –
25–27 – 1101000 – 242000 –

Man sieht hier zugleich, wie der Preis des Weines wechselt. Der Einfuhrzoll für französische Weine in England war vom J. 1810 bis 1825 nicht weniger als 372 Franken für das Hektoliter (beinahe ein Laubthaler für die Maß); seit 1825 ist dieser Zoll auf 196 Franken (beinahe einen kleinen Thaler) herabgesezt. Portugiesische Weine bezahlen in England 131 Franken das Hektoliter. Der Einfuhrzoll für französische Weine in Holland ist, wenn sie zur See eingeführt werden, nur 49 Franken für das Hektoliter) zu Land eingeführt 25 Frank. 25 C. In den vereinigten Staaten zahlen rothe Weine 14 Franken für das Hektoliter; weiße 21 Franken; Brantwein 1 Franken. In Rußland zahlt das Hektoliter 74 Franken. Man sieht aus diesen Angaben, daß die Nordamericaner und die Holländer die Franzosen in Hinsicht auf Abgaben für ihre Weine weit menschlicher behandeln, als die Franzosen von ihrem eigenen Finanzminister selbst nicht behandelt werden; denn jeder Franzose muß für jedes Hektoliter Wein, das er nach Paris führt, 21 Franken bezahlen, wenn auch das Hektoliter Wein selbst oft nur 15 Franken werth ist. Der französische Finanzminister nimmt also von seinen eigenen lieben Landsleuten ein volles Drittel mehr Zoll, als der Nordamericanische Finanzminister von keinem Franzosen zu fordern wagt; ja. sogar um 1/10 mehr als der genau rechnende holländische Finanzminister. Ist dieß ein vernünftiges Steuersystem, nach welchem man feinen eigenen Unterthanen mehr abnimmt, als das Ausland ihnen nicht abzunehmen wagt? Im J. 1808 waren 1,600,000 Hektaren Landes Weingärten in Frankreich, um 400,000 mehr, als im J. 1789. Im J. 1824 zählte man 1,728,000 Hektaren Weingärten in Frankreich, die 40 Millionen Hektoliter Wein, also im geringsten Weinpreise à 15 Fr. das Hektoliter, wenigstens 60 Millionen Franken jährlichen Weinwerth geben. Von diesem nimmt der Finanzminister 20 pC. Steuer, an manchem Orte Frankreichs sogar 200 pC.!!! Hr. Graf de St. Cricq hat sehr Recht, wenn, er bei dieser Stelle seiner Rede ausruft: „Wenn ich mich nicht sehr irre, meine Herren! so ist an einer solchen Gesezgebung noch sehr Vieles zu verbessern!“ Es ist nur zu gewiß, daß in jedem Lande, wo man den Fleiß besteuert, wo man so zu sagen den Bürger und Bauer dafür straft, daß er Tag und Nacht arbeitet, und die wohlhabenden und reichen Müssiggänger und Wucherer mit Staatspapieren für ihr Nichtsthun wenigstens auf indirecte Weise dadurch belohnt, daß man sie unbesteuert Hunderttausende zum Verderben des Staates und ihrer Mitbürger gewinnen läßt; daß in jedem solchen Lande an einer solchen Gesezgebung noch Vieles zu verbessern ist. Ist der Besiz von zehntausend Gulden Staatspapieren oder Privatobligationen, Wechseln etc. weniger, als der Besiz einer Landwirthschaft, eines Gewerbes von gleichem Werthe? Warum muß nun, bei dem Grundsaze von Steuergleichheit, der Bauer für seinen Hof, der Bürger für sein Gewerbe Steuern bezahlen, die er kaum erschwingen kann, während der müssige Rentier oder Wucherer für seinen Grund und Boden und für sein Gewerbe (die Obligationen nämlich und den Wucher mit denselben) nicht nur nichts bezahlt, sondern sich derselben sogar immerdar feindselig gegen den Staat bedient?

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: