Titel: Raymond, über das Färben der Wolle mittelst Berlinerblau.
Autor: Raymond, P.
Fundstelle: 1829, Band 31, Nr. XIV. (S. 44–66)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj031/ar031014

XIV. Ueber das Färben der Wolle mittelst Berlinerblau, von Hrn. P. Raymond, Sohn.

Aus den Ann. de Chim. et de Phys. Sptbr. 1828, S. 44.

Mit einem Zusaze vom Herausgeber.

Die Freunde der Industrie hatten schon lange gefühlt, wie wichtig es für unsere Manufakturen wäre, wenn man den Indigo, eine ausländische Substanz, die in hohem und wandelbarem Preise steht, durch ein inländisches Produkt von mäßigem und ziemlich beständigem Preise ersezen könnte; die Regierung selbst hatte die Aufmerksamkeit der technischen Chemiker auf diesen wichtigen Gegenstand gelenkt, |45| indem sie einen Preis auf die Befestigung des Berlinerblaues auf Wolle, Seide, Leinen und Baumwolle sezte. Mein Vater hat denjenigen Theil des Problems, welcher sich auf Seide, Leinen und Baumwolle13) bezieht, auf das Vollständigste gelöst. Sein Verfahren wurde, nachdem es durch die Regierung zur öffentlichen Kenntniß gebracht worden war, bald allgemein in allen Seidenfärbereien ausgeübt; man versuchte vergebens, es auch auf die Wolle anzuwenden. Ich weiß wenigstens nicht, daß bis auf das Jahr 1819, wo ich anfing alle meine Zeit der Lösung dieses Problems zu widmen, damit etwas Genügendes hervorgebracht worden wäre.

Seit 1820 hatte ich aufmunternde Resultate erhalten, wie dieses die Briefe der Herren Seguin, D'Annonay bezeugen, welche die Gefälligkeit hatten, in ihrer Manufaktur ein Stük Tuch von zwölf bis fünfzehn Ellen aus Wolle, die mit Berlinerblau gefärbt worden war, weben zu lassen. Erst im Jahre 1822 zeigte ich jedoch der Société d'encouragement in Paris und der Société d'agriculture in Lyon Muster. Im J. 1823 endlich erhielten mehrere Stüke blaues Tuch bei der Ausstellung im Louvre den Beifall der Central-Jury, welche mir eine silberne Medaille zuerkannte und erklärte: „daß sie mir eine größere Belohnung zuerkannt hätte, wenn die ihr zur Prüfung vorgelegten Resultate der entscheidenden Probe des Umlaufs im Handel hätten unterzogen werden und die Sanction der Erfahrung erhalten können.“ (S. 150 und 151 des Berichts.)

Seit dieser Zeit haben Privat-Geschäfte alle meine Zeit in Anspruch genommen, so daß ich erst im Anfang dieses Jahres (1827) meine Versuche wieder aufnehmen konnte, um meinem Verfahren die Vervollkommnungen, deren es mir fähig schien, zu ertheilen.14) Das Resultat dieser Arbeit übergebe ich jezt der Akademie zur Beurtheilung. Ich werde hier nicht in das Detail aller von mir angestellten Versuche eingehen, was die Aufmerksamkeit der Akademie nur ermüden würde. Einige derselben haben mich jedoch, obgleich sie den von mir beabsichtigten |46| Zwek nicht erreichten, auf Resultate geführt, die vielleicht nicht ohne allen Nuzen angeführt werden können, und ich werde daher Einiges über meine ersten Versuche sagen. (Man sehe weiter unten, Färbe-Operationen.)

Bekanntlich verbindet man die Seide, wenn man das Berlinerblau darauf befestigen will, zuerst mit Eisenoxyd (Eisenperoxyd) und sättigt dann dieses Oxyd mit Blausäure.15) Um einen analogen Gang zu befolgen, mußte man zuerst ein Mittel finden, das Eisenoxyd mit Wolle zu vereinigen; nun zieht die Wolle, wenn man sie in der Kälte in eine Auflösung von schwefelsaurem Eisenoxyd (dieses Salz wendet man zum Färben der Seide mit Raymond-Blau an) legt, nur eine sehr geringe Menge Metalloxyd an; in der Wärme findet die Vereinigung schneller Statt, aber damit sich dann die Auflösung nicht trübt, muß man sie mit einem desto beträchtlicheren Säureüberschuß versezen, je stärker man erhizen will, und diese freie Säure gibt der Wolle eine Rauhigkeit, die sie entartet.

Um diesem Uebelstande abzuhelfen und die Verwandtschaft der Wolle zum Eisenoxyd zu vergrößern, so daß sie sich mit diesem Oxyd in einer kalten Auflösung sättigen könnte, glaubte ich sie zuerst mit thierischer Gallerte (Leim) verbinden zu müssen. Da dieser erste Versuch, auf mannichfaltige Weise abgeändert, nur sehr unvollkommen meiner Erwartung entsprach, so fiel mir die merkwürdige Wirkung des Chlors auf die Gallerte ein und ich versuchte mit dieser thierischen Substanz imprägnirte Wolle durch ein Chlorbad zu nehmen, das so schwach war, daß es nur einen erträglichen Geruch verbreitete. Dadurch entstand schnell eine merkwürdige Veränderung in den physischen Eigenschaften der Wolle; sie wurde weicher und gleichsam seidenartig anzufühlen. Mit einer lauwarmen Auflösung von schwefelsaurem Eisenoxyd digerirt, sättigte sie sich leicht mit dem Metalloxyd; lezteres mit Blausäure verbunden, brachte ein sehr dunkles und solides Blau hervor.

Die Wirkung des Chlors war so schnell, so energisch, daß ich auf den Gedanken kam, es allein und ohne Zusaz von Gallerte zu versuchen. Das Resultat übertraf meine Erwartung; die Wolle wurde noch weicher und verband sich ohne Mühe mit dem Eisenoxyd, welches mit Blausäure gesättigt, eine schöne blaue Farbe gab, die dem Wasser und dem Reiben widerstand. Ich erhielt auf diese Art alle blauen Nüancen mit gleichem Erfolg und färbte in der Ueberzeugung, daß ich am Ziele meiner Versuche sey, nach diesem Verfahren mehrere Kilogrammen Wolle, welche in der Manufaktur der Herren Seguin gewoben wurden |47| und das Stük Tuch von zwölf bis funfzehn Ellen gaben, dessen ich weiter oben erwähnte.

Nun blieb noch die lezte Probe übrig: man mußte dieses Tuch walken lassen. Nachdem es mehrere Stunden in Urin gewalkt worden war, sah ich zu meinem Vergnügen, daß die Farbe ihre Intensität und ihren Glanz vollkommen beibehalten hatte; als ich aber den Zeug herausnahm, um zu sehen, wie weit das Verfilzen vorgerükt sey, hatte ich den Schmerz zu bemerken, daß es nicht einmal begonnen hatte. Das Stük Tuch wurde umsonst vier und zwanzig Stunden lang gehämmert; es zog sich nicht zusammen. Die rauheren Theile, welchen die Wolle die Eigenschaft verdankt, sich zu verfilzen, waren wahrscheinlich durch die Einwirkung des Chlors zerstört worden; ohne Zweifel hatte die Wolle die Weichheit und das seidenartige Anfühlen, welches sie angenommen hatte, der Zerstörung oder mehr oder weniger großen Veränderung dieser rauhen Theile durch das Chlor zu verdanken.16)

Die Versuche, welche ich anstellte, um die Wolle, welche der Einwirkung des Chlors ausgesezt worden war, zum Filzen zu bringen, waren unnüz; ich mußte sie aufgeben und eine andere Reihe von Versuchen anstellen. Ich konnte nun zweierlei Wege einschlagen; entweder mußte ich durch irgend ein neues Agens die Verwandtschaft der Wolle zum Eisenoxyd hinreichend vermehren, damit sie dieses Oxyd aus einer beinahe kalten Auflösung aufnehmen konnte; oder ich mußte eine Eisenauflösung bereiten, welche eine hohe Temperatur ertragen konnte, ohne sich zu trüben und ohne die Natur der Wolle, welche man ihrer Einwirkung aussezt, zu verändern. Ich wählte das Leztere und richtete darauf alle meine Anstrengungen.

Wenn die meisten Säuren auf die Wolle eine mehr oder weniger schädliche Wirkung ausüben, so scheint im Gegentheil die Weinsteinsäure in hinreichend verdünntem Zustande, obgleich siedend heiß, auf sie günstig zu wirken. Sie macht sie weich, nährt sie gewisser Maßen, und disponirt sie zum Filzen. Bei diesen Eigenschaften der Weinsteinsäure konnte ich mich ihrer als des besten Mittels bedienen, um die |48| Fällung der Eisenoxyd-Auflösungen zu verhindern. Uebrigens konnte derjenige Theil der Säure, welcher vollkommen von dem Metalloxyd gesättigt wurde, eine Mineralsäure seyn, weil ihre sauren Eigenschaften durch diesen Zustand inniger Verbindung neutralisirt waren und sie daher auf den Faden oder das Gewebe, womit man sie in Berührung brachte, nicht wirken konnte. Ich versuchte also mit Schwefelsäure und Weinsteinsäure eine Auflösung von Eisenoxyd zu bereiten, worin die Mineralsäure ziemlich von der Basis neutralisirt und die vegetabilische Säure in Ueberschuß vorhanden war.

Diese Auflösung wurde auf folgende Art bereitet.

Bereitungsart des weinstein-schwefelsauren Eisenoxyds.

Man muß eine Kufe haben, welche 600 bis 700 Liter17) faßt. (Im Falle sie größer wäre; was noch besser ist, müßte man die weiter unten angegebenen Quantitäten verhältnißmäßig vergrößern.) Diese Kufe muß in der Nähe eines Dampfkessels unter einem Schoppen, worin die Luft frei circulirt, aufgestellt werden, und zwar so hoch über der Erde, daß man die Flüssigkeit mittelst eines hölzernen Hahnes, den man einige Zoll über der Basis der Kufe anbringt, abziehen kann.

Wenn man diese Vorkehrungen getroffen hat, so gießt man in die Kufe:

260 Kilogr.18) Quellwasser;
65 (käufliche) Schwefelsäure von 66°;
65 (käufliche) Salpetersäure von 36°.

Man bringt sodann in der Kufe einen Weidenkorb an, so daß er nur drei oder vier Zoll in die Flüssigkeit taucht, und wirft in diesen allmählich:

360 Kilogr. Eisenvitriol (grünen Vitriol) von guter Qualität.

Bekanntlich wird in diesem Falle die Salpetersäure zersezt, wodurch ein lebhaftes Aufbrausen entsteht, und sich röthliche Dämpfe entwikeln; das Eisenoxydul, die Basis des grünen Vitriols, wird in Eisenoxyd umgeändert und lezteres nimmt außer der Schwefelsäure, womit es in dem grünen Vitriol verbunden war, noch eine neue Menge davon auf, die dem Sauerstoff, welchen die Salpetersäure an dasselbe abgegeben hatte, proportional ist; das Resultat dieser Reaction ist also ein schwefelsaures Eisen, worin die Basis auf der höchsten Oxydationsstufe ist. Man muß aber nicht glauben, daß nur dieses Salz in der Flüssigkeit vorhanden ist, wenn man sich begnügt |49| in der Kälte zu arbeiten; es bleibt darin auch noch grüner Vitriol (schwefelsaures Eisenoxydul) aufgelöst und unzersezte Salpetersäure. Leztere ist in einem zu verdünnten Zustande, als daß sie energisch auf das Eisenoxydul wirken und es in Eisenoxyd umändern könnte; jezt wird daher die Beihülfe der Wärme nöthig,19) und man bringt in diesem Augenblike den Deckel des Dampfkessels – wovon wir oben bemerkt haben, daß er in der Nähe der Kufe, worin die Zubereitung gemacht wird, aufgestellt seyn muß, – mit der Auflösung in Verbindung. Diese Verbindung stellt man durch eine Platinröhre her, deren eines Ende auf dem Dekel des Kessels angebracht wird, während das andere bis auf ungefähr Zwei Drittel in die Kufe taucht.20)

In dem Maße, als die Flüssigkeit sich erhizt, fängt das Aufbrausen und die Entwiklung rother Dämpfe wieder an; man sezt das Feuern so lange fort, bis die Auflösung ins Kochen kommt; es ist sogar zwekmäßig, sie einige Augenblike kochen zu lassen, um sicher zu seyn, daß die Basis des Eisenvitriols vollkommen auf die höchste Oxydationsstufe gebracht wurde, welches eine wesentliche Bedingung ist, wenn man gut genährte blaue Farben erhalten will; denn wenn es zuweilen geschieht, daß das Raymond-Blau auf Seide nicht so satt ist, als es seyn sollte, so muß man dieses größtentheils dem Umstande zuschreiben, daß man sich einer Eisenauflösung bediente, welche mehr oder weniger nicht vollkommen oxydirtes Eisen enthielt.

Nach einige Zeit anhaltendem Aufwallen unterbricht man die Verbindung der Kufe mit dem Dampfkessel und wirft in den Weidenkorb ein Gemenge, welches man einige Stunden vorher zusammengesezt hat, aus

100 Kil. Quellwasser
65 Schwefelsäure von 66°
150 rothem Weinstein21).

Wenn Alles aufgelöst worden ist, gießt man in die Flüssigkeit Quellwasser, bis sie auf ungefähr 36° an Beaumé's Aräometer verdünnt worden ist, worauf man sie absezen und drei oder vier Tage |50| lang sich klären läßt; man zieht sie hierauf ab, und bewahrt sie in Tonnen auf, welche gut (dem Luftzutritt) verschlossen sind, so daß man sie unzersezt in dem Maße als man sie braucht anwenden kann22).

Dieses ist das Verfahren, die Eisenauflösung zu bereiten, welche die Basis beim Färben der Wolle mit Berlinerblau ausmacht. Ich gehe nun zu den Färbe-Operationen über, welche ich in zwei Abtheilungen eintheilen werde: die erste wird von dem eigentlichen Färben handeln, oder von dem Befestigen des Berlinerblaues auf Wolle; die zweite wird das Schönen zum Gegenstande haben, nämlich die Operation, wodurch man der Farbe zugleich mehr Röthe, mehr Glanz und mehr Intensität ertheilt.

Erste Abtheilung.
Färbe-Operationen.

Solcher Operationen sind zwei; ich werde sie mit der Benennung Rostbad und Blaubad bezeichnen; und um deutlicher und genauer zu seyn, will ich voraussezen, man habe ein Stück Tuch, von einem gegebenen Gewicht, nämlich 10 Kilogr. in einer ebenfalls gegebenen Nüance, z.B. persischblau (Grünblau, bleu-pers) zu färben. Nachdem man dieses Stük wie zu dem Färben in der Waidküpe vorbereitet, nämlich mittelst des Walkens von allen fetten oder alkalischen Substanzen gut gereinigt hat, verfährt man folgender Maßen, um es zu färben.

§. 1. Rostbad.
(Weinstein-schwefelsaures Eisenoxyd.)

Man gießt in ein hölzernes Gefäß von zwekmäßiger Größe, welches mit einer Winde versehen ist, weinstein-schwefelsaures Eisen von 36°23), bis es ungefähr 1/35 der Capacität des Gefäßes einnimmt und füllt es hierauf mit Quellwasser voll, indem man die Flüssigkeit mit einem Stok stark bewegt, um das Wasser mit der Salzauflösung gut zu vermischen. Wenn die Mischung fertig ist, muß die |51| Flüssigkeit einen halben Grad am Aräometer zeigen, indem man voraussezt, daß das angewandte Quellwasser 0° zeigt.

Man erhizt dieses Bad mittelst Dampf (zum Hineinleiten desselben kann man sich einer Bleiröhre bedienen), bis es eine Temperatur von 30 bis 40° C. (24 bis 32° R.) erhalten hat. Hierauf legt man das Stük Tuch auf die Winde und ein Arbeiter sorgt, während diese bewegt wird, dafür, daß es gut in der Richtung seiner Breite ausgedehnt bleibt, um eine gleichförmigere Farbe zu erhalten. Das Eisenoxyd wirft sich auf die Wolle, und da der Dampf immerwährend in das Bad tritt, so kommt dieses bald ins Kochen. Nach einigem Aufwallen muß das Tuch einen hinreichend dunklen Rostgrund angenommen haben, um mit Blausäure die grünblaue Nüance hervorzubringen. Uebrigens bringt es keinen Nachtheil, wenn das Tuch eine etwas längere oder kürzere Zeit in diesem Bade bleibt, wenn man es nur in diesem Augenblick herausnimmt, wo der Grund die gehörige Intensität angenommen hat, weil in der That die blaue Nüance, welche man bei den darauf folgenden Operationen erhält, einzig und allein von der größeren oder geringeren Intensität des Rostgrundes abhängt.

Man ersieht hieraus leicht, daß es unumgänglich nöthig ist, daß der mit der Leitung der Operation beauftragte Arbeiter ein Muster von dem Grunde vor sich hat, welchen das Blau, das man erhalten will, erfordert. Man muß sich hierzu vorher eine Musterkarte verfertigen, worin die verschiedenen blauen Nüancen, von dem hellsten Blau bis zum Schwarzblau und die Muster der Rostgründe, welche sie hervorgebracht haben, einander gegenübergestellt sind. Sobald also das Tuch, welches wir zu färben haben, auf die Nüance des dem Persischblau entsprechenden Musters gekommen seyn wird, wird es der Arbeiter wieder auf die Winde nehmen, und ohne es zu lange abtropfen zu lassen, in fließendes Wasser bringen und es darin sehr sorgfältig auswaschen. Man wird leicht einsehen, wie nothwendig es ist, daß dieses Auswaschen mit der größten Sorgfalt vorgenommen wird, wenn man bedenkt, daß das weinstein-schwefelsaure Eisen, welches zwischen den Poren des Tuches liegen bliebe, als reinen Verlust einen Theil des blausauren Kalis24) zersezen würde, welches dazu bestimmt ist, bei der darauf folgenden Operation das mit der Wolle verbundene Eisenoxyd in Berlinerblau umzuändern, und eben dadurch einen mehr oder weniger reichlichen blauen Niederschlag hervorbrächte, welcher das Bad trüben würde.

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Das Rostbad, dessen wir uns so eben bedient haben, ist bei weitem noch nicht erschöpft. Man kann durch dasselbe nach einander eine große Anzahl von Tüchern hindurch nehmen, wenn man nur jedes Mal eine Quantität Eisenauflösung von 36° hineingießt, die ungefähr derjenigen entspricht, die, wie man annehmen kann, durch die schon gefärbten Tücher dem Bade entzogen wurde, so daß das Bad immer seine anfängliche Dichtigkeit von 1/2 Grad beibehält. Man kann ohne Gefahr diese Dichtigkeit auf + 3/4 oder sogar + 1 Grad bringen; hingegen muß man es sorgfältig vermeiden, sie unter + 1/2 Grad herabkommen zu lassen, weil die so weit verdünnte Auflösung sich beim Kochen trüben könnte, und die Farbe, welche man in diesem Falle erhielte, keine Dauerhaftigkeit hätte.

Wenn die Stüke Tuch, welche man nach einander durch dasselbe Rostbad nehmen will, dazu bestimmt sind, darin verschiedene Nüancen anzunehmen, so muß man mit den am wenigsten dunklen Nüancen den Anfang machen, und dabei das Feuer sorgfältig dirigiren, damit die Temperatur sich nicht zu schnell erhöht, und die Farbe Zeit hat, sich mit der Faser zu vereinigen. Es gibt sogar sehr zarte Nüancen, wie z.B. das Himmelblau, welche eine so geringe Menge Eisenoxyd erfordern, daß man genöthigt ist, ihnen den Rostgrund ganz in der Kälte zu geben. Ohne diese Vorsicht würde sich das Eisenoxyd zu schnell auf das Tuch werfen und immer zu hohe Nüancen hervorbringen. Folgender Umstand gibt davon einen auffallenden Beweis. Ich wollte Tuch färben, das die Zubereitung zum Weißfärben erhalten hatte, und obgleich ich so vorsichtig war, es in einer starken Seifenauflösung zu reiben, um daraus möglichst das weiße Pulver, womit dieses Tuch immer beladen ist, zu entfernen, so konnte ich doch niemals damit hellblaue Nüancen erhalten. Ich arbeitete jedoch unter einer Temperatur von 10° C. (8° R.); das Tuch, sey es, daß es zu vollständig durch die kalkartige Substanz, welche zum Bleichen desselben angewandt worden war, entfettet wurde, oder daß noch eine geringe Menge von dieser Substanz zurükblieb, welche die Fällung des Eisenoxydes auf das Tuch beschleunigte; lezteres, sage ich, zog das Rostbad so schnell an sich, daß der Grund immer zu dunkel war. Ich war genöthigt das Bad mit einigen Tropfen25) eines Gemenges aus gleichen Theilen dem Gewichte nach

Quellwasser,

Schwefelsäure von 66°.

rothem Weinstein

zu versezen. Davon wird man auch guten Gebrauch machen können, wenn man außerordentlich helle Nüancen erhalten will.

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Die sehr dunklen Nüancen hingegen, wie Schwarzblau (bleu d'enfer) erfordern einen so dunklen Rostgrund, daß man ihn nur durch Kochen erhalten kann: dessen ungeachtet ist es immer gut, das Tuch lange Zeit vorher in das Bad des weinstein-schwefelsauren Eisens zu legen, ehe lezteres zum Sieden kommt. Auf diese Art ist die Farbe mehr gleichförmig. Die Einsicht des Arbeiters wird leicht einige andere kleinliche Details ergänzen, welche ich, wie ich glaube, unnüzer Weise hier anführen würde.

Wir haben vorher gesagt, daß man nach einander eine große Anzahl Stüke durch dasselbe Bad nehmen kann, wenn man es bei jeder Operation zum Theil erneuert. Es könnte hiernach scheinen, daß ein solches Bad fast ins Unendliche brauchbar wäre; aber abgesehen von den fetten Substanzen, welche die Tücher und besonders die unvollkommen entfettete Wolle darin absezen, wodurch es endlich verschlämmt und am Anziehen verhindert würde, gibt es noch eine andere Ursache, weßwegen man es von Zeit zu Zeit erneuern muß. Die Tücher absorbiren, wenn sie in einer Auflösung des weinstein-schwefelsauren Eisens verweilen, nicht gleichmäßig alle Bestandtheile dieses Salzes; das Metalloxyd allein vereinigt sich in Ueberschuß mit dem Stoff, während die Schwefelsäure und Weinsteinsäure fast ganz in der Flüssigkeit bleiben. Hieraus folgt notwendiger Weise, daß das Rostbad, welches einem Stüke Tuch den Grund gegeben hat, verhältnißmäßig mehr sauer ist, als anfangs, und daß je beträchtlicher die Anzahl der Stüke ist, welche man durch dasselbe nimmt, desto mehr dieser Säureüberschuß zunimmt, weil man, wie wir vorgeschrieben haben, bei jeder neuen Passage von Tuch, weinstein-schwefelsaures Eisen von 36° zusezen muß. So wird endlich ein Zeitpunkt eintreten, wo das Bad einen so großen Säureüberschuß enthält, daß der Widerstand der lezteren gewisser Maßen die Verwandtschaft des Eisenoxyds zur Wolle überwinden und man unmöglich die Farbe erhöhen können wird. Dann, und sogar noch vor diesem Zeitpunkt, muß man das Rostbad ganz erneuern; dieses Bad ist übrigens von so geringem Werth, daß man es ohne Anstand öfters wechseln darf.

Wir haben so eben gesagt, daß das Eisenoxyd der einzige Bestandtheil des Rostbades ist, welcher sich in Ueberschuß auf das Tuch niederschlägt; aber auf diese Art mit Wolle vereinigt, ist dieses Oxyd nicht vollkommen rein; es hält eine geringe Menge Schwefelsäure zurük, womit es eine Art basisches Salz zu bilden scheint; dieses kann man wenigstens daraus schließen, daß diese Säure durch Auswaschen der Wolle in kaltem oder sogar kochendem Wasser nicht weggeschafft werden kann26). Auch pflegt man die Seide, welche man |54| Raymond-Blau färben will, durch ein fast kochendes Seifenbad zu nehmen, nicht sowohl um sie geschmeidig zu machen, sondern um sie von der Säure zu reinigen, welche das Eisenoxyd begleitet und sich der Vereinigung dieses lezteren mit der Blausäure widersezen würde.

Da lange dauernde und mannichfaltige Operationen oft die Haupthindernisse sind, welche sich der Annahme eines Färbeverfahrens in der Praxis widersezen, so suchte ich bei diesem das Seifenbad zu ersparen, was mir dadurch gelang, daß ich eisenblausaures Kali zur Zersezung des basisch schwefelsauren auf dem rostfarbenen Tuch befestigten Salzes anwandte. Dieses will ich in den folgenden Paragraphen umständlich auseinandersezen.

§. 2. Blaubad.

Das Blaubad, nämlich dasjenige, welches zum Zwek hat, das auf der Wolle befestigte Eisenoxyd mit Blausäure zu sättigen, besteht aus zwei Operationen, welche, obgleich sie in demselben Gefäße und gleichsam in derselben Flüssigkeit vorgenommen werden, dessen ungeachtet besonders abgehandelt seyn wollen, damit man die Erscheinungen, welche sie darbieten, genau auffassen kann. Ich werde also 1.) von dem Bad mit blausaurem Kali und 2.) von dem Bad mit Blausäure sprechen.

1. Blausaures Kali-Bad.

Man muß eine Kufe haben, welche eigens zu diesem Blaubad bestimmt ist; diese Kufe muß von Holz und mit einer Winde versehen seyn. Man füllt sie mit Quellwasser, welches man durch einen Dampfstrom bis auf ungefähr 30° C. (24° R.) erhizt. Man nimmt dann das Feuer weg und bringt auf jedes Kilogramm persischblau zu färbendes Tuch, 85 Gramm. käufliches blausaures Kali, welches man vorher in einem Topf in kochendem Wasser aufgelöst hat, in das Bad. Dieß macht 850 Grammen auf das Stük von 10 Kilogr., welches wir als Beispiel angenommen haben.

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Nachdem das Bad gehörig umgerührt worden ist, bringt man das Tuch auf die Winde; man windet es 12 bis 15 Minuten lang und nimmt es dann weg. Das Tuch hat sein Aussehen verändert; die Schwefelsäure, von welcher wir gesagt haben, daß sie mit dem mit der Wolle verbundenen Eisenoxyd ein basisches Salz bildet, hat sich mit der alkalischen Basis des blausauren Kalis vereinigt, während die frei gewordene Blausäure sich des von der Schwefelsäure getrennten Eisenoxyds bemächtigt hat. Das Resultat dieser doppelten Zersezung ist einerseits schwefelsaures Kali, welches sich in dem Bad aufgelöst; andererseits blausaures Eisen, welches sich auf dieser Wolle befestigt hat: da das so gebildete blausaure Eisen oder Berlinerblau nur in sehr geringer Menge vorhanden ist, so maskirt es bloß die chamoisgelbe Farbe des mit Blausäure noch nicht gesättigten Eisenoxydes, und gibt ihm ein grünliches Ansehen, dessen Intensität von der Oberfläche gegen den Mittelpunkt des Stoffes zunimmt.

Das Resultat dieses ersten Theiles des Blaubades ist also, daß man auf dem Tuch nur reines Eisenoxyd hat, und außerdem eine geringe Menge Berlinerblau. Wir wollen nun zum zweiten Theile übergehen, worin das Eisenoxyd vollkommen mit Blausäure gesättigt werden muß.

2. Blausäure-Bad.

Nachdem das Stük Tuch wieder auf die Winde genommen worden ist, wiegt man eine Quantität Schwefelsäure von 66° ab, welche derjenigen des angewandten blausauren Kalis gleich ist, nämlich 850 Gramm. dieser Säure. Man verdünnt sie mit drei oder vier Mal ihrem Raume Wasser, und gießt ungefähr 1/3 von diesem Gemenge in das blausaure Kali-Bad; man rührt sorgfältig um. Die Schwefelsäure, auf allen Punkten der flüssigen Masse verbreitet, bewirkt die Zersezung eines Theiles des blausauren Salzes, welches darin aufgelöst ist; die Blausäure wird frei: alsdann fängt man an das Stük Tuch zu bewegen; das freie Eisenoxyd, womit es verbunden ist, absorbirt die Blausäure, welche durch die Schwefelsäure in Freiheit gesezt wurde.

Man treibt so das Tuch eine Viertelstunde lang und windet es dann auf, um in das Bad ein anderes Drittel dieser 850 Gramm. Schwefelsäure zu gießen; man rührt die Flüssigkeit wie vorher um und windet das Tuch nochmals 15 Minuten lang. Endlich windet man es zum dritten Mal auf, um in das Bad die noch übrige Schwefelsäure zu bringen. Nachdem man die Flüssigkeit umgerührt hat, bringt man das Tuch wieder hinein; und wenn es einige Augenblike lang gewunden worden ist, taucht man es ganz in das Bad, worin man es eine ganze halbe Stunde lang lassen kann, ohne es |56| zu bewegen. Nach Verlauf dieser Zeit bringt man es wieder auf die Winde und erst dann muß man das Bad wieder erhizen, indem man dafür sorgt, daß die Temperatur nur allmählich erhöht wird. Wenn es einigemal aufgewallt ist, windet man das Tuch wieder auf und reinigt es in fließendem Wasser.

Die Vorsichtsmaßregeln, welche wir so eben angegeben haben, können kleinlich scheinen; alle sind jedoch unumgänglich nöthig. Wenn man z.B. die Schwefelsäure zwar theilweise zusezt, aber das Bad sogleich anfangs stark erhizt, so wird die Farbe nicht durchdringen; wenn man hingegen das Bad lauwarm gibt, wie wir es empfohlen haben, aber die Säure nicht theilweise anwendet, so wird die Farbe noch weniger durchdringen. Die Blausäure wird gleichsam an der Oberfläche des Stoffes befestigt zu seyn scheinen, die allein eine schöne blaue Farbe annehmen wird, während der Lauf des Tuches nur eine grünlichblaue Farbe wegen des unvollkommen mit Blausäure gesättigten Eisenoxydes zeigen wird.

Diese Methode, das Blaubad beinahe kalt zu geben und die Schwefelsäure theilweise anzuwenden, bietet noch einen anderen Vortheil dar, welcher nicht weniger schäzbar ist, als eine das Tuch ganz durchdringende Farbe, daß man nämlich alle angewandte Blausäure benüzen kann. Wenn man in der Wärme arbeitet, zeigt der sehr starke Geruch nach bittern Mandeln, welcher sich in der Luft verbreitet, deutlich genug, daß ein beträchtlicher Theil dieser Säure verloren geht, deren Flüchtigkeit in der That sehr groß ist, weil sie bei 26° C. kocht. Man kann sich übrigens durch einen leicht anzustellenden Versuch überzeugen, daß man viel mehr Blausäure, als wir angegeben haben, braucht, wenn man das Bad von dieser Säure mit einem Wasser bereitet, welches 80 bis 90° C. (64 bis 72° R.) zeigt, wie es die meisten Seidenfärber thun. Sie wenden in der That blausaures Kali in dem Verhältnis von 20 bis 25 Procent von dem Gewicht der Seide, die sie Raymondblau färben wollen an; während die Hälfte von dieser Quantität mehr als hinreichend wäre, wenn sie bei einer angemesseneren Temperatur arbeiten würden.

Es ist um so wichtiger., daß man dieses Bad auf eine ökonomische Weise bereitet und anwendet, weil es allein fast zwei Drittel der Kosten des Färbens mit Berlinerblau in Anspruch nimmt, wie man dieses aus der Berechnung ersehen wird, die wir später anstellen werden.

Wenn man an Statt eines einzigen Stükes Tuch eine gewisse Anzahl durch das Blaubad nehmen müßte, würde man ganz nach der von uns so eben auseinandergesezten Methode verfahren; man näht nämlich die Stüke der Reihe nach an einander und bringt sie zuerst in |57| das blausaure Kali und dann in die Blausäure. Wenn diese Stüke verschiedene Nüancen erhalten sollen, so ändert dieß in dem Verfahren wenig ab; man braucht nur darauf zu merken, daß man in diesem Falle eine Quantität blausaures Kali anwendet, die der Intensität der verschiedenen Nüancen, welche man erhalten will, angemessen ist.

Es ist sehr schwer das Verhältniß des blausauren Kalis festzustellen, welches für diese oder jene Nüance nöthig ist, weil es fast unmöglich ist jede der zahlreichen Nüancen, die man zwischen dem hellsten Blau und dem Schwarzblau erhalten kann, genau zu bestimmen. Wenn man aber annimmt, daß alle diese Nüancen sich auf fünf gleichweit von einander abstehende reduciren, so wird man in der folgenden Tabelle die Menge des blausauren Kalis finden, welches jede derselben erfordert.

Gewicht des Tuches
oder
der Flokwolle.
Nüance,
welche man erhält.
Gewicht
des blausauren Kalis.
Kilogr. 1. 1) Schwarzblau (bleu d'enfer). 100 Gramm27)
2) Persischblau (bleu-pers.) 85 –
3) Türkischblau (bleu-turquin). 65 –
4) Himmelblau. 40 –
5) Hellblau (bleu naissant.) 15 –

Sollte eine der zu färbenden Nüancen nicht vollkommen in die so eben angeführten einschlagen, so wird sie sich doch immer mehr oder weniger einer derselben nähern, und man wird leicht annähernd schäzen können, wieviel man zu der in der Tabelle angeführten Quantität des blausauren Kalis hinzuthun oder davon wegnehmen muß. Was die Schwefelsäure betrifft, welche man theilweise hineingießt, um die Blausäure zu entwikeln, so muß ihre Menge immer derjenigen des blausauren Kalis gleich seyn. Nach den stöchiometrischen Tabellen wäre kein so großes Verhältniß von Schwefelsäure nöthig, um ein gegebenes Gewicht blausaures Kali zu sättigen; aber ich fand durch eine große Anzahl von Versuchen, daß das Verhältniß von 50 Procent, welches sie angeben, sehr unzureichend ist, weil in diesem Falle immer unzerseztes blausaures Kali zurükbleibt. Es ist möglich, daß die Schwefelsäure, indem sie sich mit der Basis des |58| blausauren Kalis verbindet, an Statt nur ein neutrales schwefelsaures Salz zu bilden, wie wir bei der Berechnung vorausgesezt haben, im Gegentheil ein saures schwefelsaures Salz erzeugt, welches bekanntlich zwei Mal so viel Säure enthält. Bei dieser Hypothese würden die Praxis und die Theorie vollkommen übereinstimmen. Dazu kommt noch, daß es zwekmäßig ist, wenn das Bad gegen das Ende der Operation schwach sauer ist, wo es, wie wir bemerkt haben, ins Kochen gebracht werden muß. Dieser schwache Säureüberschuß schüzt die blaue Farbe gegen die zerstörende Wirkung, welche das kochende Wasser auf sie ausüben würde; denn kochendes Wasser allein zersezt das auf einen Stoff befestigte Berlinerblau vollständig; und läßt darauf nur Eisenoxyd zurück.

Zwischen das Blau-Bad, wovon wir so eben gesprochen haben und das Avivir-Bad, wovon wir bald sprechen werden, kommt noch eine Operation zu stehen, welche, obgleich sie gleichsam nur eine mechanische ist, dennoch für die Solidität der blauen Farbe unumgänglich nöthig ist. Diese Operation besteht darin, das Tuch in einer kalten Seifen -Auflösung zu walken; leztere Auflösung muß hinreichend concentrirt seyn (ungefähr 1/2 Kil. Seife auf 10 Liter Wasser): man kann dazu die Seife gebrauchen, welche man mit den Wollabfällen fabricirt und deren Preis außerordentlich gering ist. Sie dient dazu die Reinigung des Tuches von denjenigen Berlinerblau-Theilen, welche nur mechanisch in demselben vorhanden sind, zu erleichtern. Es bleibt um so mehr Berlinerblau mechanisch in dem Tuche zurük, je unvollkommener es nach dem Rostbad ausgewaschen worden ist. Man braucht sich nur daran zu erinnern, daß das käufliche blausaure Kali eine gewisse Menge Eisen enthält, um einzusehen, daß sich eine gewisse Menge mit dem Stoffe nicht verbundenes Berlinerblau bilden wird, welches man durch Reiben daraus absondern kann.

Wenn das Tuch in der Seifenauflösung eine Viertelstunde oder zwanzig Minuten lang gewalkt wurde, welche Zeit mir zum Spülen desselben hinreichend schien, läßt man in den Walkstok so lange einen Strom frisches Wasser laufen, bis es recht klar abläuft. Man schreitet dann zum Schönen der Farbe.

Zweite Abtheilung.
Schönen.

Da diese Operation nach der Intensität der blauen Farbe verschieden geleitet werden muß, so wollen wir diesen Theil des Verfahrens in zwei Paragraphen abtheilen, worin wir nach einander 1) vom Schönen des Dunkelblau, unter welcher Benennung wir |59| alle blauen Nüancen über dem Himmelblau begreifen; und 2) vom Schönen des Hellblau handeln werden.

§. 1. Schönen des Dunkelblau.

Das Bad, worin man die dunkelblauen Tücher schönen muß, ist ganz dasselbe, welches man zum Schönen des Raymond-Blau auf Seide anwendet. Es wird mit kaltem Wasser bereitet (man kann sich der zum Blau-Bad bestimmten Kufe hiezu bedienen), in welches man genau ungefähr 1/300 flüssiges Aezammoniak mischt28). Dieses Verhältniß schien mir das für die meisten blauen Nüancen geeignetste; da man jedoch oft ein mehr oder weniger starkes Schönen, nämlich einen mehr oder weniger auffallenden Stich ins Rothe, wünschen mag, so darf das von uns angegebene Verhältniß von Ammoniak nicht als unabänderlich betrachtet werden. Man wird es nach Belieben vermehren oder vermindern können, nach dem Grade der Violettirung, die man zu erhalten wünscht. In allen Fällen wird man klug handeln, wenn man in das Schönungs-Bad, welches man bereitet hat, einige Augenblike ein Muster von dem Blau taucht, welches man schönen will und es darin zu wiederholten Malen ausdrükt, damit die Röthung schneller bis zum Mittelpunkt des Stoffes durchdringt. Man wird aus der Farbe, welche dieses Muster annimmt, leicht erkennen, ob das Schönungs-Bad gehörig zubereitet ist.

Nach diesem Versuche wird man das Tuch in das Bad werfen und fünf und zwanzig, bis dreißig Minuten lang haspeln. Die Farbe wird schnell ihr Aussehen verändern. Diese Veränderung braucht jedoch nicht zu schleunig, einzutreten, denn dieses wäre ein Zeichen, daß das Bad mit zuviel Ammoniak versezt worden ist; das Blau darf den Stich ins Rothe, welcher ihm nöthig ist, erst nach zehn bis fünfzehn Minuten annehmen29).

Nach diesem Schönungs-Bade kann das Tuch auf den Rahmen gespannt und getroknet werden. Es ist sogar unnüz, es auszuwaschen, |60| weil das nicht gebundene flüchtige Alkali, welches es aus dem Bade mit sich ziehen kann, schnell verdunstet.

Bisweilen geschieht es jedoch, daß wenn das Schönungs-Bad überschüssiges. Alkali enthält, die blaue Farbe darin einen zu starken Stich ins Violette annimmt; man hilft diesem Umstande sehr leicht ab, wenn man das Tuch durch kaltes, sehr schwach mit Salzsäure angesäuertes Wasser nimmt. Die Säuerlichkeit dieses Bades muß so schwach seyn, daß das Lakmuspapier sie kaum anzeigen kann. Sollte sie merklicher seyn, so würde das Blau darin zu viel von seiner Röthe verlieren, und man wäre genöthigt, es neuerdings zu schönen.

Die Seidenfärber, welche dasselbe Mittel anwenden, behaupten, daß ein so niederhergestelltes Raymond-Blau durch Luft und Sonne weniger verändert wird; sie überschreiten auch absichtlich das Schönen des Blatt, um Gelegenheit zu haben, es in dem sauren Bade wieder zu verbessern. Ich habe an der Wolle nicht dieselbe Wirkung wahrnehmen können; es schien mir in Bezug auf die Solidität der Farbe gleichgültig, ob sie durch eine Säure wieder verbessert oder unmittelbar nach dem ammoniakalischen Bade getroknet wurde; was ich aber zu beobachten glaubte ist, daß wenn dieses saure Bad die Farbe nicht solider an der Luft macht, in welcher Beziehung sie nichts zu wünschen übrig zu lassen scheint, es wenigstens den Vortheil hat ihr mehr Reinheit und Reflect zu geben. Die Fabrikanten, deren Auge geübter ist, werden entscheiden, ob meine Beobachtung genau ist, und ob man hierin die Seidenfärber mit Nuzen nachahmt, indem man zuerst den Röthungspunkt, welchen man sucht, überschreitet, um ihn alsdann durch ein saures Bad wieder zurükzuführen.

§. 2. Schönen der hellblauen Tücher.

Wir wollen annehmen, ein himmelblaues Stück Tuch komme aus dem Blausäure-Bade: nachdem man es mit kalter Seife gewalkt hat, wie wir es für das Dunkelblau angegeben haben, füllt man eine hölzerne Kufe mit Quellwasser und gießt auf jedes Liter Wasser ein Gemenge von

5 Gramm. Schwefelsäure von 66°,
5 rothem Weinstein,
10 Quellwasser

hinein. Nachdem das Bad umgerührt worden ist, erhizt man es bis es zu wallen anfängt. Man wirft alsdann das Tuch auf die Winde und windet es zwölf bis funfzehn Minuten lang in dem Bade, welches man im Sieden erhält. Nach dieser Zeit muß das Tuch herausgenommen und in fließendem Wasser ausgewaschen werden. Man kann es sodann auf den Rahmen spannen und troknen.

Man ersieht aus dem Gemenge, woraus dieses Schönungsbad |61| besteht, daß wir hier Weinsteinsäure anwenden. Wir haben vorher einen der Gründe angeführt, weßwegen sie vor jeder anderen Säure den Vorzug hat; sie verdient ihn aber schon deßwegen, weil sie abgesehen von ihrer guten Wirkung auf die Wolle, dem Hellblau mehr Glanz und Reinheit als die Mineralsäuren ertheilt.

Nur die Erfahrung kann übrigens die Wollenfärber lehren, bei welcher Nüance sie gerade die Schönung mit Säure aufgeben und sie durch eine alkalische ersezen müssen. Man würde sich aber täuschen, wenn man glauben würde, in allen Fällen die saure Schönung durch die alkalische und umgekehrt ersezen zu können. Das Schönen mit Säure gibt zwar der Farbe eine gewisse Violettirung; aber dieser Stich ins Purpurpoth, welcher für das Hellblau hinreichend ist, ist nicht intensiv genug, um bei dem Dunkelblau gehörig in die Augen zu fallen. Um übrigens ohne Beihülfe von Ammoniak ein sehr dunkles Blau zu erhalten, muß man die Tücher viel mehr mit Eisenoxyd überladen, was nur durch ein mehr oder weniger langes Kochen in dem Rostbad geschehen kann, und dieses Kochen, wenn es zu lange dauert, schwächt endlich die Wollenfaser. Ferner braucht man, um so hohe Rostgründe zu deken, eine sehr große Menge Blausäure, wodurch die Auslagen bei dieser Art zu färben viel beträchtlicher werden. Das Schönen mit Säure möchte also für Dunkelblau nicht empfehlenswerth seyn. Das Schönen mit Alkalien ist für das Hellblau nicht zwekmäßiger, weil es ihm ein grauliches Aussehen ertheilt, das ihm sowohl seinen Glanz, als auch seine Reinheit benimmt.

Man wird vielleicht finden, daß wir mit uns selbst in Widerspruch sind, indem wir die Säuren als ein Mittel angeben, um die Farbe des Berlinerblau zu schönen, nachdem wir den Rath gaben, sie zum Enthüllen derselben Farbe zu benüzen, wenn sie durch Ammoniak zu stark geröthet wurde. Wir wollen in dieser Hinsicht bemerken, daß die Säuren die Farbe des auf einen Stoff befestigten Berlinerblaues schonen, so oft diese Farbe nicht schon durch ein mächtigeres Agens geschönt wurde, aber daß, sobald sie stärker geröthet wurde, als die Säuren dieses zu thun vermögen, leztere sie nur auf diejenige Nüance zurükzuführen vermögen, welche sie ihr selbst ertheilt haben würden.

Ehe wir diesen Gegenstand verlassen, wollen wir noch eine Bemerkung machen, nämlich daß es ein großer Nachtheil wäre, wenn man zum Schönen des Hellblau eine zu concentrirte Säure anwenden oder das Tuch, welches man schönen will, darin zu lange kochen lassen wollte. In der That würde sich das Berlinerblau in dem einen wie in dem anderen Falle, besonders aber in dem ersteren, |62| ohne jedoch das Bad zu trüben, von dem Stoffe losreißen, und lezterer auf einer weißen Leinwand gerieben, darauf sehr merkliche weiße Fleken zurüklassen. Man muß sich also streng an die Verhältnisse halten, welche wir für die Bereitung des Schönungsmittels für das Hellblau vorgeschrieben haben.

Nachdem wir nun das Verfahren, nach welchem man die wollenen Gewebe mit Berlinerblau färben kann, umständlich beschrieben haben, brauchen wir nur noch Einiges über die Anwendung dieses Verfahrens zum Farben der Flokwolle zu sagen. Diese Wolle muß für's Erste vollkommen entfettet werden, denn ohnedieß würde sie keine gleichförmige Farbe im Rostbade annehmen. Die Zubereitung und Anwendung dieses Bades sind für die Flokwolle ganz dieselben wie für die Zeuge; übrigens zeigt uns schon die Natur dieses Bades, welches eine große Menge Weinsteinsäure enthält, und die bekannte Eigenschaft dieser Säure, zum Filzen zu disponiren, daß man es möglichst vermeiden muß, die Wolle darin umzurühren; man muß also sorgen, daß sie darin gewisser Maßen wenig gedrükt ist.

Wie die Flokwolle in fließendem Wasser ausgewaschen wird, ist bekannt; und ich halte es also für unnüz, in irgend ein Detail über diesen Gegenstand einzugehen. Ich werde bloß bemerken, daß man dieses Auswaschen nicht sorgfältig genug vornehmen kann, es sey nun nach dem Rost-Bade oder nach dem Blau-Bade. Lezteres wird wie für die Tücher bereitet; man erinnert sich, daß wir es vorgezogen haben, die zur Entbindung der Blausäure bestimmte Schwefelsäure portionenweise anzuwenden, eine Vorsicht, die zum Zwek hatte, sich des völligen Durchdringens der Farbe zu versichern; natürlich wird dieses für die Flokwolle unnüz; man nimmt sie daher auch, nachdem man sie das blausaure Kali hat passiren lassen, nur einmal heraus, um in das Bad alle zur Zersezung des blausauren Salzes nöthige Schwefelsäure zu schütten. Wenn die Wolle aus dem Blau-Bade herauskommt, darf sie nicht wie das Tuch gewalkt werden, welches unmöglich ist, sondern muß unmittelbar in die Fabrik gebracht und gekrempelt, gesponnen und gewoben werden; das Oehl, womit man sie zum Spinnen imprägnirt, ändert die blaue Farbe keineswegs. Nach dem Noppen muß der Zeug in der Walke bearbeitet werden, damit er darin entfettet und von den nicht mit ihm verbundenen Berlinerblautheilen, die er aus dem Blau-Bade mitgenommen hat, gereinigt zu werden. Zur Walke kann man sich des Urins, oder besser noch der kalten Seife bedienen. Die Seife ist dem gefaulten Urin deßwegen vorzuziehen, weil lezterer durch das Ammoniak, welches er enthält, die blaue Farbe schönt, und dieses Schönen oft sehr ungleich geschieht.

|63|

Wenn der Zeug gehörig entfettet ist, schert man ihn und erst nach dem Scheren muß man ihn in das alkalische oder saure Schönungsbad bringen, je nachdem es die Intensität der blauen Nüance vertragen wird.

Wollte man endlich mit Berlinerblau gefärbte Wolle in sogenannte gemischte Tücher einweben, so sieht man leicht ein, daß die Farben, womit man sie zu vereinigen wünschte, durch das alkalische oder saure Schönungsmittel nicht afficirt werden dürften, weil der Zeug erst nach dem Walken und Scheren durch lezteres genommen werden kann.

Nachdem ich nun angegeben habe, wie man den Indigo durch Berlinerblau sowohl bei dem Färben der gewobenen als auch der Flokwolle ersezen kann, bleibt mir noch zu untersuchen übrig, ob dieses neue Verfahren, welches außer einer größeren Schönheit der hellblauen Nüancen, dem Färber auch noch den Vortheil darbietet, mit bloßen Tuchstüken arbeiten zu können, ein Vortheil, welchen der Indigo nicht hat30), ob dieses Verfahren, sage ich, denjenigen welche es ausüben wollen, auch einigen Gewinn verspricht. Wir wollen deßwegen die Kosten berechnen, welche das Färben von 1 Kilogr. Tuch oder Wolle, von einer gegebenen Nüance, z.B. von Reinblau, veranlassen wird.

Wir wollen zuerst den Preis des Rostbades ausmitteln: unsere Versuche lehren, daß 260 Kilogr. Eisenvitriol auf die von uns angegebene Weise in weinstein-schwefelsaures Eisenoxyd umgeändert, und mit einer hinreichenden Menge Wassers verdünnt, ungefähr 40,000 Liter einer + 1/2° am Aräometer wiegenden Flüssigkeit geben. Nun kosten diese 40,000 Liter:

Eisenvitriol, 260 Kil.; 100 Kil. Zu 20 Fr. gibt 52 Fr.;
Schwefelsäure, 65 – 30 Fr. 20
Salpetersäure, 65 – 200 Fr. 130
Rother Weinstei, 150 – 120 Fr. 180
Schwefelsäure, 65 – 30 Fr. 20
––––––
402 Fr.;
vierhundert und zwei Franken, was beinahe 1/100 Frank
auf das Liter beträgt. Man braucht 10 Liter von dieser
Flüssigkeit, um 1 Kil. Tuch oder Wolle den Grund zu geben
(wenn man bedenkt, daß wenn man das Rostbad zum Theil
erneuert, man sich dessen zu sehr vielen Operationen bedienen
kann, so wird man überzeugt bleiben, daß unsere Schäzung
die wirklichen Ausgaben noch übersteigt), so hat man als
Kosten dieses ersten Bades für 1 Kil. Wolle







0,10 Fr.
|64| Wir haben gesehen, daß man außerdem noch, und
dieses ist die größte Ausgabe, 85 Gr. blausaures Kali
nöthig hat, was das Kil. zu 8 Fr.31) gerechnet, beträgt


0,68 Fr.
Wir wollen annehmen, das Schönungsbad und das
Walken mit Seife kosten zusammen für das Kil.

0,20 Fr.
Endlich wollen wir voraussezen, um ja nicht zu wenig
anzurechnen, das Brennmaterial, die Handarbeit und
andere Kosten betrügen


0,52 Fr.
So werden wir für sämmtliche Auslagen, um ein
Kil. Tuch persischblau mittelst Berlinerblau zu färben,
die Summe von


1,50 Fr.

anderthalb Franken haben, was nicht halb so viel ist, als dieselbe Farbe, mit Indigo gefärbt, kosten würde. Was die übrigen blauen Nüancen betrifft, so werden sich die Kosten ziemlich in demselben Verhältniß, wie ihre Intensität vermehren oder vermindern.

Schluß.

Das von mir in Vorschlag gebrachte Verfahren besteht also aus zwei eigentlichen Färbe-Operationen, nämlich 1) dem Rostbade, welches nie weniger als + 1/2° am Aräometer wiegen darf, und welches man kalt, lauwarm oder kochend gibt, je nachdem die blaue Nüance, welche man erhalten will, mehr oder weniger dunkel ist; 2) dem Blau-Bade, welches in zwei Theile zerfällt; der erste besteht darin, die Tücher oder die Wolle durch eine lauwarme Auflösung von blausaurem Kali hindurchzunehmen; der zweite hat zum Zwek, das Eisenoxyd vollständig mit Blausäure zu sättigen, deren Auflösung anfangs lauwarm, allmählich bis zum Kochen erhizt werden muß. Auf diese beiden Hauptoperationen, durch welche der Färbestoff auf eine solide Weise auf die Wolle befestigt wird, folgt das Walken mit Seife, wodurch der Wollenzeug von den Berlinerblautheilen gereinigt werden soll, welche nur mechanisch in ihm vorhanden sind. Auf diese Operation folgt endlich das Schönen, welches für Dunkelblau, sich gewöhnlich auf ein kaltes Bad von ammoniakalischem Wasser beschränkt, und für die hellen Nüancen, auf ein kochendes Bad mit Weinsteinsäure. Auf jede dieser Operationen, nämlich das Rost-Bad, das Blau-Bad, und bisweilen auch auf das Schönungs-Bad, muß ein Auswaschen in fließendem Wasser folgen.

|65|

Dieses ist mit wenigen Worten der Inhalt des Vorhergehenden. Dieses Färbeverfahren ist zwar weniger einfach, als dasjenige, welches man bei dem Indigo befolgt, wenn man aber an die beständigen und kleinlichen Sorgen denkt, welche die Unterhaltung einer Waidküpe erheischt, an die häufigen Krankheiten, denen sie ausgesezt ist, und welche oft die geschiktesten Färber irre führen; wenn man andererseits die geringen Kosten des Färbens mit Berlinerblau in Anschlag bringen will; wenn man auch die große Schönheit der hellen Nüancen berücksichtigt, welchen sich der Indigo nicht nähern kann, so wird man es vielleicht nicht für zu gewagt halten, wenn ich die Hoffnung hege, das Berlinerblau werde dereinst ganz den Indigo in unseren Tuchmanufakturen ersezen32). Ohne Zweifel wird eine solche Revolution nicht schnell eintreten. Die Routine faßt tiefe Wurzeln, welche nur Zeit und Erfahrung auszurotten vermögen. Die Consumenten blauer Tücher werden noch lange Zeit das Berlinerblau so prüfen wollen, wie sie den Indigo prüfen, in der Ueberzeugung das Blau sey nicht gut gefärbt, wenn es nicht der concentrirten Schwefelsäure widersteht. Man wird Mühe haben, ihnen begreiflich zu machen, daß eine Farbe auf Tuch nur dem Wasser, der Luft, der Sonne und dem Reiben zu widerstehen nöthig hat, um eben so brauchbar zu seyn, wie diejenige, welche durch eine concentrirte Säure oder ein caustisches Alkali nicht angegriffen wird, weil die Tücher nie anders als zufällig solchen Proben ausgesezt werden.

Indeß haben die Wissenschaften, indem sie sich in Frankreich – Dank sey es dem Eifer und den Bemühungen der gelehrten Gesellschaften – gewisser Maßen popularisiren, allenthalben den Geschmak an Untersuchungen und Verbesserungen verbreitet, so daß man heut zu Tage die Industrie nur aufmerksam zu machen braucht, damit sie sich beeilt, die Entdekungen, welche man ihr bezeichnet, zu benüzen.

Das Verfahren, welches ich hiemit in Vorschlag bringe, hat, wie ich gestehen muß, kein großes Erfindungs-Verdienst; es fußt aus dasjenige meines Vaters, welchem die Ehre davon mehr als mir gebührt, weil er allein den einzuschlagenden Gang vorgezeichnet hat, indem er zuerst zeigte, wie man Berlinerblau von allen Nüancen auf den Garnen oder Geweben, womit man es verbinden will, hervorbringen kann. Dessenungeachtet, und so gering auch der Antheil |66| der Ehre, welcher mir wird beigelegt werden können, seyn mag, werde ich mich dennoch glüklich schäzen, wenn es mir durch die Ausdauer bei meinen schwierigen Untersuchungen gelungen ist, eine der glänzendsten Entdekungen zu ergänzen, welche in der neueren Zeit in der Färberei gemacht wurden, und so meinen schwachen Tribut meinem Vaterlande zu bezahlen, indem ich dazu beitrug, es von der Steuer zu befreien, die es den Fremden für die Einführung einer ausländischen Substanz bezahlt.

|45|

Das Färben der Leinen- und Baumwollengespinste und Gewebe mittelst eisenblausaurem Kali war schon 1798 vielen Fabrikanten bekannt. In dem Jahre 1799 kamen solche gefärbte Baumwollendrukwaaren aus England nach Augsburg, deren Nachahmung wir mit dem Coloristen Herrn Mayer aus Wien, damals in der Schöppler- und Hartmann'schen Kattunfabrike dahier ermittelten. Hr. Meyer theilte hierauf das Verfahren in den Jahren 1801 und 1802 mehreren auswärtigen Fabrikanten mit. Verdienste um dieses Farbeverfahren haben die Vorgänger Macquer, Scheffer, Rinnmann und Winterl. Lezterer gab im Jahre 1790 eine Schrift hierüber heraus, welche den Titel führt: Die Kunst Blutlauge und mehrere für Maufarbe dienliche Materialien im Großen zu bereiten und solche zur Blaufärberei anzuwenden. Wien, Gräffer und Comp.

A. d. R.

|45|

Wir haben unsern Färbe-Prozeß schon im Jahre 1824, wie wir in der unten folgenden Abhandlung nachweisen, auf die möglichst zu erreichende Vollständigkeit gebracht.

A. d. R.

|46|

Wir betrachten das Berlinerblau als cyanwasserstoffsaures Eisen.

A. d. O.

|47|

Von dieser merkwürdigen Wirkung des Chlors auf die Wolle wird man in den Künsten Vortheil ziehen können: bei dem Schwarzfärben des Tuches und der Filze für Hüte zum Beispiel, wird ein Chlorbad nach dem Walken denselben nicht nur mehr Weichheit und Geschmeidigkeit ertheilen, sondern sie auch vollkommen fähig wachen, sich mit dem Eisenoxyd zu vereinigen, welches die Basis der Schwarzfärberei ausmacht u.s.w. Die Filzfabrikanten werden ebenfalls davon Vortheil ziehen können: man beklagt sich unaufhörlich in den Papierfabriken über die geringe Dauer der Filze, welche man daselbst anwendet. Die Gewebe immer zwischen zwei Blätter Papier gepreßt, verfilzen sich zu stark und verstopfen sich endlich so sehr, daß sie kein Wasser mehr durchsikern lassen. Wahrscheinlich würden sie sich weniger verstopfen und daher viel öfter gebraucht werden können, wenn man mittelst eines Chlorbades an ihnen die Eigenschaft zu verfilzen zerstören würde.

A. d. O.

|48|

100 Liter zu flüssigen Gegenständen, sind 83,3 Berliner Quart oder 54,3 Rheinl. Maaß oder 70,7 Wiener Maaß.

A. d. R.

|48|

100 Kilogramm sind 213,43 Pfund Berliner Handelsgewicht oder 178,56 Pfund Wiener Handelsgewicht; ein Kilogramm enthält 1000 Gramm. und lezteres wiegt 18,82 Gran Apothekergewicht. A. d. R.

|49|

Würde man das Gemenge schon erhizen, ehe man die 260 Kilogr. Eisenvitriol in kleinen Portionen ganz hineingeworfen hat, so würde das Aufbrausen so stark werden, daß man dasselbe unmöglich mehr beherrschen könnte. A. d. O.

|49|

Da ich keine Platinröhre zu meiner Verfügung hatte, so bediente ich mich einer hölzernen Röhre, die fest mit Eisendrath umwunden und äußerlich an dem unteren Theile des Gefäßes, worin ich arbeitete, angebracht war. A. d. O.

|49|

Aus diesem Gemenge entsteht freie Weinsteinsäure und schwefelsaures Kali; von letzterem sezt sich ein Theil auf dem Boden des Gefäßes ab, worin man die Substanzen mengte: man könnte es leicht wegschaffen, aber ich habe nicht bemerkt, daß seine Gegenwart den Färbe-Operationen nachtheilig ist. A. d. O.

|50|

Ich rathe den Hutmachern, Schwarzfärbern, es sey nun für Wolle, Leinen, Seide oder Baumwolle u.s.w., bei ihren Färbe-Operationen diese Auflösung des weinstein-schwefelsauren Eisens an Statt der Auflösung des grünen Vitriols zu gebrauchen, die sie gewöhnlich anwenden. Sie werden dann lebhaftere und sattere Farben erhalten.

Diese Auflösung dient auch besser als die gewöhnliche Auflösung von oxydirtem schwefelsaurem Eisen, um die Baumwolle Raymond-Blau zu färben. Da der Färber sein Rostbad erhizen kann, ohne Gefahr zu laufen, daß es sich trübt (wenn er das befolgt, was ich im Artikel Rostbad sagen werde), so kann er die Baumwolle schnell und auch so vollständig als er will, mit Eisenoxyd beladen, während er sie ohnedieß mehrere Tage in einem kalten Bade behandeln muß.

A. d. O.

|50|

In der ganzen Abhandlung wird bei den Aräometer-Graden die Beaumé'sche Skala vorausgesezt.

A. d. R.

|51|

Der Verfasser bedient sich immer des gewöhnlichen Ausdrukes blausaures Kali (hydrocyanate potasse) an Statt des richtigern eisenblausaures Kali (hydro-ferro-cyanate de potasse.). A. d. R.

|52|

Ich arbeitete nur mit kleinen Mustern.

A. d. O.

|53|

Ich glaubte lange Zeit, daß die Alkalien allein dieses basische Salz zersezen |54| könnten; als ich aber zufällig ein aus dem Rostbad genommenes Tuchmuster eine ganze Nacht lang in kaltem Wasser gelassen hatte, wunderte ich mich den andern Morgen, daß es eben so aussah, als wenn es in einem alkalischen Bade behandelt worden wäre: es hatte sich merklich geröthet. Ich habe mich überzeugt, daß es keine Säure mehr enthielte. Das Wasser allein kann also sogar in der Kälte durch lange Berührung die Zersezung des Körpers bewerkstelligen, welchen wir als basisch schwefelsaures Eisen betrachtet haben. Muß man daraus schließen, daß die Säure nicht in Verbindung mit dem Metalloxyd ist, und ihre Gegenwart in dem Tuch nur der Wirkung der Capillarität angehört? Ohne den Einfluß dieser lezteren Kraft in dem was das Tuch betrifft, zu läugnen, könnte man dieses doch nicht in Bezug auf den Seiden- und Baumwollenfaden annehmen, und eben so wenig bei der Flokwolle, welche alle das nämliche Resultat geben, obgleich in einem weniger auffallenden Grade. Uebrigens ist die Zersezung eines Salzes durch kaltes Wasser keine seltene Sache und ohne über unseren Gegenstand hinauszugehen, finden wir an dem schwefelsauren Eisenoxyd ein Beispiel, dessen Auflösung sich durch Zusaz einer großen Menge Wassers trübt.

A. d. O.

|57|

Man vergleiche die 18. Anmerk. S. 48.

A. d. R.

|59|

Man erhält das flüßige Aezammoniak in den Berlinerblau- und den meisten chemischen Fabriken sehr billig. Eben so ist es in den Apotheken vorräthig zu haben.

A. d. R.

|59|

Ist diese Wirkung, welche das flüchtige Alkali auf das Berlinerblau äußert, das Resultat einer Verbindung und wird das blausaure Eisen ein blausaures Doppelsalz von Eisen und Ammoniak? Diese Meinung ist vielleicht nicht unwahrscheinlich. Man müßte dann auch eine analoge Verbindung zwischen Eisenoxyd und Ammoniak annehmen, worin ersteres die Rolle der Säure spielen würde, denn das Ammoniak wirkt auf das Eisenoxyd allein eben so, wie auf das Berlinerblau: nimmt man nämlich ein Tuchmuster aus dem Rostbad und taucht es in verdünntes Ammoniak, so nimmt es eine Orangefarbe an, welche an der Luft bleibt und die um so deutlicher ist, je dunkler die Rostfarbe ist: dieses scheint in der That anzuzeigen, daß das Ammoniak mit dem Eisenoxyd chemisch verbunden ist.

A. d. O.

|63|

Bekanntlich ist das Stükweise mit Indigo gefärbte Tuch von der Farbe nie ganz durchdrungen, und bleicht sehr schnell auf den Nähten. A. d. O.

|64|

Lange Zeit war sein Curs im Handel 5 bis 3 1/2 Fr. das Kilogr. Es ist nur deßwegen theurer geworden, weil die Consumtion dieses Salzes beträchtlich abgenommen hat, seitdem das Raymondblau auf Seide aus der Mode gekommen ist und mehrere Fabriken deßwegen aufgehört haben, solches in den Handel zu bringen. Höchst wahrscheinlich würde es wieder auf seinen vorigen Curs zurükkommen, wenn continuirlich große Bestellungen dieser Fabrikation einen neuen Schwung geben würden.

A. d. O.

|65|

Man kann das Berlinerblau sehr gut beim Schwarzfärben der Tücher anwenden: zu diesem Ende gibt man zuerst das Rostbad mit dem weinstein-schwefelsauren Eisen, hierauf das Bad mit Gallus und Wau und zulezt das Blausäure-Bad. Man wird es ohne Zweifel mit der Zeit noch dahin bringen, daß man dem auf die Wolle befestigten chromsauren Blei (was mir noch nicht gelang) Glanz ertheilt, und dann wird uns nichts mehr verhindern, ein schöneres und solideres Grün darzustellen, als man mit Wau und Indigo nicht erhält. A. d. O.

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