Titel: Ueber die Industrie zu Mühlhausen und in den nächsten Umgebungen dieser Stadt.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 31, Nr. LXXXXI./Miszelle 1 (S. 319–324)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj031/mi031091_1

Ueber die Industrie zu Mühlhausen und in den nächsten Umgebungen dieser Stadt.

Die vortreffliche Société industrielle de Mulhausen liefert in der 7ten Nummer ihres Bulletin einen Bericht über die am 11. Sept. 1828 in diesem Städtchen gefeierte Industrie-Ausstellung.

So troken und nuzlos Berichte über ähnliche Kunst-Ausstellungen gewöhnlich sind, so müssen wir doch gestehen, daß dieser Bericht für den Freund der Industrie lehrreich, wenigstens weit lehrreicher, als die Berichte über die Industrie-Ausstellung zu Paris und London, ausgefallen ist.

Mühlhausen, das kleine Mühlhausen, das einst eine freie Reichsstadt gewesen ist, seit ungefähr zwei Jahrhunderten eine kleine aristokratische Republik war, die mit Frankreich und mit der Schweiz zugleich in Allianz stand, und dessen einzige universalhistorische Merkwürdigkeit diese war, daß der unsterbliche Lambert in ihren Mauern geboren wurde, war noch vor 70 Jahren kaum dem Namen nach in der Handelswelt bekannt, und ist heute zu Tage eine der berühmtesten Fabrik-Städte Frankreichs.

Zu jener Zeit bestand seine Industrie bloß in der Verfertigung grober Wollentücher, welche besonders von den Landleuten gesucht waren. Es ist sehr wahrscheinlich, daß dieser Industriezweig großen Gewinn brachte, denn ein Theil der Bürger befürchtete, der Reichthum und der Einfluß einiger Fabrikanten möchte sich über alles Verhältniß über die Macht und den Einfluß der anderen Bürger vermehren, und bewirkte beim Magistrate im Jahre 1750 den Erlaß eines Ediktes, welcher die Anzahl der Tücher, welche jährlich aus einer einzigen Werkstätte hervorgehen dürften, auf eine bestimmte Zahl beschränkte. Diese Beschränkung blieb aber ziemlich ohne Wirkung, denn sie wurde sehr häufig übertreten, weil die Geldstrafe, welche man im Betretungsfalle zu bezahlen hatte, in Verhältniß zu dem bei einer ausgedehnten Fabrikation zu erlangenden Vortheile sehr gering war. Tücher, welche lange Zeit den Haupthandel Mühlhausens ausmachten, machen heute zu Tage nur einen kleinen Theil desselben aus, seitdem von dieser Stadt unabhängige Umstände ihre Ausführung sehr vermindert haben, besonders aber seitdem die Kattun-Weberei und Kattun-Drukerei einen so großen Aufschwung nahmen.

In diesem Zustande war die Industrie Mühlhausens, als im Jahre 1746 drei Mühlhäuser, die HHrn. Samuel Köchlin, Johann Jacob Schmaltzer und Johann Heinrich Dollfus eine Kattun-Drukerei errichteten, und so den ersten Grund zum späteren Wohlstande dieser Stadt legten.

Die Ersten, die in der Mitte des 8ten Jahrzehendes des vorigen Jahrhundertes die Kattundrukerei anfingen zu vervollkommnen, waren die HHrn. Oberkampf, Widmer, und J. M. Haußmann, dessen Söhne gegenwärtig in der Nahe von Kolmar eine der schönsten Kattun-Fabriken besizen. Nach und nach brachten und machten andere verdiente Männer neue Erfindungen; Hr. Hartmann brachte den sogenannten Lapis aus England, der erst in dem Hause Nik. Köchlin und Brüder die gehörige Vervollkommnung erhielt. Hr. Dan. Köchlin-Schuch erfand im Jahre 1810 zuerst die Kunst, auf baumwollenen Zeugen einen türkisch-rothen Grund hervorzubringen, was bis auf jene Zeit nur bei Garn geschehen konnte; alsdann erfand er das Verfahren, auf eben diesem Grunde alle sogenannten Schilderfarben wegzuäzen und so elegante und bunte Muster hervorzubringen, die besonders durch ihre Reinheit merkwürdig waren133).

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Kattun-Weberei brachte Hr. Risler vorzüglich in Aufnahme. Man begnügte sich bis zu Anfang dieses Jahrhundertes mit türkischer Baumwolle, die in den Vogesen mit der Hand gesponnen wurde. Erst unter des unsterblichen Kaisers weisem Continental-Systeme wurden Spinn-Mühlen im Elsaß errichtet; erst im J. 1806 zu Wesserling die erste) dann eine im J. 1807 zu Masevaux, zu Mühlhausen im J. 1809 und zu Guebwiller im J. 1810. (In Oesterreich, wo Joseph zum Wohle seiner Unterthanen das so sehr verschriene Continental-System früher befolgte, waren diese Spinnmühlen 10 Jahre früher.)

Napoleon schenkte Mühlhausen die Ehre, mit Manchester und Glasgow in Concurrenz zu treten, und das kleine Mühlhausen mit seinen nächsten Umgebungen (lediglich von Reformrirten bewohnt) hatte bald mehr Industrie, als zehn andere Departemente Frankreichs zusammengenommen: seine Industrie-Produkte haben die der stolzen Insel in den ersten 10 Jahren schon übertroffen.

Allein, so wie mit Napoleon das Einfuhr-Verbot englischer Waaren in Frankreich zu Grunde ging, und Italien und Piemont, wieder von Frankreich getrennt, gleich im Anfange ihrer Trennung mit englischen Waaren überschwemmt, und später in Piemont und Ober-Italien, ganz nach Joseph's und Napoleon's Grundsaze, Einfuhr-Verbot ausländischer Fabrikate wieder hergestellt wurde, erlitt die Industrie des südlichen Elsasses einen Stoß, der ihre Riesenkraft für eine Reihe von Jahren lähmte.

Wir werden nicht Nro. für Nro. alle Industrie-Produkte dieser gewerbfleißigen Stadt, die in dieser lehrreichen Industrie-Aufstellung glänzten, hier aufstellen. Am allerwenigsten können wir bei den Werken der schönen Künste, der Mechanik und Chemie, verweilen, wenn wir auch zu vorzüglichen Ehren dieser achtbaren Gesellschaft bemerken müssen, daß sie uns mehr, als manche Akademie, den magischen Kreis, zu zeichnen und richtig zu berechnen versteht, der die schönen und höheren Künste mit den nüzlichen vereint. Die Gesellschaft scheint mit jenem weisen Römer zu sagen: nisi utile est, quod facimus, stulta est gloria; und manche Akademie scheint heute zu Tage behaupten zu wollen: nisi futile est, quod facimus, stulta est gloria.

N. 1. HHrn. Schlumberger und Rott. Adrianopelroth. Diese Herren sezen jährlich an 15,000 Stüke solcher Kattune ab.

N. 2. HHrn. Dan. Baumgartner und Comp. Höchst feine Perkals und Jaconnats. Diese Herren verfertigen bloß weiße. Waaren und beschäftigen 170 Arbeiter.

N. 5. HHrn. Schmaltzer-Hartmann. Feine Billards-Tücher, zu 30 Franken die Elle; Tuch zum Walzen-Druke etc.

N. 7, 17, 44. HHrn. Casp. Dollfus, Huguenin u. Comp. Türkisch-rother Croise mit Golddruk.

N. 8. HHrn. Mart. Thyß u. Comp. Sehr schöne Wollentücher; vorzüglich leichte, die drapszéphirs. Sie erhielten bereits zwei Mal Medaillen bei den Ausstellungen zu Paris.

N. 9. HHrn. Matth. Mieg u. Sohn. Wollentücher. Ihre Tuchfabrik ist die älteste zu Mühlhausen.

N. 10. HHrn. Dietrich. Eine Tuchfabrik, die sich schnell hebt.

N. 11. HHrn. Rob. Bovet. Kattunfabrik. Sie hat bloß Handstühle in der Gegend von Thann.

N. 12. HHrn. Brüder Katz. Sie erzeugen viel ordinäres Tuch auf Kunststühlen und scheren mit Collier's Maschine.

N. 13. HHrn. Schlumberger. Ihre Spinnmühle liefert ihnen Garn für 800 Stühle, mit welcher sie jährlich an 30,000 Stüke Calicos erzeugen, die sie selbst druken, großen Theils mit Cylindern. Sie beschäftigen 16–1700 Arbeiter. Zwei Drittel ihrer Waaren wird in Frankreich, ein Drittel ungefähr im Auslande abgesezt.

N. 14. Hr. Dav. König. Er verfertigt bloß weiße Baumwollen-Waaren, die vorzüglich nach Paris gehen. Er beschäftigt ungefähr 200 Stühle, die |321| in den nächsten Dörfern zerstreut sind, und erzeugt jährlich an 6000 Stüke.

N. 15. HHrn. Schlumberger-Steiner u. Comp. Sehr schöne Jaconnats, seine Percale, Matapolams-Calicots etc. Ihre Spinnmühle von 7000 Spindeln liefert ihnen täglich über 3 Ztr. Garn, das auf 500 Armstühlen zu ungefähr 300,000 Ellen jährlich verarbeitet wird. Sie beschäftigen an 900 Arbeiter.

N. 16. Hr. Js. Köchlin. Diese Fabrik ist die älteste, und verfertigt sehr schöne Calicots. Sie hat ihre eigene Spinnmühle und 240 Kunst-Stühle. Hr. Js. Köchlin war der Erste, der den Muth hatte, Kunst-Stühle im Großen einzuführen.

N. 18. HHrn. Schlumberger, Grosjean u. Comp. Schöne Percale und Jaconnats. Sie haben 820 Stühle im Gange, und ihre Spinnmühle von 12,000 Spindeln liefert ihnen täglich 630 Pfd. Garn. Sie verfertigen sehr schöne Mousseline mit Atlasstreifen. Alles, was Chemie und Mechanik in ihrem Fache Neues hat, findet sich in ihrer Werkstätte.

N. 20. HHrn. Reber, Mieg u. Comp. Schahle und gedrukte Kattune.

N. 21. HHrn. Nik. Schlumberger u. Cp. Ihre Baumwollen-Spinnerei ist so gut, wie jede englische. Sie wurde während der glänzendsten Epoche Frankreichs, im J. 1810, errichtet, wo kein englisches Garn eingeführt werden durfte. Sie haben ihre eigenen großen Werkstätten, in welchen alles, was zu einer Spinnmühle gehört, verfertigt wird. Ihr Faden, N. 240 Metrique, wurde bisher in Frankreich noch nicht erreicht, viel weniger übertreffen. Zwei Wasserräder und eine Dampf-Maschine geben ihren Spinnmühlen die Kraft von 80 Pferden, die ihre 52,000 Spindeln treiben. 1130 Menschen spinnen und 280 sind mit Verfertigung der zu den Spinnmühlen nöthigen Werkzeuge beschäftigt.

N. 22. Lor. Weber Witwe. Sie verfertigt schöne Siamoises und Saktücher, und sezte viel nach Spanien ab. Der lezte spanische Krieg hat ihr, so wie der Industrie der Elsasser überhaupt, sehr geschadet.

N. 23. HHrn. Nik. Köchlin und Brüder. Sie spinnen auf 26,000 Spindeln mit 6–700 Arbeitern täglich an 7 Ztr. Garn, woraus sie jährlich an 68,000 Stüke gedrukte Waare erzeugen. Sie haben noch nicht viele Kunststühle, schweifen aber auf der Maschine. Ihre Drukerei, vorzüglich durch Entfärbung und Anwendung des Chromes, ist eine der vorzüglichsten.

N. 24. HHrn. Gros, Davillier, Roman u. Comp. Ihre Spinnerei ist eine der ältesten, und ward erst vor Kurzem ganz neu umgeschaffen. Sie weben sehr schönen Baumwollen-Damast und bedienen sich hierzu der Stühle a la Jacquard, die die alte Damast-Weberei gänzlich verdrängen werden.

N. 25. Hr. Köchlin-Ziegler verfertigt und gravirt herrliche Walzen zum Cylinder-Druke. Sein Stich ist weit tiefer als der der Engländer, die gewöhnlich nur mit falschen Farben druken.

N. 26. HHrn. Kestner, Vater und Sohn, zu Thann. Chemiker, die jährlich 30,000 Kilogramm (mehr als 600 Ztr.) Weinsteinsäure erzeugen, „wovon ungefähr die Hälfte nach Baiern und nach der Schweiz geht“ (dont la moitié est environ exportée et achetée principalement par la Baviére et la Suisse); 20,000 Kilogramm Zinnsalz, „das nach eben diesen Ländern geht“ (dont les débouchés sont les mêmes); 20,000 Kilogramm Bleisalz für die Elsasser Fabriken. Sie erzeugen auch brennzelige Holzsäure, essigsaures Eisen etc.

N. 27. HHrn. Scherrer, Zürcher u. Cp. zu Thann. Ihre Drukerei ist eine der vorzüglichsten. Sie druken so schön, als die besten englischen Fabriken. Zwei Dampfmaschinen geben ihren Maschinen die Kraft von 32 Pferden; außer diesen haben sie noch vier Wasserräder. Sie druken auf 120 Tischen und beschäftigen 350 Arbeiter, die 24–25,000 Stüke gedrukter Waare liefern.

N. 28. Hr. Xav. Jourdain u. Comp. Hr. Jourdain hat seine Fabrik selbst mit 100 Kunststühlen versehen, zu deren Bedienung er 50 Arbeiter, Jungen und Mädchen von 12–18 Jahren verwendet. Ein solcher Arbeiter verdient sich an 2 Stühlen, die er besorgt, so viel als Ein Weber auf Einem Handstuhle; |322| 1 1/4–1 1/2 Franken. Ein ganzes Stük Calicot kommt ihm an Arbeitslohn nicht höher als 2 Frank, 85 Cent. Seine Stühle sind sehr einfach und gehen sehr leicht.

N. 29. HHrn. Großheintz und Hartmann. Sie haben ihre eigene Spinnmühle und Fabrik, und erzeugen jährlich an 12,000 Stüke Calicots. Ihre Spinnmühle mit 7000 Spindeln beschäftigt an 120 Arbeiter, und liefert täglich 2 Ztr. 20 Pfd. Garn.

N. 30. Hr. Alex. Franck. Er verfertigt eine neue Waare: Mousseline-Guingham; schöne Halstücher und Matapolams. Er beschäftigt 120 Stühle.

N. 31. Hr. Pet. Kohler; ein Mechaniker von seltenem Talente, der mit sehr schlechten Werkzeugen die zusammengeseztesten Modelle sehr nett zu arbeiten versteht.

N. 33. HHrn. Brüder Risler; Mechaniker, die die für die übrigen Fabriken nöthigen Maschinen verfertigen und vorzüglich schöne Kardätschen. Sie haben seit 4 Jahren bereits 25 Dampfmaschinen verfertigt, die zusammen die Kraft von 340 Pferden betragen, und, seit ihre Fabrik besteht, 56 Spinnmühlen in Frankreich und im Auslande vollständig eingerichtet. In manchem Jahre brauchen sie bis an 700 Arbeiter. Ihre Gießerei ist herrlich eingerichtet. Sie verfertigen auch Kunststühle, und haben deren bisher nicht weniger als 980 geliefert. Die Zahl der von ihnen gelieferten Spindeln zu Spinnmühlen beläuft sich beinahe auf 300,000 Stüke.

N. 34. Hrn. Heilmann's neue Spinnmühle werden wir in einem der nächsten Hefte mittheilen.

N. 35. Hr. Martin Ziegler. Er verfertigt Calicots, Percale, Mousseline und faconnirte Stoffe. Gewöhnlich beschäftigt er 1100 Stühle, in manchem Jahre 1500. Sein Vater, der diese Fabrik im J. 1786 gründete, fand die Baumwollen-Manufaktur noch in ihrer Kindheit. Er mußte die türkische Baumwolle auf die benachbarten Dörfer vertheilen, und wenn er auch Tausende von Weibern und Kindern beschäftigte, so war der tägliche Verdienst eines solchen Arbeiters doch nicht viel über 6–8 Sous. Die Weber waren gleichfalls in den Dörfern vertheilt, und erhielten für ein Stük von 14–15 Ellen 2 1/2 Franken Weberlohn. Seit dieser Zeit stieg der Arbeitslohn ungemein. Vom J. 1808 bis 1813 mußte man 20 Sous für die Elle bezahlen. Gegenwärtig bezahlt man wieder nur 5–6 Franken für ein Stük von 27–28 Ellen. Schon im J. 1805 führte Hr. Ziegler das fliegende Schiffchen (la navette volante) ein, das er bei den Schweizern kennen lernte; allein, die Baumwollen-Manufaktur blieb noch zurük, weil es an Spinnmühlen fehlte. Die Wolle, die im J. 1806 das Pfd. 16 Franken kostete, kommt jezt bei den Spinnmühlen auf 2 Franken. Die rohe amerikanische Baumwolle, die ehevor das Pfd. 7–10 Franken kostete, kommt jezt auf 1 Franken oder 1 Franken 10 Cent., und so sank auch der Preis eines Stükes Calicot, wovon ehevor die Elle 4 1/4–4 1/2 Franken kostete, auf 1 Franken. Man sieht hieraus, wie viel man den Maschinen zu verdanken hat, und wie viel der Akerbau durch die zunehmende Industrie gewinnt. Mit der Nachfrage nach Baumwolle stieg die Cultur derselben, und dadurch, daß mehr Nachfrage nach Baumwolle wurde, und die Cultur derselben daher zunahm, ward die Baumwolle um zehn Mal wohlfeiler.

N. 36. HHrn. Wagner und Schwarz. Die Bandfabrik dieser Herren ist bisher die einzige zu Mühlhausen, und besteht erst seit einem Jahre.

N. 37. HHrn. Andr. Köchlin. Das Gußwerk dieser Herren ist eine ganz ausgezeichnete Anstalt. Sie gießen Stüke von 80 Ztr. Schwere und darüber, und schmelzen in ihren beiden Oefen regelmäßig 20 Ztr. Eisen in Einer Stunde. Ihr Gebläse nach Art einer Archimed'schen Schneke ist ganz vortrefflich. Sie beschäftigen sich vorzüglich mit Verfertigung von Geräthschaften, die zur Baumwollen-Manufaktur nothwendig sind.

N. 38. HHrn. Mantz und Heilmann. Vorzüglich schöne Sak- und Halstücher.

N. 39. HHrn. Dollfus-Mieg u. Comp. Dieses Haus besizt eine sehr große Spinnerei 24,000 Spindeln, die 500 Arbeiter beschäftigen und täglich 6 Ztr. 28 Pf. Garn liefert, das bei Hause verarbeitet wird, und eine verhältnißmäßige Kattun-, Calicot- und Percal-Fabrik. Diese Fabrik webt |323| jezt ein Stük um 2 Franken, das ehevor 5 Franken 60 Ct. Weberlohn kostete. Sie ward unter Napoleon im J. 1812 gegründet, und mußte, da es in Elsaß an Webern fehlte, Weber aus der Schweiz kommen lassen. Sie mußte für ein Stük von 20 Ellen 16 Franken Weberlohn bezahlen, während ihr jezt ein Stük von 28 bis 30 Ellen nur 4 1/2 Franken Weberlohn kostet. Alles zusammen genommen kommt die Elle ihr nur auf 80 Cent. 20 Ellen kommen demnach jezt im Ganzen gerade so hoch, als ehevor das bloße Weberlohn derselben. Dazu mußten aber die Leute, wenn man so sagen darf, erst abgerichtet werden, und das Haus Dollfus-Mieg hat, seit 1812, deren über 10,000 abgerichtet. Sie druken jährlich zwischen 50 und 60,000 Stüke.

N. 40. HHrn. Thierry-Mieg. Diese Herren beschranken sich vorzüglich aus Adrianopel-Roth, das sie vorzüglich schön liefern.

N. 42. Hr. Engelmann, der zu Mühlhausen, wie zu Paris und London, seine Lithographie hat.

N. 43. HHrn. Blech, Fries u. Comp. Dieses alte Haus hat eine Spinnerei von 13,000 Spindeln, eine Drukerei, eine Dampffärberei, und beschäftigt an 2400 Arbeiter.

N. 45. HHrn. Risler und Köchlin. Schöne Schahls und Halsbinden.

N. 46. HHrn. Schlumberger und Dettwiller. Schöne Tücher.

N. 47. Frau Marie Dollfus, Witwe Meyer. Eine Spinnerei von 10,800 Spindeln, die jährlich an 2000 Ztr. Baumwollengarn liefert.

N. 48–55. HHrn. Joh. Zuber u. Comp. Papier-Tapeten-Fabrik. Diese Herren erzeugen gegenwärtig an 90,000 Rollen jährlich, außer 1000 großen Landschaften und 4–5000 einzelnen Gegenständen. Sie ließen mehr als 4000 Platten stechen. In ihrer Fabrik wurden mit Beihülfe ihres Schwagers, des Hrn. Spörlin zu Wien, die sogenannten nuances fonderes gedrukt, die auch in den Kattundrukereien eingeführt wurden. Ihre Tapeten sind so rein und schön, daß sie mit Recht den Namen papiers taille douce verdienen. Diese Herren besizen eine eigene Papier-Mühle, die jährlich 5000 Rieß Papier für ihre Fabrik, 4000 Rieß Schreib- und Drukpapier und 2000 Rieß ordinäres Papier verfertigt. Sie verfertigen auch das feine Papier für Copier-Pressen, das sogenannte Schweizer-Papier für Lithographie und Kupferdruk. Sie haben ferner eine chemische Fabrik zur Farbenbereitung, und verfertigen sehr schönes neutrales und saures chromsaures Kali; Spießglanz- und Soda-Hydrosulfat; essigsaures Kupfer und Kalk. Sie haben buchstäblich das ganze Chrombergwerk im Departement du Var erschöpft, und ließen dann Chrom aus Nordamerika kommen. Seit dieser Zeit verfertigen sie jährlich zwischen 40–60 Ztr. chromsaures Kali. Sie könnten noch mehr erzeugen, wenn das Ministerium sie für die Salpeter-Accise bei der Ausfuhr entschädigen würde, indem sie dann das Kilogramm um 5 Franken wohlfeiler geben könnten.

N. 49. HHrn. Ferguson und Bornégue. Sie besizen eine Spinnerei von 5000 Spindeln.

N. 50. Hr. Ferd. Heilmann gravirt Walzen zum Walzendruke ungemein schön und richtig. Er besizt zu seiner Arbeit eine eigene Maschine, die hier etwas undeutlich beschrieben ist. Wir wissen nicht, ob es die Maschine der HHrn. Chapman, Jopling etc. ist, mit welcher diese die Wunderwerke drechseln, die man zuweilen im Mechanics' Magazine abgebildet findet, und die in der Model-Schneiderei eine Revolution hervorbrachten.

N. 51. Hr. Studer, Mechaniker, stellte eine Schnellwage aus, die ganz nach den Grundsäzen der Wage des Hrn. Quintenz eingerichtet ist, und die er früher verfertigte, als Hr. Quintenz die seinige in den Handel brachte.

N. 57. HHrn. Heilmann, Vater und Sohn. Sie verfertigen Kunststühle, die weit einfacher sind, als die englischen, und nur 350 Franken kosten. Diese Stühle sind unter dem Namen Elsässer Stühle bekannt, und sind älter als jene von Débergue.

N. 58. HHrn. Humbert und Borel, Metall-Gießer. Sie beschäftigen sich vorzüglich mit Walzenguß.

N. 59. Hrn. Neisser's Spar-Ofen, der sehr gelobt wird.

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Wir sehen also hier aus einem Städtchen, das vor zwei Generationen kaum dem Namen nach bekannt war, einen Fabrikort hervorgehen, der, bloß nach fragmentarischen Angaben, über 12,000 Arbeiter beschäftigt, über 300,000 Stük Waaren erzeugt, über 5000 Weberstühle im Gange hält. Alles dieß entstand mitten unter den Schreknissen einer Revolution, und mitten unter einem verderblichen 20jährigen Kriege, der mit dem Untergange des Reiches sich endete, dem dieses Städtchen angehört; entstand unter der Leitung eines Mannes, der weise genug war, einzusehen, daß Frankreich dasjenige nicht soll aus England und der Schweiz kommen lassen, was in Frankreich selbst erzeugt werden kann; der also Einfuhr aus dem Auslande auf das Strengste verbot, und dadurch theils Engländer und Schweizer nöthigte, ihre Fabriken nach Frankreich überzutragen, theils die französischen Capitalisten ermunterte, ihr Geld auf Fabriken zu verwenden. So entstanden unter Napoleon's weisem Einfuhr-Verbote nicht bloß der größte Theil der hier angeführten Fabriken, sondern der größte Theil der gegenwärtig noch in Frankreich vorhandenen. Als das „beweinenswerthe“ Ministerium, schelsüchtig auf den zunehmenden Wohlstand der Bürger, der theils aus dem Gelds hervorging, das nun in Frankreich blieb, während es, ehevor nach England zog, die kräftigen durchgreifenden Maßregeln Napoleon's in halbe Maßregeln verwandelte, sank die französische Industrie bis zu einer Tiefe, die ihrem Einsturz drohte. Wir wissen, welche Erschütterungen das gute Mühlhausen erlitten hat.

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Wir haben gleichzeitlich diesen Industriezweig ins Leben gerufen und ihn in |320| unseren Augsburger Fabriken eingeführt (Bancrofts Färbebuch Bd. II. S. 438 und 472.), wo er bis jezt noch, nach weiteren Vervollkommnungen dieser HHrn. Fabrikanten, einen Hauptzweig der Fabrikation ausmacht.

A. d. R.

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