Titel: Die Brüsseler Bäker nehmen blauen Vitriol zu ihrem Brote.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 31, Nr. LXXXXI./Miszelle 6 (S. 325–326)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj031/mi031091_6

Die Brüsseler Bäker nehmen blauen Vitriol zu ihrem Brote.

Die königl. niederländische Regierung fand sich gedrungen durch eine eigene Ordonnance den Bäkern zu Brüssel unter Strafe des Gefängnisses und der Einziehung des Gewerbes zu verbieten, blauen Vitriol bei dem Brotbaken zu gebrauchen, indem die schädlichen Wirkungen hiervon sich an mehreren Einwohnern Brüssels deutlich zeigten. (Galignani Messenger. N. 4. 310.)134)

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Es wäre wahrhaftig wieder nöthig, daß ein Howard Europa durchreiste, der bei allen Bäkern der Städte, durch die ihn sein Weg führt, Brot kauft, und Qualität und Quantität desselben aufzeichnet. (Bekanntlich war dieß das Geschäft jenes großen Menschenfreundes, Howard, der die Gefängnisse in Europa bereiste, und zuerst auf eine Notwendigkeit der Verbesserung derselben aufmerksam machte. Bei der Redaction seiner Notate über das Brot überraschte ihn der Tod in der Krimm.) Es ist unglaublich, wie schlecht die Bäkerei in vielen Ländern, namentlich in England, Frankreich, in den Niederlanden und im nördlichen Deutschlande bestellt ist. Man kann sagen, daß man nur in der Schweiz, im ehemaligen Salzburg'schen, in Ober-Oesterreich, in Wien und Ungarn zumal in Debreczin, dann in der Türkei, gutes, schmakhaftes und gesundes Brot findet. Die französische Akademie hat trefflich, Parmentier unsterblich über die Kunst des Brotbakens geschrieben; aber die Franzosen können kein Brot baken. Sie konnten sich an dem österreichischen, an dem ungarischen Brote nicht satt essen. C'ut du gâteau! riefen sie aus. Das schmekt wie Kuchen! Ein Oesterreicher kann das französische Brot kaum hinabwürgen, und mit dem englischen Ziegelstein-Brote ergeht es ihm noch schlechter. Es ist unglaublich, daß der menschliche Geist sich soweit sollte verirren können, daß er ein solches Gift, wie blauer Vitriol, zum |326| Brotbaken sollte verwenden wollen. Wahrscheinlich ist bei dem Berichte über die Natur des Kupfers im Brüsseler Brote ein Irrthum unterlaufen. Es war allerdings Kupfer im Brote, aber kein schwefelsaures, sondern essigsaures. Der Baker hat es nicht absichtlich zum Brote genommen, sondern es ist durch seine Nachlässigkeit und Unreinlichkeit in das Brot gekommen. Die Bäker in den Niederlanden haben, wie die englischen Bäker, kupferne Geschirre statt der in Deutschland üblichen hölzernen, und durch diese kupfernen Geschirre kommt bei dem Gährungs-Prozesse des Teiges in der Bäkerstube sehr leicht Kupfer, kohlensaures und essigsaures, in das Brot, zumal wenn man so unreinlich ist, wie der katholische Brabanter und Flamänder es gewöhnlich ist, bei welchem Schweinerei aller Art eben so zur zweiten Natur geworden ist, wie bei dem protestantischen Holländer die höchste Reinlichkeit. Aber selbst bei dieser wird der Gebrauch des Kupfers in Bäkerstuben immer gefährlich und schädlich; denn wenn man Brotteig auch auf der reinsten Kupferplatte knetet, oder stehen läßt, so wird der Teig immer einen Kupfergeruch und Kupfergeschmak erhalten, der auf eine feine Zunge und auf einen empfindlichen Magen immer nachtheilig wirken wird, auch Kupfergehalt durch Reagentien zeigen wird. Einen deutlichen Beweis, wie sehr die Koch- und Bakkunst in London selbst noch zurük ist, lieferten wieder die lezten Weihnachten, wo man für die Armen nach uraltem Herkommen einen Budding von 1306 1/2 Pf. verfertigte, zu welchem (nach dem Standard, Galignani N. 4341) 475 Pfd. Mehl, 144 Pfd. Fett, 300 Pfd. Weinbeeren, 44 Pfd. Zuker, 3 Pfd. Ingwer, 2 1/2 Pfd. Gewürznelken, 160 Quart Milch und 11 Quart starkes Bier kamen. Was kann aus einem solchen Bazen werden! Dieß war die Spende für 7–800 Arme. Sie kostete 23 Pfd. Sterl. oder 276 Fl. Wie kann man zu einer Zeit, wo der Arme zu London auf der Straße buchstäblich verhungerte, eine so alberne Spende an Arme machen. Um wieviel weiser, als die Gemeinde von Lambeth, handelte Baron Honywood, der den Armen auf seinen zwei Gütern zu Elmsted und Waltham ein Weihnachtsgeschenk von zwei fetten Ochsen und einigen Wagen voll Brot, und Carl Thannet, der dasselbe Weihnachtsgeschenk seinen armen Unterthanen machte! Auch der König ließ an 800 Arme zu London zu Weihnachten Fleisch und Brot ertheilen. Dafür regalirte aber, zum Christtage ein anderer englischer Herr sich und 51 Gaste an seiner Tafel mit einem Baron-Beefsteak, einem Schweinshaupte und mit einer Pastete, an welcher vier Bedienten zu tragen hatten. Da dieß eine alt englische Mahlzeit seyn sollte, so durfte kein Wein auf den Tisch, und die Gaste bekamen nur starkes Weizenbier (Strongale) und Schnapps.

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