Titel: Ueber das neu zu entwerfende Mauth-Tarif in Frankreich.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 31, Nr. CXI./Miszelle 24 (S. 394–395)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj031/mi031111_24

Ueber das neu zu entwerfende Mauth-Tarif in Frankreich.

Der Recueil industriel enthält in seinem Januar-Hefte, G. 49. die Rede, welche der Hr. Minister des Handels bei Eröffnung der Sizungen der hierzu berufenen Commission hielt. Es ergeht den Lesern, wie den Zuhörern bei dieser Rede; wenn sie damit an's Ende gekommen sind, so wissen sie nicht, woran sie sind; das einzige Gute, was bei dieser Commission vorläufig geschah, ist, daß die angesehensten Fabrikanten und Kaufleute der berühmtesten Fabrik- und Handlungs-Städte Frankreichs zu dieser Commission gewählt wurden, so daß man in dem hier gegebenen Verzeichnisse gleichsam die Elite der Fabrik-Männer Frankreichs vor sich sieht. Mehrere derselben, die in ihren Städten zu Präsidenten gewählt wurden, haben aber, wahrscheinlich in dem Vorgefühle, daß aus allen diesen hundertfältigen Berathschlagungen nichts hervorgehen wird, es für gut gefunden, für diese Ehre zu danken.

Die meisten Fabrikanten und auch die solidesten Handlungshäuser theilen mit uns die Ansicht, daß Mauthen, als halbe Maßregeln eine der am schlechtesten berechneten Finanz-Quellen für den Staat sind, der nur zu erlauben und nur zu verbieten hat. Ist Erlaubniß oder Verbot ausgesprochen, so weiß jeder, woran er ist; Niemand weiß es aber, wenn Mauth-Tarife mit jedem Jahrzehnde wechseln und die solidesten Fabrik- und Handelshäuser dadurch in ihren Grundfesten erschüttert werden. Wie lang wird es hergehen, bis wir in Europa zu jener praktischen finanziellen Weisheit kommen, zu welcher man im Oriente, wo die Cultur um Jahrtausende älter ist, als in Europa, schon vor Jahrtausenden gekommen ist; wo man die sogenannten indirecten Abgaben, diese verderblichen halben Maßregeln, schon vor Jahrtausenden abgeschafft, und dafür bloß Eine directe Steuer, die Kopfsteuer eingeführt hat. Unsere philanthropischen Finanz-Männer erschreken schon über dem bloßen Worte Kopfsteuer, und fahren mit beiden Händen automatisch nach ihrem Kopfe, wenn sie nur das Wort Kopfsteuer hören. Sie scheinen nicht zu wissen, oder vergessen zu haben, daß in jenen Ländern, in welchen die Kopfsteuer die einzige Steuer ist, im Oriente, in jenen Ländern, die sie als von Despotismus beherrscht verschreien, der Mensch ohne Vergleich weniger bezahlt, als in den konstitutionellen Staaten. Der freie constitutionelle Engländer zahlt zwanzig Mal so viel, als der türkische Unterthan, der, hat er seine Kopfsteuer entrichtet, thun, machen und treiben kann, was er will, insofern er innerhalb der Schranken des Gesezes bleibt. Kein kluger Mensch auf Erden wird darüber klagen, daß er Steuer bezahlen muß; so wie kein kluger |395| darüber klagen wird, daß er sterben muß. Darüber darf aber jeder seufzen, daß zwei Drittel und mehr noch von demjenigen, was er bezahlt, nicht in die Hände desjenigen kommt, dem er es bezahlt; darüber darf jeder seufzen, daß es uns unsere Finanzmänner in ihrer Staats-Weisheit dahin gebracht haben, daß man für das Glük, dem Fürsten selbst nur eine kleine Steuer zahlen zu dürfen, ihnen eine fünf oder sechs Mal größere Steuer zahlen muß. Man sehe nur die Budgets unserer constitutionellen Staaten durch. Der Fürst ist kümmerlich bedacht, und das Land erliegt unter Steuern! Die Reception der Steuern, das Heer der Beamten verschlingt 4/5 oft 6/5 der Staats-Einnahmen. Man rechne nur die täglichen Abgaben, die eine Familie aus dem Mittelstande für ihre ersten Bedürfnisse: Fleisch, Mehl, Salz, Bier oder Wein, Talg, Colonial-Waaren, Kleidungsstüke, nebst den direkten Steuern bezahlen muß, und man wird finden, daß in der Summe der Steuer-Einnahme im Budget kaum die Hälfte der wirklich geleisteten Abgaben vorkommt. Man rechne nach, wenn man zweifelt. Wenn man in einem Staate von drei Millionen Menschen 50 Millionen Einnahme findet, und diese einzig und allein als Steuer-Revenue betrachtet, so wird man diese Summe durch eine Kopfsteuer von 10 Fl. per Kopf hinlänglich gedekt finden. Nun zahlt aber, wenn man im Durchschnitte auf Einen Kopf täglich nur eine Maaß Bier (z.B. in Bayern) rechnet, ein Individuum schon am Bier allein 6 Fl. des Jahres! Da so viele Menschen in Bayern täglich 2–3, mehrere 4–5 Maaß, viele noch mehr trinken, so wird man obigen Durchschnitt nicht übertrieben finden. Wo kommen nun noch die übrigen directen und indirekten Steuern hin? Jeder Familienvater wäre glüklich, wenn er sich mit 10 Fl. per Kopf für seine Familie abkaufen könnte! Würden aber die 30 Millionen Steuern so im Volke vertheilt, daß Individuen, die 50,000, 40,000, 30,000 u.s.f. bis auf 1000 und bis auf 30 Fl. jährliches Einkommen haben, in einem gehörigen Stufen-Verhältnisse zur Kopfsteuer stünden, so würde der Reiche eben so viel gewinnen, als der Arme, und der Staat gewänne in eben diesem Verhältnisse, als er glükliche Unterthanen haben würde, als Akerbau, Industrie und Handel mit einem Male entfesselt würde, noch weit mehr.

Einige Ausschüsse der Tarifs-Commission fingen ihre Arbeiten damit an, daß sie ihre Stimme gegen die Weintranksteuer, gegen die Tabakregie, gegen Einfuhr gewisser Waaren aus Deutschland etc. erhoben. Alle diese Stimmen sind Stimmen der Schreienden in der Wüste bei unseren heutigen Finanz-Systemen. Was die Tabak-Regie betrifft, so müssen wir gestehen, daß wir es nicht für Frank reich räthlich finden, daß es Tabak baue, während es Colonien besizt; für Frankreich, daß nicht Brot genug für seine Einwohner, nicht Heu genug für seine Stallthiere, nicht Holz genug für seine Küchen hat. Wenn Frankreich seine Tabak-Regie nach dem weisen Systeme Preußens einrichten würde, würde es glüklich genug seyn; und noch glüklicher würde Oesterreich bei dem preußischen Tabak-Systeme seyn; sein Ungarn würde ein Virginien für ihn, für Europa werden, und alle übrigen europäischen Staaten, die keine Colonien besizen, würden den herrlichen ungrischen Tabak, der dem türkischen und persischen so nahe kommt, aus Oesterreich beziehen.

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