Titel: Wie das Genie und der Fleiß der englischen Künstler zu schüzen ist, und über den wahren Werth des Patent-Wesens.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 31, Nr. CXI./Miszelle 3 (S. 387–388)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj031/mi031111_3

Wie das Genie und der Fleiß der englischen Künstler zu schüzen ist, und über den wahren Werth des Patent-Wesens.

Wir heben aus einem Aufsaze über diesen Gegenstand in dem London Journal of Arts, October, 1828, S. 1. nur folgende Stelle aus, indem das Uebrige so ziemlich der Gemeinplaz ist.

„Das Genie der Mechaniker bedarf eines anderen Schuzes, als derjenige nicht ist, den die Kanzelei-Patente gewähren können.“

„Der Druk und, zugleich mit demselben, die Schwäche und Ohnmacht unseres Patent-Systemes übersteigt alle Berechnung. Wenn man auf Menschenrecht und auf die gerechten Ansprüche eines jeden einzelnen Individuums Rüksicht nimmt, so ist unser Patent-System nichts anderes, als ein Raub-System und ein System der Erpressung zugleich. Ja was noch schlechter an diesem Systeme ist, es stürzt den Patent-Träger in die reinste Unsicherheit seines Eigenthumes, und läßt ihn in einer herzzerreißenden Ungewißheit, nachdem er sich herbeigelassen hat, ein ausschließendes Recht mit ungeheueren Kosten zu kaufen; ein Recht, das ihn unfehlbar zu Grunde richten würde, wenn er es behaupten wollte.“

„In Hinsicht auf das Publicum drükt dieses gottlose System wie ein scheußlicher Alp auf jedes Talent, jede Kraft, auf alle Industrie und auf jede Unternehmung der Tausende und Hunderttausende, die die geistige, mechanische und arbeitende Stärke der großen menschlichen Gesellschaft bilden.“

„Als Finanz-Quelle betrachtet, gibt es auch nicht einen einzigen Zweig, nicht eine einzige Art, Fleiß und Arbeit des Volkes zu besteuern, die dem Staate weniger vorteilhaft wäre, als diese Menge von Taxen und Sporteln (so ungeheuer groß sie auch sind), welche man dafür bezahlen muß, daß man seine Bitte einreichen darf; daß man seine Erfindung beschwören darf; daß man endlich das große Siegel unter sein Patent als Schuz und Schirm für sein Eigenthum, für seine Erfindung erhält.“

„Vergebens erweitert Wissenschaft die Bahn des menschlichen Geistes; vergebens sehnt sich Erfindung nach dem Augenblike, wo sie demjenigen, der sie besizt, alle die Vortheile gewähren kann, auf die er ausschließlich Anspruch hat; vergebens harrt der geduldige Kunstfleiß vereint mit dem Talente auf die Tage, in welchen bilde ihre Verbesserungen mit Erfolg und Sicherheit vollenden werden: das liegt nicht in ihrem Bereiche.“

„Man muß drei-, beinahe vierhundert, Pfund Sterling unter zahllosen Rubriken loser Taxen und Sporteln bezahlen, ehe man für seine Erfindung Schuz in England, Schottland und Ireland erhält. Soll ich erst noch beweisen, daß dieß ein unübersteigliches Bollwerk gegen alle Fortschritte des Genies ist?“

„Man wird nur wenige Individuen finden, die einem armen Projectanten die nöthige Summe zu dem ungeheueren Vorschusse lehnen, welche ein Patent kostet, ohne daß diese Creditoren sich die genaueste Kenntniß und Einsicht über die Art der Erfindung oder Verbesserung vorläufig verschafft hätten; diese Einsicht anderen mitzutheilen, ist aber eine gefährliche Sache, und war nur zu oft schon |388| mit dem Verluste der Erfindung selbst verbunden. Auf diese Weise gehen Tausende von Erfindungen mit ihrem Erfinder zu Grabe, und die Fortschritte der Künste und Gewerbe werden dadurch unendlich erschwert; Talente und Genies' bleiben ohne die nöthige Unterstüzung; die Kraft, die Industrie, die Thätigkeit des Landes wird in eben diesem Verhältnisse erdrükt, und zulezt geht die Einnahme des Staates, die auf andere Weise mit wechselseitigem Vortheile für die Regierung und für das Land erhoben werden könnte, für die Finanz-Kammer für immer verloren.“

„Und wozu soll am Ende diese ungeheuere Masse gränzenlosen Elendes und Drukes führen? – In die Tasche einiger Schreiber, einiger Ministerial-Röthe, die sich für ihren bekannten Müssiggang so theuer als möglich bezahlen lassen. Ein staatswirthschaftliches System, das in den elendesten Zeiten entstand, die über England kamen, das eine Ausgeburt der unglüklichsten Periode unserer Geschichte ist, in welcher nur ungerechte Willkür herrschte, ein solches System soll jezt noch durchgeführt werden!“

„Wahrlich es ist hohe Zeit für jede weise und kluge Regierung, alle ihre Kräfte aufzubieten, um ein System der reinsten Thorheit, das nur unbeschreibliches Unheil über das ganze Land bringt, endlich gänzlich zu beseitigen151)

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Wir haben schon öfters in unseren Blättern über das Widerrechtliche des Patent-Wesens in natur- und staatsrechtlicher Hinsicht, sowie über das Thörichte desselben in Bezug auf die Finanzen oder auf die Staatswirthschaft gesprochen. Es freut uns hier einen Engländer, in dessen Lande das unselige Patent-Wesen in der traurigsten Periode der englischen Geschichte zuerst hervortrat, unsere Ansichten theilen zu sehen. In England, wo das Patent-Wesen bereits ein graues Alter erreicht hat, mußten nothwendig die Mängel und Gebrechen desselben zuerst sich zeigen. Indessen machte die blinde Vorliebe für alles Englische die Einwohner des festen Landes zu Nachäffern der Britten. Selbst der alte National-Haß der Franzosen hinderte in den unglüklichen Zeiten der Revolution die Gallier nicht, den Britten nachzuäffen; jene glaubten in den Fehlern von diesen nur Vorzüge, Früchte der vermeintlichen Freiheit der Bewohner Englands zu sehen, die man eilen müßte, nach Frankreich zu verpflanzen. Und so entstand in den Zeiten des Freiheits-Taumels ein Patent-System in Frankreich, das nichts als eine erbärmliche Nachahmung eines an und für sich schlechten Originales ist. Es gibt Krankheiten des Verstandes, die so anstekend sind, als gewisse Krankheiten des Körpers; und so verbreitete sich die Kräze des englischen Patent-Wesens nach und nach über mehrere Staaten des festen Landes, Preußen litt am wenigsten von dieser Anstekung. Es steht nicht zu erwarten, daß die englische Regierung, die jede Reform verschmäht, ihr Patent-Wesen aufgeben wird. Lorsque la sotise est faite, il faut la soutenir; ist eine alte Maxime bei der Bureaukratie. Es wäre aber sehr zu wünschen, daß in denjenigen Staaten, in welchen die Kräze des Patent-Wesens noch ganz jung, erst durch frische Anstekung entstanden und noch nicht so tief eingewurzelt und veraltet ist, wie in England, wo der ganze Körper bereits daran leidet und dahin siecht, bei Zeiten dieses Uebel wieder ausgetilgt würde, ehe es in ein chronisches Leiden und in wahre Schwindsucht und Auszehrung aller Industrie übergeht.

A. d. U.

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