Titel: Englische Steuer-Einnehmers-Kniffe.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 31, Nr. CXI./Miszelle 36 (S. 399–400)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj031/mi031111_36

Englische Steuer-Einnehmers-Kniffe.

Vor einigen Wochen kam ein eleganter Herr in eine Apotheke zu London, und verlangte Riechwasser. Man gab es ihm in einem Flaschchen mit eingeriebenem gläsernem Stöpsel. Der Stöpsel war ihm nicht gut genug; er wollte einen mit einem silbernen Kappchen. Man hatte keines. Er drang darauf, daß man bei einem Glaswaaren-Händler ein solches Flaschchen holen lasse. Der Apotheker war so gefällig eines kommen zu lassen, rechnete den Werth des Flaschchens, das er holen ließ, zu dem Werthe des Riechwassers, der elegante Herr bezahlte die verlangte Summe und ging fort. In wenigen Stunden kommt eine Einladung an den Apotheker, 50 Pfd. Sterl. (600 Fl.) Strafe zu bezahlen, weil er einen mit Silber beschlagenen Gegenstand verkaufte. Es besteht nämlich in England das Gesez, daß jeder, der etwas, das mit Silber oder Gold beschlagen ist, verkaufen will, einen Erlaubnißschein hierzu lösen muß, der jährlich 50 Shill. (30 Fl.) kostet. Dieser elegante Herr hat an demselben Tage in mehreren Apotheken des westlichen Theiles der Stadt London dasselbe Kunststük aufgeführt. – Ein anderer Mann kam wieder in eine Apotheke und verlangte ein Quentchen kohlensaures Soda-Pulver. Man gibt es ihm. Er wird auf der Stelle so unwohl, daß er bitten muß, man möchte ihm schnell die Hälfte dieses Pulvers in Wasser auflösen. Man kommt dem Halbohnmächtigen damit zu Hülfe; er trinkt ein halbes Glas Soda-Wasser. Es wird ihm besser. Er bezahlt den Liebesdienst und geht. In wenigen Stunden kommt an den Apotheker die Aufforderung sich vor Gericht zu stellen, weil er Soda-Wasser verkaufte, dessen Verkauf wegen der Seifen-Steuer, höchst verpönt ist. Es sollen wieder 50 Pfd. Sterl. bezahlt werden. – Wollte der Apotheker eine Klage gegen diese Behandlung führen, so würde er, wenn er den Prozeß verliert, – und er verliert ihn ganz gewiß – 100 bis 200 Pfd. Sterling an höherer Strafe und Prozeß-Kosten zu bezahlen haben. Es bleibt dem Betheiligten daher nichts anderes übrig, als sich so gut wie möglich abzufinden. Die Steuer-Beamten sind so gefällig 10 bis 12 Pfd. Sterl. statt der 50 Pfd. zu nehmen, und den Gewinn solcher Strafen unter sich zu theilen. Diejenigen, welche den gutmüthigen, leichtgläubigen Gewerbsmann auf diese Weise |400| unglüklich machen, sind unter dem Amts-Namen, Informers bekannt. Sie machen unendlich viele Menschen unglüklich, und werden dabei steinreich. Ein solcher Informer bereist jezt ganz England in einer herrlichen Equipage und mit prassender Familie. (Times Galignani. N. 4314)

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