Titel: Der Nautical-Almanac.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 32, Nr. X./Miszelle 3 (S. 71–72)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj032/mi032010_3

Der Nautical-Almanac.

Schon seit mehr denn 20 Jahren haben die Astronomen des festen Landes sich über das Ungeheuer astronomischer Charlatanerie, das unter dem Titel Nautical Almanac jährlich von der Admiralität in England herausgegeben wird, lustig gemacht, und es ward und ist ihnen noch unbegreiflich, wie der erste See-Staat des Erdballes sich einer solchen astronomischen Mißgeburt vor der Welt nicht schämen, und jährlich den alten Popanz wieder zu Markte bringen kann.

Endlich und endlich ist selbst ein Engländer, ein Mitglied der Roy. Soc., Hr. Franz Bailly über diese „Schande Englands“ erwacht, und hat in einer, nur 24 Seiten starken Broschüre unter dem Titel „Farther Remarks on the present defective State of the nautical Almanac; to which is added an Account of the New Astronomical Ephemeris, pubblished at Berlin. Extracted from the Appendix to Astronomical Tables and Formulae. By Franc Baillt, F. R. S. and 8 Lond. 1829 January“ herausgegeben, in welcher er dem nun sanft seligen Board of Longitude und der Admiralität die eiserne Larve gelehrter Unverschämtheit (mit welcher so viele über gut besoldete gelehrte Corporationen ihre hohlen Köpfe zu bepanzern wissen) abgezogen hat. Hr. Bailly nennt den Nautical Almanac, mit Hrn. Croker, dem Sekretäre der Admiralität das Non plus ultra eines schlechten Machwerkes, mit dessen Schande der nun aufgehobene Board of Longitude England bedekt hat. Das Honorar, das die Sine-Curestellen am Board of Longitude bezogen haben, haben indessen die Schreiber sich beigelegt. Wie sehr in England jezt Astronomie vernachlässigt wird, erhellt aus dem Umstande allein, daß auf einer der berühmtesten Universitäten Englands, zu Edinburgh die Lehrkanzel der Astronomie schon seit langer Zeit unbesezt geblieben ist, obgleich verdiente Astronomen sich bisher um dieselbe bewarben. Wir übergehen hier die Aufzählung der Mängel des Nautical Almanac, die Hr. Bailly aufführt, und die jedem Hamburger Midshipman nur zu einleuchtend sind, und fügen bloß zwei Bemerkungen desselben bei.

Die eine ist, „daß die amerikanischen Buchhändler, die Mängel des Nautical Almanac nur zu wohl fühlend, diesen durch deutsche Astronomen corrigiren lassen. Die Folge davon ist, daß eine einzige amerikanische Buchhandlung von ihrem verbesserten Nautical Almanac über 12,000 Exemplare absezt, |72| während der gesammte Absaz des Nautical Almanac in England nie über 7000 Exemplare betrug.“

„Die neuen Berliner astronomischen Ephemeriden von Hrn. Encke müssen jeden Engländer, der sein Vaterland ehrt, mit Schmerz erfüllen) denn sie machen England zu Schanden. (put England tho shame.) Preußen, einer der kleinsten See-Staaten Europens, hat der Schifffahrt und der nautischen Astronomie einen Dienst erwiesen, den man bisher vergebens von der „Beherrscherin der Meere“ erwartete. Der englische Seemann ward von seinem Schiksale verdammt, den sichersten Wegweiser auf dem Labyrinthe des Oceans einem Volke zu verdanken, dessen Flagge bisher noch kaum über seine eigene unbekannten Ufer hinaus geweht hat. Er wird so lang in dieser traurigen Lage bleiben müssen, bis die englische Regierung besser für ihn sorgt; bis sie ihm wenigstens erlaubt, selbst für sich zu sorgen.“

Der Nautical Almanac ist nämlich ein „privilegirtes Ding“ der Admiralität, das Niemand schlechter machen kann, als sie, weil es nicht wohl möglich ist, und Niemand besser, weil Niemand es besser machen darf. (Vergl. Mechanics' Magaz. N. 291. 7. März S. 64.)

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