Titel: Beiträge zur Geschichte der Erfindungen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 32, Nr. XXVII./Miszelle 5 (S. 144–145)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj032/mi032027_5

Beiträge zur Geschichte der Erfindungen.

Wir halten manches für neue Erfindung, was längst bekannt, in Folge der eingebornen Faulheit des menschlichen Geistes aber nicht nur nicht benüzt, sondern sogar wieder vergessen wurde. Die Bibliotheca italiana liefert in ihrem Februar-Hefte des l. J. (ausgg. am 26. März) eine Reihe von Beweisen hierüber aus einem in Deutschland nur wenig bekannten Werke eines Italiäners, Fausto Veranzio, der am Ende des 16ten Jahrhunderts lebte. Dieses Werk führt den Titel: Machinae novae Fausti Verantii Siceni.“ Es ist in fünf Sprachen geschrieben: latein, italiänisch, spanisch, französisch und deutsch, und Deutsche, Franzosen, Spanier und Italiäner haben drei hundert Jahre lang vergessen, was ihnen ein Wälscher doch in ihrer eigenen Sprache laut genug vorpredigte. Veranzio predigte ihnen, sie sollen Hängebrüken bauen, Kettenbrüken; ein Engländer, in dessen Sprache er nicht gepredigt hat, Cap. Brown, erbaute die erste Kettenbrüke erst 300 Jahre nach Veranzio's Tode. Veranzio empfahl das Tret-Rad, an welchem der Mensch auf der convexen Seite desselben tritt, als die |145| brauchbarste Anwendung menschlicher Kraft: die Engländer allein haben seinen Rath in ihren Straf-Arbeitshäusern befolgt, und endlich auch ein Franzose, Albert, an den Krahnen auf der Seine. Veranzio empfahl die Zugbothe, (bâteaux de remorque) als Barca rimurchiante mit Ruderrädern, die vom Strome selbst bewegt werden: erst nach 300 Jahren befolgte man seinen Rath in Frankreich auf dem Rhone zuerst, und dann auf der Seine. Veranzio empfahl tragbare eiserne Mühlen; erst nach 300 Jahren hat Napoleon, der Unsterbliche, sie bei seiner Armee eingeführt. Veranzio lehrte schon vor 300 Jahren die Kasten an Reise-Wagen so hängen, wie man sie seit einigen Jahren an den Mail-Coaches in England gehängt sieht. Veranzio verbesserte den Gebrauch des allerdings schon vor ihm bekannten Fallschirmes, den aber erst dreihundert Jahre nach ihm Garnerin mit sicherem Erfolge anwendete. So groß ist die Faulheit des menschlichen Geistes, daß er 300 Jahre bedurfte, um zu Hängebrüken, zu Treträdern, zu Zugböthen, zu tragbaren Mühlen, zu bequemen Kutschen, zu Fallschirmen zu gelangen, die man ihm doch in fünf Sprachen vorgepredigt hat. Wahrhaftig, die Natur hat ihm mit Recht auf einer Seite den Affen, auf der anderen das Faulthier als seine nächsten Nachbarn in der thierischen Schöpfung zur Seite gestellt! Es wäre der Mühe werth, eine neue Auflage des 300 Jahre alten Tractates de machinis novis F. Verantii zu veranstalten; es ist nach 300 Jahren noch viel Neues darin zu finden.

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