Titel: Ueber Kalligraphie und die Nachtheile beim Unterrichte in derselben.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 32, Nr. XXVII./Miszelle 8 (S. 146–147)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj032/mi032027_8

Ueber Kalligraphie und die Nachtheile beim Unterrichte in derselben.

Hr. Gill theilt in seinem Technological Repository, Januar 1829, S. 54, einen Auszug über Unterricht im Schönschreiben aus einer höchst interessanten kleinen Schrift mit, die vor 7 Jahren (im Jahre 1822) ohne Namen des Verfassers unter dem Titel: Plans for the Government and liberal Instruction of Boys in large Numbers, drawn from Experience erschien56).

Der Herr Verfasser dringt vorzüglich darauf, daß man die Jungen eine schöne Current-Schrift, eine laufende Hand, wie man zu sagen pflegt (running hand), schreiben lehre, und sie nicht durch kalligraphische Schnörkel verderbe, daß man sie Buchstaben schreiben, nicht mahlen lehre; daß man sie frühe gewöhne, die Hand, wenn sie schreiben, nicht bei jedem Worte, viel weniger bei jedem Buchstaben, vom Papiere aufzuheben und mit derselben auf dem Papiere, wie ein Frosch auf der Wiese, umher zu hüpfen.

Wenn man den Knaben ja gestochene Vorschriften zum Nachschreiben in größeren Charakteren vorlegt, so muß diese größere Schrift durch ein Verkleinerungsglas gesehen eine schöne Currentschrift seyn, so wie umgekehrt eine schöne kleine Currentschrift durch ein Vergrößerungsglas betrachtet eine schöne große Schrift darstellen muß. Diese Probe halten wenige sogenannte kalligraphische Vorschriften aus: die größeren Schriften werden, verkleinert gesehen, steif und krampfhaft, und die Currentschrift wird vergrößert eine Reihe von Haken und Krazern.

Jungen, die man immer in großen Charakteren schreiben lehrt, dergleichen im gemeinen Leben selten vorkommen, lernen selten, oder nur äußerst langsam, eine schöne Current-Schrift. Die Haupterfordernisse einer guten Currentschrift sind: daß sie leserlich, schnell geschrieben und schön ist. Es gibt scheinbar hübsch geschriebene Schriften, die nicht leicht leserlich sind, und bei welchen der Schreiber vergessen zu haben scheint, daß man eine fremde Schrift nie so leicht liest, als seine eigene. Wer schön, aber langsam schreibt, ist sich selbst und Anderen zur Last, und vermehrt noch den Zeitverlust, den unsere abgeschmakte und unlogische abendländische Orthographie zugleich mit den einfältigen Zügen über uns verhängte, und eine Reform in den Buchstaben und in der Orthographie aller abendländischen Völker so unumgänglich nothwendig macht. Die Tachygraphie wird und muß nach und nach den Zeitwolf, der in unseren gegenwärtigen abendländischen Schriften und Schreibarten Jahre aus des Menschen Leben auf die verderblichste Weise verschlingt, verjagen und verbannen. Man kann nicht so leicht sagen, was dasjenige eigentlich ist, was eine Schrift schön macht; aber so viel ist gewiß, daß Niemand, der höchst leserlich und zugleich sehr schnell schreibt, eine schlechte Hand schreibt.

Leserlich und schnell schreiben ist demnach das, was gelehrt werden soll. Indessen läßt man die Jungen Jahre lang in den Schulen große Schrift, die sie ihr ganzes Leben über nicht brauchen können, schreiben lernen; wenn sie diese schreiben |147| gelernt haben, lehrt man sie das Gelernte vergessen; denn sie sollen nun schnell, (Dictando) in kleineren Zügen schreiben lernen, wofür sie keine Vorschriften finden, und die sie nicht gelernt haben. Die Folge davon ist, daß Jungen, die in großer Schrift sehr hübsch schrieben, wenn sie nun schnell (Dictando) schreiben sollen, sich ein wahres Gekrizel angewöhnen. Wenn sie Talent und Geschmak für schöne Currentschrift besizen, so bilden sie allerdings ihre Hand selbst aus; wenn sie aber bloße „Erziehungs-Wesen“ sind, so werden sie in kleiner Schrift ewig Krizler bleiben57)

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Diese lehrreiche Schrift scheint wohl wenigen deutschen Schulmännern bekannt geworden zu seyn, so sehr sie es auch verdient hätte. Was der Hr. Verfasser über Kalligraphie, oder vielmehr über die Unterrichts-Methode im Schönschreiben, vorträgt, ist leider nur zu wahr, und verdient um so mehr Glauben, als die Engländer unter allen Völkern der Erde die schönste Handschrift schreiben. Auf die Engländer kommen die Amerikaner und dann die Holländer. Unter den Deutschen haben die Oesterreicher (vorzüglich diejenigen, die in Piaristen-Schulen unterrichtet werden) die schönste Handschrift. Die Franzosen schreiben im Durchschnitte höchst mittelmäßig; am allerschlechtesten aber, und oft kaum leserlich, ist die Handschrift der meisten Italiäner. A. d. U.

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Der Uebersezer ist jedoch der Meinung, daß, wenn man die Jungen eine schöne große fließende Currentschrift lehrt, in welcher die Buchstaben gehörig in einander übergehen, wenn man ihnen nicht erlaubt jeden einzelnen Buchstaben zu mahlen, und sie gleich Anfangs anhält, schnell zu schreiben, sie in dem Maße schön, leserlich und schnell die kleine Currentschrift schreiben werden, als sie große Currentschrift schnell und leserlich und schön schreiben lernten. Je größere Züge die Hand zu machen bei Zeiten gewöhnt wird, desto mehr Schwung bekommt die Currentschrift. Wenn man mit kleiner Currentschrift den Unterricht im Schreiben anfängt, wird der Lehrling immer, wie man sagt, eine Fuselschrift behalten.

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