Titel: Preis-Aufgaben der Gesellschaft der Wissenschaften zu Haarlem.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 32, Nr. XLII./Miszelle 2 (S. 214–216)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj032/mi032042_2

Preis-Aufgaben der Gesellschaft der Wissenschaften zu Haarlem.

Die Antworten müssen vor dem 4sten Jäner 1830 in holländischer, oder französischer, englischer oder lateinischer, oder auch in deutscher, Sprache, unter den gewöhnlichen Formalitäten postfrei an Hrn. van Marum eingesendet werden.

Der Preis ist eine goldene Medaille von 450 fl. und eine Gratification von 150 fl.

1) Da die chemische Analyse der Gewächse eine Menge vegetabilischer Substanzen oder sogenannter unmittelbarer Pflanzenstoffe aufstellte, und, aller Wahrscheinlichkeit nach, immer noch mehrere derselben aufstellen wird; da ferner die Chemiker in ihren Meinungen über die Natur dieser neu entdekten Stoffe gar sehr von einander abweichen, indem die einen sie für bloße Modificationen schon früher bekannter Stoffe erklären, während die anderen sie für eben so viele verschiedene Stoffe halten, so wünscht die Gesellschaft eine genaue, auf bestimmte Kennzeichen gegründete, Darstellung derselben, so wie auch Anweisung über den Gebrauch dieser neuen Stoffe und der Pflanzen, die dieselben enthalten.

2) Ueber Gärbestoff; wie im B. XXV. S. 537 des Polytechn. Journales. (N. 5.)

3) Da die Versuche des Sir Humphry Davy den Einfluß des Unterschiedes des verschiedenen Bodens, Klimas und der verschiedenen Witterung auf die Menge gewisser näheren Bestandtheile der Saamen der Getreide-Arten, vorzüglich des Weizens, erwiesen haben, so daß z.B. Winter-Weizen eine größere |215| Menge Stärkmehl enthält und Sommer-Weizen mehr Kleber; da lezterer häufiger im nordamerikanischen Weizen vorkommt, als im englischen; da es daher wichtig scheint zu wissen, in welchem Grade die angezeigten Ursachen ihren Einfluß auf den in den Niederlanden gebauten Weizen äußern können; so wünscht die Gesellschaft, daß man zeige: welche Unterschiede die obigen Ursachen in dem in den Niederlanden gebauten Weizen hervorzubringen vermögen; welche Sorten von Weizen, in Hinsicht auf die aus obigen Untersuchungen sich ergebenden Resultate, zu bestimmten Zweken zu bauen sind; und was für Regeln für den Bau dieser Getreidearten aus obigen Resultaten abgeleitet werden können.

4) Ueber Färbestoffe; wie im Polyt. Journ. a. a. O. N. 9.

5) Was weiß man bisher von der Naturgeschichte der Zugfische? Welche Fische sind als Zugfische bekannt? Wo ist der Anfang und das Ende und wohin geht die Richtung ihrer Reise? Was für besondere Umstände hat man in Hinsicht auf dieselben beobachtet.

Man wünscht alles gesammelt zu sehen, was, in Hinsicht auf diesen Gegenstand, bisher bekannt wurde, vorzüglich in Hinsicht auf diejenigen dieser Fische, die als Nahrung oder zu irgend einem anderen nüzlichen Zweke dienen.

6) Da die verschiedenen Zweige der Naturgeschichte in neueren Zeiten einen zu großen Zuwachs erhalten haben, um in einem akademischen Cursus vollkommen gelehrt werden zu können, so fragt es sich: welche Auswahl ist bei dem Lehrvortrage der Naturgeschichte zu treffen, wenn dasjenige, was in der Naturgeschichte sowohl für das Leben, als in anderer Hinsicht nüzlich ist, gelehrt werden soll?

7) Da die chemischen Untersuchungen der thierischen und vegetabilischen Stoffe sich nicht mehr länger auf das Ausziehen unmittelbarer Grund-Stoffe aus diesen Stoffen beschränken können, wie dieß vor mehreren Jahren der Fall war, indem wir jezt, nach den von Thenard, Gay-Lussac und Berzelius erfundenen Methoden der Analyse, auch das Verhältniß untersuchen können, in welchem diese einfachen Grundstoffe in jenen Stoffen mit einander verbunden vorkommen; so wünscht man eine Abhandlung, in welcher entwikelt würde: 1stens welche Methode der Analyse der obigen Stoffe in ihre einfachen Grundstoffe, nach den wiederholten Versuchen der verschiedenen Chemiker, wirklich die beste ist? 2tens von welchen organischen Stoffen wir, mit Gewißheit und nach zuverlässigen Erfahrungen, das Verhältniß ihrer einfachen Grundstoffe kennen? 3tens welche Vortheile lassen sich von dieser neuen Methode der Analyse obiger Stoffe für die Fortschritte der Wissenschaft erwarten, oder, was läßt sich überhaupt für die Zukunft davon erwarten?

8) Nachdem Hr. Thenard die Mittel gefunden hat, Wasser mit einer großen Menge von Sauerstoff zu verbinden, und die dadurch entstehende Flüssigkeit ganz besondere Eigenschaften besizt, die jezt noch immer großen Theils unerklärbar sind; so wünscht man eine Abhandlung, in welcher, nach wiederholter und sorgfältiger Untersuchung, die Eigenschaften dieser Flüssigkeit genau beschrieben werden, und eine, durch Versuche erwiesene, Erklärung derselben gegeben wird; daß ferner auch in dieser Abhandlung untersucht werde, welche nüzliche Anwendungen von dieser Flüssigkeit sowohl in der Arzneikunde, als zu anderen Zweken, gemacht werden können.

9) Da mehrere Arten von Mollusken, vorzüglich solche, die in der See gefunden werden, häufig von verschiedenen Völkern genossen werden, und, nach den Nachrichten, die wir über dieselben besizen, diese Thiere nicht bloß eine gesunde, sondern sogar eine köstlich schmekende Nahrung gewähren, während wir von allen Mollusken an unseren Küsten nur Austern, Muscheln und Kuttelfische genießen, so fragt es sich: welche andere Mollusken in der Nähe unserer Küsten könnten noch als Nahrungs-Mittel verwendet werden? Auf welche Weise läßt es sich versuchen, ob sie gesund und wohlschmekend sind?

10) Hr. Coulomb bemerkte im April 1796, als er Pappel-Stämme von 4–5 Decimeter Dike bis in ihre Mitte anbohrte, ein heftiges Ausstoßen des Saftes verbunden mit einer bedeutenden Menge Luft. Dieser Versuch scheint die Aufmerksamkeit der Naturforscher nicht in Anspruch genommen zu haben, obschon dieses Phänomen wohl verdient hätte sorgfältig beobachtet zu werden, indem eine genauere Untersuchung desselben vielleicht interessante Entdekungen hätte veranlassen können. Die Gesellschaft verspricht demjenigen ihre goldene Medaille, welcher im nächsten Frühjahre diese Versuche an verschiedenen Baumstämmen wiederholen, und Alles, was sich bei denselben ergibt, genau beobachten wird. Der |216| Medaille wird auch noch eine andere verhältnißmäßige Belohnung beigefügt werden, wenn die Antwort besondere Resultate liefern sollte.

11) In Erwägung, daß chemische Versuche in Holland, vorzüglich die des P. Driessen, erwiesen haben, daß die Eigenschaften der atmosphärischen Luft in der Nähe der See mehr oder minder durch die Kochsalzsäure, welche dieselbe enthält, modificirt werden, und daß hierdurch besonders das Blei im Wasser leichter auflösbar wird; daß jedoch diese Beobachtungen in anderen Gegenden keine Bestätigung fanden, und daß es sich noch immer darum handelt zu wissen, ob diese Säure wirklich vollkommen frei in der Luft oder in chemischer Verbindung mit anderen Stoffen vorkommt; so wünschte die Gesellschaft, daß dieser Gegenstand neuerdings behandelt werde, und daß man durch genaue Versuche erweise, ob in diesen Ländern die atmosphärische Luft Kochsalzsäure enthalte; unter welchen Umständen sich die Menge derselben vermehrt; in welchem Zustande sie vorkommt, und in welchem Verhältnisse die Eigenschaften der Luft dadurch verändert werden.

12) Da mehrere Körper, welche man vorher bloß in gasförmigem Zustande kannte, durch Druk und außerordentliche Kälte in tropfbar flüssige oder feste Körper verwandelt werden können, wie vorzüglich Faraday durch seine Versuche erwiesen hat, und da hieraus folgt, daß die Eintheilung der Körper, nach ihrer Form, in tropfbar flüssige und in gasförmige, unbestimmt und weniger zulässig wird, so fragt die Gesellschaft: 1stens in wiefern kann eine Eintheilung der Körper nach ihrer Form noch zugelassen werden? 2tens welche Körper sind wirklich gas- oder dampfförmig? welche Anwendung läßt sich von jenen Körpern, die durch starken Druk oder durch sehr niedrige Temperatur einen großen Grad von Elasticität erhalten, in den Künsten machen?83)

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Diese 12 Preisfragen, (eine bloß medicinisch-naturhistorische über Insekten als Ursachen der Hautkrankheiten ließen wir hier weg), die eine Summe von 3600 fl. betragen, wurden hier von einer Gesellschaft aufgestellt, die bloß aus Privatleuten, aus Bleichern und Webern und Handelsleuten und Landwirthen besteht; einer Gesellschaft, die eine kostbarere und zwekmäßiger gesammelte Bibliothek, die schönere Naturalien-Cabinette besizt, als viele, wir sagen viele Universitäten in Frankreich, Deutschland und Italien nicht besizen; eine Gesellschaft, die, ganz auf holländische Art, ruhig und geräuschlos, aber kraftvoll und wohlberechnend, das Wohl ihres Vaterlandes und der Wissenschaften männlich fördert. Wenn man die Preis-Aufgaben der hochachtbaren Gesellschaft zu Haarlem von ihrem Gründungs-Jahre (1755) bis jezt mit den Preisfragen so vieler anderer Akademien vergleicht, so wird man ihr den von dem edlen sel. Mährer, Grafen Leopold v. Berchtold ausgeschriebenen Preis für denjenigen, der die zwekmäßigsten Preisaufgaben vorschlug, billig zuerkennen müssen. A. d. U.

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