Titel: Die École centrale des arts et manufactures zu Paris.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 32, Nr. XLII./Miszelle 3 (S. 216–217)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj032/mi032042_3

Die École centrale des arts et manufactures zu Paris.

England verdankt seine Ueberlegenheit in der Industrie hauptsächlich den zahlreichen Civil-Ingenieurs (Civil-Engineers), welche es besizt und die man in Frankreich und Deutschland fast gar nicht kennt. Diese freien Ingenieurs, welche von der Regierung ganz unabhängig sind und sich ausschließlich einem oder mehreren Industriezweigen widmen, stehen zu jedem derselben in dem nämlichen Verhältnisse, wie in Frankreich und Deutschland die Architekten zu den Bauten; sie ertheilen Rath und leiten die Ausführung ihrer Plane. Den Civil-Ingenieurs verdankt England fast alle Entdekungen und Vervollkommnungen in den technischen Künsten; auch ist dieser Stand daselbst eben so ehrenvoll als einträglich.

In Frankreich sieht man wohl ein, wie wichtig für die Industrie Leute werden müssen, die eben so theoretisch als praktisch gebildet sind, die sich ausschließlich einer kleinen Anzahl von Industriezweigen widmen, und deren Fortkommen und Ansehen ganz von ihren Leistungen abhängt: ihr Einfluß wird um so größer seyn, weil dann die Ingenieurs der Regierung wahrscheinlich das werden, was sie in England jezt schon sind, bloße Aufseher der von den Civil-Ingenieurs geleiteten Arbeiten.

Von diesen Betrachtungen ausgehend, haben sich mehrere ausgezeichnete Gelehrte in Paris (meistens ehemalige Zöglinge der polytechnischen Schule) vereinigt, um |217| eine Centralschule der Künste und Gewerbe zu errichten, wo hauptsächlich Bergwerks-Direktoren, Fabrikanten, Civil-Ingenieurs und Baumeister gebildet werden sollen. Der Unterricht zerfällt in einen allgemeinen und besonderen; jener nimmt zwei Jahre in Anspruch und umfaßt: beschreibende Geometrie, technische Physik, Mechanik, reine und technische Chemie, analytische Chemie, Hüttenkunde, technische Naturgeschichte, Baukunst, technische Statistik und Oekonomie, Zeichnungskunst. Da aber ein bloßer mündlicher Vortrag, wie Jedermann heute zu Tage einsieht, zum Studium der angewandten Wissenschaften nicht hinreichend ist, so werden die Zöglinge in dieser Anstalt oft examinirt, müssen zahlreiche Versuche anstellen und Zeichnungen ausführen, Probleme auflösen a. s. w.

Director dieser Schule ist Hr. Lavallée; Professoren sind die HHrn. Olivier, Péclet, Benoît, Dumas (die Gründer derselben), Bussy und Bineau. Die Aufsicht über diese Schule führt ein Vervollkommnungs-Rath (Conseil de Perfectionnement), bestehend aus den HHrn. Chaptal, Arago, D'Arcet, Berthier, Alex. Brogniart (sein Sohn Ad. Brogniart, Med. Dr. ist Professor der Naturgeschichte an diesem Institute), Héricart de Thury, Heron de Villefosse, Jomard, Lafitte, Molard d. ält., Odier, Payen, Casim. Perier, Poisson, Ternaux und Thenard.

Jeder Schüler hat für den Unterricht jährlich 700 Franken zu bezahlen; derselbe wird täglich von 8 Uhr Morgens bis 4 Uhr Nachmittags ertheilt. Bei ihrem Eintritte in das Institut werden die Zöglinge (die wenigstens fünfzehn Jahre alt seyn müssen) examinirt und müssen nicht nur die Arithmetik, sondern auch die Elementar-Geometrie vollständig und die Algebra bis zu den Gleichungen des zweiten Grades (incl.) verstehen.84)

Aus dem Programm (man erhält es durch die Buchhandlung Malher und Comp. à Paris, passage Dauphine) lernt man nicht nur den vollständigen Lehrplan, sondern auch den Gang kennen, welchen man in den einzelnen positiven Wissenschaften befolgt. Derselbe ist in der That musterhaft und verdient in den deutschen polytechnischen Centralschulen nachgeahmt zu werden; die Ecole centrale zu Paris würde auch eine vortreffliche Gelegenheit darbieten, brauchbare Lehrer für die deutschen Gewerbsschulen zu bilden, wenn man talentvolle und hinreichend vorbereitete junge Leute darin unterrichten ließe.

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Von den Inländern verlangt man, daß sie über einen gegebenen Gegenstand einen Aufsaz abfassen können; von den Ausländern verlangt man die Kenntniß der französischen Sprache blos in so weit, daß sie die Vorlesungen verstehen können.

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