Titel: Anfrage eines Todtengräbers.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 32, Nr. XLII./Miszelle 34 (S. 225–226)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj032/mi032042_34

Anfrage eines Todtengräbers.

Ein Todtengräber zu London fragt im Mechanics' Magazine, N. 295, 4ten April 1829. S. 126, wie er es angehen soll, um in seinem Kirchhofe fortan ein Grab zu graben. Die Erde hält nicht mehr, und er hat doch im Durchschnitte täglich 8 Gräber zu fertigen. Wie er etwas tief in die Erde kommt, so stürzen die Wände des Grabes von beiden Seiten ein, und mehrere seiner Arbeiter wurden schon öfters bis an die Brust verschüttet; in größerer Tiefe schweben sie in offenbarer Lebensgefahr. Er wird oft Tage lang mit einem Grabe nicht fertig und die Leichenbegängnisse müssen aus Mangel eines Grabes verschoben werden. Die gewöhnliche Methode des Ausspreizens mit Brettern geht in diesem morschen Grunde nicht mehr an.

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Wir sind von einem anderen Todtengräber, in Deutschland, dessen Kirchhof dicht an einem Flusse liegt, gefragt worden, was er thun soll, um ein Grab zu graben, wenn das Wasser steigt. Er steht oft bis über die Kniee im Wasser, wenn er ein Grab graben muß! – So steht es mit unserer medicinischen Polizei nur |226| bald in der Mitte des 20igsten Jahrhunderts nach Christi Geburt! Vergebens hat Joseph, der Unsterbliche, Europa das erste Beispiel der medicinisch-polizeilichen Klugheit, um nicht zu sagen Nothwendigkeit, gegeben, die Kirchhöfe außer den Städten und Märkten etc. zu verlegen, in der größten Stadt Europens, in London, werden die Todten noch jezt in der Stadt begraben. Eben dieß ist in vielen Städten Deutschlands noch heute zu Tage der Fall, und selbst in mehreren derjenigen, wo die Leichenäker vor einigen Jahren außer dem Umfange der Stadt verlegt wurden, hat die schnell zunehmende Vergrößerung derselben sie wieder in den Bezirk der Stadt gebracht. Mehrere Kirchhöfe Deutschlands sind bereits nahe auf dem Punkte des oben erwähnten Kirchhofes in London, und alle müssen in der Reihe der Jahre dahin kommen, daß kein Grab mehr in denselben hält. Was wird das Resultat hiervon werden? Wird das Fortschreiten der Cultur uns eben dahin bringen, wohin sie die klassischen Völker des Alterthums brachte, wenigstens zu einer verständigen, der Natur gemäßen, Aufbewahrung der irdischen Reste unserer Lieben, die wir jezt im Grabe, ferne von uns, vermodern lassen, während der Heide ihnen den ersten Plaz in seinem Hause weihte, und die Asche seiner Lieben in Denkmälern der Kunst aufbewahrte, die wir noch heute zu Tage, nach wehr denn zwei tausend Jahren bewundern? Daß das Verbrennen der Leichen die zwekmäßigste Art der Entfernung derselben, und die zärtlichste Weise ist, die Reste der Erde, aus welcher der Mensch genommen ward, aufzubewahren, hat die Geschichte der classischen Jahrhunderte erwiesen: nur bei Wilden finden wir die in die Erde gegrabenen Gräber, die sich, nebst vielen anderen Spuren des Dschirokihsen-Zustandes, in welchem die Deutschen vor kaum noch 16 Jahrhunderten gewesen sind, in unserem heutigen Zustande noch erhalten haben. Durch das Verbrennen der Leichen werden alle jene Nachtheile entfernt, die ärztliche Erfahrung so vieler Jahrhunderte aus dem Einscharren der Leichen in die Erde in der Nähe der Wohngebäude entstehen sah. Unsere heutige Pyrotechnik hat uns die Leichen schneller und mit geringeren Kosten einäschern gelernt, als mittelst des Scheiterhaufens. Das Einäschern würde nicht so viel kosten, als der Sarg und das Grab kostet. Man muß nicht vergessen, daß der menschliche und überhaupt jeder thierische Körper Brennmaterial genug in sich selbst führt, und so zu sagen nur angezündet zu werden braucht, um zu brennen. Mehr als ein paar Tausend Pferde-Leichen waren bei der lezten Invasion in Frankreich vor den Mauern von Paris in ein paar Mal 24 Stunden verbrannt, und dieß in offenem Feuer. Die Gesundheit der Einwohner litt nichts durch diese Einäscherung, sie würde aber sehr gelitten haben, wenn ein paar Tausend Pferde in ihrer Nähe eingegraben worden wären. Kaiser Joseph hatte wirklich die Idee, die Einäscherung der Leichen als die gesezliche Begräbnisse-Art in seiner Monarchie wieder einzuführen; allein, ein damals noch junger Mann, den wir nicht nennen wollen, weil er vielleicht noch leben könnte, und es ihm unangenehm seyn könnte, wenn wir ihn nennten, bemerkte ihm: „Ew. Majestät, das deutsche Volk ist noch keiner altrömischen Idee fähig. Es verbrennt nur seine Kezer und seine Hexen. Ew. Majestät werden sich erinnern, daß die Universität zu Würzburg erst vor ein paar Jahren noch eine Hexe verbrannte.“ Joseph klopfte ihn auf die Achsel, und sagte: „Du hast Recht; die Leute sind noch zu – zu etwas Gescheidtem.“

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