Titel: Ueber den schwarzen und weißen Kornwurm und einige andere dem Getreide schädliche Insecten
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 32, Nr. XLII./Miszelle 35 (S. 226–230)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj032/mi032042_35

Ueber den schwarzen und weißen Kornwurm und einige andere dem Getreide schädliche Insecten

hat Hr. Thom. Carpenter, Besizer vortrefflicher Mikroskope und Liebhaber der Entomologie in Gill's technological Repertory, Jäner 1829. S. 12. einige Bemerkungen mitgetheilt, die zwar einiges in der Naturgeschichte dieser höchst schädlichen Thiere aufklären, im Ganzen aber noch sehr viel zu wünschen übrig lassen.

Wir wollen hier anführen, was uns Hr. Carpenter berichtet, und unsere Bemerkungen beifügen. Der Schaden, den der schwarze Kornwurm (luroulio granarius L.) jährlich anrichtet, übertrift, in Bayern allein, Millionen, und läßt sich für Europa und Nord-Amerika überhaupt wohl kaum berechnen. Wer ein sicheres Mittel gegen den Kornwurm (ein besseres, als die ungrischen oder vielmehr alt dacischen und maurischen Korngruben in der Erde) angeben wird, dessen Nahmen verdient unter den Wohlthätern der Menschheit aufgezeichnet |227| zu werden. Daß sich ein solches finden läßt, wenn man dieses schädliche Insect genau beobachtet, daß man es in der Lebensweise dieses Thieres suchen müsse und darin sicher finden wird, hat Linne uns in seinem Mittel gegen den Holzwurm (Cantharis navalis L., Limexylon navale F.) gelehrt, der jährlich den Holzvorrath der schwedischen Flotte zerstörte, und den armen Schweden auf ihren Werften einen Schaden von mehr als 300,000 Rthlrn. jährlich verursachte. Linne ging von dem Grundsaze aus, daß, wenn man im Stande ist die Vermehrung dieser Holzwürmer zu verhindern, man auch sehr bald von dem Schaden befreit seyn wird, den sie anrichten. Er suchte demnach die Zeit zu entdeken, zu welcher diese Thiere aus ihren Puppen als vollkommene Insecten auskriechen, und zur Paarung schreiten. Er fand, daß dieß um Johannis geschieht und hatte, in diesem Funde, nun auch das Mittel gefunden, ihren weiteren Zerstörungen vorzubeugen. Linne befahl, das Schiffsholz, es mochte nun vom Holzwurme angegangen seyn, oder nicht, 14 Tage vor Johannis in's Wasser zu werfen, und 4 Wochen lang darin liegen zu lassen. Wenn das Insect nun zu der von der Natur für dasselbe bestimmten Zeit zu seiner Fortpflanzung aus der Puppe kroch, mußte es in dem Wasser seinen Tod finden, und alle weitere Vermehrung desselben hatte ein Ende. Man kann nun allerdings nicht das Getreide in Wasser werfen, wie Holz; es würden sich aber, wenn man die Zeit der Paarung bei dem schwarzen Kornwurme wüßte, allerdings Vorkehrungen mit dem Getreide treffen lassen, durch welche auch dieses Insect an seiner Paarung, und folglich an seiner Vermehrung gehindert werden könnte; denn höchst wahrscheinlich paart auch der Kornwurm, wie fast alle übrigen Insecten, sich nur ein Mal in seinem Leben. Daß gegen den Kornwurm alles gewonnen wäre, wenn man ihn zum Cölibate verdammen könnte, erhellt aus der Bemerkung Kirby's, welche Hr. Carpenter auch treulich anführt, daß aus Einem Paare Kornwürmer in Einem Jahre mehr als sechstausend Nachkommen dieses Paares hervorgehen. Es darf uns also nicht befremden, wenn wir unsere Kornböden, wo das Getreide unberührt in denselben liegen bleibt, in einigen Jahren gänzlich von diesen Insecten verheert sehen.

Hr. Carpenter sagt, er beobachtete „wie das Weibchen des Kornwurmes mit seinen Kinnladen unter dem langen Rüssel ein kleines Loch in das Gersten- oder Weizen-Korn nagt, und dann ein einzelnes Ei in dieses Loch legt, wo dann, wenn das Junge (die Larve) aus. dem Eie kriecht, es in diesem Korne zugleich Wohnung und Nahrung findet. Die Mutter legt täglich in fünf bis sechs Getreidekörner ihr Ei, und fährt in dieser Arbeit mehrere Tage nach einander fort.“ Dieser Beobachtung fehlt: 1stens die Angabe der Jahreszeit, wann das Weibchen feine Eier legt, und ob dieß des Nachts oder am Tage, Morgens oder Abends geschieht? 2tens die Angabe der Zahl der Tage, wie lang das Weibchen mit dem Legen der Eier fortfahrt. „In ungefähr sieben Tagen“ sagt er (und wir wünschten sehr er hätte hier kein ungefähr (kein about), sondern mit voller Bestimmtheit die Zahl der Tage angegeben, die für das Auskriechen eines jeden Insectes aus seinem Eie ziemlich genau bestimmt ist) „in ungefähr sieben Tagen kriecht das Insect aus dem Eie als Larve aus, und, nachdem es seine gewöhnliche Zeit über gefressen hat“ (wie lang ist diese gewöhnliche Zeit bei dem schwarzen Kornwurme? Jedes Insect hat seine bestimmte Zeit für den Larvenzustand) „verwandelt es sich in dem Korne in eine Puppe, und kriecht ungefähr“ (nur kein ungefähr; in der Natur waltet ewige Nothwendigkeit) „vierzehn Tage darauf als vollkommener Kornwurm aus dem Körnchen hervor. “

„Ich habe immer geglaubt, daß der Kornwurm, so wie andere Insecten, gleich nach der Paarung, das Weibchen nach dem Eierlegen, stirbt; dieß ist aber bei diesem Insecte nicht der Fall; denn nach Leeuwenhoek, der den Kornwurm mit großer Sorgfalt sowohl in Hinsicht lauf seine Fortpflanzungs-Weise als auf seine Nahrung mehrere Monate lang beobachtet hat, lebt dieses Insect noch den ganzen Sommer und Winter über und frißt die Getreidekörner als vollkommenes Insect eben so gierig, wie als Larve. Diese verlängerte Existenz des Kornwurmes erklärt nun seine ungeheueren Verheerungen und seine schnelle Vermehrung.“ (Erstere allerdings; leztere aber nicht, bis nicht erwiesen ist, daß der Kornwurm sich mehr als ein Mal in seinem Leben paart, was höchst unwahrscheinlich ist. Man wird aber auch erstere, die ungeheuere Verheerung, |228| sehr vermindert haben, wenn man die Vermehrung des verheerenden Thieres beschränkt hat.) Hr. Carpenter scheint die Richtigkeit dieser lezteren Ansicht selbst zu fühlen, indem er den Besizern von Kornböden vorschlagt, „eine Colonie von Ameisen in der Nähe des Kornbodens anzulegen, wohin leztere sich sehr bald einen Weg bahnen, und die Larven der Kornwürmer aufsuchen und fressen würden.“ Es ist eine große Frage, ob die Ameisen die Larven der Kornwürmer fressen, und, wenn dieß auch der Fall wäre, und nicht anderer Nachtheil von den Ameisen zu besorgen stünde, so wird die Vertilgung der Larven im Verhältnisse wie 1 zu 30 weniger nüzen, wenn wir auf ein Kornwurm-Weibchen nur 30 Eier rechnen.

Vom weißen Kornwurme, einer Motte (Tinea granolla), die man in Holland den Wolf nennt, und die alsogleich stirbt, nachdem sie ihre 70 Eier, die so klein, wie ein Sandkorn sind, gelegt hat, bemerkt er: „daß die Raupe erst am 16ten Tage aus dem Eie kriecht, und dann alsogleich ihre Verheerung beginnt. Die Raupe bildet sich ein kleines Gehäuse, theils aus den Stäubchen, in die sie das Korn zernagt, theils aus den Kleyen: in diesem Gehäuse stekt sie, und strekt nur den Kopf nebst einem Theile des Leibes heraus, wenn sie frißt. Wenn sie sich einpuppt, verlaßt sie dieses Gehäuse, und sucht einen sicheren Ort, um sich in demselben zu verpuppen.“ (Hr. Carpenter sagt nicht, wie lang sie im Raupenzustande bleibt) „als Puppe bleiben sie den ganzen Winter über, und fallen im April oder Mai“ (bei uns erst im Mai, Junius) „als vollkommene Insecten, als Motten, aus. Der weiße Kornwurm ist noch gefräßiger, als der schwarze.“ (Dieß glaubt der Landmann in Bayern nicht, der es vielmehr für ein Glük hält, wenn der weiße Kornwurm sein Korn, wie er sagt, eingesponnen hat, und der da glaubt, der weiße Kornwurm schüze vor dem schwarzen!) Um den weißen Kornwurm zu vertilgen, schlägt er zwei Mittel vor: man soll die Larve an den Wänden des Kornbodens zerdrüken, wenn sie an denselben in die Höhe kriecht, um sich zu verpuppen, was oft in solcher Menge geschieht, daß die Wände des ganzen Kornbodens davon bedekt werden; oder man soll, wenn das Insect als Motte aus der Puppe bricht, alle Oeffnungen des Kornbodens sorgfältig schließen, Schwefel in einem Beken anzünden, und die Motten in Schwefeldampf erstiken. Obschon Leeuwenhoek, der leztere Methode empfahl, versichert, daß das Getreide durch dieses Schwefeln nichts leidet, und Hr. Carpenter dieselbe gleichfalls empfiehlt, so können wir doch dieselbe aus einleuchtenden Gründen nicht billigen, und fänden es für besser, das Getreide zu der Zeit, wo der weiße Kornwurm aus der Puppe tritt, ausfliegt, wie unsere Landleute sagen, nur auf 14 Tage oder 3 Wochen vom Boden wegzuschaffen, oder in verschlossene Behälter, Kisten, Fässer, Säke etc. zu bringen. Wenn das Weibchen keine Körnchen findet, in welche sie ihre 70 Eier legen kann, werden die ausgefallenen Raupen verhungern, und das Korn wird unangegriffen bleiben.

Auch auf dem Felde ist der Weizen den Verheerungen einer kleinen Müke, Tipula tritici, ausgesezt, die ihre Eier in die Weizenähren legt und öfters Mißwachs (das Reißen der Aehren) veranläßt. Glüklicher Weise kommt ein kleiner Ichneumon (Ichneumon tipulae) hier dem Landmanne zu Hülfe, und legt seine Eier in den Leib der Raupe der Müke, die die in der Aehre im Safte stehenden Weizenkörner frißt. Diese Ichneumon-Räupchen fressen nun die Raupe der Müke, ehe diese das ganze Weizenfeld verheeren kann, was ohne die Hülfe des kleinen Ichneumons sicher der Fall seyn würde. Hr. Carpenter füllt nun zwei Seiten mit Lobpreisungen „der Weisheit und Güte der göttlichen Vorsicht“ die zwei Insecten schuf, wovon das eine das zerstört, was der Mensch pflanzte, das andere dieses auffrißt. Wir beten die göttliche Vorsicht gewiß eben so sehr an, wie Hr. Carpenter, können aber darin weder Weisheit noch Güte finden, daß ein Insect geschaffen wurde, welches dasjenige zerstört, was der Mensch im Schweiße seines Angesichts baute, und ein anderes, das dieses wieder auffrißt. Zerstörung und Mord können nicht in Weisheit und in Güte gegründet seyn; sie können aber zu höheren Zweken führen, die wir nicht wagen dürfen erklären zu wollen, und nur anbeten und uns in dieselben ergeben können.

Hr. Carpenter erzählt nun nach Kirby den Schreken, der im J. 1788 über ganz England kam, als man glaubte, die sogenannte hessische Fliege sey mit |229| einer Ladung Weizen aus Nord-Amerika nach England gekommen. Das geheime Raths-Collegium (the Privy Council) mußte täglich von Morgens bis Abends Sizung halten, und sich über die Maßregeln berathschlagen, die gegen dieses Unglük, das man mehr als die Pest fürchtete, zu treffen sind. Nach allen Richtungen wurden Eilboten nach allen Häfen des Landes abgefertigt, daß ja alle amerikanischen Schiffe auf das Sorgfältigste untersucht werden sollen, ob sie nicht die hessische Fliege am Bord haben; die Gesandten Englands in Frankreich, Preußen, Oesterreich und in Amerika sollten durch Couriere Auskunft über diese Fliege geben, und die sorgfältig gesammelten und gedrukten Resultate aller dieser diplomatischen und ministeriellen Verhandlungen über die hessische Fliege füllen mehr als 200 klein gedrukte Octav-Seiten.

Man lernte die Verheerungen dieses Insectes (dessen entomologischen Namen Hr. Carpenter nicht angibt) in Nord-Amerika zuerst im J. 1776 kennen. Man nannte es hessische Fliege in der falschen Voraussezung, daß es mit dem Strohe der armen Hessen, die der damalige Landgraf den Engländern zur Führung des nordamerikanischen Krieges für 25 Guineen das Stük Hessen verkaufte, aus Deutschland nach Nord-Amerika gebracht worden wäre.

Die Verheerungen in diesem Jahre waren so allgemein, daß gänzlicher Mißwachs des Weizens drohte: seit dieser Zeit verminderte sich jedoch das Unheil. Das Insect beginnt mit seiner Verwüstung im Herbste, sobald der Weizen über die Erde sproßt, wo es die Blätter so lang abnagt, bis der Frost es zum Winterschlafe nöthigt. Mit dem Frühlinge erwacht es zugleich mit der Pflanze wieder, und legt seine Eier mitten in das Herz des Stokes, wo die Raupen zu nagen beginnen, und die Halme so sehr schwächen, daß, wenn die Aehren schwer werden, und in die Milch treten, die Halme brechen und zu Grunde gehen. Alle Weizen-Ernten gingen zu Grunde, so weit diese verderblichen Fliegen reichten. Sie zeigten sich zuerst in Long Island und zogen von da landeinwärts. Sie kamen auf ihren Zügen jährlich ungefähr 15 bis 20 (engl.) Meilen weit, und waren im Jahre 1789 bereits 200 engl. Meilen weit von ihrem ursprünglichen Standorte gekommen. Nach einigen Berichten zogen sie anfangs langsam, nur sieben (engl.) Meilen weit in einem Jahre und schadeten vor dem Jahre 1789 nicht sehr bedeutend. Ein Flug derselben betrug im Kornfelde selbst nicht viel über 5 oder 6 Fuß: wo sie aber nicht auf Korn trafen, flogen sie auch weiter, und nichts vermochte sie in ihrem Zuge aufzuhalten. Sie zogen über den Delaware, wie eine Wolke. Ihre Anzahl war so groß, daß zur Zeit der Ernte alle Häuser von ihnen erfüllt waren, und die Einwohner sich kaum retten konnten. Sie füllten alle Gefäße und Geschirre, die offen standen, und in einem einzigen Bierglase, in welchem noch einige Tröpfchen Bier waren, zählte man nach wenigen Minuten, als es unbedekt auf dem Tische stand, über 500 derselben.

Hr. Carpenter beschreibt hierauf die Weise, wie der Nußkäfer, Nußwurm, (Curculio nucum) in die Nüsse gelangt, von welchen er in manchem Jahre mehr als die Hälfte an den Bäumen zerstört. Das befruchtete Weibchen legt, wenn die Nuß noch weich und zart ist, ein einzelnes Ei auf die äußere Oberfläche derselben, und fährt in diesem Geschäfte so lang fort, bis ihr ganzer Vorrath an Eiern erschöpft ist. Die Raupe, welche durch die Wärme der Luft aus dem Eie ausgebrütet wird, frißt sich nun durch die zarte Schale der Nuß in die Nuß selbst ein, ohne dieselbe auf eine andere Weise, als durch die kleine Oeffnung, die sie in dieselbe nagt, zu verderben. Ihre Nahrung besteht jezt vorzüglich aus der Haut, welche nach und nach zur Schale der Nuß erhärtet: sie frißt so lang an derselben, bis diese zu hart für sie wird, und geht dann erst über den Kern, welcher jezt bereits groß genug geworden ist, um ihr als Nahrung zu dienen. Sie war klug genug, den Kern nicht früher in seinem Wachsthume zu stören. Während sie so an der Schale und an dem Kerne nagt, nimmt sie auch immer auf das kleine Löchelchen Rüksicht, durch welches sie in die Nuß gelangt ist, und nagt es immer rund und glatt und eben zu. Auf diese Weise unterhält sie sich einen Kanal, durch welchen die Luft eindringen, der Unrath hinausgeschafft werden und sie selbst bei Vollendung ihres Raupen-Zustandes hinauskriechen kann. Ungefähr im September oder später wird die Nuß reif und fällt ab, und nun ist auch die Raupe zur Puppe reif geworden. Sie beißt sich nun durch den oben erwähnten Kanal durch, der meistens zu eng für sie geworden ist. Nachdem sie sich durchgearbeitet hat, vergräbt sie sich in die Erde und verwandelt sich in derselben zur Puppe, in welchem Zustande |230| sie bis zum nächsten Frühjahre bleibt. Anfangs Mai's tritt der Nußwurm als vollendeter Käfer aus dieser Puppe hervor, paart sich, und wiederholt die Verheerungen des vorigen Jahres. Auf eine ähnliche Weise verfahren die übrigen Rüsselkäfer, die ihre Gier in Pflaumen etc. legen. Andere Arten derselben, die erst dann ihre Eier legen, wenn die Nuß bereits härter geworden ist, nagen mit ihren Kinnladen am Ende ihres Rüssels ein Loch in die Schale, kehren sich dann um, und legen mit ihrem Bauche ein Ei in dieses Loch. Diese Arbeit sezen sie so lang fort, bis ihr Eier-Vorrath erschöpft ist.

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