Titel: Ueber Forst-Devastation und künftigen Holzmangel
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 32, Nr. XLII./Miszelle 39 (S. 230–231)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj032/mi032042_39

Ueber Forst-Devastation und künftigen Holzmangel

hat Hr. Garnier im Bulletin industr. de St. Etienne, Juill. Août 1828. pag. 157. einige gute Bemerkungen mitgetheilt. Er ladet die Sachverständigen ein, der Regierung Mittel an die Hand zu geben, durch welche die Gipfel der Berge wieder mit Holz bedekt werden können. Diese Einladung muß jeden verständigen Forstmann an die Geschichte jenes Magistrates einer ehemaligen freien Reichsstadt erinnern, der einen armen Teufel köpfen ließ, und, als es sich nach der Hinrichtung zeigte, daß der Geköpfte unschuldig war, einen Rathsherrn nach der benachbarten Universität Marburg mit der Frage schikte: ob es nicht möglich wäre, dem Enthaupteten den Kopf wieder auszusehen? Es hat zwar ein großer Jesuit an einer kleinen Akademie, der, uneingedenk der Warnung des Predigers XI. 12.89) ganze Kameel-Lasten von Abhandlungen über die Erschaffung der Welt und Allem, was darauf umherkriecht, geschrieben hat, jesuitisch-apodiktisch erwiesen, daß die Vegetation auf Berge von unten hinaufsteigt, und nicht, wie alles Gute, von oben |231| herabkommt. Man hat in dem Lande, das dieser große Naturforscher mitregieren half, die Berggipfel auch wirklich von allem Holze so sehr entblößt, daß die Scheitel der Bergrüken so rein abbarbirt dastehen, wie Capuciner-Köpfe, und man lebte der Erwartung, daß die Bäume wieder nachwachsen werden, wie die Haare, nachdem man sie wegrasirt hat; daß die Vegetation, wie der fromme Mann verheißen hat, von unten hinauf auf die Berge steigen würde: allein man wartet schon viele Jahre lange vergebens, und die Klügeren des Landes, die glüklicher Weise picht immer die gelehrtesten sind, verzweifeln an der Möglichkeit, jemals wieder hohe Bergrüken, an welchen man das Holz muthwillig abgetrieben hat, mit Holz bepflanzen zu können. Sie berufen sich auf die Erfahrungen, die man in einer Reihe von Jahrhunderten vom Libanon, wo kaum mehr eine Ceder zu finden ist, bis an die höheren Bergketten Europens, durch ganz Italien, Spanien und Frankreich machte, und nun auch, Dank der verkehrten Forstwirtschaft in manchen Ländern Deutschlands, auch in Deutschland machen wird. Wir könnten ein solches Land nennen, wo, wie wir neulich mit unseren Augen sahen, ein Oberforstrath und ein vornehmer Forstpraktikant, zur Anlage einer Distrikts-Forstbaumschule von nordamericanischen Holzarten aus der Central-Forstbaumschule einige hundert junge Fichten und Sahlweiden auslas (Pinus picea D. R. und Salix Caprea) und sie dem Distrikts-Förster, der mitten in einem Fichtenwalde an einem Bache lebt, dessen Ufer mit Sahlweide bedekt sind, als nordamericanische Bäume schikte. Wir könnten diesen Oberforstrath und den Forstpraktikanten nennen, wenn man an der Möglichkeit zweifeln sollte, daß in Ländern, in welchen das Studium der Naturgeschichte von den Schreibern auf alle mögliche Weise unterdrükt wird, noch im J. 1829 solche Albernheiten in der Forstwissenschaft von Amtswegen möglich sind. – Hr. Garnier empfiehlt die Straßen mit Alleen von Maulbeerbäumen, von Nußbäumen etc. zu bepflanzen. Wir sind allerdings, so wie er, gegen das Bepflanzen der Straßen mit der elenden Pappel; können aber weder den Maulbeerbaum, dessen Blätter durch den Staub ungenießbar für die Seidenraupe werden, noch Obstbäume empfehlen. Die ruhigen und verständigen Holländer, die treusten Beobachter der Natur und die feinsten Rechenmeister für ihren Beutel, haben uns durch Jahrhunderte gelehrt, welcher Baum mit dem höchsten Ertrage an Straßen gepflanzt werden kann. Der Holländer hat an den meisten Straßen und Canälen eine doppelte, an vielen eine vierfache Reihe von Ulmen oder Rüstern gepflanzt. Diese Ulmen liefern ihm, da er keine □ Klafter eigentlichen Wald in seinem ganzen Lande hat, alles harte Nuzholz, was er braucht; und welches Holz ist, als hartes Nuzholz, besser als Ulmen! Vgl. Bull. d. Scienc. techn. Janv. S. 78.

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„Hüte dich mein Sohn: denn viel Büchermachens ist kein Ende, und viel predigen macht den Leib müde.“

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