Titel: Agenda und Bequemlichkeiten für Reisende.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 32, Nr. LXI./Miszelle 7 (S. 309–311)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj032/mi032061_7

Agenda und Bequemlichkeiten für Reisende.

Unter dieser Aufschrift liefert Herr Gill im Februar- und März-Hefte seines technological and microscopical Repository S. 115. 140. einen Artikel, den er nach seiner Aeußerung und Gewohnheit durch mehrere Hefte fortzuspinnen gedenkt. Wir werden daraus Einiges ausheben, was auch unseren Landsleuten nüzen, kann.

Der Engländer ist weniger mit Geld sparsam, als mit Raum und Zeit; er weiß, daß jenes von selbst kommt, wenn man diese nicht verschwendet. Für seine Wirtschaft mit der Zeit sprechen seine zahllosen Maschinen, seine Dampfbothe, seine Eisenbahnen, seine Mail-Coaches etc. Seine Kunst Raum zu sparen hat er auf seinen Schiffen gelernt. Man erstaunt über die hundert Kleinigkeiten, die ein Engländer in den Raum von wenigen Kubikfuß in seiner Cajüte zu verstehen weiß, um darin gemächlich zu seyn, sich behaglich zu finden, oder, wie er sich in seiner Sprache auszudrüken pflegt, getrost (comfortable) zu seyn. Sein Stiefel? zieher enthält eine ganze Toilette; die Steife seiner Halsbinde ist nicht selten seine Schatzkammer; die Wände seines Köfferchens sind eine kleine Bibliothek von Duodez-Ausgaben; und seine Necessaires enthalten wahrhaftig selbst das Höchst-Ueberflüssige. Es ist schwer zu sagen, ob man den Mann, der eine Welt voll Kleinigkeiten so zu sagen in einer Nußschale mit sich um die Welt herumführt, mehr bewundern oder mehr beklagen soll. Da es indessen immer mehr Menschen |310| gibt und geben wird, die Bedürfnisse, erkünstelte Bedürfnisse, lieber haben als entbehren wollen, so werden diejenigen, die ihnen den Besitz dieses erkünstelten Bedarfes erleichtern, immer sicher seyn können, dadurch reich zu werden, daß sie andere wenn nicht physisch, wenigstens doch moralisch ärmer machen.

Wie viel Gold wandert nicht jährlich von dem festen Lande nach der Insel für bloß erkünsteltes Bedürfniß, für bloßes Spielzeug für große Kinder! Es würde bei uns bleiben, wenn unsere Handwerker eben so wie der englische, speculiren und raffiniren wollten. Woher kommt es, daß unsere Arbeiter all den Hand, für welchen so viel Gold über's Meer geht, nicht einmal nachmachen können; nicht einmal so wohlfeil als Copie liefern können, als das englische Original ist, obschon es bei uns im Durchschnitte sechs Mal wohlfeiler zu leben ist? Daher vorzüglich, daß die Werkzeuge dazu fehlen; daß sie in einzelnen Dutzenden statt im großen Dutzende und zu Tausenden, daß sie sogar öfters in einzelnen Stüken dasjenige fertigen, was der Engländer in Schoten arbeitet. Es ist nicht so viel Absaz bei uns, wird man sagen. Der Absatz für etwas, das bei seiner Verfertigung gut berechnet ist, wird nicht fehlen: der Engländer arbeitet eben so wenig, als der Deutsche, wo er des Absazes nicht sicher ist. Um sich des Absazes zu versichern, hat der englische Handwerker aber bei seinen mechanischen Arbeiten denselben Weg eingeschlagen, den die Auctoren mit ihren Geistesprodukten bei uns so oft ergreifen, um einen Verleger und Abnehmer selbst für die elendesten Dudeleien zu finden, wenn sie keine Könige sind: sie arbeiten auf Subscription, und bestimmen den Preis des Artikels nach der Anzahl der Subscribenten. Je mehr Subscribenten, desto wohlfeiler können sie den Artikel liefern, und je wohlfeiler sie ihn liefern, desto mehr Abnehmer werden sie haben. Wenn der englische Arbeiter, wo er an Einem Stüke nur drei Schilling gewinnt, 1000 solche Stüke absetzt, deren aber 3000 absezen würde, wenn er sich mit zwei Schilling Gewinn am Stüke begnügte, leidet er lieber den Verlust von einem Schilling am Stüke, weil er dadurch um 2000 Schilling mehr gewinnt. Bei einer solchen auf sicheren Absatz und mäßigen, aber vervielfältigten, Gewinn berechneten Unternehmung wird es ihm möglich, sich, wie man sagt, zu einer Arbeit gehörig einzurichten, die hierzu nöthigen Maschinen verfertigen zu lassen, und den Aufwand an Geld durch Gewinn an Zeit reichlich zu ersetzen. Wie viele Fabrikansen und Handwerker bei uns arbeiten bloß auf Gerathe-Wohl und denken der Abtaz könne nicht fehlen, wenn nur die Arbeit einmal fertig ist; wie wenige derselben kennen das englische Subscriptions-System anders, als unter der Form und dem Ausdruke Bestellung, die davon ganz verschieden ist! Der Kaufmann, der bestellt, ist in der Regel ein Betrüger, denn er weiß, daß er das, was er bestellt, weit theuerer verkauft als er ankauft. Das Publikum muß bestellen.

Herr Gill beschreibt unter seinen Reisebequemlichkeiten zuerst einen tragbaren Apparat zum Zeichnen und Schreiben, der in einer zwei Zoll langen und 2/10 im äußern Durchmesser haltenden Röhre besteht. Ehe wir den Inhalt dieser Röhre beschreiben, wollen wir nur bemerken, daß Herr Gill vergessen zu haben scheint, daß vor 15 Jahren (d. 17. August 1814) ein Herr Vanderkleft sich ein Patent auf einen Spazier-Stok geben ließ, der eine Pistole, Pulver und Blei, ein Fernrohr, Feder, Papier, Tinte, Bleistift, Messer und Zeichnungs-Geräthe enthielt. Einen ähnlichen Stok sahen wir schon vor 30 Jahren in der Hand eines schwedischen Majors zu Wien. Auf dem Knopfe dieses Stokes ließ sich eine Brieftasche aufschrauben, deren eine Fläche, die nach dem Aufschrauben oben zu liegen kam, vollkommen eben war, und so, wenn der Stok senkrecht in die Erde gestekt wurde, einen kleinen Meßtisch bildete, auf welchem man mit der kleinen in der Brieftasche befindlichen Alhidade allerlei kleine Aufnahmen machen konnte. Da nun der Apparat zum Zeichnen und Schreiben füglich in einen Stokknopf Plaz hat, so ist eine besondere Röhre hierzu überflüssig, oder könnte höchstens für eine Dame taugen, die ohne Toiletten-Kästchen keine Reise wagen kann, in welchem jetzt gewöhnlich die zum Zeichnen und Schreiben nöthigen Apparate angebracht sind. Indessen haben wir, für Damen, in einem Nadelbüchschen den ganzen Apparat des Herrn Gill, bestehend aus einer Raben-Feder, einer stählernen Feder, einem schreibenden Demante, einem Pinsel und einem Bleistifte aus einer Art Letternmasse, bequem angebracht gesehen. – Herrn Gill's eigene Röhre zum Zeichnen und Schreiben scheint uns also überflüssig.

Herr Gill empfiehlt, als Tinte, ein Stük Eselshaut mitzuführen, das zusammengelegt und inwendig dik mit Tusche belegt ist. Ein Stängelchen, oder auch |311| nur ein Klümpchen Tusche, das man auf jedem Steine abreiben kann, in ein Stük Saffian gewikelt, ist weit bequemer. Daß man in Ermangelung von Tusche oder Tinte sich an jeder brennenden Kerze oder Lampe, deren Rauch man mit irgend einem unverbrennlichen glatten Körper auffängt, und dann mit Wasser, dem irgend ein klebriger Körper, etwas Gummi oder Leim zugesezt wird, Tusche oder Tinte bereiten kann, ist ohnedieß allgemein bekannt.

Mit Recht empfiehlt Herr Gill als das beste Papier auf Reisen, sowohl in Hinsicht auf Leichtigkeit (Feinheit) als Dauerhaftigkeit (indem es nicht bricht), Whatman's Velin Bank Post Schreibpapier (wove bank post writing paper): es ist nur zu bedauern, daß dieses herrliche Postpapier auf dem festen Lande von betrügerischen Papiermachern und Papierhändlern so schändlich verfälscht wird. Die Weise, das Papier so zu falten, wie Herr Gill S. 117 angibt, ist ganz unzwekmäßig, so wie seine Brieftasche aus zusammengefaltetem Pergament, und wir glauben sie ohne allen Nachtheil für Reisende und Buchbinder, die sich mit Verfertigung von Schreibtaschen beschäftigen, übergehen zu können.

Eben dieß gilt auch von seiner Schreibrolle, welche, die auch in Deutschland bekannte Methode ist, sein Papier nebst Tinte und Sand und Federn in einem hohlen Cylinder zu haben, der mit Leder überzogen ist. Das Papier leidet hier immer Ohr oder minder, und wir ziehen eine gute deutsche Brieftasche einem solchen Cylinder, wenn man ihn anders nicht im Stoke hat, weit vor.

Sein Feder- und Bleistift-Hälter ist höchst überflüssig, und kommt auch überdies noch theuer.

Er gibt zwei Vorrichtungen an, um im Finstern schreiben zu können. Die eine derselben ist unbequem; die andere, die man auch schon für Blinde angewendet hat, wird für Sehende, die im Finstern nicht so geschikt sind, wie arme Blinde in ihrer ewigen Finsterniß, nicht viel taugen: höchstens könnte ein Poet ein Tetrastichon oder vier Verslein damit auf die Eselshaut bringen, wenn seine Muse ihn allenfalls weniger schlafen ließe, als seine Leser. Es sind nämlich nur vier Hohlräume für vier Zeilen in Kartenpapier eingeschnitten, unter welchem die Eselshaut liegt. Das Herausziehen dieser Eselshaut im Finstern und das Wiedereinbringen derselben in verkehrter Richtung, um vier neue Zeilen zu schreiben, die dann auf die vorigen umgekehrt stehen, wird schwieriger als das Schreiben seyn.

Damit die mit Bleistift geschriebene Schrift sich nicht auswischt oder die anliegende Seite beschmuzt, empfiehlt Herr Gill zwischen jedes Blätterpaar ein Blatt Löschpapier zu legen. Dadurch wird aber das Memorandum-Buch sehr dik werden. Das Beste scheint uns zu seyn, wenn der Reisende, der oft gezwungen ist sich flüchtig mit Bleistift Notare in seine Schreibtafel zu machen, des Abends nicht faul ist, und, ehe er zu Bette geht, seine mit Bleistift gemachten Rotate mit Tusche oder Tinte überfahrt, wenn sie auf Papier gemacht wurden, oder in sein Tagebuch überträgt, wenn er sie auf Pergament gemacht hat.

Lächeln wird der Deutsche und der Ungar, wenn er, statt unseres guten alten Feuerschwammes aus Boletus ignarius oder aus Eichenmoder, hier einen Silberdrath mit einem vierfach geflochtenen Baumwollenfaden, der in Salpeter gebeizt wurde, und wie eine Lunte zum Abschießen einer Kanon? auf dem Drathe aufgewunden ist, als ein leichtes und bequemes Mittel zum Feuerschlagen mittelst Stahles und Feuersteines empfohlen, und dem Feuerschwamme vorgezogen findet. Questo é pur troppo.

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