Titel: Ueber Bergbau in England und über englische Litteratur über Bergbau.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 32, Nr. LXXXIV./Miszelle 36 (S. 385–387)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj032/mi032084_36

Ueber Bergbau in England und über englische Litteratur über Bergbau.

Es scheint unglaublich und es ist doch so, daß in England, in einem Lande, in welchem jährlich nahe an 600,000 Tonnen, d.i., (die Tonne zu 2000 Pfd.) 12 Millionen Zentner Eisen erzeugt werden; wo jährlich 5316 Tonnen Zinn, 12/635 Tonnen Kupfer, 47,000 Tonnen Blei gewonnen werden, (aus lezterem werden jährlich an 100,000 Unzen Silber geschieden) vom Jahre 1778, wo Dr. Pryce's Treatise erschien, bis zum Jahre 1828, also durch 50 Jahre, kein einziges Werk über Bergbau erschien, einige kleine zerstreute Abhandlungen abgerechnet in den Transactions einiger Privat-Gesellschaften. Einem Ausländer, der dieß über England schreiben würde, würde man kaum glauben: man würde da Leidenschaftlichkeit oder Unwissenheit von seiner Seite vermuthen, als daß man ihm eine solche Bemerkung auf sein Wort glauben würde. Nun versichert uns aber dieß das Philosophical Magazine and Journal selbst in seinem neuesten April-Hefte S. 297. bei Gelegenheit einer Anzeige von Joh. Taylor's Records of Mining, die so eben erschienen sind, und die, seit dem J. 1778, das erste Werk sind, das in England über Bergbau erschien.

Man könnte vielleicht in dieser sonderbaren Erscheinung einen Beweis mehr für die alte Bemerkung finden, daß dort, wo viel Geschrei ist, wenig Wolle zu haben ist; daß Thun und Schreiben zwei ganz entgegengesezte Dinge sind; daß, wer viel zu Thun hat, wenig Zeit zum Schreiben findet, und daß nur zu Viele, die über eine Sache ein Buch schrieben, von der Sache, über welche sie schrieben, wenig oder gar nichts verstanden: indessen erklärt das Philosophical Magazine diese Erscheinung auf eine andre Weise. Es sagt:

„Wir sind nicht wenig erstaunt über den mächtigen Unterschied, der zwischen dem Ansehen und der Würde, welche die Bergbaukunst und ihre Lehrer und Meister im Auslande und in England bekleidet, auf eine so höchst auffallende Weise Statt hat. Im Auslande gilt die Bergbaukunst für einen dem Staate äußerst wichtigen Gegenstand; man betrachtet sie als eine Kunst, zu deren Ausführung nicht bloß eine große Masse von Erfahrung, sondern selbst die feinsten und umfassendsten wissenschaftlichen Kenntnisse gehören, die Männer, die sich mit dieser Kunst beschäftigen, die sie lehren und in den Bergwerken leiten, gemessen Auszeichnungen, Ehren, Würden.“

„Bei uns ist der Bergbau etwas, das demjenigen, der ihn betreibt, kaum noch so viel Ehre läßt, als er haben muß, um nicht unehrlich zu werden. Man hält den Bergbau bei uns für eine Art von Hazardspiel, für eine Art von Lottospiel, in welchem es viele Nieten und wenig Treffer gibt) wo Alles vom Glük auf, vom Zufalle abhängt;158) für den Tummelplaz von Speculanten und verschmizten Projektanten.“

„Wie ist dieß in einem Lande möglich, in welchem (die Steinkohlen-Gruben ungerechnet) jährlich zehn Mal so viel Ausbeute aus den Bergwerken gemacht wird, als in ganz Deutschland zusammengenommen, (und zwanzig Mal so viel, als in ganz Frankreich)? Wir können hierauf bloß so viel antworten, daß bergmännische |386| Kenntnisse in unserem Lande noch sehr wenig verbreitet sind, während man in anderen Ländern dieselben auf alle mögliche Weise fördert.159) Aus Mangel an Kenntnissen, aus barer Unwissenheit entstehen unsere falschen und beschränkten Ansichten, und da es uns an einem richtigen und sicheren Maßstabe fehlt, nach welchem wir den Bergmann beurtheilen können, verwechseln wir Empirie und Schlendrian mit Erfahrung, unverschämte Prahlerei mit Wissen, und halten Ergebnisse des Zufalles für Beweise von Geschiklichkeit. Es ist allerdings im praktischen Bergbaue manches gelegen, was diese Täuschungen begünstigen kann; Bergbau ist etwas, was von Versuchen abhängt; man stößt bei demselben nicht selten auf die höchsten Schwierigkeiten; man hat mit mancher Ungewißheit zu kämpfen, und so kann der verständigste und gebildeteste Bergmann, wie der größte Arzt, zuweilen von dem unwissendsten Charlatan und Quaksalber übertroffen werden. Wir sind jedoch der Meinung, daß die Vorliebe für und der Köhlerglaube auf die Charlatane und Quaksalber, eine Krankheit, an welcher das Menschengeschlecht so ziemlich allgemein zu leiden scheint, weil sie beinahe allgemein in den Schulen davon angestekt wird, nach und nach sich verlieren wird, je mehr man zwekmäßigen Unterricht verbreitet.“

Das Philos. Magaz. findet das Werk des Hrn. Taylor, welches eine Art bergmännischen Journales ist, allerdings zur Verbreitung solcher Kenntnisse geeignet. Es enthält einzelne Aufsäze von verschiedenen Verfassern über verschiedene Gegenstände.

Der erste Aufsaz ist ein Vorschlag des Hrn. Taylor, eine Bergschule in Cornwallis (a School of Mines) zu errichten, und dieselbe mit tüchtigen Lehrern für den theoretischen und praktischen Unterricht zu versehen. „Es ist unbegreiflich,“ sagt das Phil. Magaz., „daß man in dem gegenwärtigen Zeitalter, wo Alles auf Erziehung hinarbeitet, in einem Lande, wo so viele Lehranstalten für Mechaniker (Mechanics' Institutes) errichtet sind, für den Bergmann und Hüttenarbeiter, der so sehr eines Unterrichtes bedarf, bisher gar nicht gesorgt hat, während in anderen Ländern für solche Anstalten so reichlich gesorgt ist.

Auf diesen folgen zwei Aufsäze des Hrn. I. H. Vivian, über die Amalgamation, wie sie zu Freyberg in Sachsen betrieben wird, und über die Silbergewinnung in Deutschland. „Man besizt über die Amalgamation gar keine praktische Kenntniß in England.“ Wir finden es sonderbar, daß das Phil. Magaz. hier des unsterblichen Barons v. Born nicht erwähnt, dem die Bergbaukunde die Amalgamation zu verdanken hat.

IV. Ueber die Gewältigung des Wassers mittelst Pumpen. Von Hrn. Taylor. Hier ist der Engländer in seinem Elemente; hier, im Gebiete der Mechanik, hat er alle Völker der Erde übertroffen, so wie er in Hinsicht auf eigentliche Berg- und Hüttenkunde allen übrigen nachsteht. Man erstaunt nicht bloß, man erschrikt so zu sagen über die Fortschritte, die er hier in einem halben Jahrhunderte machte. Er hebt jezt mittelst Eines einzigen Bushels Steinkohlen so viel Wasser, als er im I. 1765 mit siebzehn Bushels hob.

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Im J. 1813 arbeiteten in Cornwall 24 Dampf-Maschinen; im J. 1828 arbeiten deren 54.

Im J. 1813 hob Eine Maschine 19,456,000 (die beste 26,400,000) Wasser;
1828 – – – 37,100,000 ( – – 76,763,000) –

d.h. in 15 Jahren hat sich der Bau der Dampfmaschinen um mehr als das Doppelte verbessert.

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Es ist gewiß ein sonderbarer Zug im Charakter des Engländers, dem Wetten zur Leidenschaft geworden ist, daß er den Zufall im Bergbaue scheut, während er ihn als Seemann auf allen Meeren aufsucht. Im Bergbaue fürchtet er ein paar Thaler zu verlieren; als Seemann verliert er con amore täglich 2 1/2 Schiffe: denn so viel gehen täglich Schiffe von der englischen Flotte zu Grunde. A. d. U.

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Das Phil. Magaz. hätte hier noch einen Schritt weiter gehen, und fragen sollen: woher es kommt, daß bergmännische Kenntnisse in England so wenig verbreitet sind? Und hier würde es sich gezeigt haben, daß dieses von der schlechten Einrichtung der Universitäten zu Oxford und Cambridge herrührt, wo nichts wie ältere Philologie, Theologie und die schändliche englische Jurisprudenz gelehrt wird, alle anderen nüzlichen Wissenschaften aber auf das Sträflichste vernachlässigt würden. Wenn auch auf den übrigen Universitäten des festen Landes Berg- und Hüttenkunde entweder gar nicht, oder so gelesen wird, daß es besser wäre, sie würde gar nicht gelesen, so können diese sich damit entschuldigen, daß man auf dem festen Lande die Bergschule zu Freyberg, zu Schemniz, die Ecole des Mines zu Paris, die Bergschule zu Petersburg, die herrlichen Anstalten in Schweden besizt. Womit kann aber Oxford und Cambridge sich entschuldigen? Womit können die Engländer sich entschuldigen, daß sie die Anstalten zu Freyberg und Schemnitz, die sogar von Süd- und Nordamericanern fleißig benüzt wurden, so wenig benüzen? Die Schotten haben durch die Wernerian-Society? (die den Namen des Deutschen Werner führt) angefangen, das Studium der Mineralogie auf der großen Insel zu weken; der Deutsche König hat das Mineralien-Cabinet an der Royal-Society zu London brauchbar gemacht; und einer der ausgezeichnetesten Mineralogen Englands ist gegenwärtig noch der Deutsche Haidinger. A. d. U.

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