Titel: Ueber freie Einfuhr ausländischer Seidenwaaren in England.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 32, Nr. CIII./Miszelle 4 (S. 447–449)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj032/mi032103_4

Ueber freie Einfuhr ausländischer Seidenwaaren in England.

Die verkehrten Maßregeln, welche Hr. Huskisson durch Erlaubniß der Einfuhr ausländischer Seidenwaaren ergriffen hat, das Elend, welches dadurch über mehr denn 10,000 Menschen verhängt wurde, die neuesten Erbärmlichkeiten, die das Parliament sich hierüber zu Schulden kommen ließ, die blutigen Auftritte, die die Folgen dieser halben Maßregeln waren, sind bekannt. Wenn auch die Seiden-Fabriken in Italien, in Frankreich, in der Schweiz und in Elberfeld sich über die Einfältigkeiten der gegenwärtigen englischen Gesezgeber freuen können, die die Industrie Englands so muthwillig zu Grunde richten; so ist doch der Verfall eines einst so blühenden Industrie-Staates, wie Groß-Britannien war, immer höchst traurig, und andere Staaten, in welchen die Industrie im Aufblühen oder noch im Fortschreiten begriffen ist, mögen aus dem Beispiele Englands sich die Lehre ziehen, wie man durch falsche Theorien, durch leere, philosophisch |448| seyn sollende, Spekulationen auch den blühendsten Staat mitten im Frieden zu Grunde richten kann. Das Morning Journal, das einzige Blatt, in welchem noch alter britischer Geist sichtbar ist, und welches Sachkenntniß mit einem klassischen Style zu verbinden weiß, so daß man, in Bezug auf Lezterem, selbst noch seine schlechten Artikel über Portugal lesen kann, gibt uns folgende kritische Darstellung über die lezte Parliaments-Verhandlung in Bezug auf die erlaubte Einfuhr der Seidenwaaren in England, und über den Zustand der Industrie in Groß-Britannien. (Vergl. Galignani N. 4405.)

„Wir sind ganz versteinert über die Unwissenheit, oder, wenn es nicht Unwissenheit ist, über den Stumpfsinn derjenigen Mitglieder des Hauses der Gemeinen, die die rechte Seite desselben bilden. Hr. Fitzgerald verweilte eine halbe Ewigkeit bei den Mauthberichten über den Seidenhandel, und legte einen so hohen Werth darauf, daß in den lezteren vier Jahren mehr rohe und gesponnene Seide eingeführt wurde, daß er glaubte hierdurch beweisen zu können, die Seiden-Fabriken Englands befanden sich nicht in dem elenden Zustande, in welchem Hr. Fyler sie dem Parliamente vor Augen hielt, und den wir alle mit eigenen Augen sehen. Die Trugschlüsse, mit welchen er das Haus tauschte, wurden mit Stillschweigen angenommen, und Niemand hatte Muth und Geist genug sie anzugreifen und zu zerschmettern. Noch nie haben unsere erleuchteten Rathsherrn im Parlament einen größeren Bären sich aufbinden lassen. Sie würgten die ungeheuren Lügen mit eben so vieler Gemüthlichkeit hinab, als ein Träger am Strande den hoch besteuerten Tobakrauch seines Kameraden, der vor ihm herzieht. Die jungen Herrschaften, die Schößlinge des Parlaments, riefen dem ehrenwerthen Mitglieds laut ihren Beifall zu; denn er hat sie, bei ihrem hohen Scharfsinne, vollkommen überzeugt. Die alten Herren nahmen ihre Prise und schwiegen, und von Hrn. Waithman und Hrn. Whittle Harvey an bis zu Lord Nugent hatte nicht ein einziges Mitglied Hirn oder Kühnheit genug, zu zeigen, daß das ehrenwerthe Mitglied eitel Unsinn vorbrachte. Die stärkere Einfuhr von roher und gesponnener Seide hat, nach unserer Ansicht, mit dieser Frage gar nichts zu thun. Aus demselben Grunde könnte uns der Handlungs-Präsident auch beweisen, daß unsere Baumwollen-Fabriken blühend seyn müssen, und unsere Baumwollen-Weber zu essen haben, weil mehr Baumwolle in den lezteren Jahren eingeführt wurde. Es fragt sich nicht, ob mehr oder ob weniger Seide eingeführt wurde, sondern es handelt sich darum: ob der Fabrikant bei seinen Arbeiten gehörig bestehen, ob der Weber den gehörigen Taglohn bei seiner Arbeit verdienen kann? Wir mögen immerhin jezt mehr Ellen Seidenzeug und Calicos ausführen, als ehevor; wenn wir aber jezt 40 Stüke Seidenzeug und 50 Stüke Calico für ein Faß Talg hergeben müssen, für welches wir ehevor nur 5 Stüke Seidenzeug und nur 25 Stüke Calico hergeben durften; ist dieß nicht ein Beweis, daß unsere Arbeit jezt weniger werth ist, als ehevor, und daß wir folglich bei diesem neuen Systeme nur einen ruinösen Handel führen? Wenn wir jezt auf eine Waare, die wir in das Ausland ausführen, 15 Stunden verwenden müssen, mit welcher wir ehevor uns nur 10 Stunden. lang zu beschäftigen brauchten; ist dieß nicht ein deutlicher Beweis, daß unser Zustand sich verschlimmert hat, während jener des Auslandes sich um eben so viel verbesserte? Was liegt daran, wenn mehr Seide und Wolle eingeführt wird, wenn die Leute, die sich mit Verarbeitung der Wolle beschäftigen, bei ihrer Arbeit verhungern müssen? Es handelt sich nicht um Menge; es fragt sich nicht um Ellen: denn es ist keine Frage, die man mit der Elle ausmißt; sondern die Frage ist: Kann der Weber bei der Arbeit seinen verdienten Lohn finden? Trägt das Capital des Fabrikanten auch die nothwendigen Zinse? Bei dem gegenwärtigen Systeme können wir diese beiden Fragen nur verneinend beantworten: beide Theile befinden sich in einem Elende, das in England noch nie erlebt wurde. Der Fabrikant ist beinahe ganz zu Grunde gerichtet, und der Weber fällt dem Armenhause zur Last. Auf diese Thatsache, nicht auf Mauthregister, muß man sehen. Der Minister der Krone muß, wenn er ein ehrlicher Mann seyn will, zuerst darauf denken, diesen Tausenden von Verhungernden zu helfen, ehe er, ohne Unverschämtheit, auf unsere Vermehrte Einfuhr pochen darf. Wir wollen Ausfuhr unserer Waaren, nicht Einfuhr fremder Waaren, die wir selbst besser und schöner verfertigen können. Wir wollen, daß die Ausfuhr unserer Waaren eine größere Menge von, Stüken Guineen, nicht von Stüken Waaren, beträgt. Wir wollen, daß unsere Fabrikanten |449| ihre Procente, die Weber ihren Taglohn ehrlich finden können; wir wollen keine wohlfeilen Waaren, keine verfaulten Mousseline, keine mit Säuren verbrannten Waaren, die, wie die Barbier-Messer der Juden, Zum Verkaufe, aber nicht zum Gebrauche hergerichtet sind. Wir kümmern uns nicht um viel, wir wollen nur das, was genug ist: genug als Arbeitslohn, genug als Zins vom Capitale. Für eine solche Forderung ist unsere gegenwärtige Regierung aber stok taub. Sie bemißt unseren gegenwärtigen Wohlstand nach dem Zollstabe eines Baumeisters. Ihre Begriffe über den Wohlstand der Fabrik-Arbeiter sind nach demselben Maßstabe berechnet, nach welchem der Münsterer „(the Munsterman; die Münsterer sind in Irland ungefähr das, was die Pfälzer in Bayern)“ seinen Wohlstand berechnet. Je mehr Erdäpfel auf den Scheffel gehen, desto fruchtbarer ist der Boden. Hr. Fitzgerald, ein Münsterer, schließt, wie ein achter Irlander, von Erdäpfeln auf die Seide. Die Irlander haben noch ein Sprichwort in Kerry180): „Je mehr Ausfuhr, desto größer ist der Friede.“ Hält er dieß auch für wahr? – Mit Plaudern und Baifallrufen im Parliament, fährt das Morning Journal fort (Galignani N. 4409), mit langen, frostigen, Nichts sagenden Reden ist die Sache nicht abgethan. Wir hatten 44 Jahre lang Frieden, und statt diese Zeit zur Erleichterung der Lasten zu benüzen, die uns drüken, waren wir thöricht genug, dieselben durch unsinnige Maßregeln zu erschweren. Unsere Staatsmänner haben während dieser Zeit gezeigt, daß sie nicht im Grande sind eine Sacristei einer Pfarre gehörig zu leiten, viel weniger eine so zusammengesezte Maschine, wie Pitt aus England geschaffen hat. Sie begingen, zur großen Freude unserer Feinde, eine Dummheit nach der anderen, bis sie gegenwärtig das Land auf die unterste Stufe des Elendes brachten, und England in ein großes Armenhaus verwandelten. Jeder Mensch in England weiß, was sie thun sollten, aber jeder Mensch weiß auch, daß die gegenwärtigen Minister Sr. Majestät sich nicht getrauen, das zu thun, was Ehre, was Recht und Billigkeit gebietet. Hrn. Peel's Bill ist ein Mühlstein an unserem Naken; seine liberalen Maßregeln halten uns den Kopf unter dem Wasser. Wer viele Staatspapiere besizt, ist jezt Herr und Meister; der freie Handel tyrannisirt den Akerbau; der Grundbesizer ist der Sklave seines Creditors; der Frömmler in der Stadt beherrscht den Besizer der Grundstüke in den Colonien; unser Verkehr im Inlande wurde dem Wucher einiger reichen Kapitalisten geopfert; was ehe die Malz- und Bier-Steuer trug, muß gegenwärtig der Einfuhrzoll ausländischer Fabrikate ersezen, die bei uns im Lande besser und schöner hatten verfertigt werden können; unser ganzes Verwaltungs-System hat eine gänzliche und höchst verderbliche Umwandlung erlitten; bei dem ersten Kanonen-Schusse muß unser ganzes erbärmliches Finanz-System zusammenstürzen. Dieß ist der wahrhaft beklagenswerte Zustand, in welchen England durch seine philosophischen Staatswirthschaftler versezt wurde. Wir leiden auf unserer Insel bei Hause; alle Völker der Erde machen Jagd auf uns; unsere Magazine strozen von ausländischen Fabrikaten, während unsere Fabrik-Arbeiter verhungern. Unser Schulden-Tilgungs-Fond (Sinking Fund) ist selbst vertilgt worden; die Besizer der Super-Centrum Staarspapiere wurden lebendig geschunden; die Staats-Einnahme nimmt ab; der Handel mit Portugal ist jezt in Frankreichs Händen; Nord-Amerika hat die Einfuhr unserer Fabrikate verboten, wir kaufen ihm aber seine Baumwolle ab; und allen diesen Schimpf und solche Schande duldet Arthur Herzog von Wellington.

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Kerry ist der Siz des Hrn. O'Connel. A. d. U.

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