Titel: Boswell, über verbesserte Formen für Flinten-Kugeln.
Autor: Boswell, J. W.
Fundstelle: 1829, Band 33, Nr. VIII. (S. 21–37)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj033/ar033008

VIII. Ueber verbesserte Formen für Flinten-Kugeln. Von Hrn. J. W. Boswell.

Im Repertory of Patent-Inventions, Supplement zum VII. Bd. S. 398.

Mit Abbildungen auf Tab. II.6)

Folgender Aufsaz über Flinten-Kugeln, die so eingerichtet sind, daß sie den Punkt, nach welchem man mit ihnen zielt, beinahe so sicher, |22| wenn nicht eben so gut, treffen, wann sie aus einem gewöhnlichen Flintenrohre, als wann sie aus einem gezogenen Rohre abgeschossen werden, wurde vor bereits vielen Jahren geschrieben. Er blieb im Pulte, weil er nicht dazu dienen sollte, unsere Mitmenschen vernichten zu helfen; eine Anwendung, die man ihm vielleicht nur zu bald gegeben haben würde.

Bei wiederholter Ueberlegung der Sache wollte es mir aber scheinen, daß diese Scrupel zuvörderst auf der Besorgniß beruhten, daß man von diesen Kugeln im Kriege Gebrauch machen würde. Dieß wird aber dadurch unwahrscheinlich, daß sich nicht leicht Jemand finden wird, der sich die Mühe geben wollte, sie zu diesem Behufe einzuführen. 2) Wird diese Unwahrscheinlichkeit auch dadurch noch sehr vermehrt, daß man in neueren Zeiten den Dampf zum Abschießen der Kugeln gebrauchen gelernt hat, wodurch unsere Taktik, früher oder später, eine andere Gestalt erhalten muß, und zuerst bei dem Angriffe und bei Vertheidigung der Festungen erhalten wird: in dieser Hinsicht wird die gewöhnliche Muskete immer mehr und mehr eine unbedeutende Waffe. 3) Bin ich sehr geneigt anzunehmen, daß die Völker der Erde, vielleicht noch früher, als man jezt davon träumt, kräftigere und bessere berechnete Mittel finden werden, sich wechselseitig aufzureiben, als dadurch, daß sie sich wechselseitig einige Hunderttausende abzwaken oder einige Tausende erschießen; sie werden die Einfältigkeit und Erbärmlichkeit der gegenwärtigen Art Krieg zu führen bald so deutlich und handgreiflich einsehen, daß sie Flinten-Kugeln künftig nur mehr auf der Jagd gegen wilde Thiere, gegen welche man sie gegenwärtig in Amerika und Afrika noch immer reichlich genug brauchen kann, anwenden werden. Diese meine Ansichten finden sich durch die Geschichte unserer lezten Kriege mit Frankreich bestätigt, das, ungeachtet des ungeheuren Verlustes an Menschen, den es erlitten hat, theils durch die brittischen Waffen, („d.h. durch die Guineen, mit welchen fremde Waffen in Thätigkeit gesezt wurden; die englischen haben nicht 10,000 Franzosen getödtet; so viel weiß jeder Oesterreicher, Preuße, Russe, Spanier und Portugiese, der mit den Gentlemen im Felde stand“) theils und mehr noch durch die unbarmherzige Weise („wohl führten die Gentlemen den Krieg auf eine barmherzige Weise“) durch die verzweifelte Art, mit der die Revolution den Krieg begann und Napoleon ihn fortsezte, nicht nur seine Kraft nicht geschwächt und seine Hülfsquellen nicht erschöpft hat, sondern, im Gegentheile vielmehr seine Bevölkerung auf jenes |23| heilsame Verhältniß zurük geführt hat, in welchem sie auf eine ehrliche Weise für ihre Erhaltung, wodurch allein Kraft und Wohlstand für ein Volk hervorgeht, fortbestehen kann, während auf der anderen Seite wir, mitten unter einem äußeren Scheine von Nationalglük und Ueberfluß, unter den grauenvollsten Uebeln einer alles verschlingenden Bevölkerung, an dem aus derselben unvermeidlich entspringenden Krebse, den Armen Gesezen, die jezt im Stillen die Lebens-Organe unseres Landes zerstören, dahinsiechen und zu Grunde gehen.7)

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Die Ursache, warum eine Kugel, von der gewöhnlichen Form, wenn sie aus einer Flinte geschossen wird, vom Ziele abweicht, ist diese, daß sie, während sie durch das Flintenrohr läuft, eine umdrehende |25| Bewegung um ihre Achse erhält, so daß diese Achse senkrecht auf ihrer Richtungs-Linie steht. Hierdurch entsteht eine Abweichung, weil durch die Geschwindigkeit der Kugel, wenn sie abgeschossen wird, die Luft vor der lezteren so sehr zusammengedrükt wird, daß die Reibung der durch dieselbe durchlaufenden Kugel, indem sie auf den verschiedenen Theilen der Oberfläche derselben nicht dieselbe, sondern verschieden ist, auf einer Seite mehr auf die Kugel wirken wird, als auf der anderen, und so die Kugel zwingen wird, sich, während sie auf die Luft auffährt, in einer der Richtung, in welcher sie auffahrt, entgegengesezten Richtung zu bewegen, und so von ihrem Laufe abzuweichen, wenn ihre Achse sich in irgend einer anderen Lage, als in der Linie der Richtung befindet.

Man wird dieß deutlicher einsehen, wenn man die Kugel sich im Wasser fortgetrieben denkt, und zwar in gerader Richtung, und mit einer solchen Geschwindigkeit, daß sie einen leeren Raum hinter sich zurük läßt, und sich zugleich in der Richtung des Pfeiles in Fig. 38. um ihre Achse dreht. Man denke sich an den Seiten dieser Kugel kleine Hervorragungen, wie sie in dieser Figur angedeutet sind. Wenn diese Hervorragungen auf das Wasser schlagen, so werden sie dasselbe in Linien treiben, die Tangenten auf den Kreis sind, in welchem sie sich durch die Umdrehung der Kugel bewegen, und müssen folglich von dem Wasser eine Rükwirkung in entgegengesezter Richtung erleiden.

Wenn die Flüssigkeit, in welcher die Kugel sich bewegt, überall gleichen Widerstand leistete, würde die Kugel nicht von ihrem Laufe abweichen, indem die Stöße, die sie auf der einen Seite erhält, und die sich bestreben, dieselbe in einer gewissen Richtung zu bewegen, dann von den Stößen auf der anderen Seite vollkommen im Gleichgewichte gehalten würden, indem diese Stöße sie einer vollkommen entgegengesezten Richtung zu treiben streben. Da aber dieß in dem gegenwärtigen Falle sich nicht so verhält, und ein weit größerer Widerstand durch die Stoße entsteht, welche die Kugel von der an ihrer vorderen Seite befindlichen Flüssigkeit erhält, als von jener, die irgend eine andere Seite derselben berührt, und zwar im Verhältnisse der größeren Geschwindigkeit ihrer Bewegung; da überdieß ein weit geringerer Widerstand an der Hinteren Seite der Kugel sich findet, wo, in Folge der Schnelligkeit ihrer Bewegung, ein leerer Raum sich gebildet hat, so werden die Stoße auf die an dem vorderen Theile der Kugel befindlichen Hervorragungen, die dieselbe von A. nach H zu treiben streben, durch keinen Gegenstoß von der entgegengesezten Seite aufgehoben werden; die Kugel wird sich also, Statt daß sie sich in der Linie AB fortbewegte, in der Linie CD fortlaufen, und auf einen Punkt auf der Seite des Zieles gelangen, dessen Entfernung von |26| dem Ziele DB desto größer seyn wird, je größer die Geschwindigkeit seyn wird, mit welcher sich die Kugel um ihre Achse dreht.

Man fühlt, so zu sagen, den Widerstand, den ein Körper während seiner Bewegung durch das Wasser erleidet, deutlicher, als denjenigen, den ein Körper während seiner Bewegung durch die Luft erfährt, und dieser größeren Deutlichkeit wegen haben wir obiges Beispiel gewählt; obschon aber der Widerstand der Luft im Ganzen geringer ist, ist der theilweise Widerstand, im Verhältnisse zur Dichtigkeit derselben, doch eben so groß, als im Wasser. Es hat also bei Körpern, die sich in der Luft bewegen, dieselbe Abweichung von der Richtungs-Linie der Bewegung Statt, wie bei denjenigen, die sich im Wasser bewegen, und obschon keine so großen Hervorragungen an der Kugel Statt haben, wie sie hier gezeichnet sind, so sind doch auf der Oberfläche einer jeden Kugel, auch auf einer noch so glatt gegossenen Kugel, Hervorragungen genug, die sich an der, an der vorderen Seite derselben zusammengepreßten Luft bedeutend reiben können. Jedes gute Mikroskop wird dieß jedem deutlich beweisen können, der daran zweifeln will. Abgesehen von allem Diesem ist aber schon die Reibung, die durch die Adhäsions-Attraction der Luft zur Kugel entsteht (die desto größer ist, je glatter die Kugel ist) hinreichend, eine solche Abweichung von der Bahn auch einer ganz glatten Kugel zu erzeugen, wenn es möglich wäre, eine solche zu verfertigen.

Beim ersten Anblike sollte man glauben, der Widerstand der Luft vor der Kugel könne nicht im Stande seyn durch die Reibung der Luft an der Kugel irgend eine Veränderung in der Richtung ihrer Bewegung hervorzubringen, indem die Luft uns in unseren Bewegungen so wenig hindert; allein schon der einfache Versuch mit der in einer Blase eingeschlossenen Luft, die man mit der Hand zusammendrüken will, kann jeden überzeugen, wie groß der Widerstand einer zusammengedrükten Luft ist; von der Kraft der Luft in Orkanen wollen wir hier gar nicht sprechen. Um die Zeichnung in Fig. 1. deutlicher zu machen, habe ich den Theil, der das Wasser darstellen soll, schraffirt, den Theil hinter der Kugel aber unschraffirt gelassen, um die Figur darzustellen, welche gebildet wird, wenn das Wasser wieder zurüktritt, um den leeren Raum auszufüllen, aus welchem es durch die schnelle Bewegung der Kugel verdrängt wurde. Diese Figur wird beinahe die Gestalt eines Kegels haben, der desto länger und spiziger seyn wird, je größer die Schnelligkeit ist, mit welcher die Kugel sich bewegt, und je geringer der Druk der Flüssigkeit ist, in welcher er sich bewegt. Er wird folglich in der Luft weit länger seyn, als im Wasser.

Wenn die Kugel auf dem unteren Theile des Laufes hinausfährt, |27| wird sie nach der in Fig. 39. gezeichneten Richtung geschossen, sich nach der Richtung des Pfeiles in Fig. 40. drehen, und hiernach muß sie, nach demjenigen was so eben gesagt wurde, über ihre Richtung hinaufsteigen und über dem Ziele in einer solchen Entfernung einschlagen, die mit der Schnelligkeit der Umdrehung um ihre Achse im Verhältnisse steht; diese Schnelligkeit hängt von der Geschwindigkeit ihrer geraden Bewegung nach vorne, und von dem Widerstande ab, den sie während ihres Rollens in dem Laufe der Flinte erleidet.

Wenn 2) die Kugel sich an der linken Seite des Laufes während ihres Ausfahrens reibt, so erhält sie eine Bewegung um ihre Achse in der Richtung von Fig. 41. und sie wird also rechts vom Ziele abweichen.

Eben so wird sie 3) links vom Ziele abweichen, wenn sie sich nach der Richtung des Pfeiles in Fig. 41. bewegt, und an der rechten Seite des Flinten-Laufes sich reibt.

Wenn endlich 4) die Kugel sich an der oberen Seite des Laufes reibt, folglich in der Richtung des Pfeiles in Fig. 42., wird sie aus demselben Grunde unter das Ziel hinabfahren.

Aus diesen vier Fällen von Abweichung läßt sich die Richtung der Kugel leicht bestimmen, die dieselbe erhalten muß, wenn sie auf ihrem Durchfahren durch den Lauf an Punkten sich reibt, die zwischen den vier oben angegebenen Punkten gelegen sind, d.h., an B, E, C oder D in Fig. 44., Statt an den Punkten AAAA, wenn diese Figur den Durchschnitt eines Flinten-Laufes darstellt.

Die gewöhnliche Abweichung einer Kugel ist die, die aus dem ersten Falle entsteht8), in Verbindung mit dem zweiten und dritten; denn die Schwere der Kugel macht, daß sie unten auf dem Laufe hinrollt, wie in dem ersten oben angegebenen Falle, und die Explosion des Pulvers drükt die Kugel gewöhnlich wehr auf einer Seite, als auf der anderen, so daß sie sich dann an der entgegengesezten Seite mehr reibt, wodurch dann zugleich entweder der zweite oder der dritte Fall in Verbindung des ersten entsteht. Die Folge dieser vereinigten Abweichungen ist, daß, wenn M in Fig. 45. der Mittelpunkt der Scheibe ist, die Kugel die Punkte B oder E, Statt M treffen wird.

Da dem Aufsteigen der Kugel, wenn sie außer dem Laufe gekommen ist, ihre Schwere entgegenwirkt, durch welche sie auf ihrem Fluge in Einer Sekunde um 16 Fuß fällt, so wird die Entfernung der Abweichung derselben vom Centrum über diesem geringer seyn, |28| als nach der Seite, rechts oder links, und die Kugel wird daher vielmehr die Punkte G oder H, Statt B oder E treffen, wie man vorher der größeren Deutlichkeit wegen annahm, um die Sache nicht durch zu viele Umständlichkeiten, die man auf ein Mal dem Leser hinwirft, zu sehr zu verwikeln.

Die Art, wie eine Kugel auf ihrem Zuge durch den Lauf der Flinte eine umdrehende Bewegung um ihre Achse erhält, läßt sich leicht begreifen, wenn man beobachtet, wie eine Billard-Kugel, während sie auf dem Tuche hinläuft, eine umdrehende Bewegung erhält.

Die Flinten-Kugel erhält ihre umdrehende Bewegung durch ihre Reibung an den Seiten oder an dem untersten Theile des Flinten-Laufes, wodurch die Geschwindigkeit desjenigen Theiles der Kugel, mit welchem sie den Lauf berührt, vermindert wird, während die übrigen Theile derselben ihre Bewegung nach vorwärs ungehindert fortsezen: ganz und gar auf dieselbe Weise, wie die Reibung auf dem Billard-Tuche die Umdrehung einer Billard-Kugel um ihre Achse erzeugt. Diese Ursache wird desto starker auf die Flinten-Kugel einwirken, je großer die Geschwindigkeit ist, mit welcher die Kugel sich bewegt, indem die Reibung, welche durch die Unebenheit oder Rauhigkeit der Oberfläche derselben entsteht, in dem Maße vermehrt wird, als die Geschwindigkeit beschleunigt wird.

Einige sind der irrigen Meinung, daß die Schwere der Kugel durch die Schnelligkeit der Bewegung derselben gänzlich aufgehoben wird; sie glauben daher, das die Kugel auf ihrem Zuge durchaus nicht auf der unteren Seite des Laufes hinrollt, indem die Schwere derselben sie nicht darauf niederdrükt. Allein, Schwere wirkt auf jeden Körper, und wenn er sich auch noch so schnell bewegt; denn Schwere ist nur ein anderer Name für Anziehung, deren Einflüsse selbst der schnellste Komet (der, nach den Berechnungen, zuweilen 6900 engl. Meilen in Einer Sekunde durchläuft) eben so gut unterworfen ist, als die Kugel einer Kanone, die, während dieser Zeit, nur 640 Fuß zu durchlaufen vermag, und die Billard-Kugel, die in Einer Sekunde nicht mehr als 60 Zoll zurüklegt.

Diese irrige Meinung rührt davon her, daß die Schnelligkeit des Fluges einer Kugel weit größer ist als die Geschwindigkeit des Falles derselben, so daß, während die Kugel hundert und sechzig Fuß weit vorwärts stiegt, sie nur um Einen Fuß fällt9), und dieser geringe Fall wird einige Zeit über durch das Aufsteigen, zu welchem die Kugel |29| mittelst ihrer umdrehenden Bewegung, die sie in Folge ihrer Reibung auf dem unteren Theile des Flinten-Laufes, wie wir oben erwiesen haben, erhält, mehr denn reichlich aufgewogen.

Da also die Kugel, statt zu fallen, nachdem sie den Flinten-Lauf verlassen hat, vielmehr aufsteigt, und da der Fall, der durch ihre Schwere veranlaßt wird, während der Zeit ihres Zuges so klein ist, daß ihre, durch die Umdrehung um ihre Achse veranlaßte, Bewegung nach aufwärts nur in einem sehr geringen Grade vermindert wird, und folglich immer eine aufsteigende Bewegung bleibt, so darf man sich nicht wundern, wenn einseitige Beobachter auf die Idee gerathen, die Kugel höre, schon im Laufe der Flinte, auf schwer zu seyn, sobald der erste Stoß des entstammten Pulvers auf sie gewirkt hat; daß folglich Schwere der Kugel keinen Einfluß auf die Abweichung derselben von ihrer Richtung haben könne. Es ist vielmehr Thatsache, daß diese Schwere, die solche Beobachter für verschwunden halten, die entfernte Ursache des Aufsteigens der Kugel ist; daß diese Schwere der Kugel die Reibung derselben auf der unteren Seite des Flintenlaufes, dadurch die Umdrehung der Kugel um ihre Achse, und dadurch das Aufsteigen der Kugel veranläßt.

Daß eine Abweichung der Kugel von der Richtungslinie der Bewegung derselben in Folge ihrer Umdrehung um ihre Achse Statt hat, war lang schon entweder theoretisch bekannt, oder man ist praktisch auf ein Mittel gerathen, um diesem Nachtheile abzuhelfen. Die allgemein bekannte Erfindung der sogenannten Stuzen oder gezogenen Röhre (rifle) hat keinen anderen Zwek, als die Kugel, so lang sie noch im Laufe des Rohrs hinausfahrt, zu hindern irgend eine Bewegung um ihre Achse zu nehmen, in welcher die Achse nicht in der Richtungslinie der Bewegung liegt, wie in Fig. 43. Die Ursache, warum auf diese Weise keine Abweichung Statt hat, ist, weil die Luft, wo die Reibung durch eine solche Umdrehung um die Achse entsteht, auf allen Seiten gleichförmig auf die Kugel drükt, folglich die Kugel keine Ursache hat, auf die eine oder auf die andere Seite abzuweichen, und folglich in ihrem Laufe die gewöhnliche Richtungslinie behalten wird.

Es gibt zweierlei Arten von gezogenen Röhren; in einer derselben sind die Furchen oder Vertiefungen alle gerade; in der anderen bilden sie eine Schraubenlinie oder Spirale von einer einzelnen ganzen, oder zuweilen auch weniger als einer ganzen, Umdrehung von der Kammer bis zur Mündung. Durch die erstere dieser Vorrichtungen wird jede Umdrehung der Kugel um ihre Achse im Laufe des Rohres unmöglich; durch leztere erhält sie jene Umdrehung um die Achse, in welcher die Achse in der Richtung der Bewegung liegt, wie in Fig. 43.

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Die gezogenen Röhre haben verschiedene Unbequemlichkeiten, welche die allgemeine Anwendung derselben hindern. Sie sind schwerer zu laden, und taugen also nicht, wo schnell hinter einander geschossen werden soll. Ein gezogenes Rohr fordert einen sehr geschikten und genauen Büchsenmacher, kostet viele Arbeit und Mühe, und wird daher auch sehr theuer. Ferner muß der Widerstand10), welchen die gefurchten Wände, vorzüglich an dem schraubenförmig gezogenen Rohre, erzeugen, die Kugel in ihrer Bewegung Hindern; sie stiegt also nicht mit so viel Kraft, oder nicht so weit, als wenn sie aus einem glatten Laufe ausfährt. Endlich geht, durch die vermehrte Reibung, der Lauf selbst auch früher zu Grunde.

Diese Betrachtungen führten mich auf den Gedanken, daß es gut wäre, wenn man eine Methode fände, welche die Vortheile der gezogenen Röhre gewahrt, ohne die Nachtheile derselben zu besizen. Und da keine Methode einfacher und besser seyn kann, um das Umdrehen der Kugel um ihre Achse, so lang sie noch im Laufe rollt, zu hindern, als wenn man, die Form der Kugel selbst ändert, so gerieth ich auf die Idee, eine einfache Hervorragung an der Kugel anzubringen (wie in Fig. 9), die stark und lang genug wäre, um dem ersten Andrange zu einer Umdrehung um die Achse zu widerstehen. Um solche Kugeln zu verfertigen, hielt ich es für das Beste, den gewöhnlichen Kugelgieß-Model anzuwenden, und neben dem gewöhnlichen Gießloche und in derselben Richtung zwischen den Kanten ein Loch bohren zu lassen, durch welches ich ein ungefähr fünf Viertel Zoll langes Stük Messing-Drath von ungefähr Ein Zehntel Zoll Dike so stekte, daß ungefähr drei Viertel Zoll aus der Kugel hervorstanden, wie in Fig. 46. Mittelst dieses hervorragenden Stükes schien es mir wahrscheinlich, alle Umdrehungen der Kugel, nicht bloß so lang sie im Laufe rollt, sondern auch außer dem Laufe, zu beseitigen, indem dieser Stiel an der Kugel auf die Luft, durch welche sich die Kugel bewegt, eben so wirkt, wie die Feder am Ende Eines Pfeiles. Ich dachte, daß die Luft durch die große Schnelligkeit, mit welcher die Kugel fliegt, an den Seiten der Bahn dieser lezteren |31| hinlänglich zusammengedrükt wird, um die verlangte Wirkung hervorzubringen.

Ich bediente mich zur Bildung dieses Stieles des Messing-Drathes (von der in der Figur gezeichneten Dike), weil Messing ein weicheres Metall ist als das Eisen eines Flinten-Laufes, damit dieser nicht davon geschnitten wird, während die Kugel durch denselben durchfahrt: ich ließ ihn so lang, als die Pulver-Ladung11) es erlaubte, damit er desto sicherer der Umdrehung der Kugel um ihre Achse entgegen wirken konnte. Für eine Musketen-Kugel ist diese Länge ungefähr drei Viertel Zoll. Fig. 46 ist eine solche Musketen-Kugel. Fig. 47 stellt eine Pistolen-Kugel vor, die auf dieselbe Weise vorgerichtet ist, deren Stiel aber nur einen halben Zoll weit hervorragt, indem die Ladung keine größere Länge desselben gestattet. Ich machte mit solchen Kugeln viele Versuche, und fand die Resultate derselben mit der Theorie so ziemlich genau übereinstimmen.

Ich habe, ehe ich diese Versuche machte, nie auf die Scheibe geschossen, und doch traf ich mit diesen Kugeln, aus einer gemeinen Pistole, nicht selten ein sechs Quadrat-Zoll großes Ziel in einer Entfernung von vierzehn Yards (42 Fuß) unter 12 Schüssen sieben Mal, während ich dieses Ziel aus derselben Pistole mit gewöhnlichen Kugeln unter zehn Schüssen nicht öfter als ein Mal traf.

Aus einer Muskete habe ich mit solchen Kugeln öfters ein Ziel von obiger Große in einer Entfernung von 60 (Yards (180 Fuß) getroffen. Und damit ja keine Parteilichkeit bei diesen Versuchen sich einschleichen möchte, habe ich auch andere Leute mit diesen Kugeln schießen lassen; sie schossen mit demselben Erfolge. Einige Herren, denen ich meine Erfindung mittheilte, machten die glüklichsten Versuche mit denselben. Es scheint mir daher, daß diese Kugeln mit vielem Vortheile, und mit weit sicherem Erfolge, als die gewöhnlichen angewendet werden können.

Wenn auch ähnliche Versuche ohne genauen physikalischen Apparat nicht den Glanz von mathematischer Gewißheit um sich her verbreiten, so haben sie doch, so wie sie sind, dieß voraus, daß jeder sie leicht wiederholen und sich durch seine eigene Erfahrung von der Wahrheit der Sache überzeugen kann.

Wer genauere Versuche zur Vergleichung der Vorzüge dieser Kugeln vor den übrigen anzustellen wünscht, und jedem Umstand bei |32| dem Schusse mit diesen gestielten Kugeln auf das Genaueste prüfen will, dem empfehle ich das Verfahren, welches Hr. Robins in seinem vortrefflichen Werke über die Büchsenmacherei (on gunnery) bei dem gewöhnlichen Probieren der Gewehre und bei dem Probeschießen angegeben hat. Die Lektüre dieses trefflichen Werkes brachte mich zuerst auf die Idee der hier angegebenen Kugeln.

Ich verfertigte mir, nach den hier aufgestellten Grundsäzen, noch eine andere Art von Kugeln, die, außer dem Vortheile, daß sie eben so genau treffen, wie die vorigen, auch noch den neuen Vortheil besizen, weiter zu stiegen.

Zur Verfertigung dieser lezteren Kugeln gehört aber ein eigener Model: der Versuch mit denselben wird also nicht so leicht für jeden einzelnen Liebhaber: wenn man indessen eine größere Menge solcher Kugeln anwenden zu können glaubte, ist der Mühe werth, sich mit dem hierzu nöthigen Model zu versehen.

Diese Kugeln sind in Fig. 48 und 49 dargestellt. Die Theorie, nach welcher sie verfertigt wurden, ist diese: Die Kraft, mit welcher eine Kugel stiegt, verhält sich, alles Uebrige gleichgesezt, wie ihre Schwere, weniger dem Widerstande der Luft. Je schwerer man daher eine Kugel machen kann, ohne durch die größere Menge Metalles, die zu diesem Ende nothwendig ist, den Widerstand der Luft zu vermehren, mit desto größerer Kraft wird die Kugel stiegen.

Zum Beispiele: Es sollen zwei gewöhnliche kugelförmige Flintenkugeln von gleichem Durchmesser mit der Breite der Kugel in Fig. 48 eben so viel zusammen wiegen, als die einzelne Kugel in Fig. 11, und diese Kugel in Fig. 48 soll nicht mehr Widerstand in der atmosphärischen Luft finden, als jede der beiden obigen kugelförmigen Flintenkugeln für sich allein auf ihrer Bewegung durch die Luft findet, so wird nothwendig die Kugel in Fig. 48 bei derselben Pulver-Ladung eben so viel Kraft haben, als beide obige runde Flintenkugeln zusammengenommen, und nur den halben Widerstand in der Luft zu erleiden haben. Wenn wir also annehmen, daß die beiden runden Kugeln mit einer gewissen Kraft aus dem Laufe ausfahren, von welcher sie die Hälfte durch den Widerstand der Luft verlieren, nachdem sie tausend Fuß weit geflogen sind (eine Annahme, die man nach Berüksichtigung aller Umstände nicht übertrieben finden wird) so wird die Kugel in Fig. 48, die mit gleicher Kraft, wie obige Kugeln, ausfahrt, aber nur den halben Widerstand findet, zwei tausend Fuß weit stiegen, ehe sie die Hälfte ihrer Kraft verliert, oder, mit anderen Worten, doppelt so weit stiegen.

Die Reibung der Seiten des kegelförmigen Theiles von Fig. 48 gegen die zusammengedrükte atmosphärische Luft ist, nach dem, was |33| über die Bildung des kegelförmigen Raumes hinter der Kugel durch die Geschwindigkeit der Bewegung derselben bei Erklärung von Fig. 33 gesagt wurde, so viel wie keine. Dieser kegelförmige Raum wird bedeutend länger seyn, als das kegelförmige Ende in Fig. 48, und wird folglich, da er dieselbe Basis mit der Kugel hat, einen Raum zwischen sich und jenem kegelförmigen Theile der Kugel übrig lassen: dieser Raum enthält aber keine Luft, und kann folglich auch keinen Widerstand an den Seiten erzeugen.

Daß sich ein solcher kegelförmiger Raum bilden wird, wird aus folgenden Betrachtungen noch deutlicher erhellen.

Wenn die Kugel, Fig. 48, abgeschossen wird, so wird sie, nach der gewöhnlichen Berechnung, 640 Fuß weit in Einer Secunde fliegen. Der kegelförmige Theil derselben enthält ungefähr Einen Kubikzoll, und die Oberfläche, die dem Seitendruke ausgesezt ist, beträgt ungefähr zwei Quadrat-Zoll. Die Schwere der Atmosphäre ist gleich der Schwere von 32 Kubik-Fuß Wasser und Wasser von dieser Höhe läßt durch eine Oeffnung von Einem Viertel Quadrat-Zoll in Einer Minute ungefähr zwanzig Quart Wasser auslaufen. Da aber Wasser, außer seinem eigenen Gewichte, auch noch das der Atmosphäre zu ertragen hat, welches, bei obiger Höhe, gerade noch ein Mal so viel ist, so wird, da die Atmosphäre nur ihr eigenes Gewicht, oder nur den halben Druk zu tragen hat, durch dieselbe Oeffnung (zur Ausfüllung des luftleeren Raumes) nur die Hälfte so viel, als das Wasser, in derselben Zeit, auslaufen lassen, d.h., bei obiger Zeit und obiger Oeffnung, zehn Quart.

In demselben Verhältnisse werden, durch zwei Quadrat-Zoll, in Einer Minute 320 Quart Luft, oder fünf Quart in Einer Secunde durchlaufen. Dieß ist ungefähr eben so viel (da Ein Quart beiläufig acht und fünfzig Kubikzoll enthält), als ob 240 Kubikzoll in Einer Secunde durch eine Oeffnung von zwei Quadratzoll liefen. Da nun aber eine Kugel in Einer Secunde 640 Fuß weit (oder 7680 Zoll weit) fliegt, so bleiben nach Abzug der 240 Kubikzoll, welche der Druk der Atmosphäre in dieser Zeit ausfüllt, 7440 Zoll, welche die Kugel durchflogen haben wird, ehe die Luft wieder in den Raum eingetreten seyn kann, den sie ehevor ausgefüllt hat. Die Kugel muß folglich einen langen leeren Raum hinter sich zurüklassen, in welchem keine Reibung an den Seiten irgend eines Körpers Statt hat, der sich in diesem Raume bewegt. Die Kugel in Fig. 11 wird also, wenn sie abgeschossen wird, ihre kegelförmigen Seiten ohne alle Reibung durch diesen Raum durchdringen, und, zu gleicher Zeit, an ihrer vorderen Seite nicht mehr Widerstand finden, als eine gewöhnliche Kugel von gleichem Durchmesser.

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Aus diesen Betrachtungen folgt, daß die Kugel in Fig. 43 um Vieles weiter stiegen wird, und es ist mir wahrscheinlich, daß sie doppelt so weit stiegen wird, wenn sie doppelt so schwer ist. Ich habe hierüber aber noch keine Gewißheit, weil ich noch keine Versuche hierüber angestellt habe: so viel ist indessen gewiß, daß sie um ein Bedeutendes weiter stiegen wird. Es wird auch aus Obigem wahrscheinlich, daß eine Kugel von dieser Form nicht viel mehr als die Hälfte der gewöhnlichen Pulver-Ladung12) brauchen wird, um mit derselben Kraft, d.h. eben so weit, als eine gewöhnliche runde Flinten-Kugel zu fliegen.

Es ist hier nicht überflüssig zu bemerken, daß, wenn man solche Kugeln brauchen, und denselben die Schwere einer Unze (d.h. zwei Loth) geben würde (eine Schwere, die vielleicht deßwegen den Vorzug verdienen möchte, weil sie bei der ganzen (engl.) Armee bereits so eingeführt ist), die Musketen für Kugeln von der in Fig. 48 gezeichneten Form bei dieser Schwere von 2 Loth weit enger im Laufe seyn könnten, als sie gegenwärtig sind; denn eine Mustere oder Flinte, wie sie gegenwärtig bei unserm Militärs ist, würde, bei ihrer gegenwärtigen Weite des Flinten-Laufes vier Loth schwere Kugeln von der in Fig. 48 gezeichneten Form schießen. Die leichten Carabiner unserer Cavallerie würden also noch nüzlicher werden können, als die Flinten der Infanterie, und selbst die Pistolen würden weiter schießen können13).

Vielleicht wäre es auch gut, wenn das Vordertheil der Kugel die Gestalt von Fig. 49 hätte, indem die Kugel in dieser Form leichter durch die zusammengedrükte Luft durchführe, als wenn ihr Vordertheil, wie in Fig. 48, halbkugelförmig ist. Indessen dürfte dieser Winkel an dem Vordertheile der Kugel Fig. 49 einen rechten Winkel, oder, höchstens, einen Winkel von siebzig Graden nicht überschreiten, indem es wesentlich nothwendig ist, daß der breiteste Theil der Kugel dem Kopfe derselben am nächsten liegt: Beobachtungen und Erfahrungen haben dieß erwiesen. Die Natur hat alle Thiere, welche sich schnell in einem Mittel bewegen müssen, das ihrer Bewegung Widerstand leistet, eine solche Form gegeben, und eben so lehrreiche Erfahrungen haben uns im Baue der Schiffe bewiesen, daß, je schneller ein Schiff fortgetrieben werden soll, desto näher seine größte Breite hinter seinem Vordertheile oder Kopfe angebracht seyn |35| müsse. Hieraus sollte man so ziemlich richtig schließen dürfen, daß diese Form auch für jene Körper, die sich durch andere Widerstand leistende Mittel, als das Wasser, schnell bewegen müssen, die zwekmäßigste sey. Hr. de Romme, Admiral Chapman und andere haben diesen Punkt durch sehr genaue Versuche erläutert, und auch noch eine andere Erfahrung gemacht, welche bestätigt, was oben behauptet wurde, daß eine kegelförmige Endung der Kugeln die beste zur schnellen und sicheren Bewegung derselben ist. Sie haben nämlich gefunden, daß Schiffe, die sich von ihrer größten Breite nach dem Hintertheile zu allmählich verschmälern, bei gleicher Triebkraft schneller fahren, als Schiffe von jeder anderen Form. In der Form dieser Schiffe sind dann auch die Kugeln Fig. 48 und 49. Ich fand die Bemerkung in einem Werke, welches obige Beobachtungen über den Schiffsbau enthält, daß der schnellste Schwimmer unter den Bewohnern der Meere, der Delphin, die größte Breite seines Körpers nur um den achten Theil seiner Länge hinter dem Hinteren Ende seines Kopfes führt, und daß sein Körper von dieser größten Breite an sich nach dem Schweife hin immer und immer mehr verschmälert: die Weisheit der Natur, die allen ihren Werken Vollendung gab, läßt uns diesen Bau des Körpers des schnellsten Schwimmers zur Nachahmung für die Form aller Körper, die sich im Wasser bewegen sollen, mit höchster Wahrscheinlichkeit des Gelingens benüzen.

Aus denselben Gründen erscheint auch dieselbe Form als die vortheilhafteste zur schnellen Bewegung der Körper durch die Luft, indem wir denselben Bau an dem schnellsten Flieger unter den Vögeln, wie an dem schnellsten Schwimmer unter den Wasserthieren finden, wie man an der Schwalbe sieht, an welcher die größte Breite ihres Körpers sich eben dort findet, wo sie am Delphin wahrgenommen wird.

Aus demselben Grunde scheint nun auch die in Fig. 48 und 49 gezeichnete Form die beste für eine Flinten-Kugel, und nicht bloß für diese, sondern auch für Kanonen-Kugeln sowohl im Batterie-Dienste, als auf Schiffen. Für Ricochet-Schüsse und vielleicht auch für den gewöhnlichen Feld-Dienst, wo die auf der Erde hinrollende Kugel öfters noch gute Dienste leistet, wird indessen die gewöhnliche Kugelform immer noch vorzuziehen seyn.

Ein paar Jahre später, als ich obige Bemerkungen über die Form der Flinten-Kugeln niedergeschrieben hatte, schien es mir, daß eine Kugel von der in Fig. 50 dargestellten Form sich noch gleichförmiger durch die Luft bewegen würde, als die Kugeln in Fig. 48 und 49, indem die Seiten-Hervorragungen an dem Hintertheile derselben, die der Luft mehr Widerstand leisten, als die Schweife in Fig. 48 und 49, eben so wirken würden, wie die Federn an einem |36| Pfeile diesen sicherer zum Ziele führen. Ich machte mir daher einen Model, um solche Kugeln mittelst desselben zu gießen und stellte mit denselben mehrere Versuche auf dieselbe Weise an, wie ich oben angegeben habe.

Man wird bemerken, daß die in Fig. 48 dargestellte Form wirklich schon in Fig. 50 enthalten ist, und daß die Seiten-Hervorragungen oder Flügel nur Zusäze an dieser Form sind. Diese Flügel sind vorne am Kopfe am dikesten, und laufen an ihrem Ende in eine Schneide aus. Ich gab ihnen zuweilen mit einer Kneipzange eine leichte schiefe Drehung, damit sich die Kugel auf ihrer Bewegung nach vorne um ihre Längen-Achse fortspinnen sollte. Ich bin jedoch nicht gewiß, daß ich diese Absicht auch wirklich erreichte, indem ich kein Mittel auffinden konnte, um diese Sache in's Reine zu bringen, und es beinahe für unmöglich halte, ein solches zu Stande zu bringen.

Der merkwürdigste Umstand bei den Versuchen mit diesen Kugeln war die gewaltige Kraft, mit welcher sie flogen, indem mehrere derselben, aus einer gewöhnlichen Cavallerie-Pistole geschossen, auf zehn Yards (30 Fuß) ein zwei bis drei Zoll dikes Brett durchschlugen. in einem Falle, wo ich die Pistole an einem schweren Tische befestigte, um die Richtung derselben bei wiederholten Schüssen genauer zu erhalten, als es in der freien Hand nicht leicht möglich ist, war die Gewalt des Stoßes oder Rüklaufes, folglich auch die Gewalt der Kugel, so stark, daß der Griff dicht am Laufe abbrach.

Ich habe indessen niemals wahrgenommen, daß, in Hinsicht auf das Treffen, die Kugeln von der Form in Fig. 48, 49, 50 vor jenen in Fig. 40 und 47 irgend etwas voraus haben, und gebe daher diesen lezteren den Vorzug, weil sie leichter zu gießen sind. Wo es sich aber um eine stärkere Kraft handelt, z.B. auf Büffel- und Tiger-Jagden in fremden Welttheilen, verdienen jene in Fig. 48, 49, 50 den Vorzug. Bei den Versuchen, die ich mit denselben angestellt habe, habe ich öfters bemerkt, daß, wenn sie nicht ganz durch das Brett durchschlugen, auf welches sie geschossen wurden, sie in einer Seitenlage in demselben lagen, und nicht, wie ich erwartete, in der Linie der Richtung. Anfangs schien mir dieß, so wie es auch anderen ebenso scheinen wird, zu beweisen, daß sie sich seitwärts durch die Luft bewegen, und daß folglich die Flügel wenig oder gar keine Wirkung in der Richtung des Fluges derselben äußern. Da aber diese Lage in dem Brette auch davon herrühren konnte, daß einige Theile desselben mehr Widerstand leisteten, als die anderen, wodurch dann nothwendig eine Seitenlage zum Vorscheine kommen muß, so halte |37| ich diese Sache für nicht so ausgemacht14), besonders da ich fand, daß ich öfters das Ziel mit solchen Kugeln traf, als mit gewöhnlichen.

Der Uebersezer weiht diese Uebersezung dem Schatten seines im vorigen Jahre verstorbenen Freundes, des Hrn. Generals v. Fallon, dem Astronomie und Topographie so viel zu danken hatte, und der vor ungefähr 30 Jahren sich mit mehreren Versuchen über diesen Gegenstand beschäftigte.

A. d. U.

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Wir haben diese Stelle, obschon sie nicht zur Sache zu gehören scheint, übersezt, weil wir glauben, daß ein Uebersezer mit seinem Originale nicht, wie ein Jesuite mit den klassischen Auctoren, verfahren, d.h. ihn nicht castriren dürfe. Wenn, der Uebersezer einer entgegengesezten Meinung ist, so steht es ihm frei, seine Meinung in Parenthesen oder in Anmerkungen zu äußern. Wir sind hier gezwungen, dieß zu thun, weil wir der Meinung des Hrn. Verfassers, den wir als Mechaniker sehr hoch verehren, nicht bloß nicht beipflichten können, sondern sie sogar für verderblich halten. Der Hr. Verfasser stellt nämlich hier den für die menschliche Gesellschaft so höchst gefährlichen Grundsaz auf, daß Vermehrung des Menschen-Geschlechtes der Krebs der Gesellschaft wird, daß Uebervölkerung die Quelle alles Unheiles ist, daß Frankreich z.B. dadurch blühender und starker geworden ist, daß es Hunderttausende seiner Einwohner im Kriege verlor; daß, wie Sir John Fallstaff in Shakespeare sagte, „die Leute Futter für Schießpulver sind.“ Wir haben immer den 28. V. im 1. Cap. des I. Buches Mose für den herrlichsten in der ganzen Bibel, für den göttlichsten und zugleich für den humansten, gehalten, in welchem Gott, nachdem er das erste Menschen-Paar geschaffen hatte, es segnete und sprach: „seyd fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch unterthan.“ In diesem Segen, in dem Streben ihn zu verbreiten und zu erhalten, ruth die Grundlage der menschlichen Gesellschaft. Wer ihm entgegen handelt, wird verderben, und sein Saame wird vertilgt werden von der Erde, sey es in einzelnen Familien oder in den großen Familien der Staaten. Wahrhaftig, der indische Fanatiker, der Ungeziefer mit seinem eigenen Blute nährt, um lebende Wesen, also Wohlseyns fähige Wesen, zu vermehren, scheint weniger thöricht, als jene hochgelehrten Staatswirthschafter, die die Vermehrung des Menschen-Geschlechtes auf alle nur immer erdenkliche Weise zu verhindern suchen; die nichts so sehr in einem Staate fürchten, als Uebervölkerung, und die, sagen wir es unumwunden, in ihrem schändlichen Egoismus fürchten verhungern zu müssen, wenn neue Hunderttausende ihr Brot mit ihnen theilen; die allein leben wollen, und nicht nur dem Kinde im Mutterleibe nicht das Leben gönnen, sondern auch nicht wollen, daß der Leib der Mutter gesegnet werde. Der Fluch des Herrn wird diese Frevler an dem ersten Segen, den er spendete, treffen früher oder später. Es scheint diesen Unglüklichen, die in jedem neugebornen Kinde Uebervölkerung sehen, (wenn wir sie ja entschuldigen dürfen) ungefähr so zu gehen, wie jenen Aerzten, die überall Vollblütigkeit sehen, und jedem zu Tode Ader lassen, an dem sie nur einen etwas vollen Puls finden. Diese heillosen Aerzte wissen nicht, daß es eine falsche Vollblütigkeit, eine Plethora spuria in Folge unserer physischen und moralischen Fehler, unserer Schwelgereien, Laster, Leidenschaften etc. gibt, und daß diese falsche Vollblütigkeit weit häufiger ist, als die wahre. Eben dieß ist auch mit der sogenannten Uebervölkerung der Fall, die noch zur Stunde auf keinem Winkel der Erde eingetreten ist, die dort, wo sie eingetreten zu seyn scheint, nur eine falsche scheinbare Uebervölkerung ist, deren Trugbild alsogleich verschwindet, sobald man die gehörigen Mittel gegen dieselbe anwendet. Wie kann Hr. Boswell von einer Uebervölkerung Englands sprechen, da alle Schriftsteller über den Akerbau auf dieser Insel uns mehr als 100 Mal schon auf die unwiderlegbarste Weise bewiesen haben, daß England allein (ohne seine große Wüste, genannt Ireland) drei Millionen, sage drei Millionen mehr nähren könnte, als es nährt, wenn seine Felder besser bestellt, wenn seine Geseze, die heute zu Tage noch jene des Mittel-Alters sind, weiser und humaner wären? Wie kann Hr. Boswell fürchten, daß Groß-Britannien jemals zu viel Menschen haben, |24| jemals übervölkert werden wird, da es, außer seinen Wüsten in Ireland, auch noch die in Canada, die am Vorgebirge der guten Hoffnung, da es so zu sagen den ganzen menschenleeren fünften Welttheil als sein Eigenthum besizt? Wie viele hundert Millionen Menschen fehlen England noch, bis seine Besizungen, wir wollen nicht sagen die Bevölkerung von Holland, von Lucca oder von Genf erhalten, sondern auch nur die von China! Auf welchem Punkte der Erde ist eine Bevölkerung, die so nahe an Uebervölkerung gränzt, wie jene der kleinen Republik Genf, und wo ist mehr Wohlstand, mehr Bildung, mehr Moralität? Wo sind aber auch solche Geseze? Der gebildete, fleißige Genfer, der in seinem Vaterlande nicht mehr Bequemlichkeiten genug für sein Leben findet, findet sie überall in der Welt. Er ist an der Newa und Wolga, wie an der Donau und an der Spree, selbst an der Seine und an der Themse, am Rio Janeiro und la Plata wie am Lorenzo-Flusse gern gesehen. Der verständige, geschikte und fleißige Mann findet auf der ganzen Welt sein Fortkommen; er hilft aus Wüsten Paradiese schaffen. Welchen lächerlichen, ebenso einfältigen als schändlichen, Widerspruch sehen wir nicht in der Gesezgebung Englands, wo es den Leuten auf der einen Seite verboten ist, auszuwandern, und auf der anderen nicht erlaubt ist zu heurathen! Wenn man ihnen nicht erlaubt auszuwandern, so sollte man glauben, man fühle, daß man noch zu wenig Leute hat, und wenn man ihnen das Heurathen erschwert, so muß man annehmen, daß man glaube, man habe deren bereits zu viel! Welch ein lächerlicher Widerspruch! Wahrlich die alten Heiden waren, indem sie die Proletarii in Schuz nahmen, gottesfürchtiger und christlicher, als viele unserer heutigen christelnden und frömmelndeln, aber nicht christlichen, Staatswirthschaftler: sie wußten daß der Mensch immer zu etwas gut ist. Das System der Sclaven-Wirthschaft, so unchristlich und unmenschlich es ist, ist noch immer menschlicher und christlicher, als das System das Kind zu tödten, noch ehe es in den Leib der Mutter kommt; diese schändliche Staats-Oekonomie Onan's. Wenn die Furcht vor Uebervölkerung in dem Verhältnisse zunimmt, als sie verbreitet wird (und es ist wahrscheinlich, daß dieß wirklich geschehen wird, indem ein Narr, der sie vom Katheder predigt, wenigstens 10 andere macht), so läßt sich erwarten, daß sie noch einen solchen Grad erreichen wird, daß man die Leute, die man in einem Staate für überflüssig und für gefährlich hält, und die es vielleicht auch wirklich werden, weil man sie, wie in England dazu zwingt es zu werden, wie man den Hund an der Kette zwingt, wüthend zu werden, wenn man ihm nicht zu trinken gibt und ihn nicht sich belaufen läßt, nach Amerika verkaufen wird. Die englischen Staatswirthschaftler, die im Namen der Könige, die sie zugleich mit dem Volke bestehlen, Geseze geben, und Armen Taxen ausschreiben, bestehlen den Wohlhabenden, um einen Theil ihrer Beute den Armen zu geben, und handeln hier wie jener heilige Crispinian, der aus gestohlenem Leder Schuhe für die Armen verfertigte. – Hr. Boswell scheint menschenfressende Kriegswerkzeuge zu wünschen, um Menschen in Masse zu vertilgen, und dadurch seine Furcht vor Uebervölkerung zu besiegen. Wir wünschen sie darum, um Uebervölkerung, wenn sie möglich wäre, hervorzubringen: denn es wird doch keinen solchen Nero geben können, der der gesammten Menschheit den Kopf abzuschlagen wünschen konnte. Daß Kriege in dem Muße menschlicher werden, als die Vertilgungs-Maschinen gewaltiger wurden, beweiset die große Lehrerin der Menschheit: Geschichte. Wenn auf Einem Schusse 100,000 Menschen fallen, wird schwerlich eine Armee, und schwerer vielleicht noch ein Feldherr zu finden seyn. Der tapfere und geistreiche Krieger, dessen Andenken alle, die ihn kannten, noch im Grabe mit mir ehren werden, das ihn zu frühe verschlang, General v. Fallon war (seine Kameraden wissen es eben so gut, wie die, die ihm als Feinde gegenüber standen) einer der gutmüthigsten und wohlwollendsten Menschen; gut wie ein Kind, und tapfer wie ein Held; es war kein schwarzer Tropfen in seinem Blute; er beschäftigte sich mit Vervielfältigung der Zerstörungskräfte der Kriegsmaschinen, um die Menschheit vor dem größten Nebel zu bewahren, das sie treffen kann, vor häufigem und langwierigem Kriege.

A. d. U.

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Dieß lehrt auch die Erfahrung im Felde häufig: meistens hört man die Kugeln über dem Kopfe hinfliegen, und die meisten Verwundungen in der Infanterie durch Flintenkugeln sind am oberen Theile des Körpers, obschon auf Halden Mann angeschlagen wird.

A. d. U.

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Nach der Berechnung fliegt eine Flintenkugel in Einer Secunde 640 Fuß weit, und fällt in derselben Zeit um 16 Fuß. In einer Viertel-Secunde fliegt also eine Kugel nur 160 Fuß weit, und fällt in dieser Zeit nur 1 Fuß, weil die im Falle durchlaufenen Räume sich wie die Quadrate der Zeiten verhalten.

A. d. U.

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Einige glauben der Widerstand, den die Kugel in dem gezogenen Rohre findet, vermehrt die Kraft der Kugel, indem eine größere Menge Pulvers sich entzündet, während die Kugel noch im Laufe verweilt. Nun ist es aber wirklich noch nicht ganz sicher und ausgemacht, daß die Kugel in einem gezogenen Rohre länger verweilt, als in einem gewöhnlichen Flintenlaufe, und zweitens ist es offenbar, daß, wenn dieses geschieht, da die größere Menge des entzündeten Pulvers gerade im Verhältnisse zu dem Widerstande stehen muß, um so viel Pulver mehr zur Ladung genommen werden muß, d.h., daß bei so viel Pulverladung, als in einem Gewehre mit glattem Laufe nöthig ist, so viel Kraft verloren geht, als der Widerstand im gezogenen Rohre größer ist.

A. d. O.

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Man hat gefunden, daß, wenn die Kugel von dem Pulver entfernt liegt, die Gefahr der Berstung sehr groß wird. Es wird daher nothwendig, daß die Kugel auf dem Pulver aufliegt, und da der Drath nothwendig durch das Pulver durch muß, muß die Länge des Stieles sich nach der Tiefe der Ladung richten.

A. d. O.

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Wenn die ganze volle Ladung diese Kugel zwei Mal so weit treibt, als eine gewöhnliche Flinten-Kugel (wie sich nach der Theorie erwarten läßt, so wird die halbe Ladung halben Stoß oder halbe Kraft, also halbe Flugweite geben, d.h., die ganze Flugweite einer gewöhnlichen Kugel.

A. d. O.

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Es scheint auch, daß die Gewehre selbst um ein Gutes leichter werden könnten, wenn der Flinten-Lauf nicht mehr so weit seyn darf.

A. d. U.

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Es scheint, daß sie sich dadurch ausmachen ließe, daß man schwächere Bretter nimmt, oder näher an's Ziel tritt, so daß die Kugel das Brett durchschlagen muß; dann wird man sehen, ob das Loch rund oder länglich ist, und die Kugel nach der Seite durch die Luft fährt.

A. d. U.

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