Titel: Roy, über die Anwendung hohler Eisenstangen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1829, Band 33, Nr. XIII. (S. 47–52)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj033/ar033013

XIII. Ueber die Anwendung hohler Eisenstangen Statt voller, zu Allem, wozu man des Stangen-Eisens bedarf. Nach HHrn. Gaudillot und Roy zu Besançon.

Aus dem Recueil industriel. April 1829. S. 85.21)

(Im Auszuge.)

Ueberall, wo man eiserner Stangen bedarf, mit Ausnahme weniger Fälle, erhält man durch Anwendung hohler Eisen-Stangen nicht |48| bloß eine solche Ersparung, daß die Arbeit um die Hälfte, um zwei Drittel zuweilen, wohlfeiler wird, und aus Eisen nicht theurer kommt, als aus Holz, sondern man erhält sie auch schöner und leichter bei gleicher Festigkeit. Am Auffallendsten ist dieß bei allem sogenannten Gitterwerke an Gärten, Hosen, Spazier-Gängen, Brüken, Kayen, Balconen, Gängen, Stiegen etc. Eine Menge von Geräthen, die jezt aus Eisen zu hoch zu stehen kommen und bloß aus Holz verfertigt werden, das so schnell zu Grunde geht, werden nun so zu sagen für die Ewigkeit aus Eisen verfertigt werden können.

Man darf nicht vergessen, daß nirgendwo Sparsamkeit nothwendiger ist, als beim Baue, indem hier jeder Gulden, der umsonst ausgegeben ist, eine Geißel für die Nachkommen wird. Sezen wir, daß man mit hohlen Stangen um 1000 fl. dasselbe leisten kann, was man bei vollem (massiven) Eisen nur mit 3000 fl. erreichen kann, so hat man nicht etwa bloß 2000 fl. erspart, sondern man hat seinen Nachkommen in der vierten und fünften Generation das schöne Sümmchen von 2,048,000 fl. hinterlassen; denn so viel beträgt das, Capital von 2000 fl. mit Zinses Zinsen in 140 Jahren. Man sieht hieraus die bodenlose Thorheit derjenigen, die Geld im Baue verschwenden, wo jeder Gulden, der zu viel ausgegeben wurde, nicht nur für immer verloren ist, und nie wieder in den Umlauf zurükkehrt, sondern zum nagenden Wurme an dem Wohlstande künftiger Generationen einzelner Familien sowohl, als ganzer Staaten wird. Geld verbauen ist weit thörichter als es in die Erde zurükschütten, aus welcher es mit so vielem Aufwande gewonnen wurde, und gerade als ob die allmächtige und allgütige Mutter Natur den Geizigen strafen |49| wollte für seine Herzlosigkeit, hat sie ihm, wenn sie ihm ja eine Lust noch gönnte, gewöhnlich Baulust geschenkt, damit sein Liebling, Metall, durch ihn dahin zurükgebracht wird, wo sie zum Wohle der Menschheit die Metalle verbarg, in den Schoß der Erde. „Der Geizige vergräbt sein Geld.“

Die am Ende dieser Notiz gegebene Preistabelle der vollen und der hohlen eisernen Stangen läßt mit einem Blike die Ersparungen überschauen, die man bei lezterem machen kann.

Man wird sagen, daß die hohlen eisernen Stangen weniger dauerhaft sind, weil sie mehr vom Roste zu leiden haben. Allein die hohlen eisernen Stangen haben vom Roste an ihre räußeren Oberfläche nicht mehr zu leiden, als die vollen, und können an ihrer inneren Oberfläche mit demselben Mittel gegen Rost geschüzt werden, mit welchem man sie an der äußeren Oberfläche gegen die Zerstörungen desselben schüzt: mit einem Anstriche von Mennig22).

Man kann überdieß die innere Höhlung derselben mit einem Kitte ausfüllen, der fest an den Wanden derselben anhängt, und, während er dieselbe gegen allen Rost schüzt, zugleich auch die Festigkeit einer eisernen Röhre noch um ein Drittel vermehrt. Dieser Kitt kommt, wie die Tabelle zeigt, nicht theuer, und die HHrn. Gaudillot und Roy zu Besançon, welche sich auf die Verfertigung dieser hohlen Eisenstangen ein Patent ertheilen ließen, haben diesem Kitte den höchsten Grad von Vollkommenheit gegeben.

Man sagt, obschon mit noch wenigerem Grunde, daß die hohlen eisernen Stangen schwacher sind als die vollen. Um diesen ungegründeten Einwurf zu widerlegen, darf man nur die Stärke einer hohlen Eisenstange mit jener einer vollen, die bereits allgemein bekannt ist, vergleichen.

Es ergab sich aus einer Reihe von Versuchen, daß eine eiserne Röhre, deren Wand-Dike den 13ten Theil ihres Durchmessers beträgt, (eine Dike, die wir als Norm bei unseren Berechnungen annahmen) bei einem Durchmesser von 10 Linien eben so stark ist als eine volle vierekige eiserne Stange von 8 Linien Dike. Wenn diese hohle Röhre überdieß noch mir Kitt ausgefüllt ist, so ist eine solche hohle, mit Kitt ausgefüllte Röhre von 10 Linien im Durchmesser ebenso stark als eine vierekige volle eiserne Stange von 8 4/5 Linien Dike, oder, allgemein ausgedrükt: wenn man zu dem verlangten Durchmesser der vollen eisernen Stange auf 109 noch 12 zusezt, so erhält man eine hohle |50| eiserne Stange, die, wenn sie mit Kitt gefüllt ist, ebenso stark ist, als die volle.

Ferner: die Stärke zweier hohler eiserner Stangen, deren Wand-Dike im Verhältnisse zu ihrem Durchmesser steht, verhält sich, wie die Würfel dieser Durchmesser; d.h., wenn man den Durchmesser der Röhre um ein Zehntel vergrößert, so verstärkt man sie beinahe um ein Drittel; wenn man ihn um ein Fünftel vergrößert, verstärkt man sie um drei Viertel; wenn man ihn um ein Viertel vergrößert, so hat man die Stärke der Röhre beinahe verdoppelt. Wenn man endlich die Durchmesser verdoppelt, so erhält man eine acht Mal größere Stärke u.s.f. immer wie der Kubus der Durchmesser.

Diese Geseze der Stärke gelten auch bei den vierekigen hohlen Eisenstangen, nur daß man hier die Seite des Vierekes Statt des Durchmessers nehmen muß, und hier ist sogar noch ein größerer Vortheil in Bezug auf Stärke, indem von den vier Flächen der Stange, die in der Rechnung gleich dik angenommen werden, zwei diker sind als die zwei übrigen.

Aus der Preis-Tabelle ergibt sich ferner, daß, bei gleichem Preise des Eisens, der Preis eines Eisen-Werkes aus solchen hohlen Stangen beinahe im Verhältnisse der Durchmesser der Röhren zunimmt. Ein um Ein Viertel höherer Preis gibt also doppelt so viel Stärke, und doppelter Preis gewährt acht Mal so viel Stärke.

Dasselbe Verhältniß vom Durchmesser zur Stärke hat, wird man sagen, auch bei vollen eisernen Stangen Statt. Allein, welches Mißverhältniß hat, wenn wir auch dieß zugeben wollen, dafür im Preise Statt! Wenn man den Durchmesser einer vollen eisernen Stange nur um Ein Viertel vergrößert, so steigt der Preis um neun Sechszehntel, und er steigt um das Vierfache, wenn man den Durchmesser verdoppelt. Es ist übrigens auch nur nach der Rechnung richtig, daß die Stärke zweier vollen eisernen Stangen sich wie der Würfel ihrer Durchmesser verhalt: die Erfahrung gibt ganz andere Resultate. Eine eiserne Stange aus gut geschmiedetem Eisen von 7 Linien Dike hat, wenn sie horizontal gelegt und au einem Ende befestigt wird, ihre Elasticität verloren, sobald ein auf derselben angebrachtes Gewicht von 50 Pfd. (25 Kilogramm) dem anderen Ende so nahe gerükt wird, daß es um 30 Zoll von dem Stüzpunkte dieser Stange entfernt ist, während in gleicher Entfernung ein Gewicht von 63 Kilogramm schon hinreicht, einer eisernen vollen vollkommen cylindrischen Stange von 10 Linien im Durchmesser alle Elasticität zu benehmen. Nach obiger Regel sollte dieß erst bei einem Gewichte von 73 Kilogrammen geschehen.

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Man weiß schon seit langer Zeit, daß die Verwandtschaft der Molekülen des Eisens in dem Inneren einer Eisenstange, sie mag noch so gut gehämmert seyn, jener an der Oberfläche dieser Stangen nicht gleich kommt. Es ist daher offenbar, daß, je diker man eine Eisenstange macht, desto mehr die relative Stärke derselben verloren geht, indem, bei gleicher Länge, ihr Volumen wie das Quadrat des Durchmessers zunimmt, während die Oberfläche selbst nur wie der Durchmesser zugenommen hat.

Daher die wichtige Folge für die Vorzüge hohler eiserner Stangen vor den vollen, daß, wenn man gleich starke solche Röhren von beiderlei Art nimmt, man durch Vermehrung um 1/4 oder um 25 p. C. des Preises bei den hohlen Röhren die Stärke derselben verdoppelt, und an Ansehen ein Viertel gewinnt, während man bei den vollen eisernen Stangen 56 p. C. des Preises mehr hierzu nöthig hat, oder wohl gar 112 p. C. im Vergleiche zu den hohlen eisernen Stangen.

Man darf nicht vergessen, daß der höhere Preis des Eisens die Baumeister häufig veranläßt, alles Eisen nur zur Noth stark genug fertigen zu lassen, wodurch Festigkeit und Schönheit zugleich leidet. In diesen Fehler wird man bei hohlen eisernen Stangen nie verfallen, indem hier die Kosten so gering sind, daß der Festigkeit Alles, und dem Luxus etwas geopfert werden kann.

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Vergleichungs-Preise hohler und voller Eisen-Stangen.

Textabbildung Bd. 33, S. 52

Der Recueil industriel liefert gegenwärtigen Aufsaz unter dem Titel Notiz über die Fabrik von Arbeiten aus hohlem Eisen, welche die HHrn. Gaudillot und Roy zu Besançon besizen (Notice sur l'atelier de construction d'ouvrages en fer creux de MM. Gaudillot frères et Roy, de Besançon.) Unter dieser Aufschrift sucht kein Mensch auf Erden das, was in demselben enthalten ist, und da wohl Niemand, außer allenfalls ein deutscher Naturphilosoph, an dem Hohlen (dans le creux) sein Gefallen findet, so würden manche solide Leser den Artikel über das Hohle überschlagen haben, wenn wir die Aufschrift beibehalten hätten. Dieser Aufsaz ist von hoher Wichtigkeit, und der Recueil hätte darauf aufmerksam machen sollen, daß ein Brett auf die Kante gestellt, eine Latte auf die Kante gestellt, tausend und wieder tausend Mal mehr Kraft braucht, um zu brechen, als wenn man dieselben flach hinlegt; daß es eben nicht viele Kraft braucht, um eine Messerklinge in der Mitte abzubrechen, wenn man sie der Breite nach biegt, daß man aber mehrere hundert Zentner nöthig hat, um dasselbe Messer, wenn man es auf seinen Rüken legt, in senkrechter Richtung von der Schneide nach dem Rüken in seiner Mitte abzubrechen. Wir sind in der Baukunst, zumal in der Zimmermannskunst, noch wahrhaftig in der Kindheit, und stehen sogar, in mancher Hinsicht, hinter den Kindern. Ein kleiner Knabe von 8 Jahren lehrte mich ein hölzernes Haus bauen, das keine stärkere Holzdike, als 1 1/2 Zoll, in seinem ganzen Baue hat; das auf ein paar Wagen hingefahren werden kann, wo man. es haben will, das in ein paar Stunden aufgeschlagen und abgebrochen ist; das alle möglichen Bequemlichkeiten gewährt, und, während es bei aller seiner Leichtigkeit fester ist, als ein gewöhnliches hölzernes Haus mit seinen halben Schuh diken Balken, um die Hälfte weniger kostet, als dieses. Ich werde es in einem der nächsten Hefte dieser Zeitschrift ausführlich beschreiben.

A. d. U.

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Besser wäre es, um sie gegen Rost zu schüzen, wenn man sie mit einer schwachen Auflösung von Kupfer, mit Cäment-Wasser, überkupferte.

A. d. U.

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