Titel: Herbert, über Anwendung des Reißbleies.
Autor: Herbert, L.
Fundstelle: 1829, Band 33, Nr. LXXII. (S. 307–309)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj033/ar033072

LXXII. Ueber Anwendung des Reißbleies (Graphites) Statt des Oehles bei Chronometern. Von Hrn. L. Herbert.

Aus den Transactions of the Society for the Encouragement of Arts. XLVI. Bd. In Gill's technological and microscopic Repository. Junius S. 373.

(Im Auszuge.)151)

Folgende Bemerkungen über Anwendung des Graphites Statt des Oehles zur Verminderung der Reibung an Chronometern sind das Resultat fünfzehnjähriger Erfahrung.

Wir übergehen die Bemerkung über den Nuzen und über die Unentbehrlichkeit der Chronometer auf Seereisen, vorzüglich zur Bestimmung der Länge, mit welcher Hr. Herbert diesen Aufsaz beginnt, und fügen hier bloß sein Geständniß desselben bei, welches auch wir aus Erfahrung unterschreiben, daß nämlich „mag auch die Geschiklichkeit des Künstlers und seine Sorgfalt, um ein Werk der Vollendung zu liefern, noch so groß gewesen seyn, der Beobachter doch nimmermehr auf Untrüglichkeit desselben rechnen darf; wenn das Chronometer Anfangs auch noch so regelmäßig ging, so wird es nicht immer unwandelbar bei diesem Gange bleiben. Die Temperatur der Atmosphäre wird den Gang desselben beschleunigen, oder langsamer machen, indem alle Metalle dadurch mehr oder minder ausgedehnt oder zusammengezogen werden, und zwar auf eine unregelmäßige Weise, wodurch nothwendig eine Veränderung in der Bewegung erfolgen muß. Obschon man zahllose Versuche anstellte, Chronometer durch Compensations-Pendel oder Balken gegen atmosphärische Einflüsse zu sichern, hat doch keiner diesem Wunsche bisher noch entsprochen, indem es durch Versuche erwiesen ist, daß Metalle, wenn Wärme und Kälte mehrere Male auf sie gewirkt hat, nimmermehr bei derselben Temperatur in ihren vorigen Zustand zurükkehren.“

„Dieß ist jedoch nicht die einzige Schwierigkeit, mit welcher der Verfertiger eines Chronometers zu kämpfen hat; es ist noch ein anderer Feind vorhanden, der ihm den Sieg streitig macht: das Oehl. Die verschiedenen Grade von Feinheit und Flüssigkeit desselben bringen große Veränderungen im Gange einer Uhr hervor. In heißen Klimaten verflüchtigt es sich, im kalten Wetter stokt es; in beiden Fällen hindert es die freie Bewegung. Diese Nachtheile lassen sich durch |308| ein Surrogat beseitigen, welches ich vor 15 Jahren gefunden habe, und hier zum Vortheile derjenigen bekannt machen will, die keine Mühe scheuen und Geduld genug besizen, den ganzen Proceß durchzumachen. Dieses Surrogat ist Reißblei oder Graphit, welches, sorgfältig angewendet, lange Zeit über dauert, ohne daß es erneuert werden darf. Es hängt aber sehr viel von der Güte desselben ab. Es muß von der besten Art, und frei von allem Sande seyn: je zärter, desto besser. Schlechtes Reißblei würde die Löcher und die Zapfen in Gefahr sezen, und Unheil erzeugen. Statt verhüten. Das feinste, das ich erhalten konnte, war von Hrn. Langdon, dem ersten Bleistift-Fabrikanten zu London (Great Russell Street, Bloomsbury) und vielleicht auf der ganzen Erde. Er gab mir von dem besten im Jahre 1816. Seit dieser Zeit habe ich mein Chronometer drei Mal gepuzt, ohne daß das Reißblei erneuert wurde. Die Stellen, an welchen Reibung Statt hatte, wurden nur etwas mit feinem Mußlin überrieben, und noch jezt geht dieses Chronometer so gut, wie damals.“

„Ich hatte damals unendliche Schwierigkeit gefunden, die demantnen Palleten der Hemmung mit Reißblei zu belegen; ich trug dieses aber auf die Reibungs-Flächen der Zähne des Schwungrades auf, und so ist die Uhr zeither immer ohne Oehl gegangen.“

„Das Reißblei wird auf folgende Weise zubereitet und aufgetragen. Man nimmt ungefähr ein Viertel Pfund des reinsten Reißbleies: je glänzender, desto besser; pülvert es sehr fein in einem metallnen Mörser und versucht dann an einer Prise desselben zwischen den Fingern, ob es fein genug ist. Wenn man, nachdem man es einige Sekunden lang zwischen den Fingern gerieben hat, weder ein Klümpchen noch ein Sandkörnchen fühlt; wenn es sich glatt und fettig fühlen läßt; dann ist es gut und fein genug gepülvert. Man füllt hierauf ein Glas mit destillirtem Wasser, faßt etwas von diesem Reißblei auf die blanke Klinge eines Messers, streut es mittelst desselben in das Wasser, rührt es um, bedekt das Glas, und läßt es zwei oder drei Stunden lang stehen. Auf der Oberfläche des Wassers wird eine Art von Fetthaut schwimmen. Man nimmt diese mit einem Karten-Blatte ab, und bringt sie auf ein Blatt Papier. Nachdem sie auf lezterem troken geworden ist, bringt man sie in eine geschlossene Büchse, damit kein Staub hineinfällt. Den Bodensaz im Glase stellt man bei Seite, und wiederholt dieselbe Operation mit dem übrigen gepülverten Reißbleie so lang, bis man endlich so viel feines Pulver abgeschäumt hat, als man braucht. Wenn das ganze Pulver troken geworden ist, reibt man es wieder in dem Mörser oder zerreibt es bloß mit dem Rüken des Mundtheiles eines Silberlöffels auf einem reinen Blatte Papier. Dieses Verfahren wird zwei bis |309| drei Mal wiederholt. Wenn das Reißblei rein war, wird sich dann kein Bodensaz bilden. Wenn sich ein solcher bildet, wäscht und troknet man denselben neuerdings ein oder zwei Mal. Sobald sich kein Bodensaz mehr bildet, kann man sicher seyn, daß das Reißblei rein ist, und keinen Schaden verursachen wird. Man gießt hierauf etwas Alkohol (den stärksten Weingeist) in ein kleines Glas, und nachdem man die Zapfen der Räder vorher vollkommen rein abgewischt, und die Löcher in den Platten rein ausgewischt hat, taucht man erstere in den Alkohol, und gleich darauf in den gepülverten Graphit. Sie werden sich mit demselben bedeken. Man nimmt hierauf einen feinen Haarpinsel, wie ihn die Miniatur-Maler haben, taucht denselben in den Alkohol, und füllt die Löcher mit demselben, in welche man mit dem Finger etwas Graphit einführt, und die Platten über die Löcher so lang reibt, bis das Graphit-Pulver dieselben bis zur Höhe der Oberfläche angefüllt hat. Nun führt man die Zapfen ein, und läßt sie in der Drehebank fünf bis sechs Minuten lang in den Löchern herumlaufen. Dieß muß mit jedem Zapfen eines jeden Rades geschehen, und zwei oder drei Mal wiederholt werden. Auf diese Weise werden die Löcher, wie die Zapfen, mit einer dünnen Lage Graphit belegt werden, welche glatter seyn wird, als irgend eine Politur, die die Kunst hervorzubringen vermag. Das Chronometer wird auf diese Weise zwei Mal länger gehen, ohne ausgepuzt werden zu dürfen, als wenn man Oehl braucht, und, wenn es gut gegen allen Staub geschüzt ist, wird das Auspuzen vor zwölf Jahren kaum nöthig seyn. Nach dieser Zeit muß das Reißblei neuerdings aufgetragen werden.“

Hr. Herbert beschreibt nun sein von ihm selbst verfertigtes Chronometer (Sidereal time-piece, Stern-Uhr), welches, so oft es nur immer der Zustand der Atmosphäre erlaubte, 8 bis 10 Mal des Tages durch Beobachtung der Gestirne geprüft wurde, und vom 19. Juli bis zum 24. Februar nur um ein Sechsunddreißig-Hundertel einer Sekunde im Gange abwich. Die gegebene Beschreibung dieses Chronometers ohne Abbildung ist zu undeutlich, als daß sie von Nuzen seyn könnte.

Er glaubt diesen regelmäßigen Gang, nebst seiner Compensations-Vorrichtung, vorzüglich dem Graphite zuschreiben zu müssen. „Wer Mühe und Arbeit scheut,“ sagt er, „dem wird obiges Verfahren zu umständlich scheinen: was liegt aber an einem Tage, wenn eine Uhr zehn Jahre lang dadurch in gutem Gange erhalten werden kann. Wer Verbesserung und Ehre liebt, der wird dieses Verfahren versuchen, und der Versuch wird, ich bin dessen gewiß, mit Erfolg gekrönt werden.“

Hr. Herbert hat für diese Mittheilung die goldene Medaille erhalten. A. d. O. So viel wir wissen, wurde Graphit schon vor 30 Jahren zur Verminderung der Reibung in ungrischen Bergwerken bei Maschinen angewendet. Man wendete ihn zeither auch an mehreren anderen Maschinen mit Vortheil an.

A. d. Ue.

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